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Öffentliche Dienste verweigern deutsche Sprache.
Riesiges Ungleichgewicht

Autor:a

ai

Im Jänner hatte das Statistikinstitut des Landes (Astat) Daten über die Zufriedenheit der Bürgerinnen mit den öffentlichen Diensten 2023 ( Astat-Info 01/24) veröffentlicht. Den Aspekt der Digitalisierung hatte ich bereits herausgegriffen und thematisiert. Unter den Hauptgründen für die Unzufriedenheit der Bürgerinnen mit Diensten, die sie tatsächlich beansprucht haben, befindet sich auch die unzureichende Zweisprachigkeit.

Für vier Bereiche (Gesundheitsdienst, Landesverwaltung, Post, NISF) hat mir das Astat freundlicherweise die nach Sprachgruppe der Befragten aufgeschlüsselten Daten zur Verfügung gestellt. Um die Effektivität des Minderheitenschutzes zu bewerten, ist diese Information meines Erachtens von großer Wichtigkeit.

Eindeutiger könnte das Bild kaum sein: Sowohl bei Landes- als auch bei staatlichen Diensten sind es vor allem die deutschsprachigen Südtirolerinnen, die ihre Unzufriedenheit auf die mangelnde Zweisprachigkeit des Personals zurückführen. Italienischsprachige Südtirolerinnen sind mit dem Problem offenbar fast gar nicht konfrontiert, beziehungsweise in einem Ausmaß11-2% der Unzufriedenen, das eine mehrsprachige Verwaltung selbst im Idealfall wohl kaum unterbieten könnte. Erschreckend ist zudem vor allem das Ungleichgewicht: Bei der Post, mit deren Diensten 42% der Befragten »kaum«229% oder »gar nicht«313% zufrieden sind, konstatierten Deutschsprachige 13 Mal (!) öfter mangelnde Zweisprachigkeit als ihre italienischsprachigen Mitbürgerinnen.413% zu 1%. Beim NISF beträgt dieses Missverhältnis 12:1, beim Gesundheitsdienst 9½:1 und bei der Landesverwaltung 8:1 — in einem Land, in dem die große Mehrheit der Bevölkerung und (zumindest theoretisch) auch der öffentlichen Bediensteten der deutschen Sprachgruppe angehören. Ein klareres Indiz für die Minorisierung der deutschen Sprache in Südtirol könnte es kaum geben. Dabei sind mindestens zwei Koalitionspartner der SVP in der neuen Landesregierung (FdI und Uniti/Lega) sogar der Auffassung, dass die Italienerinnen (also die Titularnation!) die eigentliche Minderheit seien.

Eine gleichmäßiger auf die Sprachgruppen verteilte Unzufriedenheit mit der Erfüllung der Sprachenrechte wäre aus Sicht des Minderheitenschutzes bei weitem nicht so alarmierend wie die hier dokumentierte Situation, der zufolge selbst bei Landesdiensten eindeutig die staatliche Mehrheitssprache bevorzugt wird. Italienisch und Deutsch (in dieser Reihenfolge) spielen tatsächlich in zwei unterschiedlichen Ligen.

Zudem ist darauf hinzuweisen, dass die hier angegebenen Zahlen noch gar nicht ein vollständiges Gesamtbild abgeben, da nur diejenigen, die angegeben hatten, mit einem Dienst insgesamt unzufrieden gewesen zu sein, nach den Gründen für ihre Unzufriedenheit gefragt wurden. Minderheiten sind darüber hinaus grundsätzlich (und notgedrungen) »toleranter« als Mehrheitsgesellschaften, wenn ihnen Sprachrechte verweigert werden, womit zumindest vermutet werden kann, dass insbesondere Deutschsprachige unzureichende Zweisprachigkeit in vielen Fällen per se nicht einmal zum Anlass nehmen, einen Dienst negativ zu bewerten.

Siehe auch: 01 02 03 04 || 01

  • 1
    1-2% der Unzufriedenen
  • 2
    29%
  • 3
    13%
  • 4
    13% zu 1%


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Comentârs

3 responses to “Öffentliche Dienste verweigern deutsche Sprache.
Riesiges Ungleichgewicht

  1. Stuff avatar
    Stuff

    Als ich um einiges jünger war, hat man von italienischer Seite regelmäßig gehört: “Wenn es dir nicht passt, kannst du ja nach Österreich gehen!” Jetzt, ein paar Jahrzehnte später, sind tatsächlich viele im Ausland. Und das ohne großes Meckern und Aufsehen, weil die Guten lamentieren nicht, sondern treffen Entscheidungen und Handeln. Uns ist sehr viel Qualität abhanden gekommen, die wir momentan bitter notwendig hätten.

    1. Hartmuth Staffler avatar
      Hartmuth Staffler

      Man muss nicht wesentlich jünger sein. Das mit dem Auswandern hat die Meloni noch vor kurzem auch gesagt.

  2. artim avatar
    artim

    Es ist nicht nur (gewollte) Minorisierung, sondern auch Ungleichwertigkeit der Bürgerschaft beim Sprachgebrauch (Diskriminierung).
    Aber das interessiert den “Garanten” offenbar nicht.

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