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  • Krieg ohne Krieg.

    Wie berichtet war ich gestern bei der von SH und Bozner Stadtarchiv organisierten Tagung zum Thema Militarismus im öffentlichen Raum und möchte mich hier kurz damit befassen. Die Vorträge der drei Hauptredner, Lucy Riall (London), Marco Mondini (Trient) und Hans Heiss (Brixen) waren insgesamt hervorragend; zum Glück war das Publikum entsprechend zahlreich und zum Teil »hochkarätig« besetzt.

    Riall ist Risorgimento-Expertin und hat einleuchtend dargelegt, warum die italienische Einigungsbewegung in den Augen vieler in- und ausländischer Zeitgenossen — aber auch vieler Historiker — meist nicht mit einer militärischen Kampagne in Verbindung gebracht wird, obwohl sie es zweifellos war: Einerseits fehlten den damaligen Kämpfern viele äußerliche Eigenschaften eines Heeres, nämlich einheitliche Uniformen, Disziplin und Gehorsam. Es handelte sich vielmehr um Freiwillige, die an der Seite oder sogar anstatt der regulären Truppen kämpften. Außerdem war der Risorgimento gerade nicht von offiziellen Institutionen ausgegangen, wie in vielen anderen Ländern, sondern sogar im »revolutionären« Widerstand gegen diese, denen die Kämpfer Untätigkeit, Korruption und Dekadenz vorwarfen (deshalb auch »Wiedererstehung«). Mich beschleicht dabei der Eindruck, dass die Unterschätzung italienischer Gräueltaten — namentlich im Faschismus — durch ausländische Beobachter und Historiker im Grunde auch auf diese Zeit zurückgeht, als dem Italiener Eigenschaften wie weiblich, nicht kriegsfähig, faul angedichtet wurden.

    Hans Heiss hat einen weniger historischen, als politischen Vortrag gehalten, der mir zwar sehr gut gefallen hat — er hat als Gegenpol zu martialischen Veranstaltungen mehr zivilgesellschaftliches Engagement gefordert — bei dem es dann aber doch zu einer weitgehenden Gleichsetzung von Alpini und Schützen gekommen ist. Dazu möchte ich einige Punkte anbringen, die ich gestern aufgrund der Kürze der anschließenden Diskussion nicht äußern konnte:

    Heiss hat den Schützen zuerkannt, sich glaubwürdig von Faschismus und Nationalsozialismus distanziert zu haben. So weit würde ich nicht gehen. Ich glaube zwar auch, dass breite Teile des Vereins (und wohl seine gesamte Spitze) diese Lektion verinnerlicht haben, das muss aber erst noch in eine konkrete und auch nach außen gerichtete Aufarbeitung münden.

    Nichtsdestotrotz hat Heiss die Schützen mit den Alpini verglichen, indem er in seinem Diskurs jeweils eine Aussage oder Wertung über die einen einer Aussage über die anderen gegenübergestellt hat. So kritisch ich den Schützen auch gegenüberstehe, kann man — wie hier schon oft geschrieben wurde — ein aktives Heer nicht mit einem (durchaus politisierten, polarisierenden und martialisch auftretenden) Traditionsverein vergleichen. Es würde wohl auch niemandem einfallen, die Schützen mit der Wehrmacht zu vergleichen. Doch die Alpini haben (wie Heiss übrigens anschaulich dargestellt hat) eine ähnliche — wenngleich wohl nicht gleich umfassende — Geschichte, wie die Wehrmacht. Es wäre (am Rande erwähnt) undenkbar, dass in Deutschland eine Ausstellung über die Geschichte des Heeres derart verharmlosende Aussagen über die Zeit der Diktatur beinhaltet, wie sie in »unserer« Landesausstellung vorkommen*.

    Die Schützen waren selbst zu aktiven Zeiten vor allem für die Landesverteidigung zuständig, während sich die Alpini an Angriffskriegen beteiligt und Kriegsverbrechen begangen haben. Da verbietet es sich auch, diese Tatsache damit zu vergleichen, dass in den Schützen lange — viel zu lange — Altnazis mit ihren Kriegsmedaillen akzeptiert und angesehen waren. Das kann, nein muss man kritisieren (und das müssen die Schützen erst noch vollständig aufarbeiten, wie ich im Unterschied zu Hans Heiss glaube), doch etwaige Verbrechen wurden nicht von den Schützen als solchen, sondern von einzelnen Mitgliedern außerhalb des Vereins begangen. Das eine hat qualitativ mit dem anderen rein gar nichts zu tun.

    Ich bleibe also der Meinung, dass wir uns darauf beschränken sollten, beide Realitäten getrennt voneinander zu beurteilen, einzuordnen und zu kritisieren, anstatt sie immer wieder über einen Kamm zu scheren. Selbst wenn wir, wie Heiss es legitimerweise gemacht hat, die (wenigen) Dinge anprangern möchten, die beide auf den ersten Blick gemein haben.

    *) Man stelle sich nur vor, analog zum Satz »Ende 1935 bricht der Krieg in Afrika aus« (Alpini-Ausstellung) stünde in einer Wehrmachtausstellung »Ende 1939 bricht der Krieg in Polen aus« (anstatt »Deutschland überfällt Polen«), als wäre der erste nicht von den Faschisten und der zweite nicht von Hitlerdeutschland vom Zaun gebrochen worden (niwo).



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  • Werbeveranstaltung für die Alpini.

    Ich habe heute zwei militäraffine Veranstaltungen besucht: Die Landesausstellung über die Alpini im Kulturzentrum Trevi und die von Südtiroler HochschülerInnenschaft und Bozner Stadtarchiv organsierte Tagung mit dem Titel Militär ohne Krieg. Da ich über letzteres noch einmal schlafen möchte, bevor ich ggf. davon berichte, werde ich anhand einiger — vielsagender — Zitate die Ausstellung »abarbeiten«.

    Direkt am Eingang der Ausstellung im Untergeschoss prangt groß und völlig unkommentiert (also implizit billigend) folgendes martialisches Zitat:

    Der Sinn für Ehre und Mut, die moralische Integrität und die Widerstandsfähigkeit, großzügige Traditionen und eine gesunde Liebe zur Heimat, darauf gründet der Mythos der Alpini … Die Alpini können sich auf ein Kulturerbe berufen, das wunderbare Seiten der Literatur inspiriert hat (von Hemingways In einem anderen Land, den Kriegsreportagen von Kipling, vom Tagebuch an der russischen Front von Rigoni Stern bis zu den Erzählungen von Bedeschi), und bis heute stehen sie bereit, bei Naturkatastrophen und humanitären Krisen (ob beim Erdbeben im Friaul, in Irpinien oder den Abruzzen) zu intervenieren unter dem Motto «Ehret die Toten, indem ihr den Lebenden helft!».

    – Andrea Zanzotto

    Zanzotto war zwar ein Dichter und Widerstandskämpfer, doch das bedeutet offensichtlich nicht, dass er dem Militär abgeneigt war — ganz im Gegenteil. Das bestätigt ein weiteres Zitat von ihm, das auf einem Bildschirm präsentiert wird:

    Wenn ich die Einheiten der Alpini brüderlich auf Paraden defilieren sehe, übermannt mich verwirrend der Geruch der Berge. Gerne würde ich bei ihnen sein.

    Die Texte, die auf den Bildschirmen im Weiteren die Geschichte der Alpini beschreiben, sind ebenfalls sehr befremdlich. Einige Beispiele:

    Bereits in den ersten Nachkriegsjahren (1918-1919) arbeiten die Alpini an der Wiederherstellung der Verkehrswege. Es werden Brücken und Straßen im Vinschgau, dem Martelltal, dem Passeiertal, dem Grödnertal, dem Eggental, dem Eisacktal und dem Pustertal gebaut.

    Dass Südtirol damals noch gar nicht offiziell zu Italien gehörte oder dass die Alpini — gegen den Willen der breiten Bevölkerung — ein sprachlich und kulturell völlig fremdes Land besetzten, wird genausowenig erwähnt, wie die Tatsache, dass der Wiederaufbau in jedem Fall stattzufinden hatte, egal, ob Südtirol bei Österreich oder bei Italien war. Im Grunde haben die Alpini nichts Besonderes geleistet, sondern nur Teile der Infrastruktur wiederhergestellt, die (unter anderem von ihnen selbst) im Krieg zerstört worden war.

    Dank des Einsatzes des 2. Pionierregiments werden in den Jahren 1970/71 die Talferwiesen gebaut und 1978 baut das Pionierbataillon Iseo die beiden Bailey-Brücken über die Talfer, um so die Renovierung der alten Brücke zu ermöglichen.

    Ganz egal was die Rolle der Alpini bei der Gewinnung der Talferwiesen war — hier wird die Mitarbeit anderer völlig verneint oder zumindest verschwiegen. Wiederum gilt, wie auch Hans Heiss in seinem heutigen Vortrag an der Uni gut herausgearbeitet hat, zu unterstreichen, dass die Alpini nur ihre Pflicht als mit Steuergeld finanzierte »Behörde« erfüllt haben. Vielmehr müsste man sich eventuell fragen, warum zivile Institutionen nicht in der Lage waren, ihren Aufgaben nachzukommen.

    Mit einem Zeitsprung geht es noch einmal rückwärts in die dreißiger Jahre:

    Die dreißiger Jahre enden mit der Einweihung (1938) der beiden bedeutendsten Denkmäler für die Alpini. Anwesend ist dabei Prinz Humbert von Savoyen.

    Das erste Denkmal befindet sich in Bruneck und ist den Gefallenen der Division Pusteria gewidmet. Das zweite befindet sich in Meran und ist den Alpini des 5. Regiments gewidmet, das von Mailand in die neuen Kasernen in der Passerstadt verlegt worden ist.

    Wiederum kein kritisches Wort und auch keine Erklärung, was etwa die Division Pusteria war und »geleistet« hat. Diese Gleichgültigkeit zieht sich auch durch der Aufzählung der ANA-Präsidenten, wo kein Unterschied zwischen faschistischer Diktatur und Republik gemacht wird:

    Die Präsidenten der Sektion wechseln: Igino de Cao (1928-1933), Sirio Malatesta (1933), Bruno Fassetta (1933-1934), Ferruccio Merlo (1934-1937), Arnaldo Monticelli (1937-1942) und Mario Baggione (1942-1943).

    Die Wiedergeburt der Sektion wird in der Versammlung vom 5. April 1946 beschlossen. In jenem Jahr sitzt der Sektion Edoardo Passerini (1946) vor. Auf ihn folgen Arnaldo Monticelli (1946-1948) und ab 1948 Nino Genesio Barello.

    Nach dem Krieg nehmen die meisten der aufgelösten Gruppen ihre Tätigkeit wieder auf. Es entstehen auch neue Gruppen. Die Sektion trägt nun den Namen “Alto Adige”.

    Geradezu bestürzend ist die Beschreibung von Kriegsereignissen:

    Ende 1935 bricht der Krieg in Afrika aus und es wird die Division Pusteria aufgestellt. Sie besteht aus dem 7. und dem 11. Regiment und dem 5. der Gebirgsartillerie.

    Kriege brechen nicht einfach aus wie Naturereignisse — vielmehr handelte es sich um einen brutalen Angriffskrieg, während dessen das italienische Militär schwere Kriegsverbrechen beging. Dieser Tatsache widmet die Ausstellung keine Silbe.

    In Hinblick auf den Krieg werden die einzelnen Abteilungen verschiedenen Veränderungen und Ergänzungen unterworfen. Die Divisionen Tridentina und Pusteria kämpfen an verschiedenen Fronten Seite an Seite mit den Truppen des Dritten Reichs.

    In Russland kann die Tridentina die berühmte Schlacht von Nikolajewka für sich entscheiden. Es gelingt ihr den Kessel aufzubrechen und tausende Alpini vor dem Tod und der Gefangenschaft [zu] retten.

    Auch der Russlandsfeldzug der Achsenmächte ist ein zerstörerischer Angriffskrieg, doch das ist offensichtlich nicht erwähnenswert. Beschrieben wird nur die angebliche »Heldentat« von Nikolajewka. Das ist keine kritische oder auch nur im weitesten Sinne objektive Beschäftigung mit der Geschichte der Alpini, sondern vielmehr eine Werbeveranstaltung. Ist das die Aufgabe eines Landesamtes?

    Viele der Soldaten der Tridentina, die der Gefangenschaft [durch die Wehrmacht nach 1943] entgehen können, haben sich den Partisanenformationen angeschlossen. Unter den Fiamme Verdi finden wir auch Bruno de Angelis, dem das “Comitato di Liberazione Nazionale Alta Italia” (CLNAI) den Auftrag erteilt, Südtirol auf die Kapitulation der Deutschen vorzubereiten.

    Nahtlos gehen »viele Soldaten« also zum Widerstand über. Andere schließen sich aber auch Mussolinis »Sozialrepublik« RSI an. Wie jüngst auch in der Tageszeitung zu lesen war, hatte das CLN Südtirol auch in der Hinsicht auf die Kapitulation der Deutschen vorzubereiten, dass es besonders darauf achten sollte, dass es unter italienischer Herrschaft bleibt.

    Cëla enghe: 01 02



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  • Feiger Einschüchterungsversuch.

    Heute Nacht ist es zu einem hinterfotzigen Gewaltanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Vintl gekommen, bei dem mittels mehrerer Molotow-Cocktails glücklicherweise nur Sachschäden verursacht wurden. Das ist ein offensichtlich rassistisch motivierter Akt gegen Menschen, die vor untragbaren Zuständen in ihrer Heimat geflüchtet sind, aber auch gegen alle, die eine tolerante, solidarische und inklusivistische Gesellschaft wünschen. Dagegen müssen wir gerade in solchen Augenblicken zusammenstehen, wenn wir es mit der »Freiheit« ernst meinen. Gewalt ist, zumal in einem demokratischen Land, kein legitimes Mittel der Politik — aber vielleicht sollten wir in Hinkunft auch zunächst »harmloser« wirkende Formen von Rassismus und Intoleranz im politischen Alltag deutlicher verurteilen. Sie bieten den Radikalsten einen fruchtbaren Nährboden.



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  • Rätselspaß.

    Auf den ersten Blick sehen diese zwei Titelbilder genau gleich aus. Wenn Sie genau suchen, werden Sie aber einen klitzekleinen Unterschied finden!



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  • The Hong Kong Experience.
    What does it mean to “belong to a nation”?


    by Joachim Prackwieser

    Remember, boy, that behind all these men… behind officers and government, and people even, there is the Country Herself, your Country, and that you belong to her as you belong to your own mother. Stand by her, boy, as you would stand by your mother…!

    (Hale, The Man Without a Country: 35)

    This passage is taken from the short story The Man Without a Country by the American novelist Edward E. Hale [i], which tells the story of a tragic misfit, Lieutenant Philip Nolan, who had renounced his country under oath and, consequently, was sentenced to spend his life at sea, denied returning to his country ever again. Moreover, the verdict ordered his sentinels to never pronounce the name of “his country” or talk about matters concerning it in his presence. However, not embracing the idea of having a country because he never learnt its meaning, the protagonist has not been affected much by his fate for some time. Yet, it didn’t take long before he grew aware that the people surrounding him, mostly navy soldiers, tied many aspects of their life to this concept by now, thus depriving him of any news and information about the place he was born. It was in this condition that he uttered the above quoted advice to the narrator, surrendering himself to the unifying schemes of the era of the nation states. Much like Hale’s protagonist, Hong Kong people have not been bothered by their lack of national identity [ii]; they have not needed this concept until they were confronted by those of their “motherland” China, who indeed possess such an identity. It was from midnight 1 July 1997 on, when Hong Kong was officially returned to China after 150 years under British colonial rule that the Hong Kong people had to cope intensively with this confrontation.

    Before continuing with the period after 1997, a quick glimpse on the origin of the Hong Kong people’s lack of national identity shall be offered. First and foremost, it was a matter of colonial rule to keep them at distance from any national identity whatsoever: Hong Kong’s linkage to China was downplayed to legitimate British rule, yet its bonds to Great Britain were downplayed at the same time to prevent the inhabitants from applying for the right of abode in Great Britain. Second, China’s transformation into a communist state greatly facilitated the Hong Kong people’s dismissal of national identity, as it triggered alienation and a sense of menace among them. Mao’s dictatorship that caused turmoil of hitherto unseen scales, e.g. the Great Leap Forward (1958-62) or the Great Proletarian Cultural Revolution (1966-76) ending in tens of millions of deaths, and from which many sought shelter in the British colony, shaped this “refugee mentality” [iii]. It caused the phenomenon of a one-sided development that can be labelled “market mentality” [iv]: In contrast to the two omnipresent and contradictory discourses in most countries, state and market, the greater part of the Hong Kong people have been moulded by only one discourse – that of the market. Hong Kong’s identity became defined by the loyalty to the global market over any state. At the end of this transformation, having taken place during the 1970s and 80s, money and family were all that mattered and could be trusted. In other words, not survival but choice in terms of consumption with little concern about national identity determined people’s lives from then on. This way of thinking even led to a comprehensive rejection of the mentality of the state.

    Law (in the common law embodiment) and the introduction of what can be labelled “welfare colonialism” played an important role in providing a frame to this mentality: Large scale riots had broken out in the 60s, triggered by severe social inequality which stemmed from the mesmerizing economic boom Hong Kong was experiencing back then. In this period the colonial government’s very right to rule had been questioned. In order to evade this crisis of legitimacy and close the gap with its citizens, the administration could have introduced some form of representative government. As Jones argues, the government engaged instead in a wider process of hegemonic restructuring by introducing a “consultative machinery to provide readier access to government” accompanied by “an impressive programme of welfare colonialism.” [v] The foremost means to achieve this restructuring was the law that acquired a crucial role in ideological terms, by setting new rules of engagement between state and society. Important in this regard is that law, employed this way, provided an alternative channel of redress and more importantly a means of governance, thus avoiding democratic reform.

    Before this background, post-handover Hong Kong has to be read and understood. First of all, the distinction between Hong Kong and Mainland China is apparent in many ways: In Hong Kong mass media and internet are not censored, permanent residency for foreigners is permitted and British rule had a lasting influence on the way of life, core values and the outlook resembling the Western world. Therefore, since 1997 Beijing makes use of different channels to instil the Chinese national identity into the inhabitants of the then instituted Hong Kong Special Administrative Region, a territory under direct supervision of the Central People’s Government. National identity is being taught through mass media, which has been changing its portrayal of Mainland Chinese and China over the past several decades from negative towards very positive and national symbols are omnipresent (e.g. the playing of the Chinese national anthem is mandatory before the news). Another important channel to teach Hongkongers to belong to the country is schooling: different measures have been developed to shape the school children’s image of China as their motherland from kindergarten onwards. However, the inhabitants’ reaction to this endeavour is varied. While some Hongkongers are happy to finally be able to embrace a clear sense of identity, many more insist on their distinctiveness. National identity is often reflected upon critically and consciously, where arguments range from the viewpoint that national belonging involves rediscovering one’s long-lost home and roots to the opinion that national belonging means surrendering to state propaganda (think of Lt Philip Nolan). This attitude is readily proven by several protests and bold lawsuits against the Beijing instituted HKSAR Government in the tradition of law as the channel of redress, placing Hong Kong’s courts into a position of guardians of rule of law and human rights, which they assumed with exigent sense of responsibility. Yet, protests diminish in scale and the courts are not armoured for a longstanding fight against Beijing [vi]. A new form of “belonging to the nation” seems to be coined by the Hong Kong people in recent years, consciously or unconsciously. It is one apparently derived from their inherent market mentality, based on the discourse not of the state but of the market. They shift their allegiance towards the country as they might shift their allegiance towards a consumer product, e.g. a young Hongkonger may define his feelings towards the Chinese national flag in terms of whether it is fashionable or unfashionable like adjudicating on a t-shirt, thus totally disregarding its symbolic significance. Especially in the sphere of business, faith in the national market of China serves as a substitute for faith in the Chinese state. In other words, the market enables an alternative form of loyalty to China.

    Edward Hale was an apologist of the nation state. Therefore, it is no wonder that he lets embrace his protagonist the concept in the end. However, the Hong Kong experience shows that a different and paradoxical form of belonging to a nation is viable, when “Capitalism as Religion” in Walter Benjamin’s reading has been adopted by a society. Benjamin states in this essay that capitalism is a “Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Bezug auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie.” [vii] Capitalism thus permits such a society to reject the Dogmatik and Theologie of the state, yet at the same time to develop bonds to it through a consumerist approach.

    The ensuing questions come intuitively to my mind (while many more could be developed):

    • Can a Hong Kong style market mentality be traced among South-Tyrolese of Austro-Hungarian descent, where “money and family are all that matters and can be trusted”?
    • If this is the case, does it assume a similar role of accepting some and rejecting other symbols representing the Italian state over time, grounding on a consumerist choice (not only symbols like flags but also sports and cultural idiosyncrasy like music, food etc.), while largely rejecting the state as an abstract reference point?
    • Consequently, have these South-Tyrolese already learnt to appertain to the Italian nation to a certain degree as the people of Hong Kong have done to China?
    • Yet, interestingly, more and more South-Tyrolese voice the opinion that South Tyrol should declare independence because Italy’s economic situation endangers South Tyrol’s prosperity. Is this a step beyond the Hong Kong experience (there, China is the prosperous giant supporting Hong Kong, which had been severely struck by the Asian Crisis), i.e. a society based on the market mentality is not only able to adapt to an alien nation, but at the same time can easily renounce this nation when the sine qua non of this mentality, the economy itself, is jeopardised?

    [i] Hale, Edward Everett. The Man Without a Country: And Other Tales. Boston: Roberts Brothers, 1888.

    [ii] National identity is a modern phenomenon that only fully permeated the people when they began to feel that they intrinsically belong to a nation to which they should “naturally” be loyal. Cf. Gellner, Ernest. Nations and Nationalism. Ithaca: Cornell University Press, 1983. According to Eriksen, “urbanization and individualism create a social and cultural vacuum in human lives… Nationalism promises to satisfy some of the same needs that kinship [and religion] was formerly responsible for”. Cf. p. 107 in Eriksen, T. H. Ethnicity and Nationalism: Anthropological Perspectives. London: Pluto Press, 2002.

    [iii] Cf. p. 15 in Mathews, Gordon, Eric Kit-wai Ma and Tai-lok Lui. Hong Kong, China : Learning to Belong to a Nation. Abingdon: Routledge, 2008.

    [iv] Ibid.

    [v] Cf. p. 46 Jones, Carol. “Politics Postponed: Law as a Substitute for Politics in Hong Kong and China.” In Law, Capitalism and Power in Asia : The Rule of Law and Legal Institutions, edited by Kanishka Jayasuriya. London; New York: Routledge, 1999.

    [vi] Art 158 of Hong Kong’s “mini-constitution”, the Basic Law, provides Communist China’s centre of power, the Standing Committee of the National People’s Congress, to have the last say on interpretational issues of the Basic Law, thus deviating considerable influence from Hong Kong’s courts towards Beijing.

    [vii] Benjamin, Walter, Theodor Wiesengrund Adorno, and Gershom Gerhard Scholem. Gesammelte Schriften. 6, [Fragmente vermischten Inhalts – Autobiographische Schriften]. Edited by Rolf Tiedemann and Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1985, pp. 100-102.


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  • Landesgericht verhöhnt Deutschsprachige.

    Bereits vor geraumer Zeit hatte ich angeprangert, dass sich in Südtirol die Justiz — die eigentlich der Missachtung von Gesetzen Einhalt gebieten müsste — über Pflichten wie jener zur Zweisprachigkeit hinwegsetzt. Dass sich seitdem nichts geändert hat, beweist die Webpräsenz des Landesgerichts eindrücklich: Die katastrophale deutschsprachige Version der Seite ist faktisch unbrauchbar. Zu allem Überfluss ist im Disclaimer von »größter Sorgfalt und Aufmerksamkeit« die Rede, was in diesem Kontext nach reinster Verhöhnung klingt.

    Einige Schnappschüsse der deutschen Version (!?) der Homepage:

    Zum Vergrößern anklicken. Hauptseite (oben links); Suchmaske Immobilienversteigerungen (o.r.); Versteigerungskalender (u.l.); gefundenes Versteigerungsobjekt (u.r.).

    Im Grunde beschränkt sich die »deutsche« Seite im Großen und Ganzen auf die Immobilienversteigerungen, also auf den Bereich, wo mit den Bürgerinnen Geld gemacht wird. Wichtige Dienste und Informationen wie Öffnungszeiten des Gerichts, Formulare, Ausländernotariat, gemeinnützige Arbeiten und selbst sprachlich relevante und sensible Dienstleistungen wie die Einsichtnahme und die Bestätigung der erfolgten Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung sind ausschließlich über die italienische Version der Seite erreichbar. Letztere ist von der deutschen Seite nur über den Verweis www.provincia.bz.it (vgl. Abb. oben links) verlinkt, aber da muss man schon selber draufkommen.

    Cëla enghe: 01 02 03 | 04



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  • CDU hetzt gegen Minderheiten in Schleswig.

    Bereits nach der Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2005 war es zum Eklat gekommen: Als die Partei der dänischen und friesischen Minderheiten, der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) nach Sondierungsgesprächen angekündigt hatte, eine Regierung von SPD und Grünen unter Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) tolerieren zu wollen, machten Spitzenvertreter der Bundes-CDU massiv Stimmung gegen die Abgeordneten des SSW. Sie hätten sich zurückzuhalten und dürften sich nicht in die Regierungsbildung einmischen, da sie schließlich »nur« eine Minderheit verträten (weshalb sie unter anderem von der 5%-Sperrklausel befreit sind). Besonders der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch tat sich darin hervor, die Abgeordneten des SSW als Volksvertreter zweiten Ranges darzustellen und drohte, die CDU würde sich im Falle einer Tolerierung für die Abschaffung von Sonderrechten einsetzen. Dazu kam es nicht, da die Unterstützung an der missglückten Wiederwahl von Heide Simonis durch den Landtag scheiterte.

    In der Schlussphase des laufenden Wahlkampfs zur vorgezogene Landtagswahl am kommenden Sonntag schlagen die Christdemokraten jetzt erneut raue Töne an: Da sich der SSW diesmal bereits im Vorfeld auf eine eventuelle Koalition mit SPD und Grünen festgelegt hat, wird er von Landesvertretern der CDU scharf angegriffen. Und wie 2005 beschränkt sich das Gefecht nicht auf politische Inhalte. Stattdessen hoben die Schwarzen die Debatte schon wieder auf die ethnische Ebene und wettern seitdem offen gegen eine »dänische Koalition« bzw. eine »Dänen-Ampel«. Spitzenkandidat Jost de Jager »warnte« den SSW sogar davor, sich zum »Steigbügelhalter« für ein linkes Bündnis zu machen. Wie damals Roland Koch.

    Cëla enghe: 01



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  • Das Erste: Los von Rom.

    Schon interessant: Vor drei Jahren noch wurde der Unabhängigkeitswunsch auf das Hoferjahr zurückgeführt. Jetzt wird er hingegen aufgrund der Krise allein auf das Thema Wirtschaft heruntergebrochen. Komplexität in Recherche und Vermittlung von Sachverhalten scheinen die Stärke von Journalisten nicht zu sein. Andererseits haben sich die hier angezapften, großteils freiheitlichen Informationsquellen zu willfährigen Handlangern der Opportunismus-These gemacht.



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