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Wir waren niemals woke.

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In einer Zeit der Repräsentationskrise sollten wir die Forderung des Maurers aus Villanders ernst nehmen. Eine Klassenperspektive auf die Südtiroler Dialektdebatte.

von Matthias Scantamburlo

Dem Südtiroler Landtag gefällt der Dialekt nicht. Eine breite Mehrheit, auch Teile der deutschen Rechten, will die Alltagssprache aus dem Parlament verbannen. Die Gründe erscheinen pragmatisch und legitim: Verständigung, Zusammenleben, Minderheitenschutz. Aber die Art, wie die Dialektdebatte geführt wird, zeigt auch einen unterschwelligen Konflikt: um Lebenswelten, Status, und darum, wessen Stimme in der Demokratie zählt.

Der US-amerikanische Soziologe Musa al-Gharbi hilft zu verstehen, warum. In seinem Buch We Have Never Been Woke. The Cultural Contradictions of a New Elite (Princeton University Press) stellt er eine einfache, aber unbequeme Frage: Warum sind es ausgerechnet die Gewinner der bestehenden Ordnung, die sich so leidenschaftlich mit den Marginalisierten identifizieren?

Die Gewinner, von denen er spricht, sind Menschen wie ich: Akademiker, Journalisten, Kulturschaffende, NGO-Mitarbeiter – »symbolische Kapitalisten«, deren Kapital nicht in Feldern oder Fabriken steckt, sondern in Sprache, Deutung und kultureller Zugehörigkeit. Auch in Südtirol schreiben wir die Kolumnen, führen wir die Debatten, prägen wir den Ton. Nicht alle von uns sind materiell privilegiert, ich selbst war über zehn Jahre in prekärer akademischer Anstellung. Aber als Klasse sind wir stark. Und wir rechtfertigen unseren Status, indem wir sagen, unsere Arbeit sei für andere. Daraus entsteht ein Statuswettbewerb mit eigenen Codes: die richtigen Begriffe, die richtige Ausdrucksweise, die richtige Art zu argumentieren. Wer sie beherrscht, gehört dazu. Wer sie nicht beherrscht, wird sanktioniert. Nicht weil es falsch liegt, sondern weil es falsch klingt. Dieser Mechanismus begünstigt Debatten im Namen der Marginalisierten, die dabei vor allem uns selbst nützen: unserem Status und teilweise auch unseren Arbeitsplätzen. Nicht, weil unsere Motive unehrlich sind. Sondern weil wir Eliten und Altruisten zugleich sind – und unsere Codes strukturell bestimmen, wessen Stimme als legitim gilt. Und wessen nicht.

»Ich bin kein Akademiker, ich bin kein Lehrer, ich bin der einzige Handwerker im Landtag«, sagt Hannes Rabensteiner. Er hat recht, und das ist kein Zufall. Die Politikwissenschaftlerin Lea Elsässer zeigt, dass Arbeiter und Handwerker in europäischen Parlamenten systematisch fehlen, vor allem in linken Parteien: nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil die Codes der Nominierungsprozesse gegen sie arbeiten. Er spricht Dialekt, bewusst als politisches Signal. Die Übersetzung hat dabei immer problemlos funktioniert. Christian Bianchi von Forza Italia, der den Dialekt am lautesten kritisiert, nutzt den Dienst ohnehin, auch für Hochdeutsch. Wer die falschen Codes spricht, wird sanktioniert. Nicht weil ihn niemand versteht oder wegen dem, was er sagt, sondern weil er falsch klingt.

Symptomatisch dafür ist die Empörung über Dialekt im Landtag aus jenen Milieus, die von kultureller Deutungshoheit leben — wie beispielsweise ein Blick in die Salto-Kolumnen zeigt. In Kommentaren wird Dialekt als sprachliches Defizit gerahmt; Dialektsprecher erscheinen als unprofessionell, provinziell, intellektuell unzureichend, und wer Wittgenstein nicht aussprechen kann, hat im Landtag nichts verloren. Andere sagen: im Privaten ist der Dialekt das Echteste, Intimste, Verwurzelteste. Aber im Landtag konstruiere er ein »Wir«, das Migrant:innen, Italiener:innen und Andere ausschließe und Grundrechte gefährde. Legitime Gründe, die sich aber auch als klassisches al-Gharbi-Muster lesen lassen: man bestimmt, wo Volkskultur hingehört und wo nicht, als Folklore gerne, im Parlament nicht. Die Verbundenheit zum Dialekt gilt als echt, solange sie privat bleibt. Sobald sie politisch wird, ist sie »beliebig konstruiert« und ein Instrument. Und al-Gharbi würde weiterfragen: Nützt dieses Verbot wirklich den Migrant:innen und Italiener:innen? Wird ihre Lage dadurch verbessert?

Die Antwort, die implizit mitschwingt, lautet: ja, weil Dialekt ins Private gehört. Aber genau diese Trennung ist eine politische Entscheidung und keine neutrale. Die feministische Bewegung hat gezeigt, dass der private Raum immer durch den öffentlichen bedingt war: Der Mann hatte die politische und wirtschaftliche Macht, die Frau blieb unsichtbar zuhause. Was als privat galt, war das Ergebnis einer Ordnung, die bestimmte, wessen Erfahrung zählt. Den Dialekt ins Private zu verbannen, bedeutet nicht, ihn zu schützen. Es bedeutet, ihn aus dem Raum zu halten, in dem Macht ausgehandelt wird. Aber wenn das Private nicht politisch sein darf, wozu brauchen wir dann Politik? Für die PolitikerInnen?

Die Argumente der Verständigung und institutionellen Würde sind nicht falsch, aber sie werden zum Schutzschild gegen eine unbequeme Frage: Wessen Sprache gilt im Landtag als legitim? Ja, Dialekt konstruiert ein »Wir«. Die Hochsprache tut es auch. Sie konstruiert das »Wir« der Gebildeten, der Sprachsicheren, der kulturell Arrivierten – jener, für die Hochdeutsch nicht Anstrengung, sondern Selbstverständlichkeit ist. Das ist keine neutrale Lingua Franca. Hochsprachen entstehen nicht natürlich, sie werden kodifiziert und als Norm gesetzt, meist von jenen, die bereits die Macht dazu hatten. Auch die »Nabelschnur in den Norden« wurde von jemandem geknüpft. Warum gilt Dialekt als Ausgrenzung, Hochdeutsch als Demokratie?

Hier liegt Rabensteiners Geste tiefer, als wir zugeben wollen. Jacques Rancière beschreibt Demokratie nicht als geordneten Diskurs, sondern als den Akt, die Ordnung des Diskurses selbst zu befragen: wer sprechen darf, in welcher Sprache, nach welchen Regeln. Er nennt die Verwaltung dieser Ordnung »Policing«, die stillschweigende Festlegung dessen, was als vernünftig und parlamentswürdig gilt. Demokratie beginnt genau dort, wo diese Ordnung problematisiert wird. Rabensteiner tut genau das: Er spricht im Parlament die Sprache der Mehrheit der Bevölkerung und demokratisiert damit die Sprache des Parlaments. Ein Verbot »aus Respekt vor der Institution« ist kein Demokratieschutz. Es ist Policing.

In einer Zeit der Repräsentationskrise, in der Parlamente fast nur noch Akademiker kennen und Macht immer mehr an Institutionen abgegeben wird, die niemand gewählt hat, sollten wir die Forderung des Maurers aus Villanders ernst nehmen.


Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen.· I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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Comentârs

13 responses to “Wir waren niemals woke.”

  1. Harald Knoflach avatar
    Harald Knoflach

    Ein sehr klug argumentierter Text

    1. Hartmuth Staffler avatar
      Hartmuth Staffler

      Klug argumentiert, aber von einer falschen Prämisse ausgehend, was die Klugheit der Argumentation relativiert. Der einleitende Satz “Dem Südtiroler Landtag gefällt der Dialekt nicht” ist eine absolut unbelegbare Behauptung. Ich wage zu behaupten, dass den meisten Landtagsabgeordneten der Dialekt sehr wohl gefällt und dass sie ihn auch üblicherweise und gerne im passenden Kontext verwenden. Hier geht es nicht darum, ob einem eine Sprachvarietät gefällt oder nicht, sondern nur darum, ob gewisse Regeln, die für alle gelten, im Landtag einzuhalten sind oder nicht. Bewusste Missachtung von Regeln kann durchaus als eine Form der politischen Protestes erkannt und vielleicht auch anerkannt werden. Man sollte die Dinge aber bei ihrem Namen nennen und nicht durch falsche Behauptungen verschleiern.

      1. Simon avatar

        Ich denke, im Kontext der Diskussion ist allen klar, was mit »Dem Südtiroler Landtag gefällt der Dialekt nicht« gemeint ist. Selbst wenn dies nicht der Fall wäre, würde das aber der restlichen Argumentation von Matthias Scantamburlo aus meiner Sicht keinen Abbruch tun. Es ist ja nicht so, dass sie mit diesem einen Satz steht und fällt.

  2. artim avatar
    artim

    “Wir waren niemals woke.”
    Achtsamkeit heißt bekanntlich sich anverwandeln. Das geht auch.
    Politik in einer Kette von Subjektivierungen zu denken (vgl.o. Jacques Rancière), würde hier erstmal ja heißen, symbolische Ordnung und Ungleichwertigkeit zu erkennen, benennen.
    Das beinhaltet dann wohl auch eine Absage an den vordergründigen Konsens einer medialisierten Politik der Gewalt und der Auslöschung (H. Arendt).
    Wie kann man, wie hier, am Fallbeispiel, die Sprachvarietät moderates „Trentìn“ und Tiroler Hochdeutsch (“German element” in: GU Serie Generale n.295 vom 24.12.1947) verbannen, verbieten?
    Es gilt hoffentlich noch nicht verhandelbare, übergeordnetes und vor allem das durchsetzbare Recht der freien Bürgerschaft, des Volksvertreters in der 🇺🇳 Tiroler Provinz Autonomie Italiens mit transgenerationaler, kolonialer Minderheitenerfahrung, die ja auch nach 1947 Minderwertigeit, d.h Ungleichwertigkeit, Diskriminierung und Hetze in der politischen Kommunikation bestimmt.
    Da werden bekanntlich immer noch propagandistisch Probleme ge- bzw. erfunden, ideologisch überformt (strategisch „gehypt“), polarisiert und toxisch instrumentalisiert.

  3. Wolfgang Mayr avatar
    Wolfgang Mayr

    Ein anregender Text, intellektuell fein formuliert, eine spitze Lanze für den Dialekt. Simon, schick diesen Text den Landtagsabgeordneten, Matthias, großartig geschrieben

  4. Sigmund Kripp avatar
    Sigmund Kripp

    Eine Regel wird geprüft, indem man schaut, ob sie für alle möglichen Fälle gilt. Angenommen, in den Südtiroler Landtag werden eine Ostfriesin und ein Sizilianer gewählt.
    Beide haben die italienische Staatsbürgerschaft erlangt und leben hier.
    Beide bedienen sich ihrer eigenen Dialekte.
    Wäre das wirklich sinnvoll?

    [Video 1] [Video 2]

    1. Simon avatar

      Das ist aus meiner Sicht kein stichhaltiges Argument. Genauso könnte man dann fragen, was passiert, wenn ein Chinese und eine Albanerin in den Landtag gewählt würden. Beide haben die italienische Staatsbürgerinnenschaft erlangt. Beide sprechen ihre jeweilige Standardsprache.

      1. Hartmuth Staffler avatar
        Hartmuth Staffler

        Wenn ein Chinese im Südtiroler Landtag seine Standardsprache (ich vermute Mandarin) spricht, dann ist das zwar zu begrüßen, aber leider wohl für fast alle Landtagsabgeordneten unverständlich.

      2. Sigmund Kripp avatar
        Sigmund Kripp

        Nein, weil sie ja doch Deutsch oder Italienisch sprechen müssten, was die Friesin oder der Sizilianer ja täten. Albanisch oder Chinesisch sind m.E. nicht erlaubt.

      3. Simon avatar

        Wenn ein Chinese im Südtiroler Landtag seine Standardsprache (ich vermute Mandarin) spricht, dann ist das zwar zu begrüßen, aber leider wohl für fast alle Landtagsabgeordneten unverständlich.

        Ganz genau — und dasselbe gilt für Sizilianisch und Friesisch, aber nicht für Varianten des (Süd-)Tiroler Dialekts. Worauf ich hinauswollte.

      4. Simon avatar

        Nein, weil sie ja doch Deutsch oder Italienisch sprechen müssten, was die Friesin oder der Sizilianer ja täten.

        Da lehnst du dich aber sehr weit aus dem Fenster, lieber Sigmund. Sizilianisch und vor allem Friesisch sind nämlich eigenständige Sprachen.

        Dessen ungeachtet muss die »Regel«, die du — wie du sagst — prüfen möchtest, ja nicht notwendigerweise lauten, dass man jeden beliebigen deutschen und italienischen Dialekt im Landtag sprechen darf. Sinnvollerweise würde man dies auf die autochthonen Varianten begrenzen. Im Landtag von Baden-Württemberg oder im Kantonsparlament von Bern wird es ja vermutlich (ganz pragmatisch) ebenso gehandhabt. Ich denke nicht, dass man dort ortsfremde Dialekte akzeptieren würde, zumal, wenn sie schwer verständlich sind.

      5. Sigmund Kripp avatar
        Sigmund Kripp

        Das mit dem Dialekt als eigene Sprache wollen hier ja auch einige Experten so sehen! Wie oft hört man: Unsere Muttersprache ist der Dialekt! Daneben müssen wir erst (Standard)-Deutsch lernen und Italienisch! Und die Begrenzung auf den autochtonen Dialekt möchte ich sehen! :-) Sagt dann der Sven Knoll, ob ein deutscher Dialekt genug autochton ist, um im Landtag gesprochen zu werden? Südtirolerisch, Nordtirolerisch, Salzburgerisch, Bairisch, Fränkisch, Hessisch, Niedersächsisch – und jetzt wird kritisch, Schleswigisch oder Frisisch?
        Nein! Ich glaube, diese Diskussion ist unsinnig! Wenn sich der Landtag mehrheitlich darauf einigt, dass Standarddeutsch gesprochen wird, ist das klug und praktikabel.
        Wenn sich dann einer partout zum Clown machen will, kann er das ja tun.
        Sinnvoll ist es nicht.

      6. Simon avatar

        Den Rest lasse ich einfach mal so stehen, aber Friesisch ist ganz sicher kein »Dialekt als eigene Sprache«. Friesisch ist eine — übrigens von der Bundesrepublik als solche anerkannte — Minderheitensprache.

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