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Entscheidungshilfe Parlamentswahl.

Was ist in letzter Zeit vorgefallen, woran sollten wir uns mit Blick auf die Wahlen erinnern? Eine Zusammenschau, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Die Südtiroler Volkspartei lehnte im Landtag — gemeinsam mit Grünen und Demokratendas Menschenrecht auf Selbstbestimmung ab, und zwar grundsätzlich. Sie stimmte im Regionalrat mit dem Argument für die Beibehaltung der sinnentleerten Region Südtirol-Trentino, dass man doch blöd wäre, Rom zu einer Abänderung des Autonomiestatuts aufzufordern. Genau dies tut die SVP jedoch in ihrem Koalitionsabkommen mit den Demokraten, mittels dessen sie uns Südtiroler sogar zur anteilsmäßigen Übernahme der Zinsen auf die Staatsschulden verpflichtet. Die Causa SEL, die auch einen großen Teil der unbeteiligten Politiker im Lande »bindet«, braucht gar nicht gesondert erwähnt zu werden. In zahlreichen Gemeinden regierte die Sammelpartei nach wie vor mit Selbstherrlichkeit, während sie nach außen hin kaum imstande war, die Interessen des Landes zu wahren. So gelang es nicht, die Gleichstellung der deutschen Sprache, etwa bei der Integration von Zuwanderern, zu erreichen; letzteres ist ein Thema, das für die Überlebensfähigkeit einer Minderheit nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die großmundig angekündigte Entfernung oder Historisierung der Monumente aus faschistischer Epoche scheiterte und wurde vom staatlichen Verhandlungspartner boykottiert. Selbst die Einrichtung einer Dokumentationsstätte unter dem Bozner Siegesdenkmal wurde kürzlich sang- und klanglos auf bessere Zeiten verschoben (einen SVP-Bürgermeister wird es womöglich freuen).
Der Plünderung des Landeshaushalts durch Mario Monti musste man weitgehend tatenlos zusehen, obwohl das Mailänder Abkommen zuvor in höchsten Tönen (Durnwalder: »sichere Finanzierung«, »Einnahmenplus«) gelobt wurde. Auch sonst mochte sich die Volkspartei nicht an alte Versprechungen erinnern, etwa hinsichtlich der Selbstbestimmung im Falle eines Vertragsbruches. Vielmehr wurden Unabhängigkeitsbefürworter — während in Europa mehrere Sezessionsprozesse fortschritten — von LH Durnwalder noch Anfang 2011 pauschal als Kriegstreiber diffamiert.

Bezeichnend auch, dass die SVP mit Mauro Minniti einen verkappten Neofaschisten mit gefährlichen Ansichten in das demokratisch wichtige Amt des Landtagspräsidenten hievte — und jetzt mit Vezzali einen Nachfolger wählte, der nicht davor zurückschreckte, die Entscheidungen des Hauses zu hintertreiben.

Die Demokraten unterstützten das Ansinnen der Regierung Mario Monti, das Prinzip des nationalen Interesses wiedereinzuführen und sogar noch zu verstärken. Überhaupt trug der PD im Laufe der letzten Monate die Politik von Mario Monti, einschließlich sämtlicher Autonomieverletzungen, bewusst mit: In dubio pro natione. Die Verabschiedung eines Gesetzes, das auch an Südtirols Schulen die anachronistische italienische Nationalhymne einführt, während der Minderheitenschutz unterminiert wird, macht die Demokraten nicht gerade zu glaubhaften Autonomisten. In der Gemeinde Brixen taten sie sich außerdem durch die anachronistische Forderung hervor, einer Militäreinheit eine Straße zu widmen — der Buchstabe »k« in der Bezeichnung einer Kletterhalle wurde hingegen als Affront dargestellt.

Der gemeinsame Kandidat von Volkspartei und Demokraten im Senatswahlkreis Bozen-Unterland, Francesco Palermo, der auch von den Grünen unterstützt wird, sprach sich mehrfach gegen die Wiedervereinigung der ladinischen Minderheit aus. In den Gemeinden Anpezo, Col und Fodom, die nach der Annexion Südtirols zum Zwecke der Assimilierung an die Region Venetien geschlagen wurden, hatte sich bei einem Referendum eine breite Bevölkerungsmehrheit für die Wiedervereinigung ausgesprochen. Palermo bezeichnete diesen Wunsch als wirtschaftlichen Opportunismus einer bereits assimilierten Minderheit — obschon etwa in Fodom Erhebungen zufolge nach wie vor mehr Ladinisch gesprochen wird, als in Ghërdeina und Badia.

Palermo sprach sich für einen dezidierten Autonomieausbau aus, stellte in einem Leitartikel für die Tageszeitung A. Adige aber auch die These auf, Südtirol müsse sich seine Autonomie verdienen. Diese abwegige Ansicht vertrat — indirekt — auch der grüne Kandidat Florian Kronbichler, der auch sonst allerlei vielsagende Abstrusitäten von sich gab. So stellte er zum Beispiel Parallelen zwischen Selbstbestimmung und Judenfeindlichkeit (wer lacht, macht sich mitschuldig) her und warnte die Grünen, man würde sie mit den Rechten identifizieren, wenn sie über die Selbstbestimmung auch nur diskutierten. Dies käme einem Bündnis mit dem »Falken« Karl Zeller gleich. Ironie des Schicksals: Nicht nur, dass Kronbichler selbst für die Grünen in die Wahl geht, nachdem diese einen Unabhängigkeitsbefürworter zu ihrer Ideenwerkstatt geladen hatten — sondern: er tritt in der Koalition aus PD, SVP und SEL auch noch als Verbündeter von Karl Zeller an.
Darüberhinaus verglich Kronbichler die Verlängerung der Landebahn am Bozner Flughafen mit der Enteignung von Obstwiesen durch den faschistischen Unrechtsstaat, bezeichnete die Deutschen pauschal als »spacconi, smaniosi di viaggiare, arricchiti e di discutibili gusti« und tat seine Sympathie für die Alpini kund. Im Falle seiner Wahl möchte er — als Vertreter Südtirols — wichtige Schutzmechanismen ersatzlos zur Disposition stellen.

Die Grünen nahmen weder in der Ortsnamenfrage, noch im Zusammenhang mit den faschistischen Relikten eine überzeugende Rolle ein. Während die Ungereimtheiten bei der Toponomastik inhaltlicher Natur waren — die Partei machte sich im öffentlichen Bereich für die Beibehaltung sämtlicher im Faschismus eingeführter Erfindungen stark und erfand dafür einen neuen, faschistisch anmutenden Slogan (ubi nomen, ibi patria) — schienen die Grünen bei den Denkmälern aus faschistischer Zeit auf Reaktion beschränkt: Konstruktive, durchaus gute Vorschläge waren nur zu hören, als eine Entfernung der Bauwerke im Raum stand.

Grüne und parteinahe Vertreter ließen durch sonderbare Auffassungen aufhorchen: Renate Holzeisen bezeichnete die Südtirolfrage als inexistent. So weit waren selbst italienische Rechtspolitiker nur selten gegangen. Die Aussage erinnert an eine ähnlich gelagerte Diagnose von Sepp Kusstatscher: Eine deutsche Minderheit könne es in Europa per Definition nicht geben, da Deutsch die meistgesprochene Muttersprache der EU sei. Damit wischte er nicht nur die Südtiroler, sondern auch die Ansprüche von Siebenbürgern, Elsässern, Schlesiern und Nordschleswigern vom Tisch. Unabhängigkeitswünsche bezeichnete er als »ewiggestrig« und »rassistisch«.

Im Zusammenhang mit dem Aufmarsch der Alpini 2012 in Bozen ist sowohl der Volkspartei, als auch PD und Grünen Verharmlosung vorzuwerfen. Sie verordneten sich — und gleich der gesamten Bevölkerung mit — Nachsicht gegenüber alten Kriegsverbrechen und nationalistischem Gehabe, wenn sie es nicht sogar befeuerten. Hauptsache Feierlaune, Ordnung, Sauberkeit und: Zusammenleben um wirklich jeden Preis.

Die Freiheitlichen legten einen Verfassungsentwurf für ein unabhängiges Südtirol vor, mittels dessen sie vorschlagen, alles zu ändern, damit alles beim Alten bleibt. Im Zusammenhang mit dem feigen Anschlag auf ein Asylantenheim in Vintl machten freiheitliche Gemeindepolitiker Aussagen, die als völlig deplaziert und menschenverachtend zu beurteilen sind. Wes Geistes Kinder sie sind, bewiesen die Blauen — falls dies denn nötig gewesen wäre — auch durch die Erhebung von Michael Demanega zum Generalsekretär: Dieser hatte erst 2011 in einem Anflug von Deutschnationalismus erklärt, er fühle sich zuerst als Deutscher und dann erst als (Süd-)Tiroler. Anstatt dringend nötige Arbeit zur vorurteilsfreien, positiven Integration von Zuwanderern zu leisten, setzten die Blauen wie gehabt auf Angst und Panikmache, womit sie dem Ziel sogar noch schadeten. Ihre nunmehr fünf Landtagsabgeordneten konnten sie indes nicht für spürbar konstruktivere Oppositionsarbeit nutzen.

Die Fünfsternbewegung (5SB) von Beppe Grillo machte in Südtirol auch damit auf sich aufmerksam, dass sie im Bozner Gemeinderat die Neofaschisten von CasaPound und CasaItalia unterstützte. Ihre Vertreter waren dagegen, die rechtsextremistischen Vereine von der Liste förderungswürdiger Organisationen zu streichen. Dass dies kein Versehen war, zeigt die Tatsache, dass 5SB CasaPound auch in der Gemeinde Bologna unterstützt hat und dass Beppe Grillo selbst keine Berührungsängste zu den Faschisten hat. Der Respekt von 5SB für öffentliches und fremdes privates Gut äußert sich unter anderem dadurch, dass sie ihre Bürgerinformationen in Bozen einfach an fremde Hauswände pappen. Im Gegensatz zu den Piraten, mit denen sie oft verglichen wird, ist die Partei von Beppe Grillo keine Bottom-Up-, sondern eine Top-Down-Bewegung mit einem starken Mann an ihrer Spitze, der ohne Angabe von Gründen und ohne Einspruchsmöglichkeit Mitglieder hinauswirft, wenn sie ihm persönlich nicht in den Kram passen. Weniger bekannt ist auch, dass 5SB für den Euroaustritt und gegen die Vergabe der Staatsbürgerschaft an Kinder von Zuwanderern eintritt.

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19 replies on “Entscheidungshilfe Parlamentswahl.”

Bella idea! Davvero: credo che ricordare le precedenti esternazioni dei vari partiti ed esponenti, al netto delle solite sviolinate da campagna elettorale è davvero un buon servizio per l’opinione pubblica.
Purtroppo, per me la nota amara è la solita: non c’è nessuno da votare. Di sicuro Kronbichler non lo voterò mai perchè mi pare nè più nè meno il classico Nestbeschmutzer: pare più mosso dalla voglia di parlare male che da una genuina sete di verità . La SVP è impresentabile per una serie di motivi che vanno dall’arroganza, all’asservimento a Roma, passando per molte sfaccettature del System-Südtirol. I Freiheitlichen sono di destra e la destra mi fa schifo. E’ contro natura votarli.
Il PD è anche di destra, anche se dire la verità  pare oggi una bestemmia. Anzi, è il vero nemico delle politiche di sinistra. E’ in sostanza il partito che salverà  il culo alla borghesia: darà  qualche briciola alle fasce popolari in modo da poter lasciare intatti i grandi interessi (rendita, speculazione…). Casta compresa.

Se non dovessi votare a Gargazzone, dove conosco gli scrutinatori, che mi maledirebbero per i casini che gli farei passare, andrei al seggio e brucerei la scheda per protesta. Davvero.

Purtroppo, per me la nota amara è la solita: non c’è nessuno da votare.

Dann bleibt vielleicht nur noch taktisch gegen den Status quo zu wählen?

Oh! Wahlzettel verbrennen…. daran hatte ich noch nie gedacht.:-)
War selbst mal Stimmenzähler, hab aber keine Ahnung, wie so eine Situation gehandhabt wird. Kriegt man da einen Ersatzzettel? Ist das strafbar?

Buon giorno,
sono nata a Bolzano, amo la mia città  e ancor di più chi politicamente parlando e non solo ama la propria Heimat e l’Autonomia, speciale come la nostra.
Detto questo sarò breve e concisa.
I miei nonni, anche se di madre lingua italiana erano al tempo sotto il dominio austro/ungarico ed io amo questa terra e chi ha dato il proprio sangue proprio per ciò che L’Alto Adige é per gli altoatesini, per l’Europa e per il mondo stesso.
Perchè ricevo la richiesta di un possibile mio voto aLLa SVP nella cassetta postale solo in tedesco? Grazie ma così non va. Grazie

@Norma

Vielleicht weil die SVP eine deutsche Partei ist? Oder wundern Sie sich auch, wenn Sie die Wahlwerbung von Berlusconi nur auf italienisch bekommen?
Ich lese, spreche und verstehe beide Sprachen, also soll doch jede Partei die Sprache benutzen, die sie will, denn ich glaube alle Südtiroler sollten mittlerweile so weit sein, beide Sprachen zu verstehen und auch zu benutzen.

Jonny

Wenn du in Bozen geboren bist, deine Stadt und dieses Land so liebst, wie du schreibst, solltest du eigentlich mit deutschsprachiger Wahlwerbung kein Problem haben.

… hat jemand die heutige Sendung ( Rai-Sender-Bz- Parlamentswahlen 2013) mitgeschnitten ? die spricht bände.

Was meinst du? Das Mittagsmagazin im Radio des Sender Bozen? Das war ein intellektueller Tiefpunkt sondergleichen.

Was meinst du? Das Mittagsmagazin im Radio des Sender Bozen? Das war ein intellektueller Tiefpunkt sondergleichen.

Nein, die TV Aufzeichnung. Wo die einzelnen Kanidaten die Möglichkeit hatten sich vorzustellen.

wieso? was war?

Die (und damit meine ich alle) waren nicht in der Lage zu sprechen.

Ich könnte auch schreiben waren nicht in der Lage einen kohärent Satz zu formulieren, auf Fragen zu antworten, sich angemessen zu präsentieren … aber, das wär schon eine Verharmlosung. Es ist keine Polemik, wenn ich sage: die können nicht sprechen.

Ich war peinlich berührt, hab mich als Wähler beleidigt gefühlt und hatte eine richtige Wut im Bauch.

Im Mittagsmagazin haben die Senatskandidaten im Wahlkreis Ost diskutiert. Berger (SVP), Heiss (in Vertretung von Costa, Grüne), Fortini (Cinque stelle), Manco (PD), Tarfusser (Monti), Pichler (Freiheitliche), Smarra (L’Alto Adige nel cuore). Was da so alles vom Stapel gelassen wurde, unter anderem zum Brennerbasistunnel war bestenfalls Stammtischniveau.

Also Simon, dann hole ich mir bei dir einen Rat, als Entscheidungshilfe sozusagen.
Ich möchte eine Partei wählen, die ökologisch und sozialdemokratisch denkt, die als Ziel ein interethnisches Südtirol alla BBD in ihrem Wahlprogramm hat,
die pro-europäisch ist, aber dennoch kritisch gegenüber der Eurorettung, ich möchte eine Partei wählen, die es nicht gibt, oder??

Ja, das möchtest du. Das möchte ich auch. Aber so ist es nun mal in der repräsentativen Demokratie… man muss ziemlich oft das geringere Übel wählen. Nur wenn man selbst ins Parlament geht und sich nicht vertreten lässt, hat man die Möglichkeit, all seine Positionen unverfälscht zu vertreten (es sei denn, es gibt Fraktionszwang, dann wird das wieder nichts).

Wobei es schon stimmt, dass es in Südtirol links der Mitte ein gewisses Vakuum gibt. Ganz besonders für Unabhängigkeitsbefürworter.

Da es so etwas noch nicht gibt, müsste man es eben selbst machen. Noch wäre es nicht zu spät für die Landtagswahlen. Gib dir einen Ruck, Simon! Ich bin sicher es wäre für viele die Alternative auf die sie schon lange warten!

Ja, es ist ein Jammer, wenn man bei jeder Wahlmöglichkeit ein mehr oder weniger schwerwiegendes Übel mit in Kauf nehmen muss.
Eine politische Bewegung, die in etwa die Grundsätze der BBD vertritt, könnte tatsächlich eine Lücke füllen und letztlich auch verbindend zwischen verschiedenen Strömungen wirken.

… ein normales Parteienspektrum kann man sich als Minderheit “nicht leisten”! – Als selbstbestimmte EuropaRegion hingegen könnte man sich umgehend mit demokratischen Spielregeln, mit einer ordentlichen Parteienlandschaft, mehreren Sprachen-Schultypen und bei entsprechender Sprachenkompetenz, der Abschaffung des Proporzes entgegenblicken!
Die verdienstvolle “AutonomiePartei” müsste sich halt darauf einlassen wollen und sich nicht in alle Zukunft aufs Autonomie-retten-wollen verbeißen!

Ich möchte eine Partei wählen, die ökologisch und sozialdemokratisch denkt, die als Ziel ein interethnisches Südtirol alla BBD in ihrem Wahlprogramm hat

Dai, non disperare! Ce n’è per tutte le esigenze:in cambio del tuo partito inesistente possiamo offrirti un partito ecologista con candidati visceralmente contrari all’indipendenza. Altrimenti ce ne sono pro indipendenza che sono tutto meno che socialdemocratici.
Oppure c’è Berlusconi, che come idee non è granchè, però in omaggio ti porta il rimborso dell’IMU… finora però il più autorevole tra i candidati provinciali è Oscar Ferrari!

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