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Sie verstehen nicht.
Diskussion um Zweisprachigkeit im deutschen Kindergarten

Autor:a

ai

In der Ausgabe 02/2026 der Wochenzeitschrift ff ist ein Bericht von Karl Hinterwaldner zu den Ambitionen Villanderer Eltern, die sich eine italienischsprachige Betreuerin im Kindergarten wünschen, erschienen. Eine Situation, wie es sie mit umgekehrten Vorzeichen in italienischen und ladinischen Kindergärten bereits gibt.

Die meisten Menschen in Südtirol möchten, dass die zweite Sprache bereits im Vorschulalter unterrichtet wird. 75 Prozent wären damit einverstanden, 51 sogar sehr einverstanden. Klar abgelehnt wird das nur von 6 Prozent der Bevölkerung. […]

Eltern wie Sieglinde Fink verstehen nicht, warum das, was in italienischen und ladinischen Kindergärten erlaubt ist, in deutschen Kindergärten verboten sein soll. […] Alex Ploner arbeitet seit Jahren in der Politik. Er sitzt für das Team K im Landtag und befindet sich damit in der politischen Minderheit. Er kann und will nicht verstehen, dass das, was in italienischen oder ladinischen Kindergärten normal ist, in deutschen verboten sein soll.

– ff 02/2026

Also starte ich in meiner typischen schulmeisterlichen Art einen Erklärungsversuch:

  1. Das, was sich Menschen bzw. Betroffene wünschen, sollte nicht der alleinige Maßstab sein, wie Bildung zu passieren hat. Im besten Falle werden bildungspolitische Entscheidungen immer auf Basis wissenschaftlicher Prinzipien in Pädagogik und Didaktik gefasst. Selbstverständlich sind Vorschläge und Inputs von Eltern/Schülern wertvoll, müssen aber – auch wenn sie mehrheitlich mitgetragen werden – einer professionellen Analyse unterzogen werden.
  2. In puncto Spracherwerb, Mehrsprachigkeit und Linguistik gibt es – auch wissenschaftlich betrachtet – zwei Ebenen: die individuelle und die gesellschaftliche.
  3. Bei Maßnahmen hinsichtlich des Spracherwerbs ist es insbesondere in einem Minderheitengebiet unumgänglich, diese Makro-Mikro-Dichotomie zu berücksichtigen. Daher gibt es sehr wohl einen Unterschied zwischen dem deutschen und italienischen Kindergarten in Südtirol. (Der ladinische Kindergarten befindet sich noch einmal in einer anderen Situation, wenngleich auch hier gesellschaftliche Aspekte die Minderheitensprache betreffend unbedingt mehr zu berücksichtigen wären). Leider wird weder im ff-Artikel noch in der Diskussion insgesamt der Makroebene und der sich damit befassenden Wissenschaft Beachtung geschenkt.
  4. Unbestreitbare individuelle Vorteile vorgeschlagener Initiativen müssen daher stets im Kontext gesamtgesellschaftlicher Auswirkungen gesehen werden. Es braucht vor allem bezüglich der Beziehung zwischen Lingua franca nazionale und Minderheitensprache(n) Rahmenbedingungen, innerhalb derer sinnvoll und gefahrlos Begegnungsräume geschaffen werden können. Diese Grundvoraussetzungen und eventuelle begleitende und flankierende Maßnahmen, die die Makroebene betreffen, bleiben unerwähnt bzw. wird deren Notwendigkeit offenbar nicht einmal erkannt. Sie wären jedoch die Voraussetzung, um unbeschwert mit alternativen Modellen experimentieren zu können.

Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10



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Comentârs

18 responses to “Sie verstehen nicht.
Diskussion um Zweisprachigkeit im deutschen Kindergarten

  1. Werner Pramstrahler avatar
    Werner Pramstrahler

    Simon, danke, dass Du diese – und andere – Annahmen stets fachlich fundiert und auf hohem Niveau hinterfragst.
    Tages- und Wochenmedien leben davon, Positionen in Szene setzen zu müssen. Es ist weniger aufwendig und bringt mehr Reichweite, „Rabensteiner“ gegen „Fink“, „Foppa“ gegen „Knoll“ etc. antreten zu lassen. Differenzierte und somit komplexe Argumentationen finden nur selten Eingang in die Debatte und stoßen wohl nur bei einem zahlenmäßig geringen Publikum auf Anklang. Umso wichtiger ist bbd.
    Im persönlichen Gespräch habe ich mich bei oberflächlichen, aber vehement vorgebrachten Äußerungen zu Themen wie „Wir brauchen eine zweisprachige Schule“, „Sport hat nichts mit Politik zu tun“, „Wir müssen endlich in Frieden leben“ oder „Ich kann Italienisch, mich stören fehlende Bezeichnungen in deutscher oder ladinischer Sprache nicht“ für eine freundliche, aber radikale Ehrlichkeit entschieden: Ich fordere meine Gesprächspartner auf, einfach dazu zu stehen, dass sie sich wünschen, endlich richtige Italiener zu sein und als solche anerkannt zu werden.

    1. Werner Pramstrahler avatar
      Werner Pramstrahler

      Harald. :-) Die Anerkennung gilt beiden!

      1. Simon avatar

        Danke lieber Werner, deine Anerkennung freut mich ganz besonders.

    2. Sabina avatar
      Sabina

      Im persönlichen Gespräch habe ich mich bei oberflächlichen, aber vehement vorgebrachten Äußerungen zu Themen wie „Wir brauchen eine zweisprachige Schule“, „Sport hat nichts mit Politik zu tun“, „Wir müssen endlich in Frieden leben“ oder „Ich kann Italienisch, mich stören fehlende Bezeichnungen in deutscher oder ladinischer Sprache nicht“ für eine freundliche, aber radikale Ehrlichkeit entschieden: Ich fordere meine Gesprächspartner auf, einfach dazu zu stehen, dass sie sich wünschen, endlich richtige Italiener zu sein und als solche anerkannt zu werden.

      Lieber Werner, vergiss bitte auch du nicht, zu differenzieren. Die von dir zitierten Aussagen können auf vieles hinweisen und bei manchen Personen vielleicht auch den Wunsch ausdrücken, richtige Italiener:innen zu sein und als solche anerkannt zu werden. Mit Sicherheit trifft das nicht auf alle zu. Hinhören, Nachfragen und der Versuch zu verstehen sind bewährte Gegenmittel gegen pauschalisierende Zuschreibungen.

      1. Werner Pramstrahler avatar
        Werner Pramstrahler

        Liebe Sabina,
        schön, an dieser Stelle von dir zu lesen. Du hast vollkommen recht. Da mir bewusst ist, dass ich selten die Mehrheitsmeinung vertrete, halte ich mich im privaten Dialog bei politisch kontroversen Themen meist sehr zurück. Die bisher wenigen Reaktionen auf meine zwar freundliche, aber radikale Ehrlichkeit sind unterschiedlich: Sie reichen von Zustimmung bis hin zu Aussagen wie: ‚An diesen Aspekt habe ich noch gar nicht gedacht.‘ Wie auch immer – und unabhängig davon, ob du die Sabina bist, die ich meine: Schön, dass du dich zu Wort meldest!

      2. Sabina avatar
        Sabina

        Was ich sagen wollte: Mit deiner Aussage machst du eine ‚radikal ehrliche‘ Zuschreibung.

    3. 🌳 avatar
      🌳

      Als nur gelegentliche Mitleserin würde ich jedoch auch gerne meine Meinung sagen. Ich denke, dass die Gedankengänge von Herrn Pramstrahler ein rhetorisches Stilelement sind, das die Menschen zum Nachdenken anregen kann und soll. Man kann sie teilen oder nicht. Aber es sollte erlaubt sein… Und auch wenn es etwas scharf formuliert ist, erzeugt aber gerade diese Schärfe beim Leser einen Impuls zum Nachdenken. Und darum geht es. Viele Menschen ziehen es vor dem allgemeinen “mainstream” zu folgen, also 1:1 das zu übernehmen, was gerade Mode ist, was die Gesellschaft gerade vorgibt, bzw. was die Gesellschaft gerade lebt (der Mensch ist ein soziales Wesen…). Das ist die bequemste Form des Denkens (oder Nichtdenkens). Dies kann in einigen Fällen richtig sein, muss es aber gewiss nicht in allen Fällen sein. Es lebt sich als “Mitschwimmer/in” eigentlich (kurzfristig) zumindest ganz angenehm, auch weil diese Menschen kaum anecken… Ich muss aber sagen, dass ich die Kommentare von Herrn Pramstrahler immer sehr durchdacht finde. Auch wenn man nicht zwingend immer seiner Meinung sein MUSS, so finde ich die manchmal etwas strengen Formulierungen als ein sehr ein probates Mittel, um alle Leser zu erreichen. Er erreicht somit sicher Aufmerksamkeit und ruft zum Nachdenken auf, was sicher nie falsch ist, auch wenn man nicht einer Meinung sein muss. Diese Plattform eignet sich sehr gut für solche demokratische Diskussionen, finde ich, und darum geht es. In diesem Sinne entwickeln sich nicht nur Einzelpersonen in ihrer Persönlichkeit, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes.
      Es kann einem gefallen oder nicht, aber mich z.B. haben diese Posts sehr wohl zumindest zum Nachdenken angeregt und DANACH bilde ich mir eine EIGENE Meinung.

      Eine eigene Meinung zu haben heißt nicht unbedingt, dass ich mich partout gegen jede Entscheidung der “Handlungsbefugten” querstellen muss. Handelt es sich um eine gute Sache, kann ich das auch gutfinden, auch wenn die Idee nicht von mir stammt. Diesbezüglich braucht niemandem ein Zacken aus der Krone fallen.

      Läuft meiner Meinung nach etwas in die falsche Richtung, löst das in mir ein ziemliches Unbehagen aus, und es erwacht in mir der Wunsch, dies den “Handlungsbefugten” zu sagen, um sie nochmals zum Nachdenken anzuhalten… In jedem Fall ist eigenes Denken und Hinterfragen stets zu befürworten. Wir dürfen den ethnischen Frieden jedoch nie aufs Spiel setzen. Dies setzt Respekt und auch eine gewisse Reife der Sprachgruppen füreinander voraus, und die Minderheiten dürfen nicht, ob ihrer Minderheit ungerecht behandelt werden…

      Was aber Tatsache ist und man täglich sieht: wenn Menschen deutscher und italienischer Sprachgruppe zusammen sind, auch friedlich, dann wird zumeist italienisch gesprochen (außer vielleicht man hat das Recht in der öffentlichen Verwaltung als Bürger auf deutsch zu sprechen), weil es die Kommunikation sonst gefühlt erschweren würde, und die Menschen sich nicht die Zeit und Mühe nehmen, das so voraussichtlich etwas mühsamere Gespräch auf deutsch zu führen. Wenn sich die Zuständigen im Bildungsbereich in Bezug auf gemischtsprachigen Kindergarte und Unterricht noch nicht ganz einig sind, und es konträre Meinungen hierzu gibt, so könnten Experten der Sprachwissenschaft um eine Expertise aus ähnlichen gelagerten Vergleichsfällen gebeten werden, das ist absolut wichtig in solch zentralen Fragen, welche Auswirkungen ein gemischtsprachiger Unterricht langfristig auf die Minderheiten und somit die Gesamtgesellschaft Südtirols haben könnte, im Besonderen in Bezug auf Südtirol mit Deutsch und Italienisch (und dem Ladinischen) als Sprachen.

      Man kennt den Spruch: Deutsche Sprache-schwere Sprache. Da Italienisch als eine leichter erlernbarere Sprache bekannt ist, müssen wir uns schon ehrlich vor Augen führen, dass sich im Falle von gemischtsprachigem Kindergarten und Unterricht dann das Italienische langfristig als Gesellschaftssprache durchsetzen werden wird, wenn vielleicht auch nicht in einer einzigen Generation, aber nach mehreren Generationen, könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass das Deutsch so zu einem Randphänomen werden würde… Eine Expertise der Sprachwissenschaft vor der Einführung wäre daher sicher nicht verkehrt und sogar anzuraten.

      1. Harald Knoflach avatar
        Harald Knoflach

        Viele Menschen ziehen es vor dem allgemeinen “mainstream” zu folgen, also 1:1 das zu übernehmen, was gerade Mode ist, was die Gesellschaft gerade vorgibt, bzw. was die Gesellschaft gerade lebt (der Mensch ist ein soziales Wesen…). Das ist die bequemste Form des Denkens (oder Nichtdenkens).

        Das ist ein überaus treffender Befund, der sich in Kommentarspalten wie diesen manifestiert:
        https://www.facebook.com/story.php?story_fbid=1259818172669021&id=100059225514279&mibextid=wwXIfr&rdid=CbOBlaA8gajBQeWV#

  2. artim avatar
    artim

    Öffentliche Bildungswirtschaft ist Dienst.
    Das UN- Menschenrecht des Kindes einer Minderheit auf Bildung ist in der Provinz. BZ zudem in einer durch Italien bestehenden völkerrechtlichen Verpflichtung, Deutsch als Bildungstransfer auf muttersprachlichen Standardniveau in der Provinz BZ auf allen Graden, umzusetzen: “Esecuzione del Trattato di pace fra l’Italia e le Potenze Alleate ed Associate, firmato a Parigi il 10 febbraio 1947.” (GU Serie Generale n.295 del 24-12-1947).
    Warum sollten Tiroler Natives sich nun ihre bewährte Schule, Kapital, Ressource nehmen lassen oder Qualitäteinschnitte hinnehmen (müssen)?
    Den ‘verdi.bz.it’ und Freunden verbietet ja niemand, sich sich selbst als freier Bildungsträger anzubieten und sich durch begeitende valide Studien evaluieren zu lassen.
    Symbolische Gewalt und Herrschaft hingegen – auch in Form politischer Rhetorik – als Strategie, Ziel der Neuen alten Nationalfaschisten bis ‘verdi.bz.it’ sollten in BZ bekannt sein.
    Das Ergebnis auch: Die dt. Minderheit Italiens (0.. %); 2025 selbst Bozen: 25% – im Jahr 1910: 89 %, in der Provinz heute 66 % .
    So viel zu ‘Verstehen und Verständnis’.
    Man geht selbst über Kinder und deren Wohl offenbar.
    Kinder leben, wurzeln, welten sprachhandeln(d) anders als Erwachsene (vgl. a. Jean Piagets Beitrag zur Entwicklungspsychologie).
    Lasst doch die Kinder, Kinder sein — bitte! —dann klappt es mit entdeckender innerer und äußerer Zwie- und Mehrsprachigkeit.
    Ständig sprechen müssen, finden auch nicht alle toll. Andere erfinden hingegen lieber eigene Sprachen, Geheimzeichen …
    Es gilt zu begleiten und zu fördern ohne schaden.
    Übrigens.
    Wieso nicht allgemein mal in der Euregio Tyrol Begegnung des ‘aufeinander zugehen, voneinander lernen’, Familien-Tandem-Partnerschaft probieren und dabei noch Spass und Erfolg haben, evt. auch mit Forschungsprojekt Coaching anstatt sich polarisieren zu lassen?

  3. Martin Piger avatar
    Martin Piger

    Der Teufel steckt im Detail, sagt das Sprichwort. Das ist auch bei diesem Thema so. Um dieses Detail, oder besser diese Details, kümmern sich die Grünen und sprach-politisch ähnlich eingestellte Menschen überhaupt nicht.
    Erstes Detail: Hier geht es ja auch nicht nur um Sprache, sondern auch um Kultur. Und damit ist Kultur über das Lederhosentragen, Dialekt sprechen und Heimatlieder singen und dergleichen hinaus gemeint. Ich möchte z. B. meine Südtiroler mitteleuropäische Offenheit nicht gegen den vor allem in Bozen grassierenden italienischen Provinzialismus eintauschen.
    Zweites Detail: Ungleiches gleich zu behandeln, endet mit der Diskriminierung des Schwächeren (Kleineren) der Ungleichen. Das Leben der Südtiroler im italienischen Monolingualzentralstaat ist ein Leben auf einer schiefen Ebene. Auf der hohen Seite lebt die Minderheit, auf der Tiefen die Mehrheitsnation. Durch ihren zahlenmäßigen riesengroßen Überhang hat sie in allen Bereichen mehr Gewicht und Wucht (Das ist keine qualitative Einschätzung sondern nur eine Feststellung der Wirkmechanismen) .Ohne Schutzmechanismen (die man nicht immer einfordern kann, sondern sich manchmal auch selbst auferlegen muss) rollt der Ball immer hinunter auf die Seite des größeren Gewichts. Ein anscheinend gleichrangiges Erlernen von deutsch und Italienisch endet über mehrere Generationen in diesem Kontext notgedrungen mit der Aufgabe des Deutschen, in unserem Fall natürlich auch mit der Aufgabe der Tiroler Kultur.
    Drittes Detail: Für die Italiener ist nur ein assimilierter Südtiroler ein guter Südtiroler. Das wird zwar niemals offiziell so gesagt, aber in ihrer Selbstwahrnehmung ist in Italien kein Platz für Staatsbürger, die nicht den klassischen Idealen und Mythen der italienischen Mehrheitsgesellschaft huldigen, siehe Trikolore, Hymne, Besuch beim Staatspräsidenten nach sportlichen Erfolgen, Glauben ans Risorgimento und an die eigene Befreiung durch den “Großen Krieg”, in diesen Punkten gibt es keine zwei Identitäten nebeneinander, in solchen Kontexten darf man sich nur dem Begriff nach als Tiroler fühlen.
    Viertes Detail: die eigene Kultur wird als etwas Natürliches, Unverwüstliches angesehen. Das stimmt aber nicht. Ohne gute Pflege verkümmert auch Kultur. Die in Südtirol immer mehr um sich greifende Geringschätzung der eigenen Kultur ist augenfällig. Während es für Italiener ganz selbstverständlich ist, ihre italianità zu demonstrieren, was immer das auch sein möge, schämen sich viele Südtiroler offenbar sich als Tiroler zu fühlen. Die Entfremdung von sich selber ist mittlerweile bei vielen schon sehr weit fortgeschritten.
    Ich selber hatte erst ab der zweiten Klasse Volksschule Italienischunterricht und spreche heute besser italienisch als viele Italiener. Ich bin also weder in einem “ethnischen Käfig” aufgewachsen, noch habe ich mich dem Italienischen verweigert. Ich fühlte mich durch meine Schule beschützt und in meiner Persönlichkeit gefördert. Schwierigkeiten, die ich in der Schule hatte, waren auf der personalen Ebene angesiedelt, aber nicht am Schultypus. Für mich ist die gemischtsprachige Schule in Südtirol eine Fata Morgana, die einem den frühen und nachhaltigen Erwerb zusätzlichen Sprachkompetenzen vorgaukelt, ohne dass es einen Preis gäbe, der in Wirklichkeit aber dafür bezahlt werden wird.

    1. Simon avatar

      Ich möchte z. B. meine Südtiroler mitteleuropäische Offenheit nicht gegen den vor allem in Bozen grassierenden italienischen Provinzialismus eintauschen.

      Du bist echt der Meinung, dass die (deutschsprachigen) Südtirolerinnen — mehrheitlich? pauschal? — von »mitteleuropäischer Offenheit« geprägt sind und die Boznerinnen von »italienischem Provinzialismus«? Solche Aussagen bereiten mir große Bauchschmerzen.

      (Sind Boznerinnen keine Südtirolerinnen?)

      1. Martin Piger avatar
        Martin Piger

        Ich habe nicht die Meinung geäußert, dass die Mehrheit der SüdtirolerInnen von “mitteleuropäischer Offenheit” geprägt sind. Ich habe zunächst von mir selber geschrieben. Dieser kulturelle Hintergrund steht aber jedem( r) SüdtirolerIn offen, der( die) ihn nutzen will, auch italienischsprachigen. Er wirkt in der Hauptsache unbewußt, man kann ihn natürlich auch bewußt stärken, oder aber verfallen lassen.. Ohne diesen gäbe es uns “Südtiroler” schon nicht mehr. Ein Andreas Hofer ( z. B.) und unsere Berge allein könnten uns niemals das kulturelle Überleben sichern.
        In Bozen hingegen habe ich oft die gegenteilige Erfahrung gemacht. Das im Faschismus geprägte, wohl aber auf bereits auf die Renaissance zurückgehende Narrativ von der Überlegenheit der italischen Kultur allen anderen gegenüber ( nicht nur gegenüber den Südtirolern) taucht im Diskurs von Italienern immer wieder auf. Meist nicht absichtlich, nicht vordergründig, aber im Hintergrund immer durchscheinend. Ganz gleich, ob bei Linken oder Rechten. In den Medien begann der “Mattino” davon abzuweichen, der “Alto Adige” nicht. Den “Alto Adige” gibt es noch…
        Diese Haltung verbaut aber einen klaren Blick auf die Realität und ich würde das schon als eine Form von Provinzialismus bezeichnen.
        Der Begriff “SüdtirolerIn” wäre sowieso noch zu klären. Ein Landesrat Bianchi z.B. versteht unter “SüdtirolerIn” wahrscheinlich etwas anderes als ich, genauso wie auch der Begriff “ItalienerIn” mehrdeutig ist.

      2. Hartmuth Staffler avatar
        Hartmuth Staffler

        Die “mitteleuropäische Offenheit” war vor dem Ersten Weltkrieg an das Bildungsbürgertum geknüpft, das in den Städten wohnte. Man sprach ganz selbstverständlich eine gehobene Umgangssprache, aber auch die Dialekte der Umgebung, beherrschte sehr gut, meist nach dem obligaten Austauschjahr in Welschtirol, die italienische Sprache, und meistens auch leidlich Französisch. Studiert wurde in Innsbruck, München, Wien, Berlin oder Prag, aber auch in Padua. Die Rotation der Beamten und der Offiziere innerhalb Österreichs und teilweise sogar innerhalb der gesamten Monarchie sorgte ebenfalls für Offenheit. Der Faschismus hat gezielt das Bildungsbürgertum angegriffen, um die “Elite” des Volkes auszuschalten. Es blieb nur Anpassung oder Ausgrenzung. Die Folge davon war ein sowohl physischer als auch sprachlicher Rückzug in die Peripherie. Die gehobene Umgangssprache, die für die gute Vernetzung innerhalb des mitteleuropäischen Kulturraumes gesorgt hatte, ging bis auf kümmerliche Reste in Bozen verloren. Man kapselte sich ab, ging in die innere oder auch äußere Emigration. Die Folgen davon sind heute noch zu spüren, und das müsste man in der Schulfrage berücksichtigen. Vor dem Ersten Weltkrieg funktionierte der Schüleraustausch zwischen dem deutschsprachigen und dem italienischsprachigen Tirol auf der Basis der Gleichberechtigung. Heute ist die Basis ein enormes Ungleichgewicht zwischen dem übermächtigen Staatsvolk und den orientierungslos gewordenen Südtirolern. Die Italiener in Südtirol sind nicht provinziell, sie sind sich ihrer “italianità” und ihrer angeblich überlegenen Kultur sehr bewusst. Die Südtiroler wissen nicht recht, was sie sind und fühlen sich auch in Folge dieser Zerrissenheit unterlegen.

      3. Hartmuth Staffler avatar
        Hartmuth Staffler

        @ Martin Piger: Andreas Hofer, der dank der Schulreform von Maria Theresia (entworfen von unserem Tiroler Landsmann Karl Anton von Martini zu Wasserburg) die Grundschule in Passeier besucht und für seine Zeit ausgezeichnet Lesen und Schreiben konnte, kann uns durchaus ein Beispiel für den Kampf um das kulturelle Überleben sein. Die Italiener, die uns 1918 angeblich Sprache und Kultur brachten, waren ja großteils noch Analphabeten, weil in Italien erst 100 Jahre nach Österreich eine bescheidene Schulpflicht eingeführt wurde. Hofer sprach auch fließend Italienisch, weil er die Sprache, die für ihn als Wirt, Säumer und Pferdehändler wichtig war, freiwillig und gerne und nicht auf Zwang lernte.

  4. MARCO ANGELUCCI avatar
    MARCO ANGELUCCI

    Also wir muessten aufhoeren English zu lernen.

    1. Simon avatar

      Ich glaube nicht, dass in Südtirol derzeit die akute Gefahr besteht, dass wir alle (oder eine ernstzunehmende Anzahl von uns) Englisch auf einem so hohen, quasi muttersprachlichen Niveau lernen, dass wir im Alltag dazu tendieren würden, nur noch Englisch zu sprechen. Wir leben zudem auch nicht in einem Umfeld, in dem eine relevante Anzahl unserer Mitmenschen Englisch als Erstsprache spricht. Und trotzdem gibt es in der wissenschaftlichen Literatur eine Unmenge an Studien, die die Fokussierung auf Englisch als Zweit-/Drittsprache äußerst kritisch betrachten.

      Außerdem behauptet hier niemand, wir sollten aufhören, Deutsch bzw. Italienisch als Zweitsprache zu lernen, wovon sich dann Ihre Feststellung bezüglich Englisch ableiten ließe.

      Von einem führenden Südtiroler Journalisten hätte ich mir ehrlich gesagt einen etwas geistreicheren Beitrag erwartet.

  5. Walter Kircher avatar
    Walter Kircher

    … in Erinnerung, dass ich einer älteren und feinen Mitbewohnerin seinerzeit im Vorkindergartenalter – spielerisch und automatisch die Zweitsprache ITALIENISCH lernte und damit den Grundstein gelegt bekam für den Zweitsprachengebrauch bis heute, – lässt mich dringend empfehlen, ANDERE Sprachen so jung wie möglich zu erlernen und zu üben!
    Englisch als Weltsprache ja, sehr wichtig für mich, – DIE SPRACHE DER NACHBARN!
    Ich wünsche allen Generationen stets gesunde Neugierde auf Sprachen und damit neues Denken!

    1. Hartmuth Staffler avatar
      Hartmuth Staffler

      Ich habe einen zweisprachigen Kindergarten besucht, aber der hat bei mir keinen Grundstein gelegt. Lediglich zwei Kinderlieder kann ich noch auswendig. In der Volksschule hat eine prügelnde Italienischlehrerin mir die Freude an der italienischen Sprache gründlich ausgetrieben, in der Mittelschule und in der Oberschule hatten wir keinen Sprachunterricht, sondern mussten nur die Geschichte aller möglichen Schreiberlinge mit Lebenslauf und Werkeverzeichnis auswendig lernen. In der Oberschule mussten wir uns noch dazu mit Dantes Divina Comedia herumschlagen, für den Spracherwarb absolut unsinnig. Italienisch habe ich nach der Matura aus eigenem Antrieb gelernt, so dass ich heute als Übersetzer und Dolmetscher tätig sein kann.

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