Kein Engagement für .stl

Als die Katalanen vor nunmehr sechs Jahren ihr eigenes Internet-Suffix bekamen, war das eine bahnbrechende Errungenschaft. Die Regeln der internationalen Vergabestelle ICANN sahen keine territorialen Endungen vor, die nicht etablierten Staaten entsprachen. Doch die findigen Katalanen gaben nicht auf und erreichten die Zuweisung eines eigenen Suffixes — dann eben nicht als Territorium, sondern als kulturelle Gemeinschaft. Dies brachte die positive Nebenwirkung mit sich, dass Erwerber einer .cat-Adresse einen inhaltlichen und/oder sprachlichen Bezug zu Katalonien nachweisen müssen, wodurch verhindert werden konnte, dass die Endung vor allem an Seiten mit Katzenbezug (.cat) vergeben würde.

Im Jahr 2011 ist eingetreten, was 2005 noch niemand ahnen konnte: Die ICANN hat beschlossen, die Vergabe von Suffixen weitgehend zu liberalisieren. Obwohl die Zuweisung erst 2012 starten wird, haben bereits zahlreiche Konzerne und Organisationen ihre neuen Endungen vorgemerkt. Regionen mit erhöhtem Eigenregierungsanspruch, welche dadurch (wie die Katalanen) ihren Wiedererkennungswert steigern wollen, haben die Möglichkeit genutzt, um den Registrierungsprozess für eigene GeoTLDs (Toplevel-Domains mit geographischem Bezug) in Gang zu setzen. So werden ab 2012/2013 unter anderem galicische (.gal), bretonische (.bzh), walisische (.cym), schottische (.scot) und baskische (.eus) Adressen erwartet. Auch einige Großstädte wie Berlin (.berlin), Barcelona (.bcn), New York (.nyc) und Neapel (.naples) haben ihre Kandidatur bereits eingereicht.

Südtirol scheint diese Entwicklung bisher einmal mehr verschlafen zu haben: Obwohl zahlreiche Firmen, Organisationen und Private schon jetzt auf alternative Endungen (vor allem .st und .bz) ausweichen, um einen territorialen Bezug herzustellen, hat weder das Land, noch eine private Interessensgemeinschaft bis dato einen Antrag bei der ICANN eingereicht, um Südtirol eine eigene Endung (.stl, .str oder .trl zum Beispiel) zu sichern — welche auch einen kulturellen und wirtschaftlichen Mehrwert bedeuten könnte.

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Zum Wohl!

Die vom Europaabgeordneten der SVP gepriesene Verordnung zur Lebensmittelkennzeichnung wurde von der Verbraucherzentrale Südtirol gescholten, unter anderem, weil sie den Bedürfnissen der Minderheiten nicht Rechnung trägt. Genau diese Bedürfnisse hatte sich die Volkspartei vor sehr langer Zeit eigentlich auf die Fahnen geschrieben. Die katalanischen Europaabgeordneten hatten — anstatt sie wie Dorfmann zu loben — versucht, die Verordnung mittels eines Abänderungsantrags zu verbessern, womit sie scheiterten. In ihrer endgültigen Fassung schreibt die Verordnung die Etikettierung in mindestens einer Amtssprache der EU vor. Dies würde in Spanien das Minderheitenschutzniveau deutlich senken, da in Galicien und Katalonien die jeweiligen Landessprachen tatsächlich mit der Staatssprache gleichgestellt sind: So wie Produkte ausschließlich auf Spanisch etikettiert sein dürfen, ist es auch gestattet, Produkte ausschließlich auf Galicisch oder Katalanisch zu beschriften. Zum Vergleich: In Südtirol müssen Produkte nach wie vor auf Italienisch beschriftet sein, eine Gleichstellung der deutschen und ladinischen Sprachen gibt es nicht. Besonders katalanische Firmen machen ausgiebig Gebrauch von ihrem Recht, welches die Umsetzung der jüngsten Richtlinie kippen könnte; die »Regionalsprachen« Galicisch, Baskisch und Katalanisch sind nämlich (noch) keine Amtssprachen der EU.

Die katalanische Brauerei Moritz hat sich jetzt eine kreative Form des Protests und der Sensibilisierung einfallen lassen: Sie hat 736 Flaschen mit Sonderetikettierung angefertigt, genausoviele, wie Abgeordnete im Europaparlament sitzen. Neben der üblichen Inhaltsangabe auf Katalanisch wurde der zweisprachige Slogan »beure una cervesa catalana, és beure una cervesa europea – drinking a catalan beer is drinking a european beer« auf die Etiketten gedruckt. Die drei katalanischen EU-Abgeordneten (CiU, Grüne und ERC) haben zugesagt, die Flaschen während der kommenden Tage an ihre Kollegen zu verteilen.

Prost, Herr Dorfmann! Lassen Sie es sich schmecken.

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Zugewanderte zu Italienerinnen.

Obwohl der Senat auf Antrag Oskar Peterlinis die Regierung verpflichtet hatte, Zugewanderten in Südtirol Deutschkurse und -prüfungen anzubieten, hat Minister Elio Vito heute mitgeteilt, dass es nicht dazu kommen wird. Seit einigen Monaten müssen Migrantinnen in Italien — auch in Südtirol — verpflichtende Sprachtests in italienischer Sprache ablegen, bevor sie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten.

Seine Ablehnung begründete der Minister damit, dass der Nachweis in ganz Italien Gültigkeit habe und deshalb nicht der Gleichstellung von Deutsch und Italienisch in Südtirol unterliege. Selbst von ursprünglich in Aussicht gestellten freiwilligen Deutschtests war nicht mehr die Rede.

Damit behindert ein angebliches »nationales Interesse« auch weiterhin die ausgewogene und effektive Integration von neuen Südtirolerinnen, da sie zwar die Staatssprache beherrschen müssen, Deutsch und Ladinisch jedoch nicht. Das schafft eine eindeutige Sprachhierarchie. Diese Misere beweist einmal mehr, dass uns unsere Autonomie selbst in Schlüsselbereichen keinen ausreichenden Handlungsspielraum gewährt, um eine den Südtiroler Bedürfnissen entsprechende Gesetzgebung sicherzustellen. Dass die Entwicklung der Südtiroler Gesellschaft maßgeblich von Rom aus gesteuert wird und dabei die Mehrsprachigkeit unter die Räder kommt, ist ein kaum zu überschätzender Missstand. Die Zeitbombe tickt weiter.

Bildung Migraziun Plurilinguismo Politik Staat vs Land Vorzeigeautonomie Zentralismus | | Oskar Peterlini | | | |

Das Schindluder.
D'Hondt

Als die damalige Landtagspräsidentin Julia Unterberger vor einigen Wochen per Interpretation die Obstruktionsmöglichkeiten der Opposition einschränkte, bezeichnete ich das hier als durchaus vertretbar — allerdings mit der Einschränkung, dass die SVP ihren gestärkten Handlungsspielraum zur Verabschiedung längst überfälliger und von der Opposition torpedierter Gesetze nutzen müsse, und nicht um Schindluder zu treiben. Zum Beispiel sollte sich die Mehrheitspartei davor hüten, im Alleingang ein neues Wahlrecht zu beschließen, welches ihr die Erlangung der absoluten Sitzmehrheit im Landtag erleichtern würde.

Jetzt zeichnet sich jedoch genau dies ab: Die Volkspartei schickt sich an, das Wahlrecht zu novellieren, und beabsichtigt die Einführung des D’Hondt’schen Verfahrens zur Sitzzuteilung, welches Großparteien zu Lasten von kleineren klar begünstigt. Ich habe hier eine kleine Simulation durchgeführt, die zeigt, wie sich unterschiedliche Verfahren bei gleichem Wahlergebnis auf die Sitzverteilung auswirken:

Wenn die Quoten der Parteien an den zu vergebenden Sitzen (Spalte: »exakt«) keine ganzen Zahlen sind, kommen bei proportionalen Wahlsystemen Verfahren zur Anwendung, welche eine Umwandlung der Quoten in Sitze ermöglichen und dabei Ungerechtigkeiten (verzerrende Abweichungen) minimieren sollen. In der vorliegenden Simulation wurden folgende weitverbreitete Verfahren miteinander verglichen: Hare-Niemeyer-Verfahren (HN), D’Hondt-Verfahren (DH) und Sainte-Laguë-Verfahren (SL). Es wird deutlich, dass das von der SVP bevorzugte System (DH) große Parteien belohnt und kleine Parteien stärker bestraft, als die beiden anderen: So kann sich Partei A mit 90.000 der 182.000 Gesamtstimmen (49,45%) ausschließlich mit D’Hondt die absolute Sitzmehrheit (18 von 35 Mandate sichern).

Kein Verfahren konnte sich international gegenüber allen anderen durchsetzen, da keines eine perfekt proportionale Sitzzuweisung erlaubt. Jedes von ihnen hat Vor- und Nachteile (s.) — doch seine Eigenschaften lassen D’Hondt gerade für Südtirol ungeeignet erscheinen: Laut Wikipedia ist die Verzerrung durch dieses Verfahren (Abweichung von der Proportionaliät) gerade dann besonders hoch, wenn große Unterschiede in den Parteistärken bestehen (die SVP ist hierzulande mit Abstand die stärkste Partei), viele Parteien an der Wahl teilnehmen (2008 waren es nicht weniger als 15) und relativ wenige Sitze zu vergeben sind (die 35 Sitze des Südtiroler Landtags sind im Vergleich zu 187 im Bayrischen Landtag, 69 in Schleswig-Holstein oder 51 im kleinen Saarland relativ wenige).

Noch problematischer ist freilich, dass der Umstieg auf das D’Hondt-Verfahren nicht von einer breiten Mehrheit der Landtagsfraktionen vorgeschlagen wurde, sondern vom potenziell größten Nutznießer selbst.

Democrazia Politik | | Julia Unterberger | | Südtirol/o | Südtiroler Landtag SVP | Deutsch

Das neue Sprachrohr.tv

Die vom engagierten und streitbaren Zeitgenossen Kurt Duschek gegründete Diskussionsplattform Sprachrohr.tv wurde rundum erneuert und mit neuen Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet, die den meisten Internetnutzern aus sozialen Netzwerken bekannt sind. Dies verleiht den Teilnehmern eine aktivere Rolle und soll das Zustandekommen politischer Diskussionen erleichtern. So ist es möglich, Medien hochzuladen, Veranstaltungen anzukündigen und Umfragen zu erstellen, andere Mitglieder können als Freunde gekennzeichnet oder einer Gruppe zugeordnet werden.

Bekannt geworden war die Plattform durch die zahlreichen Videos, in welchen Duschek bekannte Südtiroler und einfache Bürger zu aktuellen Themen befragte. Duschek sitzt für die Grünen im Meraner Gemeinderat.

Die Brennerbasisdemokratie wünscht dem neuen Sprachrohr.tv viel Erfolg — offene, freie Denkarbeit braucht das Land, möglichst losgelöst von den Platzhirschen der Südtiroler Medienlandschaft.

Medien Tech&Com | | | | | Vërc |

Die Wichtigkeit der Verachtung…

…für das eigene Ansehen.

Bei den oberflächlicheren unter Südtirols »Bildungsbürgern« sind Reflexe weit verbreitet, die sie in der öffentlichen Wahrnehmung zielsicher zu den Guten und Gerechten katapultieren, egal, was sich hinter dieser Attitüde wirklich verbirgt (sie kaschiert meist die Leere). Während in politischer Hinsicht das Bekenntnis zum Nationalstaat zum guten Ton gehört — und alles andere unreflektiert als vermeintlich provinziell und extremistisch abzulehnen ist — fällt eine Parallele in Hinsicht auf das kulturelle Leben auf: Wer etwas auf sich hält, findet dieses Land von vornherein zu engstirnig und verschmäht Dinge, die er gar nicht kennt. Dabei findet man in Südtirol inzwischen ein so reichhaltiges kulturelles Angebot auf höchstem internationalen Niveau, dass dieses Verhalten schnell als Vorwand entlarvt sein müsste. Meraner Musikwochen, Jazzfestival, Transart, TanzBozen, Busoni-Wettbewerb, Mahler-Musikwochen und — einmalig — die Manifesta sind nur einige der großartigen Veranstaltungen, die wir (meist auch noch zu Spottpreisen) serviert bekommen. Dazu kommen Tagungen, Filmtage und Symposien. Das Südtiroler Kulturinstitut holt die aufwändigsten Theaterproduktionen des deutschen Sprachraums nach Südtirol, das Teatro Stabile in Bozen zählt zu den renommiertesten des italienischen Sprachgebiets. So unterschiedlich ausgerichtete Einrichtungen wie das Museion, Kultur Meran oder die Brixner Hofburg bieten regelmäßig exzellente Ausstellungen an. Und die kleiner strukturierte lokale Kulturszene rundet das Angebot noch mit teils ebenfalls qualitativ hochstehenden Perlen ab.

Das Ziel dieser Feststellung ist nicht, die — tatsächlich provinzielle — Auffassung zu verbreiten, wir hätten und könnten alles und wären besser als andere. In vielen Bereichen haben wir tatsächlich Nachholbedarf, manches sollte man auch besser aufeinander abstimmen. Es wäre aber zweckdienlicher, nicht a priori in (Selbst-)Verachtung zu versinken, nur um (vermeintlich) das eigene Ansehen zu steigern — sondern das kulturelle Leben selbstbewusst mitzugestalten und die mannigfachen Angebote wahrzunehmen.

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Ende der Hetze?
Quotation 20

Der Alto Adige wird den Wert der Lokalberichterstattung neu entdecken, […] er wird mehr Abstand von der Politik halten — die Politik darf nicht die Agenda einer Zeitung diktieren. Es wird eine Zeitung sein, […] die über [die] bisherige Form des Zusammenlebens hinausdenkt, die nicht mehr den Konflikt als grundlegendes Element dieser Gesellschaft betrachtet.

Was ich […] will: den Blick befreien, aufhören, unser Schicksal zu beklagen und zu schildern, was für Probleme wir in der Vergangenheit hatten. Ich möchte, dass wir vom Blick in den Rückspiegel wegkommen, unseren Blick nach vorne richten.

Wir müssen mit der Vergangenheit reinen Tisch machen und dazu müssen wir uns der Wahrheit stellen. Das betrifft nicht nur die Attentate der 60er-Jahre: Wir sind bereit, die Dinge unter anderen Gesichtspunkten als in der Vergangenheit zu erzählen.

Man kann die italienische Kultur auch verteidigen, mit Verstand, mit Argumenten, nicht blind, nicht gegen jemanden und nicht von vornherein. Ich war nicht in Bozen, als man über Friedens- oder Siegesdenkmal diskutiert hat, aber ich bin der Meinung, dass wir heute anders darüber diskutieren würden, offener, auf der Suche nach etwas Neuem, alte Denkmuster überwindend.

[Wir leben] in einem Land, in dem es einen vielfältigen Journalismus gibt, eine Konkurrenz, die es dem Leser erlaubt, die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Wenn Sie nach Verona schauen, werden Sie dort nur mehr eine Tageszeitung vorfinden, hier herrscht eine erstaunliche Medienvielfalt. Und diese Vielfalt garantiert Freiheit.

Alberto Faustini, neuer Chefredakteur der Tageszeitung »A. Adige«, in einem bemerkens- und lesenswerten ff-Interview (ff Nr. 27 vom 07.07.2011).

Siehe auch:

Kohäsion+Inklusion Medien | Zitać | Alberto Faustini | AA ff | | | Deutsch

Tolomeis Institut dichtmachen!

Wie der Landeshauptmann erklärt, will uns Finanzminister Tremonti zum Sparen zwingen, obwohl wir keine Schulden haben. Das Eingesparte wird auch nicht dem Staat zurücküberwiesen. Mit anderen Worten: Das Land verfügt dann über Geld, das es nicht ausgeben darf.

Durnwalder sollte dem Minister einen Gegenvorschlag unterbreiten, der dem Staat eine echte Einsparung bringen würde: Die Schließung des Istituto di Studi per l’Alto Adige in Florenz, welches — wie bereits beschrieben — auf Ettore Tolomei zurückgeht und nach wie vor besteht. Das Institut beruft sich bis heute u. a. auf ein Programm des Protofaschisten, welches völlig unkommentiert auf seinem Webauftritt präsentiert wird. Auch sonst sucht man Spuren einer Aufarbeitung (oder auch nur einer Distanzierung) vergeblich. Dass eine derartige Einrichtung weiterhin mit öffentlichen Mitteln finanziert wird und sogar an einer öffentlichen Universität angesiedelt ist, ist in hohem Maße skandalös.

Das Istituto di Studi per l’Alto Adige ist kein totes »Relikt«, sondern ein quicklebendiges Überbleibsel aus Italiens kolonialistischer Vergangenheit, welches sich jetzt über die Toponomastikkommission des Landtags zu allem Überfluss auch noch direkt in die Südtiroler Politik einmischt.

Kein Demokrat darf den Fortbestand einer derartigen Institution dulden!

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