Fähnlein im Wind.

Die Handelskammer verleugnet im Namen des Marketing erneut die Diversität unseres Landes.Wein.

Wie die Tageszeitung in ihrer heutigen Ausgabe schreibt, war die Südtiroler Weinwirtschaft in Zusammenarbeit mit der Exportorganisation der Handelskammer (EOS) an der Londoner Fachmesse Wine+ präsent.

Offensichtlich geschah dies unter der ausschließlichen Benutzung des Slogans »Wine from A. Adige«Â¹ mit dem Zusatz »wines of the italian alps«. Die Tageszeitung »A. Adige« kann von einer »absolut« italienischen Präsentation berichten.

Es geht hier nicht um die Vorherrschaft einer Landessprache über die andere; selbst Südtirol präsentiert sich in England nicht auf Deutsch oder Italienisch, sondern eben auf Englisch. Vielmehr geht es um die – politische, gesellschaftliche, ja selbst vermarktungstechnische – Opportunität, sich offensiv als Teil Italiens zu vermarkten, und dabei die Besonderheit Südtirols zu opfern.

Zu den Hauptaufgaben der EOS zählt schließlich jene, Südtirol und seine Waren im Ausland zu positionieren.

Was bei der Dachmarke nicht sein durfte, wird nun also unter umgekehrten Vorzeichen Realität: Der Name Südtirol (South Tyrol, Südtirol/Sudtirolo, Südtirolo, Sudtirolo, Südtirol/A. Adige wären denkbare Alternativen) wird wie zu »schönen Zeiten« unter den Tisch gekehrt, und zwar zugunsten der Bezeichnung, die auch die Südtiroler Marketinggesellschaft am liebsten aus ihrem Wortschatz gestrichen hätte; »A. Adige« wird in keiner internationalen Kampagne der SMG benutzt. Auch die Wirkung der Dachmarke, der teuer finanzierten integrierten Südtirolwerbung, wird so bereitwillig zur Vortäuschung einer angeblich vollständigen Italianität unseres Landes geopfert.

Die Handelskammer erweist sich erneut als eine – mit öffentlichen Mitteln finanzierte – Organisation, die die politische und gesellschaftliche Sensibilität unseres mehrsprachigen Landes verachtet.

Zur Erinnerung: Die Handelskammer (zu der die EOS gehört) hatte im Jahr 2005 in der Person von Paul Zandanel eine Pressemitteilung herausgegeben, in der sie nicht weniger als eine endgültige Standortbestimmung für unser Land diktierte. Der Sukkus: »Südtirol ist nicht Tirol!«. In einer Mail an Herrn Zandanel hatte ich damals u. a. kommentiert:

Im Übrigen nenne ich das, was Sie betrieben haben kreative Geografie: Wenn Südtirol nicht Tirol ist, was ist es dann? Wie lange müssen wir auf eine Aussendung warten, die uns belehrt, daß Südafrika nicht Afrika, Nordzypern nicht Zypern und Lateinamerika nicht Amerika sei?


1) Auch hat sich mehrmals für die Überholung dieser offiziellen Landesbezeichnung zugunsten von Südtirol/Sudtirolo oder Südtirolo ausgesprochen. [1] [2]

Schweizer Verhältnisse.

SBB.

Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB-CFF-FSS) bieten ihren Kunden eine übersichtliche und einfach zu bedienende Homepage – selbstverständlich in vier Sprachen. ¹ ²

Als besondere Dienstleistung für Pendler und Fahrgäste, die häufig auf der selben Strecke reisen, steht der »persönliche Fahrplan« im Online-Angebot: Man gibt die gewünschte Strecke an, bestimmt einen Zeitraum und die Wochentage, an denen man fahren möchte. Das System erstellt dann einen maßgeschneiderten Fahrplan im PDF-Format, den man anschließend ausdrucken und als steten Begleiter bequem in der Geldtasche (oder am Handy) mitführen kann.

Die gute Nachricht: Den persönlichen Fahrplan der SBB gibt es auch für Südtiroler Binnenstrecken. So kommen auch wir in den Genuss einer echten Schweizer Serviceleistung.

(1) Die SBB-Seite steht auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch zur Verfügung. Rumantsch wird leider nicht angeboten.
Die Homepage von Tränitalia ist einsprachig italienisch. Weder die anerkannten Minderheitensprachen noch die Welt- und Reisesprache Englisch werden berücksichtigt.

(2) Die Homepage des Südtiroler Verkehrsverbundes ist vergleichsweise unübersichtlich, das fängt schon mit der kryptischen Internetadresse (http://www.sii.bz.it) an. Kleine Bushaltestellen werden häufig nicht gefunden (z.B. Ehrenburg). Die ladinische Sprachversion (SPELL) wurde aus politischen Gründen (!!) entfernt, die ladinischen Bezeichnungen von Haltestellen in ladinischen Ortschaften werden nicht erkannt.

Sprachschutz als Konsumentenschutz again.

Mail vom 10. Jänner 2008:

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann,

mit großer Genugtuung habe ich den Medien entnommen, dass Sie sich in letzter Zeit verstärkt um den Verbraucherschutz – im speziellen Fall von Versicherungskunden – gekümmert haben. Dies mit der Begründung, dass Versicherungsgesellschaften einen »öffentlichen Dienst« verwalten.

Bereits vor geraumer Zeit war ich mit der Anregung an die Landesregierung herangetreten, den Sprach- und Konsumentenschutz mit einem eigenen, organischen Landesgesetz zu regeln, wie dies etwa in Katalonien mit sehr guten Ergebnissen gemacht wurde. Banken, Versicherungen, große Verkaufsketten (u.s.w.) sowie alle Empfänger von Landesbeiträgen sind dort dazu angehalten, Kundeninformationen, Prospekte, Verträge etc. in beiden Amtssprachen Katalanisch und Spanisch zur Verfügung zu stellen – und tun dies auch.

Die Verbraucherzentrale, an die ich mein Schreiben wie auch diesmal z. K. gerichtet hatte, hatte mir damals bestätigt, dass in Südtirol diesbezüglicher Handlungsbedarf besteht.

Landesrätin Sabina Kasslatter Mur sowie ihre Kollegen Werner Frick und Thomas Widmann sind mir jedoch auch nach mehrmaliger Nachfrage eine Antwort schuldig geblieben. Aus diesem Grund hoffe ich, dass nun Sie Herr Landeshauptmann mich darüber informieren können, ob und wann die Südtiroler Landesregierung plant, in diesem Bereich tätig zu werden.

Zum Schluss möchte ich hier noch drei Internetseiten verlinken, auf denen ich das Problem beschrieben und die katalanische Lösung etwas detaillierter dargestellt habe:

http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=54
http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=28
http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=24

In der Hoffnung auf eine baldige Antwort verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

Simon Constantini, Brixen

Antwort vom 14. Jänner 2008:

Sehr geehrter Herr Constantini,

herzlichen Dank für Ihre Mail und Ihre Anregungen. Ich bin in der Tat der Meinung, dass gerade auch Versicherungsgesellschaften einen öffentlichen Auftrag erfüllen und deshalb zweisprachig agieren solllten, wie übrigens noch zahlreiche weitere private Dienstleister mit öffentlichem Auftrag. Wir werden uns weiterhin in diese Richtung bemühen.

Beste Grüße

Dr. Luis Durnwalder
Landeshauptmann

Wie ich bereits im Zusammenhang mit der Antwort von Frau Kury geschrieben habe, finde ich die Interpretation, Versicherungen seien Konzessionäre eines öffentlichen Dienstes, an den Haaren herbeigezogen. Die Zweisprachigkeit in der Privatwirtschaft sollte über ein eigenes, transparentes Gesetz geregelt werden. Die Antwort von Herrn Durnwalder gibt Grund zur Hoffnung.

Ich werde also weiterhin dran bleiben, um den Landeshauptmann (bei dem ich mich für die rasche, aber noch etwas vage Antwort bedanke) und seine Regierung daran zu messen, ob und wie sie sich tatsächlich »weiterhin in diese Richtung bemühen« werden.

Schützen… heil?

Bei den Schützen stehen demnächst Wahlen an. Doch anstatt einer klaren Distanzierung vom Rechtsextremismus – in Form einer personellen Erneuerung – könnte der peinliche Karrieresprung des ehemaligen »Bildungsreferenten« Peter Piock bevorstehen. Und der war erst vor rund einem Jahr seiner Ämter enthoben worden, weil er den NS-Revisionisten Gerd Schulze-Rhonhof als Referenten zu einer Kaderausbildung geladen hatte.

Letzte Woche wurde Piock von seinen Kameraden als Kandidat für die Position des Landeskommandanten, höchste Charge der Südtiroler Schützen, ins Rennen geschickt. Beim Traditionsverein kommt es nun also zu einer demokratischen Nagelprobe: Wird man sich endlich von zweifelhaften Persönlichkeiten lossagen können, die die gesamte Truppe in ein schlechtes Licht rücken, oder wird man weiterhin ein – euphemistisch formuliert – nicht ganz lupenreines Verhältnis zum rechten Rand und dem Nationalsozialismus pflegen?

Anstatt nach außen Antifa zu spielen, sollten die Strammen endlich bei sich aufräumen.

Nachtrag vom 18.01.: In der heutigen Tageszeitung (NST) wird das Problem thematisiert. Angeblich könnte es bei den Schützen zu einer Spaltung kommen, falls Peter Piock zum Landeskommandanten gewählt wird. Es ist jedoch nur von einem »Imageproblem« die Rede, die Rechtsextremismus-Diskussion findet also weiterhin nur oberflächlich statt.

Interview mit HKP.

Gerne übernehme ich, auf à‰trangers Anregung, dessen Gespräch mit Hans Karl Peterlini in originalsprachlicher Fassung. Hier geht es zum übersetzten Text, so wie er in der Lokalbeilage des Corriere della Sera erschienen ist.

Hans Karl Peterlini, scrittore di confine.

Che cosa distingue un giornalista da uno scrittore? Apparentemente la risposta è facile. Il primo scrive articoli che durano il tempo di una veloce lettura, prevale un contenuto informativo, e il giorno dopo sono già  quasi dimenticati. Gli articoli di un giornale sono ”foglie destinate a perdersi sull’acqua”, diceva sornione Umberto Eco. Uno scrittore invece scrive dei libri, cioè oggetti culturali generalmente più ”solidi”, fatti per durare, e nei quali si allude ad una stratificazione di senso che il linguaggio artistico della prosa dovrebbe rendere manifesto. Ovviamente la distinzione appena tracciata è molto labile. Il confine tra i due profili poroso. Esistono giornalisti che hanno scritto bellissimi libri e scrittori che sono abilissimi giornalisti. Si possono leggere articoli stratificati e densi come una pagina di un romanzo e libri che presentano una tale facilità  di esecuzione e sono così ricchi d’informazioni da risultare fluidi come un articolo di giornale. Hans Karl Peterlini è sicuramente un autore per il quale è possibile affermare che il confine tra giornalismo e letteratura sia particolarmente sottile. Anzi, considerato il suo prevalente ambito d’interessi (la storia locale), bisogna aggiungere che egli rappresenta uno scrittore di confine tout court. Per questo motivo sarebbe anche auspicabile che i suoi libri venissero tradotti in italiano e resi così accessibili ad un pubblico più vasto.

Hans Karl Peterlini, sei noto come giornalista (hai guidato per anni la redazione del settimanale “FF”) e come autore di libri sulla recente storia del Sudtirolo. La sensazione è che queste due attività  non si siano sviluppate completamente in parallelo, ma che dalla prima sia progressivamente sbocciata la seconda. Si tratta di un’impressione sbagliata?

Nein, der Eindruck stimmt, wenngleich das Bedürfnis nach Vertiefung von Anfang an da war. Mein erstes Buch habe ich 1992 geschrieben, das war “Bomben aus zweiter Hand”. Ich stand damals mehrere Jahre ziemlich ausgesetzt an der Front der Ermittlungen und Recherchen zu den Attentaten der 80er Jahre, eine Enthüllung jagte die andere, vor allem als die Affäre Gladio platzte. Der Überblick ging verloren. Ich habe mein Buch immer nur “Dokumentation” genannt, ich hatte einfach das Bedürfnis besser zu verstehen, klarer zu sehen, die Dinge in einen größeren Rahmen zu stellen. Und dieses Bedürfnis wurde umso größer, je stärker der Haupttrend im Journalismus – mit einigen löblichen Ausnahmen – in Richtung schneller, hektischer, oberflächlicher Information ging. Die Kollegen begannen zu witzeln, dass meine Artikel immer länger würden – das Buch ist da eine geeignete Form. Allerdings hat auch mein Verleger Gottfried Solderer jüngst schon gescherzt, wenn ich von 200 Seiten spreche, müsse er vorsichtshalber mit 400 kalkulieren. Ich möchte einfach die Themen ernst nehmen, die ich behandle.

Anche alla luce della tua esperienza di caporedattore di una testata che ha sempre cercato di esercitare il diritto/dovere della critica, come caratterizzeresti il panorama editoriale sudtirolese?

Südtirol trägt an einem Fluch, der zugleich seinen Reiz ausmacht: es ist ein sehr, sehr kleines Land. Ein Mikrokosmos, wunderbar zu erforschen und zu erzählen, hier lässt sich Geschichte, lässt sich Soziologie, lässt sich Politik, lässt sich Konfliktarbeit wie in einem Reagenzglas betrachten, man kann ins Kleine gehen, kann vertiefen. Aber es gibt es ein Aber. Für alles, was man hier macht, sind die Grenzen sehr eng gezogen. Der Markt ist klein, das Themenangebot ist klein, die politische Bühne, über die der Journalismus schreibt, ist ein Billardtisch, die Kugeln, die darauf herumrollen und sich stoßen, sind immer dieselben, die Werbekunden sind dieselben Leute, über die man schreiben sollte. Auf der einen Seite bringt dies das Risiko einer ständigen Selbstüberschätzung dessen, was hier passiert, eine Aufblähung. Und andererseits herrscht Erstickungsgefahr. Deshalb finde ich jede Anbindung Südtiroler Medien an größere Realitäten wichtig. Der Corriere ist für mich ein wichtiges Experiment, auch wenn es zugleich alle Schwierigkeiten des Marktes offensichtlich macht. Südtirol ist wie jeder Regionalmarkt, die Platzhirsche grasen alles ab, für den Rest bleiben ein paar Heubüschel.

In Sudtirolo, terra plurilingue, a qualcuno viene ogni tanto in mente di pubblicare un ”foglio” redatto per l’appunto in più lingue. Questo anche per contrastare il meccanismo di ripiegamento all’interno dei diversi gruppi linguistici che poi, inesorabilmente, porta ad una comunicazione incapace di offrire alla popolazione locale uno specchio nel quale essa possa riconoscersi come appartenente ad uno ”stesso” territorio. Che cosa impedisce, a tutt’oggi, la realizzazione di un grande progetto editoriale plurilingue?

Eine kleine Gruppe hat im vorigen Jahr versucht, das Projekt “etcetera” zu lancieren, ausgegangen ist die Idee von Aldo Mazza, Edi Rabini, Toni Colesselli, Reinhard Cristanell und anderen, ich wurde beigezogen und fand die Herausforderung spannend, auch wenn ich selbst nicht mehr “an die Front” zurück möchte. Wir haben eine Angel ausgeworfen, und gemeldet haben sich sehr viele intelligente Leute aus dem Südtiroler Kulturleben, viele junge Leute beider Sprachgruppen – eine viel versprechende Basis. Wer sich nicht gemeldet hat, war bisher leider die Wirtschaft. Anderen Initiativen ist es ähnlich ergangen, denken wir nur, dass Riccardo Dello Sbarba in der FF geschrieben hat und dann nicht mehr ersetzt wurde, ich habe einiges versucht, aber es gelang nicht, eine zukunftsträchtige Basis zu entwickeln. Die deutsche Seite im Alto Adige ist weggespart worden. Es hat wohl auch mit dem Effizienzdrall im modernen Medienwesen zu tun, es gibt immer weniger Bereitschaft von Verlegern, auf eine Idee zu setzen, sie wachsen zu lassen. Das hat früher den großen Journalismus ermöglicht, denn manche Saat braucht Zeit. Heute wird weggespart, was nach einigen Monaten nicht schon Auflagensteigerung oder, noch wichtiger, ein Plus an Inseraten bringt.

Veniamo adesso a considerazioni di carattere storico. Semplificando e riducendo all’osso la questione, possiamo dire che il grande racconto con il quale i sudtirolesi di lingua tedesca hanno interpretato l’evoluzione dell’autonomia è quello di una progressiva emancipazione dalla sfera d’influenza di uno Stato giudicato sempre come ”occupante”. Per gli altoatesini, invece, questa stessa evoluzione ha finito per rendere in un certo senso più evidente la loro emarginazione, condensata poi nella formula giornalistica ma anche sociologica del ”disagio”. Tu hai cercato di parlare di questa doppia chiave di lettura in un libro: ”Wir Kinder der Südtiroler Autonomie”. Qual è il senso della tua analisi?

Das Problem wird gern mit linearer Kausalität betrachtet. Dann heißt es: Die Italiener haben versäumt, auf den Autonomiezug aufzuspringen, jetzt schauen sie hinterher, selber schuld. Und umgekehrt: Die Deutschen haben uns übervorteilt, sie haben uns mit der Autonomie zur Minderheit gemacht. Wir wissen aus den Sozialwissenschaften, dass solche Entwicklungen zirkulär sind, dass das Ei nicht nur das Produkt der Henne ist, sondern auch deren Ursprung. Versäumnisse, Übervorteilungen, Ausgrenzungen und Selbstausgrenzungen gehen Hand in Hand. Mit der Schuldfrage kommen wir nicht weiter. Die Frage muss lauten: Was können die Deutschen gewinnen, wenn sich die Italiener auch wohl fühlen in der Autonomie? Was können die Italiener gewinnen, wenn sie sich auf die Geschichte, die Kulturen, die Sprachen dieses Landes einlassen. Im Grunde tragen wir an einer doppelten Erblast: Die Deutschen mit dem Andreas-Hofer-Erbe, dieses Land gegen alles Fremde verteidigen zu müssen, die Italiener mit der Last der Eroberer, die an einem Sieg festhalten, um sich hier daheim fühlen zu können, während das Loslassen des Sieges ihnen das Land viel leichter öffnen würde. Im Grunde halten sich ein Verteidigungsmythos und ein Eroberungsmythos gegenseitig in Schach. Mythen sind große Erzählungen, mit denen nach Freud kollektive Traumata nur “schief geheilt” werden. Das Gegenmittel wäre die kleine Erzählung: wo kommen wir her, warum sind wir aus der Basilicata, aus Umbrien, aus Latium hierhergekommen, warum hatten wir dort keine Heimat, und warum zog meine Familie vom Berghof herunter, warum wanderte sie aus, warum sprengten unser Väter Masten in die Luft. Sich gegenseitig die eigene Vergangenheit erzählen ist der Ausweg aus der Schuldzuweisung. Das wäre mein Traum nach dem Journalismus: in Bozen eine Erzählgruppe zu bilden, mit Menschen aller Gruppen – Einwanderer eingeschlossen –, die sich ihre Herkunft und ihr Hiersein erzählen.

Alla fine dell’anno appena trascorso, hai dato alle stampe due libri incentrati su due personaggi che hanno caratterizzato il percorso dell’autonomia sudtirolese: Silvius Magnago e Hans Dietl. Leggendoli se ne ricava l’idea che sotto la superficie della storia ufficiale permanga come uno strato di possibilità  latenti, che non sono giunte ad esprimersi compiutamente. Puoi cercare di illustrare questa relazione?

Magnago und Dietl sind beide Väter und Opfer des Autonomiekampfes, der unglaublich viel menschliche Kraft verschlissen hat, der Aufopferung von persönlichem Lebensglück für einen politischen Kampf verlangt und gekostet hat. In Magnago ist diese große Anstrengung zum Erfolg, zum Licht gelangt, in Dietl ist sie im Dunkeln geblieben. Die beiden hatten eine gemeinsame Herkunft, Jugend im Krieg, Hoffnung auf Befreiung Südtirols durch Hitler-Deutschland, schwere Enttäuschung, Kriegsverletzungen, ein Aufraffen nach dem Krieg im Kampf um die Autonomie. Magnago hat all dies gewissermaßen in “seinem” Paket sublimieren können, damit erlebte er einen großen Erfolg, aber letztlich auch wieder eine Einschränkung, wie immer, wenn eine Vision wirklich wird. Dietl musste seine Lebenskraft umwandeln, und es ist ihm etwas großes Unverwirklichtes gelungen, die Begründung einer Südtiroler Oppositionskultur und eines linken Patriotismus, den es in Südtirol nie gegeben hat, während er im Baskenland eine immense, wenn auch ebenfalls unterdrückte Kraft darstellt. Das Verwirklichte und das Unvollendete – dieses Nebeneinander erzählen zu können, war ein schönes Geschenk.

Hai dedicato due libri anche al tema degli attentati (”Bombenjahre”, il più recente). Qual è l’eredità  di quella stagione di tensione? In che modo ha influenzato il successivo corso degli eventi?

Für mich gehören die Attentate zur Autonomiegeschichte, sie lassen sich nicht herausoperieren wie ein böses Geschwür. Damit will ich sie nicht rechtfertigen, sondern darstellen: Was hat junge Leute bewogen, in den Untergrund zu gehen, das waren die Hoffnungen, die sie hatten, was waren die Missverständnisse, denen sie erlegen sind? Und: Wie “gut” die Gewalt auch gemeint war, sie trug – wie jede Gewalt – den Keim der Eskalation durch staatliche Gegengewalt, durch Steigerung der Mittel auf Seiten der Gejagten und Gefolterten, durch Gegenterror und Geheimdienstmanöver leider von Anfang an in sich. Viele der Protagonisten jener Zeit waren unglaublich wertvolle Menschen, ich kann sie nicht verurteilen, ich kann nur mit ihnen traurig sein, dass sie keinen anderen Weg sahen.

Proviamo a riguadagnare uno sguardo dall’alto. Come vedi il Sudtirolo tra cinquant’anni? Quali cambiamenti ti auguri?

Am meisten wünsche ich mir eine Verdünnung der Außengrenzen. Südtirol hat sich abgeschottet, zuerst nach Italien, weil von dort alles Böse kam, dann von Nordtirol, von Österreich, weil es sich emanzipieren musste. Das hat uns abgesichert, aber auch klein gemacht und könnte uns provinziell machen. Hier leben zu können und zugleich an den großen Entwicklungen in Europa, in der Welt teilzunehmen, nicht mehr so fixiert sein müssen aufs Südtiroler-Sein – das ist vielleicht gar kein so verwegener Traum, die jüngeren Generationen haben den Kopf freier, scheint mir. Und dann spukt mir noch das alte Tirol im Kopf herum, ein größeres Gebiet, vom Kufstein bis zum Gardasee, dreisprachig, zwischen Deutschen und Italienern ausbalanciert, ein Raum, der atmen könnte, in dem wir europäische Tiroler sein könnten, ohne uns in Deutsche und Italiener, in Trentiner, Südtiroler, Nordtiroler aufspalten zu müssen. Ich glaube, da ist unter bösartigem Nationalismus auf beiden Seiten – denken wir an die Ermordung von Cesare Battisti durch die Österreicher – viel verschüttet worden, was eine neue, nicht mehr nationalistische Perspektive bieten könnte. Die größte Herausforderung dieses Gebietes ist der Umgang mit Fremdheit, zu lernen, dass wir so, wie wir sind, nicht vom Herrgott geschnitzt wurden wie die Grödner Korpusse, sondern selbst aus Wanderung, aus Begegnung, aus Vermischung und Verschmelzung hervorgegangen sind.

Quali sono i tuoi progetti futuri?

Ein Projekt wäre die Erforschung dieses alten Tirols. Und ich möchte weiter lernen, in einem Projekt für ein Forschungsdoktorat an der Universität in Brixen möchte ich den Südtiroler Verteidigungsmythos besser verstehen. Ich möchte Südtirol hinter mir lassen, indem ich mich durch diesen geballten historischen, psychologischen Stoff durcharbeite wie ein Nagetier oder wie ein Maulwurf, in der Hoffnung, irgendwann den Kopf im Freien zu haben. Wir haben hier die unglaubliche Chance zu lernen, wie sich historische Konflikte lösen lassen, wie Mythen umgeschrieben oder zumindest in kleinere Erzählungen gebrochen werden können, wie statt Schuldsuche ein gegenseitiges Zuhören und Erzählen angeregt werden könnte. In diesem Sinne möchte ich ein Erzähler bleiben. Journalismus war für mich immer ein Erzählen, in Zeitungen, in Büchern, vielleicht aber auch unter Menschen, in einem Zelt, auf der piazzetta vor dem Kondominium, in Kaffeehäusern … dieses Erzählen droht der Menschheit verloren zu gehen und sie braucht es mehr denn je.

Die Grünen und die Verbraucher.

Sehr geehrte Frau Kury,

mit großer Verwunderung habe ich den Zeitungen entnommen, dass Sie sich angeblich gegen den Aufruf des Landeshauptmanns wenden, die Versicherungen möchten den Gebrauch der deutschen Sprache im Umgang mit ihren Kunden garantieren.

War und ist der Konsumentenschutz nicht ein urgrünes Thema? Und wie, außer mit transparenten gesetzlichen Maßnahmen, soll dieser garantiert werden? Auch die italienische Sprache ist ja staatsweit vorgeschrieben, damit Konsumenten Packungsbeilagen, Inhaltsangaben, aber auch Investitions-Informationen, Versicherungsbedingungen, Verträge u.v.m. verstehen können, und nicht ihr Geld oder ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Diesen Bereich allein dem Gutdünken der Privatwirtschaft zu überlassen, finde ich keine gute Idee – weil die regulative Funktion des Marktes kein Garant für wirksamen Verbraucherschutz ist.

Auch die Verbraucherzentrale Südtirol sieht in diesem sensiblen Bereich erheblichen Handlungsbedarf. Dies weiß ich u. a., weil ich mich mit diesem Thema seit geraumer Zeit befasse und mich dabei mit funktionierenden Beispielen wie dem katalanischen auseinandergesetzt habe. In diesem Zusammenhang bin ich auch mit der VZS in Kontakt getreten.

Das katalanische Einheitsgesetz ist auf Betreiben und mit der maßgeblichen Mitarbeit von progressiven Kräften zustandegekommen, und ist m. E. ein nachahmenswertes Beispiel dafür, wie dieser Bereich gerade in einer Minderheitenregion unideologisch, aber im eindeutigen Interesse der Bürger und Konsumenten geregelt werden kann.

Eine ähnliche Maßnahme hatte ich auch für Südtirol angeregt, bin aber mit meinem Vorschlag bei unserer Landesregierung bis jetzt auf taube Ohren gestoßen. Dass sich selbst die Grünen (aus Fundamentalopposition?) zieren, hätte ich mir jedoch nicht erwartet.

Hier einige Informationen zum katalanischen Gesetz und zu meinem bisherigen Engagement in dieser Angelegenheit:

http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=54
http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=28
http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=24

Ich freue mich auf eine Stellungnahme Ihrerseits und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Simon Constantini, Brixen

Selbstbestimmung in der EU?

European Stateless Nations.

 

Obschon in mehreren Mitgliedsländern Unabhängigkeitsbestrebungen vorhanden sind, haben sich die europäischen Institutionen noch nie zu diesem heiklen und demokratiepolitisch relevanten Thema geäußert. Fünf independentistische Parteien, die an der Regierung ihres jeweiligen Herkunftsgebietes beteiligt sind, wollen nun eine gemeinsame Aufforderung an die EU richten, das Selbstbestimmungsrecht auf dem Kontinent zu garantieren und eventuelle Entscheide zu respektieren.

Esquerra Republicana de Catalunya (Katalonien), Bloque Nacionalista Galego (Galicien), Eusko Alkartasuna (Baskenland), Plaid Cymru (Wales) sowie Scottish National Party (Schottland) werden zu diesem Zwecke am kommenden 19. Jänner in Edimburgh zusammenkommen. Sie werden die Europäische Union dazu auffordern, ihre diesbezügliche Haltung öffentlich zu machen und außerdem dafür werben, dass eine »interne Erweiterung« der Union ausdrücklich ermöglicht wird, falls ein Land um Aufnahme bittet, das durch Inanspruchnahme des Selbstbestimmungsrechtes neu entstanden ist.

Die Totalitarismusfalle.

Die heutige Aussage einer Forza-Italia-Politikerin in ihrem Blog, wonach sie der Landesadler, offizielles Wappen des Landes Südtirol »mehr stört« als die Liktorenbündel auf dem Bozner Siegesdenkmal, ist nur auf den ersten Blick unerklärlich. Bei näherem Hinsehen handelt es sich um die logische Folge einer verzerrten und demokratiegefährdenden Betrachtungsart, die in unserem Lande längst den Durchbruch geschafft hat.

Während der letzten Jahrzehnte wurde eine Kultur der Ambiguität und des Revisionismus toleriert, ob des angeblich friedlichen Zusammenlebens ignoriert und letztlich noch aktiv gefördert. Dabei wurde wohl latent die Hoffnung gepflegt, Gras über alle Wunden wachsen zu lassen, ohne sich einer ernst- und schmerzhaften Aufarbeitung der faschistischen und Nazi-Vergangenheit widmen zu müssen.

Es gibt keinen inhaltlichen Schlussstrich unter der totalitären Geschichte unseres Landes, und dies zeigt sich deutlich auch in der sporadisch einkehrenden Unfähigkeit, der Demokratie einen völlig anderen Stellenwert zuzuordnen, als der Diktatur.

Selbst nach dem Ende des Weltkrieges wurden Aufmärsche vor faschistischen Denkmälern geduldet, als seien sie Teil einer pluralen Gesellschaft und nicht Ausdruck von Verfassungsfeindlichkeit, wie in jedem demokratischen Land. Gerade Partisanen, Linkspolitiker, Intellektuelle beider großen Sprachgemeinschaften haben sich (anders als ihnen zustünde) stets davor gehütet, dies hörbar zu thematisieren und allzu heftig zu kritisieren.*

Das geht sogar so weit, dass Intellektuelle jeder Couleur immer wieder direkte und indirekte Vergleiche zwischen Demokratie und totalitären Regimes zulassen oder gar selbst herstellen.

Prominentestes, aber beileibe nicht einziges Beispiel: Die Lösung der Toponomastikfrage. Wie selbstverständlich wird hier von meist linken Gegnern einer Änderung des Status Quo seit Jahren das Argument ins Feld geführt, eine Abschaffung der erfundenen italienischen Ortsnamen käme einer Wiederholung faschistischen Unrechts mit veränderten Vorzeichen gleich. Ohne dabei zu bemerken, dass sie einer demokratischen Institution das Recht absprechen, eine in ihren Zuständigkeitsbereich fallende Entscheidung zu treffen. Niemals könnte die Entscheidung einer vom Souverän gewollten Regierung dem Diktat eines Regimes auch nur ähneln!

Gegner der Volkspartei, die unser Land seit Jahrzehnten (gut? schlecht?) regiert und in regelmäßigen Abständen von einer zwar sinkenden, aber immer noch überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung bestätigt wird, glauben ihrem Unmut auch dadurch Luft machen zu müssen, dass sie einen angeblichen Demokratiemangel anprangern und der Partei im Übrigen die Möglichkeit vorenthalten möchten, in bestimmten Feldern tätig zu werden. Dies kann zum einen die bereits genannte Ortsnamensgebung sein, es kann sich aber auch um das öffentliche Schulmodell handeln.

In letzterem Fall ist nicht selten von einem angeblichen »Verbot« die Rede, plurilinguale Schulen einzurichten, was freilich nicht der Wahrheit entspricht. Wie in fast jedem Rechtsstaat dieser Welt wurde auch in Südtirol ein (gutes? schlechtes?) öffentliches Schulsystem etabliert, das für alle Schüler gilt. Neben diesem Modell ist es möglich, im privaten Bereich Alternativen anzubieten. Und es ist möglich, im wissenschaftlichen und politischen Diskurs Änderungen am öffentlichen Schulsystem vorzuschlagen. Solange die Mehrheit der SüdtirolerInnen jedoch hinter PolitikerInnen steht, die das aktuelle Schulmodell beibehalten möchten, kann von einem undemokratischen Zwang nicht die Rede sein.

Diese Logik führt denn nicht nur schnurstraks zu bestürzenden, eines Demokraten unwürdigen Aussagen wie der eingangs erwähnten, sondern möglicherweise auch zur Einsicht, dass eine mit Gewalt durchgesetzte »Lösung« einer demokratisch getroffenen um nichts nachsteht — und sie in Effizienz (fast schon naturgemäß) übertrifft. Faschistische Relikte kann man also nur entfernen, wenn man sie materiell zerstört, wie den reitenden Duce in Waidbruck.

Dabei müssen die Fragen in einer Demokratie völlig andere sein. Etwa: Wie kann man Mehrheitsentscheidungen inklusiver gestalten? Wie kann eine Maßnahme besser abgestimmt und für alle verständlich kommuniziert werden? Wäre es sinnvoll, die Bevölkerung selbst an gewissen Entscheidungen teilhaben zu lassen? Fragen, die in Südtirol noch zu selten gestellt werden.

Von dieser Einsicht jedoch eine Ähnlichkeit zu einem totalitären Regime abzuleiten, ist nicht nur ein grober Fehltritt, sondern auch noch hochgefährlich. Wir sind eine Demokratie!


* Antifaschismus und Antinazismus sind nie zum gemeinsamen Gut geworden, sondern gehören nach wie vor in die Schublade der trennenden Vorwürfe, die sich die Rechten beider Sprachgruppen mit großem Pathos und gleich großer Hinterfotzigkeit gegenseitig an den Kopf werfen.