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  • Römische Trickserei.

    Wie viel die Abkömmchen wert sind, die unser Landeshauptmann mit der Zentralregierung auspaktelt, zeigt sich in regelmäßigen Abständen. Zuerst wurde in Rom ein Haushaltsgesetz eingebracht, welches dem Inhalt des Mailänder Abkommens widersprach. Südtirol hätte damit doppelt zur Kasse gebeten werden sollen. Erst im letzten Moment konnte dies abgewendet werden, die SVP-Abgeordneten bedankten sich überschwänglich — dafür, dass eine Vereinbarung eingehalten wurde. Müsste das nicht selbstverständlich sein?

    Das Durnwalder-Fitto-Abkommen sollte angeblich verhindern, dass alle Flurnamen laut Tolomei-Fibel übersetzt werden müssen. Landeshauptmann und Dolomiten jubelten unisono: »Sag Adieu zur Vetta d’Italia«. Das war kurz darauf vergessen, denn italienische Medien und Politiker machten darauf aufmerksam, dass das italienische Wort »località« nicht mit »Ortschaften« übersetzbar sei, Durnwalder somit gar nicht verstanden habe, was er unterschrieb. Das Ergebnis der Ortsnamenkommission (in der Staat und Land gemeinsam eine Zuständigkeit wahrnehmen, die allein dem Land vorbehalten wäre) liegt noch nicht vor, doch eines scheint sicher: Die Vetta bleibt. Andernfalls gäbe es schließlich keinen Zweifel, ob der Lausitzer Höhenweg mit Alta Via Vetta d’Italia zu übersetzen sei oder nicht.

    Kürzlich erlangten die Südtiroler Abgeordneten in Rom die Zusage des Kulturministers, die sogenannten faschistischen Relikte nach über 60 Jahren »entschärfen« zu dürfen. In einem Brief bestätigte das Minister Bondi dem Landeshauptmann schriftlich. Vor wenigen Tagen jedoch kam die Absage des Verteidigungsministers. Eine Entschärfung des Mussolini-Reliefs wäre vorstellbar, Siegesdenkmal und Beinhäuser müssten jedoch bleiben, wie sie sind, ließ Rechtsaußen Ignazio Benito La Russa mitteilen. Jetzt soll der Kulturminister auch noch zurücktreten, womit seine Zusage womöglich wertlos wird.

    Die neueste Botschaft wurde erst gestern bekannt: Einstimmig hat der Ministerrat beschlossen, die vom Landtag verabschiedete IRPEF-Befreiung für Geringverdiener anzufechten. Obwohl diese Möglichkeit im Mailänder Abkommen festgeschrieben wurde. Und obwohl Italien dabei ist, den Steuerföderalismus einzuführen.

    Cëla enghe: 01



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  • Zeichentrickserie auf Ladinisch.

    Heute Abend wird um 20.45 Uhr im Rai Sender Bozen – Rai Ladina die erste von 26 Folgen eines Zeichentrickfilms (Louf Albert) in ladinischer Sprache ausgestrahlt. Dies kann auch für Kinder und Erwachsene nichtladinischer Muttersprache eine Gelegenheit sein, sich der ältesten und kleinsten Landessprache auf lockere Art zu nähern.

    Gestartet wurde dieses Projekt vom Comun General de Fascia; es wird außerdem von der Union Generela di Ladins, den Kulturinstituten Majon di Fascegn, Cesa de Jan und Micurà de Rü sowie der Region Trentino-Südtirol unterstützt.

    Cëla enghe: 01



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  • (Tatsächliche) Schieflage.

    Obwohl die Kette (außerhalb Österreichs) nur in Südtirol vertreten ist, werden in MPreis-Märkten derzeit für Treuepunkte nur Sammelpässe in italienischer Sprache ausgegeben. MPreis teilt dazu mit, es handle sich um ein Versehen, man werde nachbessern. Zurückzuführen sei dieses Missgeschick auf eine »Behörden-Ermahnung«, die Pässe müssten »auch die italienische Beschreibung beinhalten«.

    Es gibt also nicht nur Gesetze, die (nicht für Inhaltsangaben oder Gefahrenhinweise, sondern vergleichsweise belanglose Dinge wie Sammelpässe) die italienische Sprache vorschreiben — sie werden auch sehr emsig auf Einhaltung überwacht. In Südtirol geschieht dies zu Lasten der deutschen und der ladinischen Sprache, da diese im Privatsektor von keinem Gesetz geschützt werden. Gleichzeitig sorgen die Behörden auch dort nicht für Gleichberechtigung, wo eine Verpflichtung dazu bestünde. Als Beispiel sei wie immer der eklatante Fall der Packungsbeilagen von Medikamenten genannt, der dem Vergleich mit einem Sammelpass wohl problemlos standhalten dürfte.

    hat regelmäßig auf die Notwendigkeit eines Konsumentenschutzgesetzes hingewiesen, das sämtliche Landessprachen berücksichtigt. Bislang wurde dies unter anderem mit dem Hinweis abgelehnt, man dürfe Privaten nichts vorschreiben, der Markt regle das von selbst. Wie der beschriebene Vorfall zeigt, werden Privaten jedoch — einseitig! — bereits strikte Vorschriften gemacht, der Markt wäre also selbst dann nicht frei, sich selbst zu regeln, wenn er es könnte und wollte.

    Das ist weder positive Diskriminierung (affirmative action) noch Gleichberechtigung, sondern schlicht und ergreifend: eine Benachteiligung der Minderheitensprachen.

    Cëla enghe: 01 02 || 01



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  • Politisches Moralgefälle.

    Heute ist der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor (Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und) zu Guttenberg von allen politischen Ämtern zurückgetreten. Vor rund 14 Tagen warden erstmals Plagiatsvorwürfe im Zusammenhang mit seiner Doktorarbeit öffentlich, welche 2007 von der Universität Bayreuth — nach eher mäßigem Studienerfolg — mit summa cum laude bewertet worden war. Der Plagiatsverdacht erhärtete und verschärfte sich von Tag zu Tag, sodass sich der CSU-Politiker in mehreren Etappen zu Eingeständnissen gezwungen sah.

    Obschon ihm laut Umfragen viele Bürgerinnen nicht die Zustimmung versagten, wurde der politische und mediale Druck zuletzt so groß, dass der adelige Jungsporn zurücktreten musste. Das spricht nicht für ihn — dafür kam diese Entscheidung viel zu spät — sondern für die Integrität der bundesdeutschen Demokratie. Rechtlich gilt für Guttenberg nach wie vor die Unschuldsvermutung; seine eigene Aufforderung, ihm den Doktortitel abzuerkennen kann jedoch politisch als Schuldgeständnis gewertet werden. Nicht zuletzt hatte auch Staatsrechtler Oliver Lepsius, Nachfolger seines Doktorvaters, schwere Vorwürfe gegen Guttenberg erhoben. Jetzt will der Minister a. D. (falls überhaupt erforderlich) seine parlamentarische Immunität aufheben lassen, um sich den Fragen der Staatsanwaltschaft stellen zu können.

    Der Unterschied zur politischen »Kultur« in Italien könnte eklatanter kaum sein.



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  • Friedliche Demokratie.
    Quotation

    Es [hat] zwischen Demokratien — obwohl die Anzahl der Demokratien immer weiter aufgewachsen ist — […] bis heute noch nie einen Krieg gegeben […]. Das heißt […] Demokratien führen gegeineinander keinen Krieg. Aber unter der Bedingung, dass die Menschen wissen: Was sind die Ziele und was sind die Mittel.

    Julian Nida-Rümelin, Philosoph, Sternstunde Philosophie (SRF) zum Thema »Wikileaks und Whistleblowing«, 3sat, 27.02.2011

    Ein erstaunlicher Zusammenhang, der mir nicht bewusst war.



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  • Alcide Berloffa.

    Dopo Silvius Magnago e Alfons Benedikter ci lascia un altro artefice dell’autonomia sudtirolese. Cresciuto a Bolzano, con la sua incredibile lungimiranza diede un contributo decisivo alla definizione del pacchetto, come membro di varie commissioni (dei diciannove, dei sei e dei dodici), ma soprattutto come anello di giunzione tra la politica sudtirolese e personaggi di spicco della politica romana (tra i quali Aldo Moro e Giulio Andreotti) — meritandosi l’appellativo di «padre italiano dell’autonomia». Non a caso fu il primo tirolese di lingua italiana a essere insignito dell’Ehrenzeichen des Landes Tirol.

    Il susseguirsi, in un lasso di tempo condensatissimo, di decessi di persone indissolubilmente legate alla nascita e allo sviluppo dell’autonomia, simbolegga in modo impressionante la chiusura di un’epoca fondamentale della vita politica e sociale sudtirolese e la necessità  di aprire una nuova fase.



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  • Den Duce in den Untergrund.
    Ein Gegenvorschlag zum Appell der 40 Historiker


    Der Appell der rund 40 Historiker zur Historisierung des Duce-Frieses am Gerichtsplatz, ohne das Werk selbst zu zerstören, war überfällig. Leider kommt er sehr spät, 54 Jahre nach der Vervollständigung des Piffrader-Werks, und erst als Reaktion darauf, dass der Landeshauptmann und der Kulturgüterminister sich einen Ruck gegeben haben und Hand daran legen lassen. So beschwören die Wissenschaftler ihr Wissen und ihre ethische Verantwortung, doch die unkommentierte Botschaft der Kontinuität, die das ganze Ensemble des Gerichtsplatzes Jahrzehnte lang ausgestrahlt hat (inklusive nächtlicher Bestrahlung), scheint nicht gestört zu haben. “Die Monumente der faschistischen Epoche”, schreiben die Historiker, “sollten nicht mehr Ausdruck von Identitäten und als Anstoß von Gegen-Identitäten dienen, sondern endlich radikal und wirkungsvoll historisiert werden.” Gut so, lassen sie denn keinen Zweifel daran, dass ein Denkmal, das den Faschismus verherrlicht, Krieg, Rassismus und Gewalt glorifiziert, anders als bisher einzuordnen gehört. Doch warnen sie eindringlich davor, das Piffrader-Fries zu demontieren und an einen anderen Ort zu verbringen. Informationstafeln sollen genügen. Denkmäler wirken aber, neben der künstlerischen Gestaltung, gerade auch durch Material, Position, Größe und Wucht. Seine Ausmaße und dominante Position an der Fassade des Finanzamtes sind es, die dem Platz das Gepräge eines faschistischen Aufmarschplatzes geben. Nicht von ungefähr werden wort höchst selten Feste, Konzerte oder Märkte abgehalten. Den einzigen Grund für die Nicht-Entfernung, den die Historikergruppe nennt, ist jener, dass eine Abnahme seinen öffentlichen Wert steigern und zum emotionalen Objekt erheben würde. Das klingt so, als würde ein Duce-Denkmal im Museum die Gefühle der Mitbürger beleidigen, hoch oben am öffentlichen Gebäude aber nicht. Da auch bundesdeutsche Historiker diesen Appell mittragen, frage ich, bei welchen nationalsozialistischen Denkmälern man so vorgegangen ist und wo diese stehen. Wenn man solche Vergleiche als unpassend abtut, frage ich weiter, ob nicht auch Mussolinis Verbrechen ausreichen, ihn als Monument aus dem öffentlichen Raum zu verbannen.

    Gerade der Kontext eines Museums oder eines Mahnmals wäre die wirklich deutliche Historisierung, doch das Fries an seinem jetzigen Ort kombiniert mit einer Informationstafel ist kein Mahnmal. Diese Forderung passt wieder nur in eine Tradition der Verharmlosung, die es unseren italienischen Mitbürgern nicht zumutet, einen deutlichen Strich zwischen faschistischer Vergangenheit und der heutigen Werthaltung einer demokratischen Gesellschaft zu ziehen. Zudem gibt es in Bozen keinen Platz, der wirklich im Zeichen eines Mahnmals steht. Im Gegenteil: wenige kleine Denkmäler erinnern an die Verfolgten, die Mauer des SS-Durchgangslagers steht irgendwo weitab, doch zwei große Plätze präsentieren sich genauso,wie sie ihre faschistischen Auftraggeber haben wollten. Überall in der Welt haben sich neue Demokratien von ihren jüngsten Diktatoren distanziert, indem sie deren Selbstverherrlichungszeugnisse entfernten. In Bozen gibt es kein von allen Sprachgruppen gemeinsam getragenes Museum für Zeitgeschichte, und das Finanzamt selbst eignet sich nicht als Gedenkstätte. In dieser Situation muss Distanzierung mindestens bedeuten, den Tätern nicht mehr Gewicht und Sichtbarkeit zu geben als den Opfern: den italienischen Demokraten, den unterworfenen Afrikanern, den deportierten Juden, den überfallenen Nachbarvölkern, den nationalen Minderheiten usw. Berlin hat dem Holocaust-Denkmal einen ganzen Platz gewidmet. Ein bestehendes Denkmal für die Verfolgten auf den Gerichtsplatz zu stellen wäre das Mindeste. Den Piffrader-Duce gleichzeitig in eine öffentlich zugängliche Gruft unterhalb desselben Gebäudes zu versenken und ihn bildlich dem Unheil gegenüberzustellen, das er angerichtet hat, würde einer solchen deutlichen Distanzierung und modernen Erinnerungskultur entsprechen, unter dem Motto: den Duce versenken, aber die Lehren aus dem Faschismus nicht vergessen, und den Platz dem Gedenken seiner Opfer widmen.

    Dieser Artikel ist als Gastkommentar auch in der aktuellen ff (07/2011) erschienen.

    Cëla enghe: 01


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