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Sechserkommission: Einigung bei Ortsnamenfrage.

Gestern hat sich die Sechserkommission endlich auf die Durchführungsbestimmung (DFB) zur Toponomastik geeinigt und nach all dem was bislang durchgesickert ist, kann man getrost wiederholen, was hier gestern schon zu einem anderen Thema geschrieben wurde:

Der Berg kreißte und gebar eine Maus.

Es ist ein Kompromiss vom Kompromiss vom Kompromiss vom Kompromiss vom Kompromiss — ohne eine wie auch immer geartete wissenschaftliche oder technische Grundlage.

Die Historie der vorangegangenen Kompromisse hatte ich schon vor einigen Wochen ausführlich nachgezeichnet: Von der ursprünglichen Forderung nach einer Abschaffung der faschistischen Dekrete kam es zunächst zu zwei Staat-Land-Kommissionen, die jeweils eine Ortsnamenliste erstellten. Daraufhin wurde ein Landtagskompromiss erzielt — in Form eines Gesetzes, das von SVP und PD gutgeheißen wurde. Doch dieses Gesetz wurde vom Zentralstaat auf Wunsch italienischer Post- und Neofaschisten vor dem Verfassungsgericht angefochten.

Nach langem Hin und Her wurde schließlich die Sechserkommission mit der Angelegenheit betraut, wo ein weiterer »Kompromiss« (zwischen dem Landesgesetz und der Position der italienischen Rechten) erzielt wurde. Daraufhin baute der rechte Landtagsabgeordnete Alessandro Urzì aber noch einmal politischen Druck auf, was einen erneuten »Kompromiss« zur Folge hatte: Im paritätisch besetzten Gremium, das über die Ortsnamen zu befinden haben wird, müssen die Vertreterinnen der Sprachgruppen jeweils getrennte Mehrheiten erzielen, um eine faschistische Namenserfindung abzuschaffen: Zwei von drei »deutschen« und zwei von drei »italienischen« Expertinnen müssen zustimmen.

Der letzte »Kompromiss« wurde gestern erzielt: Nachdem Landtagspräsident und Mitglied der Sechserkomission Roberto Bizzo (PD) während der letzten Tage mit seiner Gegenstimme gedroht hatte (sein Argument war plötzlich jenes der Neofaschistinnen, nämlich, dass das Land nur die Existenz der deutschen und ladinischen Ortsnamen feststellen, aber keine Bezeichnungen aus Tolomeis Fälschungswerk abschaffen dürfe) wurden die — der DFB beigefügten — Namenslisten noch einmal überarbeitet, und zwar genau nach den Wünschen des italienischen, eng mit dem Militär verbandelten Alpinclub CAI, der in Südtirol für seine gestrige Position bekannt ist. Der Südtiroler Alpenverein (AVS), der ein Vielfaches an Mitgliedern zählt, wurde nicht einbezogen.

Nun also der Durchbruch: Mit den vom CAI geforderten Änderungen (die dem Vernehmen nach auch den Erhalt der absurden Vetta d’Italia umfassen) wurde gestern eine »historische« Einigung erzielt. Die DFB muss nun noch formell beschlossen und vom Ministerrat genehmigt werden.

Siehe auch:

Faschismen Militär Minderheitenschutz Nationalismus Ortsnamen Politik Recht Staat vs Land Vorzeigeautonomie Zentralismus | | Alessandro Urzì Ettore Tolomei Roberto Bizzo | | Südtirol/o | AVS CAI PD&Co. PDL&Co. Sechser-/Zwölferkommission SVP Verfassungsgericht | Deutsch

24 replies on “Sechserkommission: Einigung bei Ortsnamenfrage.”

Eine Schande!
Womit hat Südtirol derart schlechte Verhandler verdient, als Vergleich das wäre so wie wenn die EU den Briten Zugang zum Binnenmarkt bietet, gleichzeitig erlaubt das diese Eigenständig Handelsabkommen schließen, Briten in die EU ziehen dürfen, und uk die volle Kontrolle über die Migration bekommt. Und dann wäre es immer noch nicht annähernd so schlecht wie das was die SVP hier präsentiert.

… und dann wäre da noch das Faktum, dass ich als Bewohner dieses Landes offiziell nicht Sudtirolese bin, – sondern ALTOATESINO …!
– Für mich habe ich meine Definition schon lange entschieden: … „Tiroler von südlich des Brenner“, bzw. „Tirolese della Provincia di Bolzano“ …

Da ja die ladinischen Gemeiden in Gröden und Gadertal sozusagen doppelt mit amtlichen „fremdsprachigen “ Namen beglückt würden (nehme ich an), wäre es da nicht vielleicht an der Zeit von deutscher Seite mit gutem Beispiel voran zu gehen und auf die Amtlichkeit der deutschen Namen zu verzichten. Oder ist eine solche eh nicht vorgesehen? Vielleicht würde dies die einen oder anderen, die immer noch auf faschistische Namen bestehen, beschämen.
Wäre ein Vorschlag.

Ich glaube auch dass diese Frage jetzt, wo alle deutschen, also ursprünglichen Namen amtlich werden sollen von besonderer Bedeutung sein wird. Da kann sich dann die Spreu vom Weizen trennen. Wir können nämlich nicht verlangen, dass deutsche Namen in den ladinischen Tälern amtlich eingeführt werden und andererseits darauf pochen, dass italianisierte Namen das nicht dürfen. Jetzt wo es um die Amtlichkeit geht werden sich die Dinge weisen. Die Ansicht der SVP wir da besonders interessant sein.

@astner
pflichte dir bei, dass es die deutschen exonyme für ladinien nicht braucht (bezüglich amtlichkeit). die geschichte der exonymen bezeichnungen spielt aber schon auch noch eine rolle. es ist ein unterschied zwischen dem, was tolomei gemacht hat und der entstehung des namens von st. ulrich für urtijei zb.

@hunter
Im Falle von St. Ulrich diesen Namen beizubehalten würde dann aber wieder die historische Lösung bedeuten, was dann für alle anderen Namen auch gelten müsste. Aber wenn das Prinzip der „Verwendung“ des Namens angewandt wird, dann ist er natürlich auch beizubehalten. Die Prozentlösung wird überhaupt nicht angedacht. Ob dann die Bewohner von bestimmten Gemeinden abgesehen vom faschistischen Ursprung, mit amtlich unmöglichen Namen leben müssen ( Ultimo, Martello usw.) ist ganz egal. Das sind wieder einmal die faulen Kompromisse, die die Politik immer schließt. Da bleibt nur mehr viel Spaß zu wünschen beim jahrelangen Feilschen um jeden Maulwurfshügel und jede Krötenlacke. Beim einen oder anderen Begriff der Mikrotoponomastik wird sich eine Verwendung schon nicht nachweisen lassen. Alles andere ist eh schon ausgeschnapst. Aber was noch schlimmer ist, dass dies den Leuten als „Kompromiss“ bzw. „Lösung“ der Toponomastikfrage verkauft wird. In Wirklichkeit ein Versagen auf der ganzen Linie. Aber dies wurde hier schon oft festgehalten, ist also nichts Neues.

Im Falle von St. Ulrich diesen Namen beizubehalten würde dann aber wieder die historische Lösung bedeuten

hunter hat doch nicht gesagt, dass man den Namen beibehalten soll.

… selbstverständlich! – Sollte ich die eingedeutschten Namen von Ladinischen Orten für mich verwenden, muss ich diese nicht als „offizielle“ „Entsprechungen/Exonyme“ sehen …!

Vielleicht würde dies die einen oder anderen, die immer noch auf faschistische Namen bestehen, beschämen.

Ich glaube, darauf können wir noch lange warten. Faschisten und Schämen passen nicht zusammen.

Dieser Eindruck (Ein Kompromiss zum Kompromiss zum Kompromiss) drängt sich absolut auf. Diese „Lösung“ ist nur erklärbar mit dem Umstand, dass die Regierungsparteien das leidige Thema der Ortsnamen vom Tisch haben wollen, weil es andere politische Themen dauernd stört. Da die DFB einstimmig in der 6er-Kommission abgesegnet wurde, muss man die Frage aufwerfen, wer wen in dieser Kommission vertritt, welche demokratische Legitimation diese Kommission hat, warum sechs zum Teil nicht gewählte Personen so weitreichende Entscheidungen treffen können. Ich hoffe, der Konvent 33 packt die Frage der Demokratisierung der 6er-Kommission auch bald an.
Traurig schließlich die Rolle des PD: in der Figur von Bizzo ist der PD endgültig nur mehr Spielball der nationalistischen Rechten, die diese Partei vor sich hertreibt. Solche Leute glauben tatsächlich, dass sie ihr Gesicht (und Stimmen) verlieren würden, wenn sie einmal mit etwas kulturgeschichtlicher Vernunft für den Verzicht auf einige Tolomei-Namen eintreten würden. Über Urzì, der allen Ernstes auch auf den Tolomei-Namen der Südtiroler Burgen (Castel Sarentino für Rafenstein, Castel d’Appiano für Hocheppan usw.) beharrt, brauchen wir kein weiteres Wort verlieren.

… pflichte voll zu!
Wie sieht das Amtliche Ortsnamenverzeichnis dann aus …?
Sind UN-Richtlinien berücksichtigt?
– Kann man demnach am Ortsnamen erkennen: – WER sind die Bewohner, -(zugleich) WELCHER ist der geschichtlich gewachsene Namen (Endonym) und welcher ist die anderssprachige Entsprechung (Exonym) …?
– Ist die REIHUNG/Bedeutung von Namen und jeweiliger Entsprechung eingehalten?

„zupflichten“ ist in der deutschen Sprache unüblich.

„Zustimmen“ oder „beipflichten“, bitte

Wie kann man nur so naiv sein und sich über den Tisch ziehen lassen. Es wird sich für alle italienischen Namen ein „Gebrauch“, was immer das auch heißen mag (wie viele Leute müssen ihn gebrauchen?) – und wenn auch nur über fünf Ecken – nachweisen lassen.

… die italienischen Kommissionsmitglieder haben natürlich leichtes Spiel, – bei DER Interesselosigkeit in der Mehrheit der Bevölkerung …
Es melden sich immer wenigere zum Thema, – wer will schon als rechtsextrem abgekanzelt werden …!
Vorschlag, – wie wär´s mit einem Referendum? … mit folgender Fragestellung: „… Sind sie für die Wiedereinführung der historischen deutschen, bzw. Ladinischen Ortsnamen in das Amtliche Ortsnamenverzeichnis wie vor 1919?“

… mit den offenen Türen bin ich mir bei Leuten wie Urzà­ nicht so sicher, – es gilt nämlich die deutschen und Ladinischen Endonyme -ERSTrangig anzuführen, vor allem dann, wenn damit auch die Bedeutung der Bevölkerungsmehrheit zum Ausdruck kommt …!
– So lauten jedenfalls auch die UN-Richtlinien …!

Ortsnamenregelung….aus gegebenem Anlass…

Als 1906 Ettore Tolomei die neuen italienischen Ortsnamen auch für die Meraner Gegend veröffentlichte, machte sich die “Meraner Zeitung” darüber lustig…und wurde selbst
kreativ tätig. Die neuen Ortsnamen Maia bassa (Untermais, damals eigenständige Gemeinde) und Maia alta (Obermais, ebenfalls bis 1923 eigenständige Gemeinde) wären halt wenig orginell, meinte sie, viel stilvoller wären hingegen Sotto polenta und Sopra polenta…

Prost Mahlzeit

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