Tag für Tag werden Sprache und Kultur der deutsch- und ladinischsprachigen Südtirolerinnen unsichtbar gemacht, während uns ungefragt nationale Symbole und eine nationale Identität aufgezwungen werden — unabhängig davon, ob sich die Menschen damit identifizieren oder nicht. Vertreterinnen italienischer Rechtsparteien genießen das nicht nur, sondern sind stets ganz vorn mit dabei, wenn es darum geht, unsere Eigenheiten unter dem Deckmantel der italienischen Nation verschwinden zu lassen.
Sportliche Großveranstaltungen wie Fußballweltmeisterschaften oder Olympische Spiele sind in dieser Hinsicht — einschließlich der damit einhergehenden Berichterstattung — besonders toxisch und wirksam.
Wie der heutige A. Adige berichtet, wenden sich nun die beiden rechten italienischen Landesräte, Marco Galateo (FdI) und Christian Bianchi (FI), auch noch scharf gegen zivilgesellschaftliche Aktionen, mit denen ein klein wenig Dissens gegen die institutionalisierte Unterordnung und Unsichtbarmachung im Rahmen von Olympia gezeigt wurde: von den Schützen aufgestellte Tirol-Schriftzüge und Tiroler Flaggen sowie Plakate mit der Botschaft »Willkommen in Tirol«.
Ähnliche Initiativen haben in Anpezo und darüber hinaus auch die zivilgesellschaftlichen Vereinigungen der Ladinerinnen ergriffen, die erfolgreich dazu aufgerufen haben, ladinische Flaggen auszuhängen, um wenigstens symbolisch auf die autochthone Kultur aufmerksam zu machen.
All dies fällt zweifelsfrei unter die Meinungsfreiheit. Gerade Regierungsmitglieder sollten daher mit pauschaler Kritik an solchen Ausdrucksformen besonders sparsam und zurückhaltend umgehen.
Die Landesräte sehen durch die Aktionen das Zusammenleben gefährdet — und warnen zudem vor dem Risiko, gegenüber Italien und Österreich Sympathien zu verspielen. Warum die Landesflagge und die Landesbezeichnung im Umfeld einer Veranstaltung, die vor Nationalismus nur so trieft, das Zusammenleben gefährden sollten, bleibt für mich unklar. Und falls die Sympathie, die uns andere entgegenbringen, tatsächlich darauf beruht, dass wir unkritisch und widerspruchslos in die Rolle schlüpfen, die uns von Nationalistinnen zugedacht wurde, können wir darauf aus meiner Sicht gerne verzichten.
Wenn die Rechten und Neofaschisten in diesem Kontext von »Zusammenleben« sprechen, ist damit weniger ein gleichberechtigtes Miteinander gemeint als eine Art Friedhofsruhe, die durch koloniale Unterordnung und Anpassung entsteht.
Cëla enghe: 01 02 03 04 | 05 06 07 08 | 09 || 01 02 03

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