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  • Nationalunterricht.

    Italien landet im PISA-Vergleich regelmäßig auf den hinteren Rängen. Worauf haben wir also alle gewartet? Genau: Auf den neuen Unterricht in »Staatssymbolik«, bei dem Schulkinder die Nationalhymne lernen, die Flagge schwenken und den Wert des Risorgimento erfahren. Daneben soll analog zum Schulsporttag ein »Schultag der nationalen Einheit, der Verfassung, der Hymne und der Flagge« eingeführt werden. Man kann sich schon bildlich vorstellen, was damit gemeint ist. Der Vorschlag stammt vom PD (2009), wurde vom PDL (2011) übernommen und soll nun gemeinsam beschlossen werden. Was vor allem aus Diktaturen bekannt ist — und uns auch hierzulande aus dem Faschismus in Erinnerung ist — wird also bald wieder Realität: Wenn unsere ausgeweidete Autonomie dies nicht zu verhindern weiß, werden in Hinkunft nicht mehr nur unsere Athleten die Nationalhymne anstimmen müssen.

    Cëla enghe: 01 || 01 02 03



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  • Spieglein, Spieglein…

    Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel widmet dem Südtiroler Separatismus in seiner dieswöchigen Ausgabe einen doppelt einseitigen Bericht: Eine Seite lang und einseitig recherchiert. Um nicht zu sagen: Einfach nur schlecht recherchiert.

    1. Der Separatismus wird vor allem auf die Wirtschaftskrise zurückgeführt. Dabei ist das Wiedererstarken des Sezessionswillens schon seit der Zeit vor 2007 zu beobachten.
    2. Der Unabhängigkeitswille wird auf das europäische Nord-Süd-Gefälle heruntergebrochen, was m.E. völlig an der Realität vorbeiführt (genauso wie die Deutschen nicht für Griechenland zahlen wollen, wollen die Südtiroler angeblich nicht für Italien zahlen).
    3. Der Separatismus wird mit einem Rechtsruck gleichgesetzt, obschon dieser Wille an und für sich unideologisch ist.
    4. Es ist von römischen Kürzungen in Höhe von 120 Millionen Euro die Rede, was nur ein Bruchteil des tatsächlichen Betrags ist.
    5. Die begriffliche Schlamperei (Vollautonomie, Freistaat…), die uns aus der Südtiroler Diskussion bekannt ist, wird — auch vom »Qualitätsmedium« — unkritisch übernommen.


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  • Umdenken mit alten Rezepten.

    Die Südtiroler Wirtschaftszeitung (SWZ) befasst sich in ihrer Ausgabe 08/12 vom 24.02.2012 gleich in zwei Artikeln (»Es ist Zeit zum Umdenken« und »Sprünge mit leerem Beutel«) mit den Kürzungen des Südtiroler Landeshaushaltes und den damit notwendigen Reformen.

    Ausganglage ist die Tatsache, dass der Landeshaushalt 2013 um 600 Millionen Euro und der Landeshaushalt 2014 um 800 Millionen Euro gekürzt werden soll. Dies erfordert in Südtirol ein radikales Umdenken und auch »heilige Kühe« dürften nicht verschont werden. Besonders die Kapitel Bildung, Gesundheit und Verwaltung sollten auf den Prüfstand und gekürzt werden. Die Südtiroler Wirtschaft sei zu wenig konkurrenzfähig, die Produktivität zu gering und das »Land der Seligen« werde alsbald auf dem Boden der Realität landen.

    In beiden Artikeln erstaunen einige Punkte:

    1) Die Frage nach dem Warum für die Kürzungen im Landeshaushalt in der Größenordnung von stolzen 800 Millionen Euro im Jahre 2014 wird nicht gestellt.

    Keine Silbe Kritik gegenüber Rom und auch keine kritischen Fragen, was Südtirol für diese drastischen Kürzungen eigentlich erhält. Die Reformen von Mario Monti scheinen dem Teil der Südtiroler Gesellschaft, der sich meist allumfassend als »die Wirtschaft« bezeichnet, relativ gut ins zusehends neoliberal gefärbte Weltbild zu passen. Dass Südtirol entsprechend seiner Wirtschaftskraft und somit überproportional zur Tilgung der italienischen Staatsschulden beitragen muss, wird als gottgegeben hingenommen. Ebenso wird es nicht thematisiert, dass es augenscheinlich zu Verletzungen des Autonomiestatutes und des Mailänder Abkommens kommt – fast verdichtet sich der Eindruck, die Konsequenz, mit der Monti seine Maßnahmen durchzieht, wird kritiklos bewundert. »Der Staat ringt finanziell um sein Überleben, und die Regierung Monti scheint gewillt, ihre drastischen Maßnahmen ohne große Rücksichten durchzusetzen, wobei sie nicht einmal vor Verstößen gegen bestehende Normen zurückschreckt, wie manche Bestimmungen der Notmaßnahmen zeigen, die ohne einen Blick auf die Finanzregeln des Autonomiestatuts laut Mailänder Abkommen erlassen wurden.«

    2) Die Frage, ob sich Südtirols Landeshaushalt selbst trägt wird ebenfalls nicht gestellt.

    Von einer Zeitung, die wirtschaftspolitische Kompetenz vorgibt, wäre diese elementare Frage eigentlich zu erwarten.
    Es ist wirtschaftlich ein signifikanter Unterschied, ob der Südtiroler Wirtschaft durch externe Faktoren (Geldtransfer nach Italien) Geld entzogen wird, oder ob Südtirols Wirtschaft generell über den Verhältnissen, auf Kosten Roms, lebt, da die öffentlichen Ausgaben nicht durch entsprechende eigene Steuereinnahmen gedeckt werden.

    Eine Studie der Handelskammer kam vor einem Jahr zum Ergebnis, dass sich Südtirols Ausgaben durch eigene Steuereinnahmen decken.

    3) Die Frage, warum die italienischen Sparmaßnahmen nicht sinnvollerweise zur Forderung nach vollständiger Finanzhoheit führen, wird ebenfalls nicht gestellt.

    Im Zuge dieser Verhandlungen müsste Südtirols Anteil an den italienischen Staatsschulden ermittelt werden. So wie es derzeit aussieht wird der Landeshaushalt ohne Gegenleistung von Rom geplündert. Es ist eine völlig andere Situation, wenn es Kürzungen gibt, aber diese in eine Form der vollständigen Finanzhoheit, mit dem Ziel der völligen Schuldenfreiheit gegenüber Rom, eingebettet werden.

    4) Was ist das Ziel der von »der Wirtschaft« geforderten Änderungen in Südtirol?

    Hier werden zwar einige Themen angesprochen, die tatsächlich eine Vertiefung verdienen (geringe Ausgaben für Forschung, relativ wenige Betriebe, die AkademikerInnen attraktive Jobs bieten, anscheinend geringe Konkurrenzfähigkeit von Südtirols Betrieben usw.), trotzdem bleiben die Forderungen der »Wirtschaft« eher nebulös. Vor allem gibt es keine Ansätze, die Alternativen zur generellen Krise des kapitalistischen Modells erkennen lassen. Wenn Südtirols Wirtschaft über Weitblick verfügt, dann muss vor allem ein Umdenken in den Bereichen Nachhaltigkeit im ökologischen und sozialen Sinne thematisiert werden. Stärken in diesen Bereichen werden in Zukunft verstärkt ein Standortfaktor sein. Diesbezüglich ist den vagen Forderungen nichts zu entnehmen.

    Zusammenfassend kann festgestellt werden, das die SWZ zwar einen Wandel beschwört, der in etlichen Bereichen, aber mit alten Rezepten, kombiniert mit neoliberalen Elementen forciert werden soll. Der Landeshaushalt sollte Kürzungen vor allem in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Verwaltung erleben. Ziel bleibt ein Wirtschaftswachstum im traditionellen Sinne – ein Wachstum, das sich verstärkt um einen ökologischen Umbau und sozialen Ausgleich bemüht ist nicht Teil der Agenda.

    Das Verhältnis Südtirol-Rom wird in keiner Weise kritisch hinterfragt. Dies ist verwunderlich, da »die Wirtschaft« sich ja augenscheinlich an drastischen Änderungen und Reformen, die uns von außen aufgezwungen werden, erfreut. Für die Auslotung der Chancen für eine unabhängiges oder wirklich vollautonomes Südtirol, dessen Regeln von innen definiert und austariert werden, reicht die Reformphantasie derzeit noch nicht.



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  • Jagdgesetz angefochten.

    Bereits kurz nach seiner Vereidigung focht Montis Kabinett — unmittelbar vor Weihnachten — das Südtiroler Zuwanderungsgesetz vor dem Verfassungsgericht an. Seitdem hat sich die autonomiefeindliche Gesinnung der angeblich technischen Regierung in zahlreichen Akten bestätigt. Nun wurde sogar beschlossen, gegen einige Punkte des Südtiroler Jagdgesetzes vor das Höchstgericht zu ziehen, weil es den staatlichen Normen widerspricht. So ist in Südtirol die Taubenjagd in den Städten untersagt, einzelne Jagdperioden unterscheiden sich von denen auf dem übrigen Staatsgebiet. Diese Anfechtung ist ein erneuter Qualitätssprung in der römischen Autonomiebelagerung: Schließlich hat Südtirol, anders als etwa bei der Zuwanderung, auf dem Gebiet der Jagd primäre Gesetzgebungsbefugnis, die Zentralregierung hätte somit kein Mitspracherecht. Selbst wenn das Verfassungsgericht dem Land Recht gibt, kommen in Form von Anwaltsspesen erneut Kosten auf den Südtiroler Steuerzahler zu, der von Rom per Sparpaket bereits über Gebühr zur Kasse gebeten wird.

    Cëla enghe: 01 02

    *) Andererseits wurde hier bereits bemängelt, dass selbst diese Befugnisse ausgehöhlt werden können, wenn Rom ein nationales Interesse nachweisen kann. Völlig anachronistisch.



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  • …über alles?
    Quotation

    Nell’ultima partita del torneo la Germania si porta avanti di due gol. Siamo lontanissimi dalla storia: quarantadue anni fa l’1-0 lo segnò Boninsegna all’8’ e l’1-1 arrivò solo al 90’ con Schnellinger. Che fa quasi rima con Fischnaller. Cognome tedesco, anzi tirolese. Arriva da Bolzano, veste l’azzurro e canta l’inno di Mameli, non “Deutschland über alles”.

    La Gazzetta dello Sport, 29. Februar 2012

    Cëla enghe: 01



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  • Das Prinzip der Verjährung ist verjährt.

    Nicht erst seit der neuerlichen Einstellung eines Verfahrens gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi wegen Verjährung stellt sich die Frage, was dieses Prinzip überhaupt bringen soll und welches Signal dadurch der Gesellschaft gegeben wird.

    Vor Gericht gilt die Regel »in dubio pro reo« (im Zweifel für den Angeklagten) — und das ist gut so. Wenn auch nur der geringste Zweifel an der Schuld eines Angeklagten besteht, darf er oder sie nicht verurteilt werden. Die zeitliche Distanz, in der ein Delikt begangen wurde, ist in diesem Zusammenhang doch nicht relevant. Je länger ein Verbrechen zurück liegt, desto größer ist sogar die Wahrscheinlichkeit, dass man die Schuld eben nicht zweifelsfrei feststellen kann. Ein Vorteil also, für einen potentiellen Gesetzesbrecher. Dennoch vermag die moderne Forensik, eindeutige Beweise auch noch nach Jahren bzw. Jahrzehnten zu liefern.

    Warum also jemand bei eindeutiger Beweislage für einen Rechtsbruch auch nicht noch nach Jahren verurteilt werden kann, ist mir schleierhaft. Im Prinzip heißt Verjährung nichts anderes, als dass jemand belohnt wird, der es geschafft hat, sich lange genug der Verfolgung durch die Justiz zu entziehen. Während jemand, der sich freiwillig stellt, zwar mildernde Umstände erfährt, aber dennoch bestraft wird. Der Reuige zahlt also drauf, während der Drückeberger der vermeintlich Schlaue ist. Perverser Gerechtigkeitssinn.



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  • Justiz-Triveneto.

    Die Regierung Monti will sogenannte Unternehmensgerichte einrichten, die sich — der Name verräts — auf Unternehmensrecht spezialisieren, die herkömmliche Justiz entlasten und Handelstreibenden mehr Rechtssicherheit garantieren sollen.

    Zunächst war ein solches Gericht in Trient geplant, mit Verweis auf die Mehrsprachigkeit und die jahrhundertealte Tradition der Stadt Bozen machte sich Senator Oskar Peterlini (SVP) für einen eigenen Sitz in Südtirol stark. Er wurde in seinem Bestreben von der Handels- und der Anwaltskammer unterstützt.

    Nun hat Justizministerin Paola Severino entschieden, dass für die gesamte Region (Südtirol und Trentino) das Unternehmensgericht von Venedig zuständig sein wird. Vom Standortnachteil einmal abgesehen, den sich unser Land damit einhandelt (Zugang zur Justiz und somit Rechtssicherheit lassen grüßen), weckt diese Neuordnung Erinnerungen an die faschistische Großregion Triveneto (»Drei Venetien«). Sie wird diesmal von der minderheitenfeindlichen1O-Ton Oskar Peterlini Monti-Regierung zwar vordergründig aus Effizienz- und Spargründen zum Leben erweckt, könnte aber für den Gebrauch der Muttersprache ähnliche Folgen haben, wie damals schon. Einen Anspruch auf Verfahren in deutscher Sprache wird es in Venedig nämlich aller Voraussicht nach nicht geben.

    Cëla enghe: 01

    • 1
      O-Ton Oskar Peterlini


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