Volkes Stimme.

Am heutigen Sonntag entscheiden die BürgerInnen Kataloniens in einem Referendum über Annahme oder Zurückweisung des neuen Autonomiestatuts, das seit Beginn seiner Reform zwei Jahre zurückgelegt hat und zuletzt von den »Cortes«, dem Zentralparlament, zurechtgestutzt wurde.

Dennoch bleibt die Vorlage ein Vorbild dafür, was eine Region heute an Selbstregierung innerhalb eines Staates erreichen kann und stellt damit — auch an Dynamik — das sklerotische Autonomiestatut Südtirols in weiten Teilen in den Schatten.

Die offizielle Informationsseite zur neuen katalanischen Landesverfassung, mit Erläuterungen und einem Vergleich zwischen altem und neuem Statut, sowie zwischen der Vorlage, die das katalanische Parlament verabschiedet hatte und dem endgültigen Text, der heute der Stimmbevölkerung vorliegt.

Siehe auch: | [Amtl. Ergebnis]

Mitbestimmung Vorzeigeautonomie | | | | Catalunya | |

Border Blurring.

to blur: verb (blurred, blurring) make or become unclear or less distinct;

Oxford Dictionaries

Eine denkbare Strategie zur Grenzüberwindung – zur Überwindung der Grenze im herkömmlichen Sinne – ist das, was ich hier »Border-Blurring« nenne. In erster Linie wird nicht Bestehendes angetastet oder direkt angezweifelt, sondern in seiner Wahrnehmbarkeit geschwächt – durch Überlappung, Aneinanderreihung, Juxtaposition weiterer Limita und Grenzen, die in ihrem Verlauf mit der vorhandenen nicht koinzidieren.

Ein Territorium, das sich der eindeutigen »Fremdbestimmung« per »Border-Blurring« entzieht und so seinem Bedarf an Eigenregierung Nachdruck verleiht, ist per Definition nicht in reinen, klaren Grenzlinien enthalten. Es charakterisiert sich (»Identität?«) durch sämtliche Eigenschaften (Qualitäten), die es bestimmen — erhebt diesbezüglich jedoch keinen Alleinvertretungsanspruch.
Charakteristisch-charakterisierend ist lediglich die Anordnung, in der diese Eigenschaften auftreten.

Der Blurring-Prozess darf nicht nur auf Vorhandenes zurückgreifen, um es verschwimmen zu lassen. Grundlegend ist eine Veränderungs- und Schaffenskraft, die nicht in einer an sich verschwommenen Produktion zum Ausdruck kommt, sondern in Vorschlägen, die dem verschwommenen Kontext Rechnung tragen.

»Border-Blurring« ist im Südtiroler Kontext bereits ansatzweise unterschwellig vorhanden, es gälte, es zu systematisieren und einem klaren Ziel — samt Garantien — zu unterwerfen. Es muss definiert werden, was »Border-Blurring« ist und was nicht. Sozusagen die »Grenze« der Grenzverschwimmung.

Siehe auch:

Feuilleton Grenze Grundrechte Selbstbestimmung | | | | | | Deutsch

Toponyme Tatsachen.

Karte 1.

Alpenverein Südtirol (AVS), Landesverband für Heimatpflege, Südtiroler Schützenbund (SSB), Bauernbund (SBB) und Bauernjugend — kurz: die Arbeitsgruppe der Vereine für die Ortsnamenregelung — haben gemeinsam eine Straßenkarte für Südtirol herausgegeben, die einzig die historischen Toponyme des Landes berücksichtigt. Eine löbliche Initiative, zumal in dieser Angelegenheit endlich Tatsachen geschaffen werden. Das Druckstück liefert damit eine ernstzunehmende Diskussionsbasis für die Lösung des scheinbar Unlösbaren und stützt sich auf die wissenschaftliche Arbeit des italienischen Professors Bartaletti (Uni Genua).

Ob der Vorschlag freilich unverändert seinen Weg in ein Toponomastikgesetz finden kann oder nicht, wird einer politischen und gesellschaftlichen Diskussion entspringen müssen. Ich werde nicht müde zu wiederholen, dass diese und ähnliche Probleme nur im Konsens zwischen den Sprachgruppen nachhaltig und bei gegenseitigem Vertrauen lösbar sind. Erstrebenswert wäre, wie in diesem Blog bereits angeregt, auch eine genaue Untersuchung der Eindeutschung romanischer Ortsnamen in den ladinischen Ortschaften sowie im Vinschgau. Dabei geht es nicht darum, »natürliche« Entwicklungen, Anlehnungen und Verballhornungen rückgängig zu machen, sondern allfällige vorsätzliche »Übersetzungen« und Verfälschungen zu eruieren.

Letztendlich muss die Entscheidung jedoch politisch gefällt werden; außer dem zentralistischen Ansatz des Durnwaldervorschlags – der sämtliche Gemeindebezeichnungen über einen Kamm (und sich um wissenschaftliche Erkenntnisse gar nicht) schert – oder jenes der Union, gilt es etwa auch die basisdemokratische Lösung in Graubünden abzuwägen, wo jede Gemeinde frei den eigenen Ortsnamen und sogar die Amtssprache selbst festlegen kann. Vermutlich müsste man in Südtirol einen »konsensualen« Schlüssel festlegen, damit die jeweils kleinere Sprachgruppe nicht einfach von der größeren überstimmt wird.

Die Karte kann zum Preis von € 2.- (zzgl. € 1.70 Versandgebühr) beim Südtiroler Schützenbund bestellt werden.

Nachtrag: Die Karte weist einen makroskopischen Makel auf, der darin besteht, dass für die ladinischen Ortschaften die deutschen und italienischen Ortsbezeichnungen vermerkt wurden, umgekehrt ladinische Toponyme für Ortschaften außerhalb Ladiniens vollständig fehlen. Das ist als stümperhaft und kulturimperialistisch zu werten und stellt die Arbeit der Arbeitsgruppe in ein äußerst ungünstiges Licht.

Siehe auch:

Discriminaziun Kohäsion+Inklusion Minderheitenschutz Ortsnamen Politik Publikationen | | | | Grischun Ladinia | AVS Bauernbund BürgerUnion Schützen SVP | Deutsch

Freiheitsgewinn.

Serbien und Montenegro.

Nach jener von Tschechien und Slowakei erleben wir heute möglicherweise eine neue friedliche Trennung in Europa: Jene Montenegros (621.000 Einwohnerinnen) von Serbien, im letzten Überrest der ehemaligen jugoslawischen Konföderation. Über die Unabhängigkeit befinden in Ausübung der Menschenrechte und in bester demokratischer Tradition allein die Bürgerinnen Montenegros. Damit könnte auf unserem Kontinent erneut ein Staat mit weniger als einer Million Einwohnerinnen entstehen — wenig mehr Menschen, als in Südtirol leben.

Ungeachtet des Wahlausgangs tragen die Montenegrinerinnen den Sieg davon: Ihre Zukunft wird so sein, wie sie frei beschließen!

Keine Angst vor Demokratie!

Siehe auch:

Democrazia Grundrechte Kleinstaaten Selbstbestimmung | Good News | | | Europa | | Deutsch

Zahlen. Spielchen.

Ein häufig vorgebrachter Einwand, warum man von auswärtigen Konzernen in Südtirol nicht den Gebrauch der deutschen und ladinischen Sprache verlangen könne ist, dass unser Land klein und die Südtirolerinnen zu wenige seien. Selige Vorzeigeautonomie. Obschon es stimmt, dass wir nicht zahlreich sind, hält nämlich das Argument einem internationalen Vergleich nicht stand: Es gibt zahlreiche Beispiele von Minderheiten und souveränen Staaten mit geringerer Einwohnerinnenzahl, wo wesentlich fortschrittlichere Lösungen gefunden wurden als hierzulande.

Bevölkerungstabelle.

B=Belgien | FIN=Finnland | GR=Kanton Graubünden | ST=Südtirol | TI=Kanton Tessin
Quelle: Wikipedia.

Bereits auf dargelegte Beispiele und solche die in nächster Zukunft folgen werden, zeigen: Für die Schaffung eines tatsächlich mehrsprachigen Landes sind nicht Zahlen ausschlaggebend, sondern vielmehr folgende Kategorien:

  • Respekt und politischer Wille.
  • Gesetzliche Maßnahmen.
  • Druck durch Bürgerinnen und Verbraucher.

Gerade letzteres Instrument steht jeder und jedem Einzelnen zur Verfügung und sollte verstärkt zur Anwendung kommen, denn ein selbstbewusstes ist auch ein demokratisches und liberales Südtirol — das allen Einwohnerinnen volle Rechte zuerkennt und damit reif ist, seine Zukunft in die Hand zu nehmen. wird fortan verstärkt zur Druckausübung (Lobbyarbeit) anregen und somit die Mündigkeit der BürgerInnen fördern!

Ähnliches gilt für die Unabhängigkeit. Stets wird behauptet, Südtirol sei zu klein, um als unabhängiger Staat überlebensfähig zu sein. Obschon die Größe gerade im Rahmen der Europäischen Union geradezu irrelevant ist, wäre Südtirol ohnehin weder im Dreibund mit seinen natürlichen Partnern Nord-, Ost- und Welschtirol (als »Euregio«) noch im Alleingang ein Zwerg unter den Kleinstaaten:

Bevölkerungstabelle2.
Einwohnerzahlen ausgewählter Kleinstaaten.

 

Quelle: Wikipedia.

 

Allein im europäischen Kontext gibt es zahlreiche kleinere Länder, die fast immer aus der Not eine Tugend gemacht haben, international ausgerichtet sind und wirtschaftlich prosperieren. Zugegebenermaßen nicht immer nur mit astreinen Methoden. Als — jetzt schon — laut Eurostat achtreichstes Gebiet der Union müsste sich diesbezüglich auch unser Land keine großen Sorgen machen, im Gegenteil: Vermutlich würde mehr Selbstbewusstsein auch neue ökonomische Kräfte entfesseln.

Siehe auch:

Comparatio Discriminaziun Kleinstaaten Minderheitenschutz Plurilinguismo Umfrage+Statistik Verbraucherinnen Wirtschaft+Finanzen | Bilinguismo negato Produktetikettierung | | | Finnland-Suomi Grischun Malta Ostbelgien Südtirol/o Svizra Ticino | Euregio Eurostat | Deutsch