In der Ausgabe 02/2026 der Wochenzeitschrift ff ist ein Bericht von Karl Hinterwaldner zu den Ambitionen Villanderer Eltern, die sich eine italienischsprachige Betreuerin im Kindergarten wünschen, erschienen. Eine Situation, wie es sie mit umgekehrten Vorzeichen in italienischen und ladinischen Kindergärten bereits gibt.
Die meisten Menschen in Südtirol möchten, dass die zweite Sprache bereits im Vorschulalter unterrichtet wird. 75 Prozent wären damit einverstanden, 51 sogar sehr einverstanden. Klar abgelehnt wird das nur von 6 Prozent der Bevölkerung. […]
Eltern wie Sieglinde Fink verstehen nicht, warum das, was in italienischen und ladinischen Kindergärten erlaubt ist, in deutschen Kindergärten verboten sein soll. […] Alex Ploner arbeitet seit Jahren in der Politik. Er sitzt für das Team K im Landtag und befindet sich damit in der politischen Minderheit. Er kann und will nicht verstehen, dass das, was in italienischen oder ladinischen Kindergärten normal ist, in deutschen verboten sein soll.
– ff 02/2026
Also starte ich in meiner typischen schulmeisterlichen Art einen Erklärungsversuch:
- Das, was sich Menschen bzw. Betroffene wünschen, sollte nicht der alleinige Maßstab sein, wie Bildung zu passieren hat. Im besten Falle werden bildungspolitische Entscheidungen immer auf Basis wissenschaftlicher Prinzipien in Pädagogik und Didaktik gefasst. Selbstverständlich sind Vorschläge und Inputs von Eltern/Schülern wertvoll, müssen aber – auch wenn sie mehrheitlich mitgetragen werden – einer professionellen Analyse unterzogen werden.
- In puncto Spracherwerb, Mehrsprachigkeit und Linguistik gibt es – auch wissenschaftlich betrachtet – zwei Ebenen: die individuelle und die gesellschaftliche.
- Bei Maßnahmen hinsichtlich des Spracherwerbs ist es insbesondere in einem Minderheitengebiet unumgänglich, diese Makro-Mikro-Dichotomie zu berücksichtigen. Daher gibt es sehr wohl einen Unterschied zwischen dem deutschen und italienischen Kindergarten in Südtirol. (Der ladinische Kindergarten befindet sich noch einmal in einer anderen Situation, wenngleich auch hier gesellschaftliche Aspekte die Minderheitensprache betreffend unbedingt mehr zu berücksichtigen wären). Leider wird weder im ff-Artikel noch in der Diskussion insgesamt der Makroebene und der sich damit befassenden Wissenschaft Beachtung geschenkt.
- Unbestreitbare individuelle Vorteile vorgeschlagener Initiativen müssen daher stets im Kontext gesamtgesellschaftlicher Auswirkungen gesehen werden. Es braucht vor allem bezüglich der Beziehung zwischen Lingua franca nazionale und Minderheitensprache(n) Rahmenbedingungen, innerhalb derer sinnvoll und gefahrlos Begegnungsräume geschaffen werden können. Diese Grundvoraussetzungen und eventuelle begleitende und flankierende Maßnahmen, die die Makroebene betreffen, bleiben unerwähnt bzw. wird deren Notwendigkeit offenbar nicht einmal erkannt. Sie wären jedoch die Voraussetzung, um unbeschwert mit alternativen Modellen experimentieren zu können.
Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10

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