→→ Autorinnen →→ Gastbeiträge →→

Christian Bianchi gegen den Dialekt.

Autor:a

ai

Vor einigen Wochen hatte sich Landesrat Christian Bianchi (FI) sowohl im Landtag als auch in einem Interview mit dem A. Adige (13. Februar) abfällig zum Dialektgebrauch in Südtirol geäußert und die Forderung erhoben, die Südtirolerinnen sollten in öffentlichen Settings und im Umgang mit Italienischsprachigen Standarddeutsch sprechen. Im Landtag »drohte« Bianchi sogar damit, andernfalls demnächst eine Rede in tiefstem Venetisch halten zu wollen. Das allerdings ist nicht nur eine anerkannte Sprache und kein Dialekt des Italienischen, sondern — im Unterschied zum Südtiroler Dialekt — auch kein autochthoner Code.

Aus Bianchis Angriff hat sich — unter anderem mit Beiträgen von Herausgeber Arnold Tribus (21. Februar) und Prof. Stephanie Risse (27. Februar) in der Tageszeitung — erneut eine Debatte über den Dialektgebrauch entwickelt. Risse bezeichnete den Wunsch, im Landtag Südtirolerisch zu sprechen, als berechtigt, schlug jedoch vor, einen Südtiroler Standard zu etablieren.

Ich möchte hier aber zunächst einen Schritt zurück machen: Vor gut hundert Jahren kamen Italienerinnen ins Land und schrieben den Südtirolerinnen vor, wie sie zu sprechen hatten: ausschließlich Italienisch. Wiewohl nicht mehr so brutal wie damals, wird diese Forderung von einigen noch immer erhoben. »Siamo in Italia, qui si parla italiano!« Zumindest im Umgang mit Italienischsprachigen ordnen sich dieser Maxime viele vorauseilend unter.

Eigentlich wäre zu erwarten, dass Italienerinnen im Lande — insbesondere wenn sie institutionelle Rollen innehaben — angesichts dieses historischen Gewaltakts heute vorsichtig agieren und nicht weiterhin versuchen, den autochthonen Minderheiten Sprachvorschriften zu machen. Stattdessen wollen einige — sie können es offenbar nicht lassen — sogar darüber befinden, wie deutschsprachige Südtirolerinnen Deutsch zu sprechen haben. Das ist nichts anderes als eine weitere Form von Sprachimperialismus und Negierung von Identität.

Landesrat Bianchi implizierte in seinen Äußerungen zudem, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen Sprache und Dialekt — beziehungsweise zwischen Deutsch und Südtirolerisch — gebe. Als wäre der Dialekt keine Sprache und als wäre Südtirolerisch kein Deutsch.

Dabei suggerierte er auch, dass man wennschon gleich mehrere Südtiroler Dialekte lernen müsste. Auch das ist irreführend. Die verschiedenen Tiroler Dialekte sind untereinander gut verständlich, weshalb es ausreichen würde, sich mit einer Variante vertraut zu machen. Sprechen deutschsprachige Südtirolerinnen aus unterschiedlichen Landesteilen miteinander, müssen sie ja auch nicht ins Standarddeutsche wechseln, um sich verstehen zu können — schlimmstenfalls reicht es, die Dialektintensität etwas zu reduzieren. Sprachkurse, in denen der Südtiroler Dialekt vermittelt wird, unterrichten in der Regel auch nur eine Form und nicht eine Vielzahl von Varianten.

Die vorherrschende Standardsprachenideologie, wie sie auch Tribus und Risse zumindest teilweise vertreten, kommt Bianchi jedenfalls zupass.

Dabei wurde der Minderheitenschutz nicht zugunsten einer Standardsprache eingeführt, sondern zum Schutz der sprachlichen und kulturellen Eigenart der autochthonen deutschsprachigen Minderheit. Und diese Minderheit hat in Südtirol stets Tiroler Dialekte gesprochen — vor der Annexion durch Italien, zum Zeitpunkt, als der Minderheitenschutz eingeführt wurde und bis heute.

Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie ihre eigene Sprache zu sprechen haben, kommt einer kulturpolitischen Vergewaltigung gleich. Aufgrund der dauerhaften Minorisierung — die Bianchi leugnet — sind viele deutschsprachige Südtirolerinnen beim Gebrauch ihrer eigenen Muttersprache ohnehin verunsichert und bemühen sich über Gebühr, ein dann oft künstlich klingendes Standarddeutsch zu sprechen. Wenn sie darüber hinaus von der Mehrheit zu einem für sie unnatürlichen Sprachgebrauch gedrängt (oder gar gezwungen) werden, wird der Erhalt der Minderheitensprache zusätzlich erschwert.

Respektvoll wäre es, stattdessen endlich die Sprache des anderen — gemeint ist der Dialekt — zumindest passiv zu erlernen. Natürlich kann und soll es einen Aushandlungsprozess darüber geben, wie Deutsch im öffentlichen Kontext gesprochen wird. Doch das ist in erster Linie eine Binnenaufgabe der deutschen Sprachgruppe, wenngleich sie im Austausch mit den anderen Sprachgruppen stattfinden kann. Das muss jedoch zumindest auf Augenhöhe geschehen — und nicht unter Bedingungen kolonialer Unterordnung, was beim Selbstverständnis vieler Italienerinnen und beim vorhandenen Machtgefälle zwischen den Sprachen schwierig ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Italienerinnen den Südtiroler Dialekt verachten, zumindest implizit sprachliche Unterordnung erwarten und sich selbst kaum je bemühen, ein Wort in der Sprache des anderen zu sprechen.

So wie es auch die beiden italienischen Landesräte Christian Bianchi und Marco Galateo (FdI) vormachen: Sie zwingen ihre Sprache allen anderen auf — und wollen sich nun auch noch in die Sprachpraxis der anderen einmischen. Eine Grundlage für Begegnung auf Augenhöhe ist das nicht.

Bianchi selbst hatte sogar in einem Leserbrief an die Tageszeitung nicht Deutsch, sondern Italienisch verwendet. Er passt sich selbst also keineswegs sprachlich an sein Gegenüber an — erwartet aber gleichzeitig, dass andere sogar ihre eigene Sprache an ihn anpassen.

Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 | 08 09 || 01 02 03



Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.

Comentârs

3 responses to “Christian Bianchi gegen den Dialekt.”

  1. Harald Knoflach avatar
    Harald Knoflach

    Tiroler Dialekte sind untereinander problemlos verständlich

    Steile These. Ich schau mal, ob ich ein paar Hörbeispiele für dich finde :-).

    1. Simon avatar

      Ich habe den Absatz etwas angepasst, damit du verstehst, wie es gemeint war. 😉

  2. Hartmuth Staffler avatar
    Hartmuth Staffler

    Und diese Minderheit hat in Südtirol stets Tiroler Dialekte gesprochen — vor der Annexion durch Italien, zum Zeitpunkt, als der Minderheitenschutz eingeführt wurde und bis heute.

    Ich bin mit Simons Betrachtungen grundsätzlich sehr einverstanden, aber zu dieser Behauptung möchte ich doch eine kleine Ergänzung machen. Vor der Annexion durch Italien haben die Südtiroler selbstverständlich ihre verschiedenen Dialekte gesprochen, aber ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung hat sich hauptsächlich in einer gehobenen Umgangssprache geäußert. Das war vor allem das sogenannte Bildungsbürgertum in den Städten, Beamte, Lehrer usw. Der Faschismus hat ganz besonders das Bildungsbürgertum angegriffen, um die als intellektuelle Oberschicht angesehene Bevölkerung zu eliminieren. Wer sich nicht angeppasst hat (es gibt einige solche Beispiele) ist entweder ausgewandert oder hat sich in die innere Emigration begeben, wozu auch die Flucht in den Dialekt gehörte. Wenn ausgerechnet jene Kräfte, die alles getan haben, um das Standarddeutsch aus Südtirol zu vertreiben, sich jetzt darüber beklagen, dass dies zumindest teilweise erfolgreich war, dann ist das an Zynismus nicht zu überbieten.

Scrì na resposta

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You are now leaving BBD

BBD provides links to web sites of other organizations in order to provide visitors with certain information. A link does not constitute an endorsement of content, viewpoint, policies, products or services of that web site. Once you link to another web site not maintained by BBD, you are subject to the terms and conditions of that web site, including but not limited to its privacy policy.

You will be redirected to

Click the link above to continue or CANCEL