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  • Zweisprachigkeit: Land klagt Ministerium.

    Mal wieder muss die Landesregierung gegen den Zentralstaat vorgehen, weil der sich nicht um die vorgeschriebene Zweisprachigkeit schert. Wie das Landespresseamt mitteilt, handelt es sich um gleich zwei Polizeistellenwettbewerbe, bei denen vom Innenministerium die einschlägigen Autonomiebestimmungen missachtet wurden.

    Der erste Wettbewerb habe bereits letztes Jahr stattgefunden, doch in der nun veröffentlichte Rangordnung schienen mehrere Bewerber auf, die statt des vorgeschriebenen Zweisprachigkeitsnachweises C nur den Nachweis D haben.

    Der zweite angefochtene Wettbewerb sehe hingegen gar nur für eine der auf Südtirol bezogenen Stellen die Zweisprachigkeit vor.

    Diese saloppe und minderheitenfeindliche Vorgehensweise ist an der Tagesordnung. Seit Jahrzehnten kämpft Südtirol vergeblich um eine »strukturelle« Anerkennung der eigenen Rechte, der Staat und seine Betriebe jedoch antworten mit sich dauernd wiederholenden Vertragsbrüchen und unerhörter Ignoranz.

    Gerade erst hat das neue Astat-Sprachbarometer die wachsenden Schwierigkeiten der BürgerInnen hervorgehoben, gegenüber öffentlichen Ämtern und Behörden ihr Recht auf Gebrauch der Muttersprache geltend zu machen.

    Einerseits gilt dem Land Respekt dafür, dass es immer und immer wieder auf die Einhaltung der einschlägigen Gesetze pocht, andererseits könnte man die für die regelmäßig wiederkehrenden Anfechtungen erforderlichen Energien und Steuermittel wesentlich besser einsetzen — zum Beispiel, wenn Südtirol eine eigene Landespolizei hätte. Diese unnachgiebig zu fordern, hat das Land bislang jedoch verabsäumt.

    In den Redaktionsstuben des Tagblatts der Südtiroler wird man auf die Nachricht der Anfechtungen indes mit Kopfschütteln reagiert haben, ist man dort doch der Meinung, die Kenntnis der Landessprachen sei für die Verbrechensbekämpfung überflüssig.

    Cëla enghe: 01 02 03



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  • Hauptunterrichtssprache Ladinisch.
    Quotation

    59,0% der Ladiner stehen der Immersion sehr positiv gegenüber. Sie bewerten diesen Punkt aus eigener Erfahrung, da in den Schulen der ladinischen Täler neben Ladinisch als Hauptunterrichtssprache einige Fächer auf Italienisch und einige auf Deutsch unterrichtet werden.

    — ASTAT-Sprachbarometer 2014, S. 66

    Da ist das Landesstatistikinstitut aber falsch informiert: Es gibt in den Schulen der ladinischen Täler kein »Ladinisch als Hauptunterrichtssprache«. In der Regel werden 1-2 Wochenstunden im jeweiligen Talidiom unterrichtet, alles andere findet — statistisch belegbar — auf Deutsch, Italienisch und Englisch statt. Hoffentlich ist der hier zitierte Passus nicht repräsentativ für die Sorgfalt bei der Erstellung des Sprachbarometers.

    Ein Seitenhieb noch sei mir gestattet: Vielleicht will man uns aber auch nur auf die flächendeckende Einführung der Immersion vorbereiten, mit ähnlichen Ergebnissen wie an der Uni Bozen. Dann wird es möglicherweise auch eine Hauptunterrichtssprache Deutsch (mit ebenfalls 1-2 Wochenstunden) geben.

    Cëla enghe: 01 02 03



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  • Umweltpfosten des Jahres?

    Die Diskussion um Stickoxidbelastung und Abgasschwindel hat auch Südtirol erreicht. Leider aber nicht so, wie es sich anhand von Grenzwertüberschreitungen und verantwortungsvoller Politik erwarten lässt. Ein besonders krasses Beispiel liefert dabei der Brixner Bürgermeister Peter Brunner (SVP). Auf die Frage, ob ein Tempolimit angesichts der Grenzwertüberschreitungen entlang der Brennerautobahn eine sinnvolle Maßnahme wäre, gab BM Brunner dabei laut Tageszeitung sinngemäß folgende Stammtischweisheit wieder:

    Tempo 100 sei abzulehnen, vor allem auch, weil die damit verbundenen Staus die Luftqualität wieder verschlechtern würden, sagte der Brixner Bürgermeister.

    BM Brunner ist damit ein heißer Kandidat für den Umweltpfosten des Jahres. Mittlerweile ist auch bei vielen Nichtexperten angekommen, dass eine generelle Temporeduktion die Kapazität der Straßen erhöht, beispielsweise auf Autobahnen bei 80-90 km/h, auf Landstraßen um die 60 km/h die Zahl der Unfälle verringert und den Schadstoffausstoß reduziert. Passend zu dieser Meldung erreichen uns nun die ersten Ergebnisse des »Luft-100ers« in Tirol: Der Schadstoffausstoß ist gesunken.

    Ergebnisse Tempo 100

    Erste Ergebnisse des permanenten “Luft-100er”: Quelle: Land Tirol

    Angesichts der massiven Grenzwertüberschreitungen, welche im realen Fahrbetrieb bei vielen Dieselfahrzeugen gemessen wurden und der Hinweise, dass einige Fahrzeugmodelle bei hohem Tempo die Abgasnachbehandlungsanlage komplett abschalten, sollte die Politik in Südtirol endlich Verantwortung zum Gesundheitsschutz der Bevölkerung ergreifen und Tempo 100 mitsamt einer Abschnittskontrolle einführen. Allein eine dynamische Tempo-100-Begrenzung, wie sie LR Theiner in Rom erbetteln will ist ohne effiziente Kontrollen angesichts der bisherigen Erfahrungen zum Scheitern verurteilt.



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  • Wichtigste Sprache: Italienisch.
    Sprachbarometer 2014

    Die wichtigste Sprache »für ein gutes Zusammenleben« in Südtirol ist die italienische. Das sagt nicht , sondern die Südtirolerinnen und Südtiroler laut neu veröffentlichtem Sprachbarometer. Obschon gerade während der letzten Jahre immer wieder davon die Rede war, dass angeblich die Bedeutung der italienischen Sprache in Südtirol zurückgeht (»Südtirol verdeutscht« — zum Beispiel in einem Artikel von Barbara Bachmann in der Zeit), sehen das die hier lebenden Menschen anders.

    Dabei wird das Italienische nicht nur insgesamt als die bedeutendste Landessprache angesehen, sondern auch von jeder einzelnen der berücksichtigten »Sprachgruppen«.

    Bedeutung der Landessprachen.

    Selbst die deutschsprachigen Südtirolerinnen sind mehrheitlich der Meinung, dass die lingua franca nazionale hierzulande wichtiger sei als ihre eigene, wiewohl das Deutsche die Muttersprache von über zwei Dritteln der hier wohnenden Menschen ist. Vor zehn Jahren noch sahen die Deutschsprachigen Deutsch als die wichtigste Landessprache an.

    Die Südtirolerinnen italienischer Muttersprache waren 2004 noch zu 75,8 Prozent der Meinung, die deutsche Sprache sei für das gute Zusammenleben »ausschlaggebend« oder »sehr wichtig«. 2014 sahen das nur noch 68,1 Prozent so.

    Auffallend ist zudem, dass gerade die Personen, die eine andere Muttersprache als die drei autochthonen Landessprachen angaben, dem Deutschen unter allen Gruppen die geringste Bedeutung beimessen (67,6 Prozent), deutlich weniger als dem Italienischen (87 Prozent). Dies deutet darauf hin, dass Südtirol außerstande ist, Zugewanderten die Gleichwertigkeit der beiden landesweiten Amtssprachen Deutsch und Italienisch erfolgreich zu vermitteln.

    Die von den Südtirolerinnen insgesamt gefühlte Bedeutung der deutschen Sprache ist während der letzten zehn Jahre — also im Vergleich zum ersten Sprachbarometer — um über sechs Prozentpunkte eingebrochen, von damals 79,2 Prozent auf heute nur noch 72,7 Prozent. Gleichzeitig hat die Wichtigkeit der italienischen Sprache leicht von 81,5 Prozent auf 81,8 Prozent zugenommen. Der Unterschied zwischen Deutsch und Italienisch beläuft sich nun schon auf knapp zehn Prozentpunkte und hat sich somit in zehn Jahren vervierfacht.

    Die Bedeutung des deutschen Dialekts (63,8 Prozent) ist laut Einschätzung der Südtirolerinnen übrigens noch einmal um fast zehn Prozentpunkte geringer, als jene der deutschen Hochsprache (72,7 Prozent).

    Die ladinische Sprache liegt hingegen weit abgeschlagen bei 6,8 Prozent. Dies liegt vermutlich daran, dass sie fast nur in den Gemeinden, wo sie Amtssprache ist, für ein gutes Zusammenleben nötig ist. Für ein gutes Zusammenleben auf Landesebene halten sie selbst eine knappe Mehrheit der LadinerInnen nicht für »ausschlaggebend« oder »sehr wichtig«. Es wäre jedoch interessant zu wissen, wie die BewohnerInnen der ladinischen Gemeinden die Wichtigkeit des Ladinischen für das dortige Zusammenleben einschätzen.

    Fazit: Eine angebliche »Verdeutschung« Südtirols lässt sich anhand dieser Daten nicht nachweisen. Im Gegenteil — die deutsche Sprache verliert in nur zehn Jahren in der sprachgruppenübergreifenden Einschätzung deutlich an Bedeutung »für ein gutes Zusammenleben« in Südtirol. Ein Befund, der sich mit den wachsenden Schwierigkeiten des Deutschen als Amtssprache deckt.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • Spanische Expressreform gegen Mas.

    Wie schnell es gehen kann, eine Verfassungsänderung durchzuboxen, hat der spanische PP um Ministerpräsident Mariano Rajoy gestern in Madrid eindrucksvoll bewiesen. Da der Partido Popular über die erforderliche Mehrheit verfügt, konnte er gegen den Widerstand fast aller anderer Fraktionen, einschließlich der Sozialisten (PSOE), im Eilverfahren das Grundgesetz anpassen. An einem einzigen Tag.

    Freilich wurde mit der Änderung nicht etwa die Grundlage geschaffen, damit die Katalaninnen und Katalanen eine Abstimmung über ihre staatliche Zugehörigkeit abhalten können. Die Möglichkeit hierzu hätte der PP mit seiner Mehrheit jedoch, weshalb die Feststellung, Madrid könne — anders als London den Schotten — die Abhaltung einer derartigen Volksabstimmung aufgrund von Verfassungszwängen selbst dann nicht gewähren, wenn es wollte, Lügen gestraft wurde. Verfassungszwänge ließen sich binnen eines Tages aus dem Weg räumen.

    Der Inhalt der nunmehrigen Verfassungsänderung war vom PP bereits vor den katalanischen Parlamentswahlen vom 27. September angekündigt worden: Fortan soll das spanische Verfassungsgericht die Möglichkeit haben, selbst für den unmittelbaren Vollzug der eigenen Urteile zu sorgen.

    Was er sich von der Reform erwartet, hat Ministerpräsident Mariano Rajoy bereits verkündet: Eine Amtsenthebung des katalanischen Präsidenten Artur Mas direkt durch das Verfassungsgericht. Ein Versuch, die wahren Absichten zu kaschieren oder die Reform nicht als Ad-Personam-Maßnahme erscheinen zu lassen, wurde erst gar nicht unternommen.

    Dabei scheint Rajoy das Ausmaß der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung nicht ganz verstanden zu haben: Wenn am vergangenen Sonntag knapp 48% der Katalaninnen und Katalanen für die Unabhägngigkeit votiert haben, wird die Amtsenthebung von Artur Mas, so er überhaupt als Präsident bestätigt wird, nicht wirklich etwas verändern. Mas ist nicht für den Selbstbestimmungswunsch verantwortlich, er hat ihn lediglich interpretiert und institutionell kanalisiert.

    Maßnahmen, wie die jetzt in Madrid genehmigte, werden das Gefühl, vom Zentralstaat nicht ernstgenommen zu werden, in Katalonien nur noch vergrößern. Mit Demokratie und einem Dialog auf Augenhöhe hat all dies nichts zu tun.

    Europäische Politikerinnen reisen gern mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt, und werben für die Einhaltung von Grundrechten und Demokratie. Es wäre jetzt aber höchst an der Zeit, auch auf unserem Kontinent die Augen nicht länger zu verschließen und die Judizialisierung der Politik in Spanien an den Pranger zu stellen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • Freiheitlicher Spagat.

    Ausländer gehören zu den Lieblingsthemen der Freiheitlichen. Nicht selten wird die Einwanderungs- und Integrationspolitik kritisiert. So fordert Ulli Mair: “Einwanderer haben zunächst eine Bringschuld und ohne diese auch in die Pflicht zu nehmen, wird Integration unmöglich sein.” Ausländer müssten über Werte, Normen, Denk- und Verhaltensmuster, kulturelle und religiöse Traditionen unserer Gesellschaft informiert werden und Bescheid wissen sowie die Landessprachen beherrschen.

    Laut salto.bz wollen nun genau diese Freiheitlichen mit einem Beschlussantrag erreichen, dass Vereine, die “keine Einwanderer aufnehmen oder Einwanderer aus der Vereinsgemeinschaft ausschließen” nicht vor der Antidiskriminierungsstelle landen können.

    Wir fassen zusammen: Ausländer haben eine Bringschuld und müssen unsere Sprache(n) lernen und unsere Tradition verstehen, sich integrieren, sich anpassen. Besser als mit jedem Lehrbuch erreicht man dies wohl durch die Mitgliedschaft in einem Verein. Gleichzeitig möchten die Freiheitlichen aber dafür sorgen, dass Vereine sich ohne Konsequenzen Ausländern verschließen dürfen.

    Ich habe den Verdacht, die Blauen wollen die neuen Südtiroler bewusst in eine lose-lose-Situation bringen, damit sie dann in einigen Jahren wieder schimpfen können und den “Beweis” dafür haben, dass sich diese Ausländer einfach nicht integrieren wollen. Es wäre ihr Untergang, würden sie durch gelungene Integration ihren Lieblingsfeind verlieren. Deshalb torpedieren sie eine solche, indem sie die Erfüllung ihrer eigenen Integrationsforderungen erschweren bis verunmöglichen. Es darf einem nur nichts zu blöd sein.



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  • Pauschalisierungsprojekt ff-Georg Mair.

    Die heute erschienene Ausgabe des Wochenblatts ff enthält — mal wieder, möchte man sagen — einen Leitartikel zum Thema Selbstbestimmung, der nur so vor Vorurteilen, Pauschalisierungen und Totschlagargumenten strotzt. Anlass diesmal: Die katalanische Parlamentswahl von letztem Sonntag, bei der die Unabhängigkeitsbefürworter knapp 48% der Wählerstimmen erhielten, während die Unabhängigkeitsgegner etwas mehr als 39% auf sich vereinigen konnten.

    Die Parteien, die eine Abstimmung über die Staatszugehörigkeit Kataloniens befürworten, kommen auf weit über 50% der Wählerstimmen.

    Der Autor, Georg Mair, stellt seinen Leitartikel unter den vielsagenden Titel »Egoismusprojekt Selbstbestimmung«, einen gemeinamen Nenner, den er unter die Bestrebungen von Katalanen, Schotten und Südtirolern schiebt. Obschon erstere genauso wie letztere nie eine freie und demokratische Abstimmung über die Unabhängigkeit durchführen durften, weiß Mair:

    In Katalonien [gibt es] keine Mehrheit für ein unabhängiges Katalonien.

    – Georg Mair

    So demokratisch sind unsere Unabhängigkeits- und Selbstbestimmungsgegner, dass sie das Ergebnis schon kennen, bevor jemals eine Abstimmung stattgefunden hat.

    Dafür ist sich Mair nicht zu schade, den Südtiroler Selbstbestimmungsbefürwortern — pauschal, wohlgemerkt! — vorzuwerfen, »ein gelassener Umgang mit anderen Anschauungen oder Respekt für Minderheiten« gehöre nicht zu ihren Tugenden. Aha. Bislang fällt in Südtirol jedoch vor allem auf, dass mit Unabhängigkeitsbefürwortern paternalistisch und herablassend umgegangen wird. Eine ergebnisoffene Diskussion wird gerade auch von Medien wie der ff nicht zugelassen, sondern mit Totschlagargumenten (Egoismus! Zündelei! Krieg!) erstickt.

    Mair schreibt:

    Was passiert etwa mit den Italienern in Südtirol, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist? Müssten diese sich einfach beugen, sollte der (unwahrscheinliche) Fall eintreten, dass die Mehrheit der Südtiroler eine Loslösung von Italien befürwortet?

    – Georg Mair

    Für den Fall, dass sich eine Mehrheit der Südtiroler für die Loslösung von Italien entscheidet, ist es zunächst äußerst unwahrscheinlich, dass die Gegner allesamt »Italiener« und die Befürworter allesamt »Nichtitaliener« sein werden. Aber drehen wir die Frage einfach um, Herr Mair:

    Was passiert etwa mit den Menschen aller Sprachgruppen in Südtirol, die die Unabhängigkeit wollen? Müssten diese sich einfach beugen, sollte der (wahrscheinliche oder unwahrscheinliche, das sei dahingestellt) Fall eintreten, dass die Mehrheit der Südtiroler einen Verbleib bei Italien befürwortet?

    – Georg Mair

    Auf eine Antwort wäre ich gespannt. Ich gehe kaum davon aus, dass Herr Mair Schwierigkeiten hätte, den Unabhängigkeitsbefürwortern die Folgen einer demokratischen Unterlegenheit zuzumuten. Das unterstelle ich jetzt mal, so wie er gern mit Unterstellungen arbeitet.

    Selbstbestimmung klingt gut. Ich bin selbstbestimmt, der Nachbar links und der Nachbar rechts auch. Und dann kommen wir uns in die Haare, selbstbestimmt wie wir sind, beharren wir auf unserem Recht und vor allem darauf, dass der arme Nachbar keineswegs von unserem Wohlstand profitieren darf.

    – Georg Mair

    Es ist völlig unklar, warum die bestehenden Staaten diesem Beispiel folgend einen höheren Anspruch auf Eigenregierung haben, als neue Staaten, die einem Selbstbestimmungsprozess entspringen. Glaubt Mair wirklich, dass sich letztere — aus welchem Grund? — häufiger in die Haare geraten, als erstere? Und was unterscheidet die »staatliche« Selbstbestimmung in dieser Hinsicht von der individuellen Selbstbestimmung? Sollten wir letztere etwa aufgeben, damit wir uns nicht mit unserem Nachbarn streiten? Nachvollziehbare Argumente gegen die Unabhängigkeit, und solche gibt es, klingen anders.

    Selbstbestimmung ist auch ein Egoismus-Projekt. Das wurde besonders in Katalonien deutlich: Die reichen Katalanen wollen nicht mit den armen Galiziern teilen, nur um einen Namen zu nennen.

    – Georg Mair

    Dieses immer wiederkehrende »Argument« hat etwa Peter Kraus in seinem exzellenten Beitrag entkräftet, den wir hier wiedergeben durften. Weshalb ich mich weiterer Ausführungen enthalte.

    Am schlimmsten und gleichzeitig am aufschlussreichsten finde ich aber diese Passage im Leitartikel von Georg Mair:

    Politisch ist die Selbstbestimmung für Südtirol sowieso ein schwieriges Geschäft und wäre mit schweren Konflikten verbunden, weil sie nur im Streit mit dem Staat erfolgen könnte, zu dem Südtirol gehört. Und dieser Staat wird es nicht erlauben, dass Südtirol sich davonmacht.

    – Georg Mair

    Was ist das für eine Demokratie und was ist das für ein Demokrat, der so etwas behauptet? Politische Konflikte sind also grundsätzlich zu vermeiden, wir sollen kuschen? Mit dieser Anpassungsmentalität hätten wir heute nicht nur kein Autonomiestatut, sondern wahrscheinlich auch kein Frauenwahlrecht, keinen Zivildienst und vieles mehr. Politische Errungenschaften sind fast immer durch Missachtung oder zumindest Herausforderung des juristischen Status Quo entstanden.

    Warum neue Konflikte provozieren, warum Unfrieden zwischen den Sprachgruppen schüren, warum einen Spalt in die Gesellschaft treiben – wo sich doch in anderen Ländern zeigt, dass Selbstbestimmung ein Land in etwa genau gleiche Teile teilt.

    – Georg Mair

    Auch das muss und kann eine reife Demokratie aushalten. Es geht nicht um Spaltung, sondern um ganz normale Konfliktfähigkeit, die für jeden demokratischen Entscheid vonnöten ist.

    Kraus schreibt hierzu:

    Katalonien ist keineswegs eine tief gespaltene Gesellschaft. Zwar polarisiert die Frage »Unabhängigkeit ja oder nein« die Bürger. Wie sollte es auch anders sein? Doch diese Polarisierung wird — ähnlich wie im vergangenen Jahr in Schottland oder 1995 in Québec — demokratisch gut ausgehalten. In den Straßen und Bars Barcelonas ist von tiefen Spaltungen nichts zu spüren. Und auch unter Politikern, die für diametral entgegengesetzte Optionen stehen, wie Xavier García Albiol, der Nummer eins der spanisch-konservativen Volkspartei in Katalonien, und Raül Romeva, dem Spitzenkandidaten der sezessionistischen Koalition Junts pel Sí­, bleibt der Umgangston jovial.

    – Peter Kraus

    Mairs Rundumschlag hingegen endet mit einem wahren Feuerwerk an Vorurteilen:

    Denkt europäisch, wer neue Grenzen schaffen will? Was wollen wir noch: Eine Armee, eine eigene Polizei (Gott bewahre uns vor dem Südtiroler Kontrollwahn!), Grenzkontrollen in Salurn und am Brenner? Wollen wir Mauern bauen, um die Zuwanderung zu verhindern oder Flüchtlinge aufzuhalten?
    Wer die Selbstbestimmung will, höhlt die Autonomie aus, die wir haben und die das Maximum ist, das wir haben können. Sind wir etwa unfrei, werden in Südtirol die Menschenrechte eingeschränkt, hat jemals ein Schütze nicht gegen Italien wettern oder für die Selbstbestimmung eintreten dürfen? Die Antwort ist nein.
    Also muss mir erst einmal jemand erzählen, welche Vorteile die Selbstbestimmung hätte: Sind wir dann freier, aufgeschlossener, europäischer, besser an die Welt angebunden, betreiben wir weniger Nabelschau, geht es uns wirtschaftlich besser?

    – Georg Mair

    • Südtiroler Kontrollwahn? Gibt es dafür irgendeinen Anhaltspunkt? Geht es Ländern mit laschen Gesetzen und Kontrollen besser, ist dort die Lebensqualität höher?
    • Grenzkontrollen in Salurn und am Brenner? Am Brenner gibt es schon heute eine Staatsgrenze, ohne dass es dort Kontrollen gäbe. Wir haben in Europa nicht »keine Grenzen«, sondern weitgehend »offene Grenzen«. Besser sind mehr offenere Grenzen als wenigere geschlossene Grenzen. Verwaltungsgrenzen werden wir stets benötigen, wenn die EU nicht als zentralistisches Monster nach italienisch-französischem Vorbild regiert werden soll.
    • Die Autonomie als das Maximum, das wir haben können? Warum? Wer sagt das? Ist die Geschichte schon zu Ende oder darf nicht sein, was Herr Mair nicht will?
    • Wer die Selbstbestimmung will, höhlt die Autonomie aus? Wo liegt der Zusammenhang? Ist es wennschon nicht umgekehrt? Um die Schotten zum Verbleib im Vereinigten Königreich zu bewegen, machte London große Zugeständnisse, die einen nie dagewesenen Autonomieausbau für Schottland bedeuten würden.
    • Unfrei, Menschenrechte? Worum geht’s? Wir sprechen hier doch über Demokratie, über das ganz normale Recht, frei und demokratisch über die Zukunft unseres Landes zu befinden. Um dies tun zu dürfen, sind Unfreiheit und Verletzung der Menschenrechte keine Voraussetzung — sondern vielmehr der Wunsch, die Lebensverhältnisse für alle zu verbessern.

    Ich habe den Verdacht, dass ein selbstbestimmtes Südtirol ein altes Südtirol wäre: selbstbezüglich, verfilzt, intolerant und mit dem festen Glauben, der Nabel der Welt zu sein.

    – Georg Mair

    Ist das Georg Mairs »gelassener Umgang mit anderen Anschauungen«? Eine verhaltenere und vorurteilsbehaftetere Stellungnahme als seine ist für mich eigentlich schwer vorstellbar.

    PS: Wenn er ein Anliegen teilt, ist er zu ganz anderen Ansichten fähig, die den hier zum Ausdruck gebrachten teils diametral widersprechen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 || 01



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  • Zweisprachigkeit im Amt deutlich verschlechtert.

    Alle zehn Jahre veröffentlicht das Landesstatistikinstitut (ASTAT) ein sogenanntes Sprachbarometer, das — wie der Name schon verrät — die wichtigsten Daten zur Sprachsituation in Südtirol beinhaltet. Nun ist es endlich wieder so weit.

    Da es sich beim soeben veröffentlichten Bericht (erst) um den zweiten dieser Art handelt, sind jetzt erstmals Vergleiche möglich. Eine Gesamtanalyse maße ich mir noch nicht an, doch habe ich mir vorerst einen wichtigen Teilaspekt herausgefischt — und der hat es in sich.

    Schon 2004 wurde klar, dass die deutsche Sprache als Amtssprache, obschon rechtlich der italienischen gleichgestellt, einen sehr schweren Stand hat. In einem mehrheitlich deutschsprachigen Land wie Südtirol war die Schwierigkeit, die deutsche Sprache im Umgang mit öffentlichen Ämtern zu benutzen, eher mit der Lage der (rechtlich nicht umfassend gleichgestellten) ladinischen Sprache zu vergleichen als mit der Lage des Italienischen.

    Diese Tatsache hat sich im Laufe der letzten zehn Jahre nicht etwa verbessert, sondern noch einmal bedeutend verschlechtert. Während nämlich die — unbefriedigende — Situation des Ladinischen mehr oder minder unverändert blieb, verschlechterte sich die Erfahrung der deutschen Sprachgruppe in öffentlichen Ämtern noch einmal deutlich, sodass der Anteil an Negativerfahrungen zwischen den beiden Minderheitensprachen nur noch rund fünf Prozentpunkte auseinanderliegt (59,6% und 64,4%).

    Bemerkenswert ist zudem, dass auch die Mitglieder der italienischen Sprachgruppe insgesamt eine Verschlechterung beklagen und nunmehr zu rund 14 Prozent angeben, (im Jahr vor der Erhebung) »oft« oder »manchmal« eine Verweigerung ihres Rechts auf Muttersprache erlebt zu haben. Wie schon 2004 war die Situation des Italienischen als Amtssprache jedoch »um Welten« besser, als die der beiden anderen Landessprachen.

    Der Anteil an Bürgerinnen der deutschen Sprachgruppe, denen im Jahr vor der Erhebung nie ihr Recht auf Muttersprache verweigert wurde, sackte zwischen 2004 und 2014 um über 40 Prozent ein und liegt nunmehr bei lediglich 25,4 Prozent.

    Erstaunlich ist, dass die Verweigerung der deutschen Amtssprache auch in der Landesverwaltung und im (ebenfalls vom Land Südtirol abhängigen) Gesundheitswesen um ein Vielfaches größer ist als die Verweigerung der italienischen Amtssprache.

    Die deutsche Sprache wird von den Carabinieri (36,1%) am häufigsten verweigert, dicht gefolgt von den Sanitätseinheiten und Krankenhäusern (31,9%). Für Italiener- (8,8%) und Ladinerinnen (56,3%) stellt das Gesundheitswesen gar den Bereich dar, wo ihnen das Recht auf Muttersprache am häufigsten verweigert wurde — wodurch dies auch sprachgruppenübergreifend der Sektor ist, der (dicht gefolgt von den Carabinieri) die meisten Probleme schafft.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 || 01 02 03 04 05



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