Stilblüten.

Eurac und Südtiroler Kulturinstitut haben eine zentrale Sammelstelle für »Südtiroler Stilblüten« eingerichtet — und deren gibt es viele. Eine Idee, die teilweise bereits von BBD vorweggenommen wurde.

Zum Beispiel mit Ohne viele Worte, Bhf. Bozen, Bhf. Franzensfeste oder Kreativitätspreis. Einige Exemplare wurden denn auch von hier übernommen.

Schön, dass sich jetzt jemand ernsthaft (!) dieser umfangreichen Aufgabe angenommen hat.

Externer Verweis: Abgeblitzt.

Bonus-Bilder:

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Autonomiebündnis: Eine Innensicht.

Alexander hat mir einen Bericht über das Autonomiebündnis geschickt, den ich hier gerne veröffentliche:

Alberto Berger ist verärgert, und das ist nachvollziehbar. Er, wie andere in der Parteiführung von Forza-Italia in Südtirol (und auch bei AN) haben sich bemüht, Kandidaten für die Parlamentswahl zu finden oder sich dafür zur Verfügung zu stellen. AN hat in einer schwierigen internen Abstimmung Alessandro Urzi nominiert, für FI sollten u.a. Biancofiore (Kammer) und Berger (Senat) auf die Kandidatenliste des “PDL”. Einen Ladiner wollte Biancofiore für den Senatskreis Ost nominieren. Doch entschieden wurde letztendlich in einem Hinterzimmer von Arcore. Berlusconi behauptet, für die Fertigstellung der Listen die letzten Nächte durchgearbeitet zu haben. Eine Partei von oben nach unten also. Berlusconi ist oben, die Parteiführung in Bozen demzufolge also ganz unten.

Das ist nicht übermäßig verwunderlich, denn es geht nicht um Gemeindewahlen sondern um Parlamentswahlen. Dass die nur in Südtirol vorhandenen oder starken Parteien auch in Bozen entscheiden, ist logisch. Die SVP mit ihrem komplexen, aber durchaus demokratisch organisierten Nominierungsmodus. Und die Freiheitlichen und Union können natürlich nicht anders als “hier” die Entscheidung zu treffen.

Und wie ging es bei der Demokratischen Partei? Wie südtirolerisch ist die Liste geworden? Auffallend ist, dass alle Kandidaten in der Kammer auch ihren Wohnsitz in der Region haben, und das Land zumindest gut kennen. Komplizierter war hingegen die Gewichtung der Trentiner und der Südtiroler Kandidaten. Gianclaudio Bressa als Wahlsüdtiroler hat eine wichtige Rolle als Vize-Fraktionssprecher der Demokraten in der Kammer und steht somit über den von den Landesverbänden nominierten Kandidaten. Und die wären, auf den beiden folgenden, als sicher geltenden Listenplätzen Laura Froner (Trentino) und Luisa Gnecchi (Südtirol). Die weiteren Kandidaten aus Südtirol, Roberto Bizzo und Sybille Tezzele Kramer, befinden sich auf chancenlosen Listenplätzen, sehen ihre Kandidatur jedoch als Beitrag für eine pluralistisch wachsende Partei. Für den Senat ist die Demokratische Partei in vier Wahlkreisen der Region ein Bündnis mit autonomistischen und Mitte-Links-Kräften eingegangen. Nur die Grünen unterschrieben das Programm für die Autonomie nicht und konkurrieren nun mit dem Autonomiebündnis in allen Wahlkreisen, als Unterstützung des kommunistischen Premierkandidaten Fausto Bertinotti.

Die Ortsverbände der Demokraten haben im Wahlkreis West Karl Trojer für den Senat nominiert, im Wahlkreis Ost Alberto Ghedina. In Bozen und Unterland wird der Autonomie-Kandidat Oskar Peterlini unterstützt. Die Verhandlungs- und Nominierungsmodalität der Demokraten ermöglichte aus Termingründen zwar keine Vorwahl, wurde aber durch eine sogenannte “ampia consultazione territoriale” mitbestimmt. Diese Mischung aus gesamtstaatlichen Kandidaturen und Basisentscheid hat aber zu einem deutlich frischeren Ergebnis geführt als die Verhandlungen im stillen Kämmerlein, welche im Jahr 2006 die Liste “Ulivo” vorbrachten.

Es bleibt, auch im Hinblick auf die Landtagswahl abzuwarten, wie “landesspezifisch” sich die Demokratische Partei weiterentwickeln wird. Die Demokraten arbeiten noch am Parteistatut für Südtirol sowie am Grundsatz-Programm. Die fast 1.500 Mitglieder konnten bereits in einer Umfrage ihre Meinung über die Ausrichtung und die prioritären Themen der Südtirol-Politik kundtun und somit am Programm mitschreiben.
Die Demokratische Partei wäre die erste große Partei mit Regierungsambition, welche sich für ein autonomes Südtirol über alle Sprachgrenzen hinweg einsetzt.

Viele schauen interessiert zu und warten ab, aber viele bringen sich auch aktiv ein. Die Stärke des Projekts hängt von der Verbundenheit und Verwurzelung in den Ortskreisen und auf Landesebene ab, aber auch von der staatlichen und internationalen Verbindung, welche die Demokratische Partei in Europa und der Welt hat. Sie scheint sich dadurch sei es von “rein lokalen” Landesparteien und Bürgerlisten, als auch von den typischen nationalen Parteien alten Musters zu unterscheiden. Ob es gelingt, diese Eigenschaft für die Zukunft zu prägen?

Alexander Tezzele, Demokratische Partei.

Zweifelhafte Ehre. (Modellautonomie III)

Nun hat sich unerwartet doch — endlich — jemand gefunden, der unsere Autonomie kopieren will, genauer gesagt: unser Modellschulmodell. Der katalanische Ableger des spanisch-nationalistischen Partido Popular (hier Partit Popular de Catalunya) möchte, freilich ohne es zu kennen und zu nennen, das auf sprachlich getrennten Schulen basierende Südtiroler Modell in Katalonien durchsetzen, falls aus den anstehenden Kongresswahlen eine konservative Regierung hervorgehen sollte. Dies, um Kindern »kastilischer« Familien eine Schullaufbahn in ihrer Sprache zu ermöglichen.

Die katalanischen Sozialisten (PSC), Ableger der Arbeiterpartei Zapateros, Esquerra Republicana de Catalunya (ERC), Iniciativa per Catalunya – Verds (IC-V), die konservative CiU laufen Sturm gegen diese Hypothese, die sie geschlossen als »gesellschaftszerstörend« bezeichnen. Das ist der Erfolg, den unser Beispiel im Ausland erntet.

Und: Wohl eine zweifelhafte Ehre für unser Modell, wenn es andernorts von Spaltern und rechten Zentralisten gegen den sozialen Zusammenhalt ins Feld geführt wird. War da was?

Siehe auch: Il sistema catalano.

Modellautonomie II.

Der ungarische Generalkonsul war in Südtirol, und pünktlich schlägt das Landespropag Landespresseamt (LPA) triumphale Töne an. Denn schließlich wollen »alle« unsere Autonomie kopieren. Und das ist gut.

Doch Herr Geza Hetenyi, wollen Sie wirklich…

  • die politische Landschaft ins künstliche Koma versetzen, wie hier in Südtirol?
  • getrennte Schulsysteme für Kinder unterschiedlicher Muttersprache?
  • den gesellschaftlichen Zusammenhalt dem Minderheitenschutz opfern?

Eigentlich mache ich mir aber keine Sorgen. So viele Aussendungen das LPA auch gemacht, so viele Interessenten unser Modell auch gefunden hat, »gekauft« hat es noch niemand.

Rodeneck: Ladiner »diskriminiert«.

Rodeneck.

Bei der bisher letzten Volkszählung im Jahr 2001 haben sich in Rodeneck gleich viele Bürger zur ladinischen wie zur italienischen Sprachgruppe zugehörig erklärt, und zwar je 0.18%.

Als ich vor kurzem in der Pustertaler Gemeinde war, musste ich jedoch feststellen, dass die Verwaltung die Ladiner grob benachteiligt: Während die italienische Sprache in der öffentlichen Beschriftung und Beschilderung durchwegs präsent ist, sucht man die ladinische Sprache vergeblich. Wie ist es möglich, dass bei gleicher zahlenmäßiger Bedeutung derartige Unterschiede gemacht werden — noch dazu zu Lasten der dringender zu schützenden, weil wesentlich gefährdeteren Sprache?

Modellautonomie I.

Das Trentino hat kürzlich ein neues Minderheitenschutzgesetz für die Ladiner, Zimbern und Fersentaler beschlossen und sich dabei an Südtirol …ähm …Katalonien orientiert. Denn das Allerbeste liegt so nah! Ein Zufall?

Auszug aus der Stellungnahme des Ladiners und Trentiner Landtagsabgeordneten Dr. Luigi Chiocchetti (erschienen bei noeles.info):

Al vegn sorissé ciamò plu clermenter la filosofia che la provinzia à adoté te sia azion de stravardament, valorisazion y promozion dles mendranzes linguistiches storiches locales: l critere “teritorial”. An rejona de comunanzes che viv sun cerc teritores dla provinzia caraterisés dal fat de avei n lingaz sie che se met apede al lingaz nazional tla doura de duc i dis y tla ofizialité di documents publics. N model nuef per l ordinament talian ma che troa ejempli tl’Europa y che se arvejina dret al model dla Catalunia tla Spagna. L’art. 3 dla Costituzion dij de fat che “L castilian é l lingaz ofizial dl Stat. (…) Ence i autri lingac spagnoui é conscidrés ofiziai tl contest de sia “Comunités Autonomes aldò de si Statuc”. “La richeza di desvalives modìe linguistics dla Spagna é n patrimonie cultural che vegnirà respeté y vardé via a na vida particolara”. Da pert sia, l statut de autonomia dla Catalunia dij che “L Catalan é l lingaz ofizial dla Catalunia, deberieda al Castilian, lingaz ofizial de dut l Stat spagnoul”. Ciamò “La Generalitat (Region) garantiarà la doura normala y ofiziala di doi lingac; ala metarà a jì les mesures che và debujegn per arseguré sia conescenza…” y “la rejoneda spezifica dla Val d’Aran vegnirà respeteda y vardeda via a na vida particolara” (la Val d’Aran é na comunanza de mendranza tla Catalunia), y duc sà cotant che l sistem catalan da chest pont de veduda sie n model inovatif tl’Europa.

Geschützte Spezies.

Vorwahlzeit ist Bescherungszeit im Land der Raser und Lenker: Der Landeshauptmann hat nun verkündet, er wolle die vom Aussterben bedrohte (?) Spezies der Straßenrowdies unter Schutz stellen. Mit den zu vielen Radargeräten im Land müsse aufgeräumt werden, denn schließlich gebe es in Südtirol schon mehr Verkehrskontrollen, als in anderen Regionen Italiens.

Was Durnwalder nicht sagt (oder nicht weiß) ist, dass:

  1. die geradezu erstickende Polizeidichte in Südtirol (Kolonialismus lässt grüßen) leider nicht eine gute Fahrmoral bewirkt hat;
  2. die Zahl der Kontrollen nichts über deren Effizienz aussagt; erfahrungsgemäß wird eher lasch kontrolliert, ein Großteil der Inspektionen beschränkt sich auf KfZ- und Führerschein¹;
  3. die Polizei sehr häufig selbst mit nicht gerade gutem Beispiel voranbrettert²;
  4. die Gesetze in Italien derart »garantistisch« sind, dass ohnehin nur noch radikalste Raser belangt werden (siehe!);
  5. die Radargeräte geradezu peinlich angekündigt werden müssen³ (siehe) – als ob man Schwarzfahrern mitteilen würde, in welchen Bussen um welche Uhrzeit Ticketkontrollen durchgeführt werden; wer da noch erwischt wird, muss wahrlich dumm sein;
  6. Fahrer, die sich an die Regeln halten, durch Radaranlagen nicht beeinträchtigt werden (keine Schikane!);
  7. in Italien viel weniger Radarkontrollen als in Deutschland, Frankreich oder Spanien durchgeführt werden;
  8. in anderen Regionen Italiens etwa noch das Fahren ohne Gurt gang und gäbe ist; warum nimmt sich Durnwalder hier den Stiefelstaat zum Vorbild, wo man sich doch sonst so gern davon abhebt?
  9. laut einer Statistik (2005) des ADAC auf eine Million Einwohner in Deutschland 65, in der EU⁴ 82, in Italien aber 97 Unfalltote kommen;
  10. Raser nicht nur sich selbst, sondern auch andere gefährden und außerdem ein schlechtes Beispiel geben;
  11. man vor Wahlen keine Menschenleben verschenkt!

Siehe auch: [1]


1) Ich selbst besitze meinen Führerschein seit 1996 – und bis dato wurde ich lediglich so kontrolliert; siehe auch: la Repubblica: Blog motori.
2) Heute selbst bin ich auf der MEBO von einer schlendernden – also sicher nicht im Einsatz befindlichen – Streife der Finanzpolizei überholt worden, weil die Herren durch eine 90km/h-Strecke mit rd. 110km/h einfach weitergebrettert sind; seit ich mich peinlich an Beschränkungen halte, passiert mir das immer wieder;
3) Bspw. Radargerät in Forst/Algund: Schild »Radarkontrolle«, Display mit Geschwindigkeitsmessung, Beschränkungsschild mit Messung und Blinkanlage und dann erst Radargerät;
4) EU-15.

San Vigilio statt Al Plan.

Al Plan.Im Anschluss an meine kleine Fotodokumentation über Alta Badia hatte ich unter anderem einige ladinische Tourismusvereine angeschrieben und um eine Stellungnahme gebeten. Im Fall von Al Plan de Mareo hatte ich außerdem bedauert, dass die Ortschaft wenige Jahre lang tatsächlich ihren ladinischen Ortsnamen zur touristischen Vermarktung benutzt, dies offensichtlich aber wieder rückgängig gemacht hat. (s. Abb.)

Am 19. Februar 2008 ist eine schöne, weil offen und ehrliche Antwort von Herrn Dr. Clara aus der assoziaziun turistica eingegangen:

stimé siur constantini,

ehrlich gesagt sprechen sie mir/uns aus dem herzen. als pressereferent des tv st. vigil und zudem langjähriges mitglied der ladinischen kulturvereinigung “uniun di ladins dla val badia” und mitglied des bildungsausschusses von st. vigil, war ich es, der den versuch gestartet hatte, al plan als destinationsname für st. vigil einzuführen. und zu meiner großen überraschung wurde der vorschlag sehr positiv aufgenommen und auch sehr rasch umgesetzt. hätten wir es nie getan!

die probleme haben sofort angefangen: die italienische tourismuspresse hat unsere entsprechenden mitteilungen und die folgenden presseschreiben, in denen immer nur von al plan de mareo die rede war, überhaupt nicht rezipiert. es wurde konsequent von san vigilio gesprochen. nach der erstmaligen herausgabe des hotel- und dorfführers mit dem logo al plan, haben viele gäste im büro angerufen und gefragt, ob denn al plan ein neues “villaggio turistico” bei st. vigil sei. die internetzugriffe sind rapide eingesackt, da san vigilio ein begriff ist, al plan nicht. die deutschen lieben südländische klänge (vigilio klingt so). al plan klingt für deutsche aber recht unangenehm (plan und so), so haben wir es in erfahrung gebracht und mit unangenehmem sollte urlaub halt nicht assoziiert werden. italiener (80% unseres marktes sind national) sind bereits zu sehr an san vigilio gewöhnt.

wir haben uns natürlich von experten beraten lassen und der tenor war unisono: um diesen markenwechsel erfolgreich vollziehen zu können, hätten wir X millionen euro benötigt, um eine werbekampagne zu starten, wie sie beim wechsel von omnitel auf den namen vodafone eingesetzt wurde – und bereits dieses argument hat alles zunichte gemacht.

wir haben einsehen müssen, dass unsere idee im kern zwar gut gewesen wäre, den vigilern aber leider 30, 40 jahre zu spät eingefallen ist. wir sind wieder auf san vigilio übergegangen, haben es müssen.

trotzdem versuchen wir im inhalt unseres angebotes sehr wohl das ladinische mit einfließen zu lassen: wir machen wächentliche wanderungen im ortskern, um historisch wichtige gebäude und momente der ortschaft zu vermitteln und da wird sehr viel über die ladinische kultur und sprache weiter gegeben, auch weil die gäste sehr interessiert sind. wir bieten im sommer zwei bis drei ladinischkurse für gäste an, über vier tage jeweils und die sind immer ausgebucht. in zusammenarbeit mit dem naturparkhaus werden eigene infoabende und vorträge über die ladiner veranstaltet. mit dem ladinischen künstlerbund zusammen wird auf den dorfplätzen von al plan und la pli ladinische musik mit den liedermachern angeboten, etc.

auch wurde in den letzten jahren, erfolgreich, für ladinische inschriften auf den häusern, geschäften und firmenautos in unseren dörfern geworben und man sieht, dass diese sachen angenommen werden – von den einheimischen und von den gästen.

es ist also nicht wirklich so, dass wir unsere wurzeln verleugnen würden. zugegeben, es hat eine zeit gegeben, wo diese werte wirklich in den
hintergrund getreten sind, vor allem in jener zeit, als die armen ladinischen bauern plötzlich zu wohlstand durch den tourismus gekommen sind. da hat man eine/vielleicht auch zwei generationen lang dananch getrachtet, diesen wohlstand zu sichern. alles andere war eher unwichtig. heute hat man aber schon verstanden, dass die gäste auch kultur erleben wollen. alles braucht halt seine zeit. in st. vigil hatten wir diesen versuch gestartet – logi zu wechseln. marketingtechnisch war das ein fehlgriff, doch ich bin der überzeugung, dass alles andere, was wir an kulturellen und sprachlichen inhalten bieten, wichtiger und näher am gast und am menschen ist, als “al plan” im logo.

herr constantini, ich möchte mich für ihre stellungnahme bedanken, denn oft ist man tatsächlich “betriebsblind”, bis nicht jemand von außen einen auf gewisse dinge aufmerksam macht. wir werden sicher auch in zukunft alle möglichkeiten nutzen, um unsere sprache und kultur auch preis zu vermitteln, denn seit einiger zeit entwickelt sich wieder so etwas wie ein ladinisches selbstbewusstsein – diese tatsache ist nicht mehr verkennbar.

mit freundlichen grüßen
diego clara
ofize stampa assoziaziun turistica al plan de mareo