Der Gründer der Sprachschule Alpha Beta, Aldo Mazza, hat zuletzt mehrere Vorschläge zur Reform der Sprachpolitik unterbreitet, insbesondere zur Zweisprachigkeit im Gesundheitswesen. Sie sind in einen gemeinsamen Beschlussantrag (Nr. 446/26) von Grünen und PD eingeflossen, dessen beschließenden Teil ich großteils relativ sinnvoll finde.
Ich möchte hier aber einige Aussagen von Mazza, die in den Medien wiedergegeben wurden, kommentieren:
[N]atürlich muss der Arzt gut sein, aber gut sein heißt auch, den Patienten zu verstehen und für ihn verständlich zu sein. Auf der anderen Seite gab es dieses Plakat der Südtiroler Freiheit [sic], auf dem man einen Toten sieht und den Spruch lesen kann „Der Arzt konnte kein Deutsch“. Dadurch entsteht der Eindruck, mangelnde Deutschkenntnisse würden Menschenleben gefährden. Eine solche Vereinfachung hilft uns nicht weiter.
– Aldo Mazza im dieswöchigen ff-Interview
Wiewohl ich die STF-Plakate (gelinde gesagt) wenig hilfreich fand, hat eine kanadische Studie aufgezeigt, dass es den Zusammenhang zwischen mangelnden Sprachkenntnissen und Gefährdung von Menschenleben sehr wohl gibt — und zwar in einem Ausmaß, das selbst mich überrascht hat.
Nach dem Einstieg in die öffentliche Sanität haben ausländische Ärztinnen und Ärzte [in Deutschland] zwei Jahre Zeit, ihre Kenntnisse in der Fachsprache nachzuweisen. Ihre Kompetenzen in der ärztlichen Kommunikation werden gezielt geprüft. Diese Prüfung wird von Ärzten abgenommen. Es gibt sogar eine Simulation mit dem Patienten, bei der festgestellt wird, ob der Arzt imstande ist, eine Anamnese zu machen, mit Patienten verständlich zu kommunizieren und medizinische Sachverhalte nachvollziehbar zu erklären. An dieses Modell könnte sich Südtirol anlehnen. Also, drei Jahre Zeit für B2, dann weitere zwei Jahre für die Fachsprache, womit die Ärztinnen und Ärzte dem Niveau C1 gleichgestellt wären, und somit ihren endgültigen Vertrag hätten.
– Aldo Mazza im dieswöchigen ff-Interview
In Deutschland müssen Ärztinnen B2 zum Zeitpunkt der Einstellung und Fachsprachen-C1 nach zwei Jahren nachweisen. Mazza möchte zwar das deutsche Modell nach Südtirol holen, dann aber die verbindlichen Schwellen deutlich nach hinten verschieben. Drei Jahre soll es dauern, bis überhaupt B2 nachgewiesen werden muss; danach sollen weitere zwei Jahre für die fachsprachliche Qualifikation auf C1-Niveau folgen.
Zahlreiche Ärztinnen würden also weiterhin — und sogar noch mehr als bisher — ohne angemessene Deutschkenntnisse arbeiten. Das wäre in Deutschland undenkbar.
(Und es wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in Südtirol undenkbar, wenn wir es nicht mit so vielen einsprachig italienischen, sondern vor allem mit einsprachig deutschen Ärztinnen zu tun hätten.)
Wie ich an anderer Stelle geschrieben habe, hatte ich in Südtirol bei italienischen Ärztinnen in den allerseltensten Fällen das Gefühl, dass sie zu gut Deutsch sprechen und auch ein niedrigeres Niveau ausgereicht hätte. Sehr oft war hingegen das Gegenteil der Fall.
Hinzu kommt ein struktureller Unterschied zwischen Deutschland und Südtirol, den ich ebenfalls bereits beschrieben hatte: In Deutschland trägt die Berufspraxis notgedrungen zur Vertiefung der Deutschkenntnisse bei, denn mit Kolleginnen und Patientinnen wird man hauptsächlich Deutsch sprechen müssen. In Südtirol ist es hingegen — wie wir leider wissen — durchaus möglich, sich in der alltäglichen Praxis der deutschen Sprache völlig zu entziehen. Deshalb sehe ich eine Aufweichung des geforderten Sprachniveaus kritisch.
Die sprachliche Realität Südtirols ist nicht mit jener Deutschlands gleichzusetzen. Wer hier Deutsch — nicht die Staats-, sondern eine Minderheitensprache — schützen will, kann nicht einfach davon ausgehen, dass die Kenntnisse im Alltag automatisch zunehmen.
Eine sachliche Basis wäre?
Etwa eine einheitliche Regie, so wie in Katalonien, wenn es um Zweisprachigkeit geht. Sie betrifft ja viele Bereiche: Schule, Bildung, Gesundheit, öffentliche Verwaltung … Zweisprachigkeit ist im öffentlichen Interesse, so wie eine gesunde Umwelt, eine gute Schule, ein effizientes soziales Netz. Trotzdem geht man diese Probleme getrennt nach Sprachgruppen an.
Der Landeshauptmann hat ja eine Kommission zur Zweisprachigkeit eingesetzt, …
… die zum Beispiel kategorisch sagt, C1 muss bleiben. Das ist ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Vernünftig wäre, mit jenen zu reden, die mit der Sache zu tun haben, also nicht nur mit Beamten, sondern mit Experten, Lehrern und Professoren, Vertretern aller Sprachgruppen und Vertretern von Mehrheit und Opposition im Landtag.– Aldo Mazza im dieswöchigen ff-Interview
Ich persönlich bin, wie sich unschwer wird erahnen lassen, durchaus für die Übernahme des katalanischen Modells. Allerdings wird auch in Katalonien das C1-Niveau von Ärztinnen verlangt. Das C1-Niveau wird dort in den meisten Fällen sogar bei Pflegekräften vorausgesetzt, die in Südtirol nur B2 nachweisen müssen.
Und natürlich dient die von Mazza zitierte »einheitliche Regie« in Katalonien — wie in vielen Minderheitengebieten — ausschließlich dem Schutz und der Förderung der Minderheitensprache und nicht auch der Staatssprache. Das sei hier nur am Rand erwähnt.
Sehr zu begrüßen ist Mazzas Vorschlag eines Sprachbarometers für das Gesundheitswesen. Im Salto-Beitrag über die Vorstellung des Beschlussantrags von Grünen und PD heißt es, damit solle die »impressionistische Phase« überwunden werden. Das ist sinnvoll, denn in Südtirol gibt es grundsätzlich viel zu wenige Sprachdaten.
Andererseits nennt Mazza als Gründe für die angeblichen Sprachprobleme der deutschen Sprachgruppe laut Salto das fast vollständige Verschwinden der italienischen Sprache aus den »peripheren« Gegenden und die fehlende Notwendigkeit, die Sprache im Alltag zu verwenden.
Da frage ich mich, warum man mehr Daten fordert, wenn man selbst die wenigen verfügbaren Daten so konsequent ignoriert oder ins glatte Gegenteil verkehrt. Die italienische Sprachgruppe wächst nämlich überall, die italienische Sprache ist omnipräsent und unausweichlich, auch weil das Recht auf Gebrauch der deutschen Sprache systematisch missachtet wird. Wenn es eine Sprache gibt, die in Südtirol längst nicht mehr notwendig ist, dann ist es neben der ladinischen die deutsche. Angefangen bei der Landeshauptstadt.
Die teilweise glottophoben Äußerungen zum Dialekt, die in dem Salto-Bericht ebenfalls wiedergegeben sind, wären noch einen gesonderten Kommentar wert.
Cëla enghe: 01 02 03 | 04 05 06

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