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  • Gestatten: ID Austria.
    Erfahrungen mit Ämtern und Digitalisierung beiderseits des Brenners

    Unlängst erreichten mich nahezu zeitgleich ein Brief der Gemeinde Brixen und eine Nachricht in meiner ID-Austria-App. Beide machten mich darauf aufmerksam, dass meine italienische Identitätskarte aka. Personalausweis respektive mein österreichischer Reisepass in Kürze ablaufen würden.

    Ich informiere mich online über das Prozedere:

    Für die Erneuerung des Personalausweises in Brixen kann man ohne Terminvereinbarung einfach während der Öffnungszeiten (MO-DO 8.30 – 12.30 Uhr u. 14.30 – 17.00 Uhr, FR 8.30 – 12.30 Uhr) zum Bürgerschalter gehen. Mitzubringen sind der alte Personalausweis, ein aktuelles Passfoto und 22 Euro.

    Einen neuen Reisepass kann man – im Gegensatz zu Italien ohne Terminvereinbarung und mehrmonatiger Wartezeit – bei der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck zu den Geschäftszeiten (MO-DO durchgehend von 7.30 – 16 Uhr, FR 7.30 – 12.00 Uhr) erhalten. Man benötigt den alten Reisepass und ein aktuelles Passfoto. Kostenpunkt: 75,90 Euro.

    Heute ging ich zum Bürgerschalter in Brixen. Keine Wartezeit. Nach ca. 10 Minuten war ich mit einem provisorischen Personalausweis, der bis zur Zusendung des neuen (dauert offenbar ca. eine Woche) gültig ist, wieder draußen. Der so genannte “elektronische Personalausweis” funktioniert – ähnlich dem SPID – auch als Online-Identifikationstool gegenüber der öffentlichen Verwaltung. Weiterfahrt nach Innsbruck. Ich gehe in die BH. Keine Wartezeit. Ebenfalls nach ca. 10 Minuten und Bezahlung mit Kreditkarte ist alles erledigt1Italien: “Hold my beer!” – Verwaltungsbeitrag für Reisepässe von € 73,50, erhältlich in der Tabaktrafik (!), und Einzahlungsbeleg in Höhe von € 42,50 auf das Postscheckkonto 67422808 lautend auf “Ministero dell’Economia e delle Finanze-Dipartimento del Tesoro” mit Begründung “Betrag für die Ausstellung des elektronischen Reisepasses”. Der neue österreichische Pass ist innerhalb einer Woche abholbereit bzw. kann er optional auch zugesandt werden. Ich habe bei der Gelegenheit auch gleich meinen Papierführerschein von 1993 in einen Scheckkartenführerschein umwandeln lassen. Hauptsächlich deswegen, weil dieser Voraussetzung dafür ist, dass man ihn in der ID-Austria als digitalen Ausweis am Handy mit sich führen kann.

    Die ID-Austria kann zentral und kostenlos in etwa das, was in Italien zerstückelt und meist gegen Entgelt an viele private Anbieter ausgelagert wurde. Mit ID-Austria kann man

    • sich online mit Behörden und Ämtern in Verbindung setzten, Amtswege erledigen und seine Daten einsehen (vergleichbar mit SPID bzw. dem “elektronischen Personalausweis”). Sie bietet zudem Zugang zu JustizOnline, FinanzOnline, Meine SV (Sozialversicherung) sowie zum Transparenz- und Unternehmensserviceportal;
    • kostenlos Dokumente digital signieren;
    • mittels elektronischem Postfach behördliche Schriftstücke rechtsgültig empfangen. Wobei der Leistungsumfang dieses Postfaches jenem einer PEC-Adresse (Vergleichbares gibt es in Österreich meines Wissens nicht) im Moment noch unterlegen ist. Das ID-Austria-Postfach ersetzt eingeschriebene Sendungen nur beim Behördenverkehr. Der Versand von Nachrichten – an nicht-behördliche Empfänger zumal – ist nicht vorgesehen;
    • Ausweise digital am Handy mitführen. Im Moment (Pilotphase) ist diese Funktion nur für den Führerschein freigeschaltet. Im kommenden Jahr sollen dann auch Personalausweis, e-Card (österreichische Gesundheitskarte) usw. folgen. Mittels ID-Austria-App können Ausweisdaten auch via QR-Code weitergegeben werden. Den Reisepass kann man ebenfalls in ID-Austria erfassen. Dies entbindet zwar im Gegensatz zu den anderen Ausweisen nicht von der physischen Mitnahme derselben, ist aber im Falle eines Verlustes hilfreich.
    Fazit

    Nachdem die Ausstellung eines italienischen Reisepasses über die Quästur – belegt durch Erfahrungen aus der Verwandtschaft – eine komplizierte, langwierige und kostspielige Prozedur ist, funktioniert das Ausstellen eines Personalausweises über den Bürgerschalter der Gemeinde Brixen bürgerfreundlich, schnell und reibungslos. Ebenso wie die Ausstellung von Pass und Führerschein durch die BH Innsbruck. ID-Austria ist zudem ein praktisches Tool, das kostenfrei viele Online-Services bietet. Vergleichbares gibt es in Italien nicht bzw. sind die entsprechenden Dienste stellenweise nur kostenpflichtig, privatisiert und somit dezentral verfügbar.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 06 07 08 09 || 01

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      Italien: “Hold my beer!” – Verwaltungsbeitrag für Reisepässe von € 73,50, erhältlich in der Tabaktrafik (!), und Einzahlungsbeleg in Höhe von € 42,50 auf das Postscheckkonto 67422808 lautend auf “Ministero dell’Economia e delle Finanze-Dipartimento del Tesoro” mit Begründung “Betrag für die Ausstellung des elektronischen Reisepasses” ↩︎


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  • Ein Rotationsfonds zur Finanzierung der Energiewende?
    Natura Evolution Opportunity Fund


    Die Prader Bank hat Konzepte zur Unterstützung der Unternehmen und Bevölkerung bei der Finanzierung nachhaltiger Projekte vorgelegt. Taugt dies zur sozial gerechten Finanzierung der Energie- und Heizungswende?

    Die Prader Bank schlägt einen alternativen Investmentfonds NEO (Natura Evolution Opportunity Fund) vor, eine Art Rotationsfonds zur langfristigen Finanzierung nachhaltiger Projekte heimischer Unternehmen. Die Zinshöhe für die lokalen Kreditnehmer sollte niedriger sein als der Marktzins, um die KMU zu bewegen, stärker in Nachhaltigkeit zu investieren. Die Förderungswürdigkeit der Investitionsvorhaben sollte anhand der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN geprüft werden. Dafür sollte ein einheitliches und fundiertes Bewertungsraster geschaffen werden. Damit würden sich, so Josef Prader (WiKu vom 26.7.2023), Bemühungen um Klimaschutz vor allem durch Ausbau der Photovoltaik für ein Unternehmen bezahlt machen. Nach seinen Vorstellungen soll ein solcher Fonds 100 Mio. Euro umfassen und in zehn Jahren mindestens 250 Projekte bei einem Projektvolumen zwischen 250.000 und 1 Mio. Euro finanzieren. Weil das Projekt nachhaltig ausgerichtet sei, solle das Land zehn Jahre lang jährlich 1,2 Mio. Zinszuschuss leisten. Damit lägen die Kreditzinsen 2,4% unter dem jeweiligen Marktzins, so Prader.

    In den renditeträchtigen NEO-Rotationsfonds sollen nicht nur institutionelle Anleger und Banken, sondern auch Sparer und das Land einzahlen. Die Investoren erhielten krisensichere Green Bonds mit guter Rendite. Das kann man sich als ein festverzinsliches Wertpapier mit absoluter Sicherheit und nachhaltiger Zweckbestimmung vorstellen. Sie wären für die gesamte Bevölkerung zugänglich, wären wertbeständig, weil Garantiegenossenschaften oder das Land selbst es durch Zeichnung nachrangiger Quoten besichern würden.

    Einwand: Mehr Investitionen in die Photovoltaik sind durchaus geboten — doch sind sie gerade für KMU nicht längst schon rentabel und ein Selbstläufer, ein öffentlicher Zinszuschuss also überflüssig?

    »Nachhaltigkeit« soll zum Mainstream der Kreditvergabe werden

    Eigentlich sollte »Nachhaltigkeit« zum Mainstream nicht nur bei Subventionen des Landes, sondern auch in der Kreditvergabe werden. Jede vom Land geförderte Investition sollte in diesem Sinn, neben dem speziellen Zweck, den Erfordernissen des Klimaplans 2040 entsprechen. Genauso sollte auch jedes Groß-Bauvorhaben einer Klimaverträglichkeitsprüfung unterworfen werden. Wenn man als Finanzinstitut Nachhaltigkeit fördern will, dann muss das »einheitliche Bewertungsraster«, den die Prader Bank vorschlägt, für alle Kreditvergaben gelten.

    Südtiroler Banken haben bereits solche Spar- und Investitionslinien kaufen, wie z.B. das Raiffeisen Ethical Banking der Raika Bozen. In diesem Programm erhalten nur jene Projekte einen Kredit, ­welche einen Mehrwert für die Allgemeinheit ­schaffen. Die Raika und der Sparer als Kreditgeber verzichten zugunsten des Projektes auf einen Teil der Rendite, dafür ist die Einlage sicher und wird sinnvoll eingesetzt, und der Sparer kann entscheiden, was mit seinem Geld ­passiert. ­Gefördert werden zum Beispiel Projekte in den Bereichen Gerechter Handel, Erneuerbare Energien und Handwerk in Südtirol. Alle Kreditnehmer und ­Projekte werden genau geprüft und diese ­anschließend veröffentlicht.

    Dieses Konzept hat schon längst Schule gemacht. Es gibt nicht nur eine Reihe von alternativen Banken, für welche strenge und präzis definierte Nachhaltigkeit zu den Grundkriterien der Kreditvergabepraxis gehört, auch die EU selbst will mit einer neuen Verordnung die Kreditvergabe so steuern, dass nicht mehr Gewinnmaximierung, sondern die Einhaltung von ökologischen und sozialen Standards verpflichtend werden. Mit den ESG-Verordnungen will die EU Nachhaltigkeit vergleichbar und nachprüfbar machen. Ein neuer »nachhaltiger« Investmentfonds sollte somit nicht öffentlich gefördert werden müssen, sondern von vornherein die ESG-Verordnung einhalten und Nachhaltigkeitsberichterstattung laut CSR-Richtlinie der EU einfordern, zumal sie überdies vom Ertrag her allesamt gut dastehen.

    Alternativmodell: der Landesklimaschutzfonds

    Öffentliche Zuschüsse an einen Kapitalfonds für nachhaltige Investitionen wie der von Prader vorgeschlagene NEO macht aus verschiedenen Gründen wenig Sinn. Zum einen, weil diese Aufgabe auch die Banken selbst übernehmen können. Zum anderen, weil das Land das Kapital für die eigenen Investitionsvorhaben braucht, z.B. die thermische Sanierung und PV-Anlagen für 300 der eigenen Gebäude. Laut Klimaplan Südtirol 2040 (Aktionsfeld 5.7 Industrie) will die Landesregierung für Unternehmen ein Förderprogramm für Maßnahmen zum Umstieg auf erneuerbare Energien.

    Dann gibt es einen dritten Grund: Zwecks Klimaneutralität müssen bis 2040 an die 80.000 Haushalte ihre fossile Heizung umrüsten, Zehntausende sollten ihr Ein- und Mehrfamilienhaus energetisch sanieren. Geringverdiener, aber auch Mittelschichtfamilien können das oft nicht stemmen. In Nordtirol gibt es hierfür den »Energiebonus«, in Deutschland schießt der Staat zinslose Kredite vor. Da sich Wärmepumpen rasch amortisieren, können Wohnungseigentümer den Kredit in 10-15 Jahren zurückzahlen. Zur Klimaentlastung kommt es aber sofort. Für diese »Heizungswende« werden somit erhebliche öffentliche und private Investitionen fällig. Zinslose Darlehen zum Ankauf von Wärmepumpen und die Finanzierung des Ecobonus-Programms binden weiterhin viele Mittel. Daneben kommen auf das Land Milliarden an Investitionsausgaben in die Mobilität, vor allem in die Bahninfrastruktur, zu.

    Ein öffentlicher Fonds schafft mehr Ausgleich

    Um für diesen Zweck mehr Kapital zu beschaffen, könnte unabhängig von Banken ein öffentlicher »Klimaschutzfonds« geschaffen werden: ein Rotationsfonds, der mit Landesunterstützung zehntausende Kleinkredite für die Heizungsumrüstung und PV-Anlage auf dem Dach ausschüttet. Die Grunddotierung des Fonds könnte aus Mitteln des Pensplan-Zusatzrentenfonds stammen, der jährlich Hunderte von Millionen an Sparkapital auf internationalen Kapitalmärkten platziert, zum Teil mit hohem Risiko und geringer Nachhaltigkeit. Der Klimaschutzfonds böte eine krisensichere Alternative mit fast Null Risiko, niedrigeren Renditen für die Sparer, aber mit garantiertem Nutzen für den Klimaschutz und Kapital, das im regionalen Wirtschaftskreislauf bleibt und das heimische Handwerk stützt. Auch für mehr sozialen Ausgleich wäre gesorgt, wenn Geringverdiener einen Kredit für die klimaneutrale Heizung erhielten, anstatt mit Zinsausgleichzuschüssen des Landes einem privaten »Nachhaltigkeitsfonds« zu marktüblichen Renditen zu verhelfen.


    I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i/la autëures ne sustën nia for i fins de BBD. · Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen. · I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • ASGB: Kritik an neuem NISF-Direktor.

    Als Verstoß gegen das Prinzip der Gleichstellung zwischen den Sprachgruppen in Südtirol kritisiert der ASGB die Ernennung von Gabriele Giancamilli zum neuen Leiter der NISF-Landesdirektion. Es sei von zentraler Bedeutung, dass der Landesdirektor auch der deutschen Sprache mächtig ist.

    Unsere Gemeinschaft sei durch ihre Mehrsprachigkeit geprägt und jeder Versuch, eine Sprachgruppe zu marginalisieren, könne das soziale Gefüge im Land beeinträchtigen, so der Gewerkschaftsvorsitzende Tony Tschenett. Körperschaften, in denen die deutsche Sprachgruppe unterrepräsentiert ist, tendierten ferner dazu, sich zu stark nach Trient zu orientieren.

    Aus diesem Grund ruft Tschenett die Landespolitik auf, sich entschieden gegen die Ernennung von Giancamilli zu stellen. Solche Entscheidungen würden das Sprachgleichgewicht gefährden und die Grundprinzipien der Autonomie untergraben.



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  • Grenzen der Demokratie?
    Selbstbestimmung


    Plädoyer für eine Wiederannäherung von Südtiroler Linken und Liberalen mit dem Selbstbestimmungsrecht

    von Noiland Südtirol – Sudtirolo

    Vor wenigen Monaten ist das Buch Kann Südtirol Staat? erschienen, das sich mehr als hundert Jahre nach der Annexion durch Italien ausführlich mit der Idee eines unabhängigen Südtiroler Staates beschäftigt. Die Publikation befasst sich auch mit der grundsätzlichen Frage, wie weit die Forderung nach politischer Mitbestimmung gehen soll und was Demokratie im vereinten Europa des 21. Jahrhunderts eigentlich darf.

    Das Buch hat in der Südtiroler Medienwelt einigen Staub aufgewirbelt. Am kommenden Mittwoch, den 2. August, wird es im Ost West Country Club in Meran vorgestellt und diskutiert. Diese Veranstaltung bietet auch die Gelegenheit, einen neuen Dialog zwischen dem Universum der Südtiroler Linken und Liberalen und dem Thema Selbstbestimmung zu beginnen.

    Dieses Verhältnis ist derzeit gestört und mit manchem Vorurteil behaftet. Dass das nicht so sein muss, lässt sich auch rückblickend feststellen, da es für lange Zeit beachtliche Schnittmengen zwischen Linken, Liberalen und SelbstbestimmungsbefürworterInnen gab.

    Zunächst sollte mit zwei verbreiteten Irrtümern und Missverständnissen aufgeräumt werden.

    Erstens: Auch heute haben nicht alle linken und liberalen SüdtirolerInnen Schwierigkeiten mit dem Thema Selbstbestimmung. Dies gilt sogar sprachgruppenübergreifend, denn manchmal sind es sogar italienischsprachige MitbürgerInnen, die einen völlig natürlichen Zugang zu dem Thema haben und am unverkrampftesten damit umgehen.

    Das Buch Kann Südtirol Staat? selbst ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Recht auf Selbstbestimmung auch in Südtirol durchaus im linken und liberalen politischen Denken vertreten ist, denn mehrere AutorInnen rechnen sich ausdrücklich diesem Lager zu.

    Zweitens: Die Forderung nach demokratischer Selbstbestimmung ist nicht mit dem Wunsch nach staatlicher Unabhängigkeit oder gar dem Ziel der Wiedervereinigung mit Österreich gleichzusetzen.

    Selbstbestimmung bedeutet zuallererst, den Menschen die Möglichkeit einzuräumen, frei über ihre gemeinsame Zukunft nachzudenken und zu entscheiden. Die Selbstbestimmung ist also nichts anderes als Demokratie.

    Demokratiepolitisch ist es weder nachvollziehbar noch schlüssig, wenn links oder liberal denkende Menschen die Entscheidung über die staatliche Zugehörigkeit lieber undurchsichtigen Verhandlungen in Hinterzimmern der Macht oder kriegerischen Auseinandersetzungen überlassen, anstatt die Frage partizipativ und demokratisch zu lösen. Da die Entscheidung darüber, welchem Staat man angehört und wie man sich gesellschaftlich organisiert, sämtliche Lebensbereiche beeinflusst, handelt es sich dabei um eine grundlegende politische Fragestellung, wenn nicht gar um die politische Fragestellung schlechthin. Linke und liberale müssten sogar zu jenen zählen, die dieses demokratische Recht am vehementesten einfordern.

    Es mag zwar sein, dass der Verweis auf das Kollektivrecht auf Selbstbestimmung in Artikel 1 des UN-Pakts über bürgerliche und politische Rechte teilweise inflationär verwendet wird und in der derzeitigen politischen Praxis kaum Beachtung findet. Dieser Umstand schmälert aber keineswegs seine Bedeutung. Heute wie damals handelt es sich um einen rechtlichen und zivilisatorischen Meilenstein, dessen herausragende Bedeutung den UnterzeichnerInnen durchaus bewusst war:

    Alle Völker haben das Recht auf Selbstbestimmung. Kraft dieses Rechts entscheiden sie frei über ihren politischen Status und gestalten in Freiheit ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung.

    Nicht ohne Grund wurde das Recht auf Selbstbestimmung gleich im ersten Artikel genannt. Wer sich in seinem politischen Denken an den Menschenrechten orientiert, kann und darf die Forderung nach kollektiver Selbstbestimmung nicht unbeachtet lassen, ohne in seinem/ihrem Handeln widersprüchlich zu sein. Wer zur Demokratie steht, muss sich früher oder später auch zur Selbstbestimmung bekennen, denn alles andere würde bedeuten, Bevormundung und Fremdbestimmung über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu akzeptieren und zu legitimieren.

    Eine solche Haltung widerspräche einem emanzipatorischen Gedanken, der sich als politisch links oder liberal bezeichnen kann, und ist darüber hinaus schwer mit der Wahrung der Menschenrechte in Einklang zu bringen. Wer sich dazu bekennt, kann gar nicht anders, als auch die Frage der staatlichen Zugehörigkeit von den unmittelbar Betroffenen demokratisch beantworten zu lassen. Demokratiepolitisch ist es kaum vermittelbar, gerade die wichtige Frage der staatlichen Verfasstheit vom demokratischen Prinzip auszuklammern.

    Die überzeugte Ablehnung von Nationalismus, Bevormundung und jeglicher Form von politischem, kulturellem und sprachlichem Zwang muss auch in Südtirol möglich sein. Anders gesagt: Was linke und liberale grundsätzlich allen zugestehen würden, sollte auch für Südtirol gelten.

    Bereits die italienischen SozialistInnen lehnten unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg die Annexion Südtirols vehement ab und forderten mit Verweis auf das italienische Risorgimento, dass den SüdtirolerInnen die Selbstbestimmung gewährt werde. Keine noch so großzügige Autonomie könne das Unrecht aufwiegen, das entstehe, wenn ein Land und seine Menschen gegen deren Willen einem anderen Staat einverleibt.

    Doch auch Hans Dietl und seine Sozialdemokratische Partei Südtirols oder der legendäre Bruno Kreisky zeigen, dass die konsequente Ablehnung von Nationalismus und nationalem Expansionismus natürlich die Forderung nach Selbstbestimmung einschließt und Teil des linken Wertekatalogs sind.

    Schon Kreisky meinte dazu, dass es nicht konsequent und stimmig sei, als politisch Linke weltweit gegen Nationalismus, Imperialismus und politische Bevormundung einzutreten, gleichzeitig aber einzuknicken und zu schweigen, wenn besagte Phänomene vor der eigenen Haustür eintreten.

    Um sich klar zu werden, dass im europäischen und außereuropäischen Kontext gerade linke und liberale Kräfte hinter dem Recht auf demokratische Selbstbestimmung stehen und die Forderung danach vorantreiben, ist ein Blick in die Vergangenheit jedoch gar nicht zwingend nötig. Die Ausübung der Selbstbestimmung als partizipativer Prozess und als demokratische Willensäußerung ist auch heute in Europa politische Realität. Allein in den letzten 20 Jahren haben Menschen zahlreicher Regionen in einem politisch vereinbarten Prozess über die Unabhängigkeit abgestimmt: die Niederländischen Antillen über die Loslösung von den Niederlanden, Montenegro über die Trennung von Serbien, Schottland über die Loslösung vom Vereinigten Königreich und Neukaledonien über die Unabhängigkeit von Frankreich.

    Das Buch Kann Südtirol Staat? versteht sich auch als Aufforderung an linke und liberale Kräfte und Menschen im Land, sich der eigenen Werte zu besinnen und die Furcht vor der demokratischen Selbstbestimmung abzulegen. Selbstbestimmung ist Demokratie und entspricht den Prinzipien, die den Menschenrechten zugrunde liegen. Selbstbestimmung ist aber vor allem auch ein unverzichtbarer Teil eines von unten organisierten, wahrlich demokratischen Europas, das innerstaatliche Konflikte nach rechtsstaatlichen Maßstäben und dem Grundsatz der demokratischen Willensäußerung löst.

    Es gibt kein überzeugendes Argument, weshalb die Frage nach der territorialen Organisation und der staatlichen Zugehörigkeit nicht auch, wie alle anderen politischen Fragen, auf demokratischem Wege entschieden werden sollte.


    I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i/la autëures ne sustën nia for i fins de BBD. · Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen. · I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • Quod non licet AfD… licet FdI.
    Rechtsextremistische Verschwörungstheorien

    Seit März 2021 ist die AfD beim deutschen Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft und wird daher nachrichtendienstlich beobachtet. Dabei handelt es sich um eine Maßnahme der wehrhaften Demokratie (vgl. 01), die sich gegen Feinde der demokratischen Grundordnung richtet und Wiederbetätigung wirksam unterbinden soll.

    Nach dem AfD-Parteitag und der Europawahlversammlung vom Wochenende in Magdeburg spricht Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang davon, dass bei der Veranstaltung »rechtsextremistische Verschwörungstheorien« verbreitet worden seien und auf der AfD-Kandidatinnenliste für die Europawahl 2024 voraussichtlich Personen aufscheinen werden, deren Positionen nicht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Einklang zu bringen sind.

    Als Beispiel für rechtsextremistische Verschwörungstheorien nannte der BfV-Präsident ausdrücklich die des Großen Austauschs. Das ist vor allem deshalb interessant, weil es in Deutschland so klar eingeordnet, als Beleg für die verfassungsfeindliche Gesinnung der AfD und ihrer Mitglieder gewertet und als Bestätigung für die Notwendigkeit einer Überwachung gesehen wird.

    In Italien führen solche rechtsextremistischen Verschwörungstheorien nicht bloß zu keiner Überwachung durch den Staat, sondern werden inzwischen Bereits von ranghohen Regierungsvertretern — wie dem Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida (FdI) — verbreitet. Selbst Giorgia Meloni (FdI) hatte sich zumindest vor ihrer Wahl zur Regierungschefin in öffentlichen Aussagen mehrmals auf den Großen Austausch bezogen.

    Interessant ist diesbezüglich unter anderem auch, dass der selbst aus Deutschland stammende EVP-Vorsitzende Manfred Weber (CSU) offenbar nach wie vor die Notwendigkeit einer Brandmauer gegen die AfD sieht, während er mit FdI sogar zur Zusammenarbeit bereit scheint.

    Cëla enghe: 01 02 03



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  • Krieg gegen die Klimakatastrophe.
    Militarisierung

    Die italienische Regierung um Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (FdI) hat Ende Juni den Alpini-General Francesco Figliuolo zum Beauftragten für den Wiederaufbau in der Emilia-Romagna ernannt. In der norditalienischen Region hatten Überschwemmungen zuvor schwere Schäden verursacht.

    Im Vorfeld der Ernennung des Soldaten war noch gemutmaßt worden, dass Meloni die Sonderbefugnisse direkt an den demokratisch gewählten Regionspräsidenten Stefano Bonaccini (PD) übertragen würde. Präsidenten anderer Regionen, einschließlich solcher, die dem Rechtsbündnis angehören, hatten dies mehrfach mit Nachdruck gefordert.

    Schlussendlich jedoch entschied sich die römische Regierung für den zentralistischen Weg und — wie schon Ministerpräsident Mario Draghi während der Corona-Pandemie — für die Übertragung ziviler Aufgaben an einen Angehörigen des Heeres. Auch damals war es übrigens Figliuolo gewesen, der als Sonderkommissär waltete.



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  • PP und Vox entkatalanisieren Palma.

    Am 28. Mai konnten die rechte PP und die neofranquistische Vox die Gemeindewahl in Palma, Hauptstadt der Balearen, knapp für sich entscheiden. Und wenn es um die Demontage des Minderheitenschutzes geht, verlieren die beiden Parteien wahrlich keine Zeit.

    Eine der ersten Maßnahmen, die sie gemeinsam ergriffen haben, war symbolischer Natur: die offizielle Internetadresse der Gemeindeverwaltung soll nicht mehr palma.cat, sondern nur noch palma.es lauten. Anschließend machten sie sich daran, die 1987 — zehn Jahre nach dem Ende des Franquismus — eingeführte, kommunale Sprachregelung so abzuändern, dass Katalanisch nicht mehr die alleinige interne Kommunikationssprache zwischen den Abteilungen ist, die Verwaltung Bürgerinnen auch dann auf Kastilisch (d.h. »Spanisch«) antworten darf, wenn sie es nicht ausdrücklich verlangt haben und Katalanisch auch sonst nicht weiter als vorrangige Sprache auf Gemeindeebene definiert ist. All diese asymmetrischen Maßnahmen sind in zum spanischen Staat gehörenden Regionen mit eigener Landessprache quasi Standard (vgl. 01). Sie sollen der Assimilierung entgegenwirken.

    Doch schon machen nicht nur Oppositionsparteien, sondern auch engagierte NROs wie die Obra Cultural Balear (OCB) darauf aufmerksam, dass die von PP und Vox beschlossenen Änderungen dem regionalen Sprachpolitikgesetz der Balearen widersprechen — und somit illegal seien. Darüber hinaus sei die herausragende Rolle der katalanischen Sprache und die besondere sprachliche Verantwortung von Palma auch in dem regionalen Sondergesetz festgeschrieben, das der Stadt die Rolle als Regionshauptstadt anvertraut.

    Zudem, so die OCB, sollten Änderungen an der Sprachpolitik nicht den wechselnden Mehrheiten im Gemeinderat unterworfen sein, sondern im breiten Konsens beschlossen werden. So hatten es auch vorhergehende PP-Bürgermeister bislang nie gewagt, die zum Schutz des Katalanischen erlassenen Regelungen einseitig zu kippen. Mit der ausgesprochen katalanophoben Vox, die 6 von 29 Sitzen gewonnen hat, wird das nun offenbar anders.

    Südtirol

    Hierzulande müssen wir uns über solcherlei zum Glück keine Sorgen machen. Ein eigenes Internetsuffix, das den Rechten ein Dorn im Auge wäre und das sie deshalb abschaffen könnten, haben wir erst gar nicht. »Wagemutige« Gemeinden, die zumindest im Netz dem banalen Nationalismus entrinnen wollen, setzen manchmal auf die Endung .eu. Das Land will für seine eigene Internetadresse erst gar nicht zuständig sein.

    Auch einen asymmetrischen Schutz der deutschen und der ladinischen Sprache gibt es hierzulande nicht — schon gar nicht mit besonderen Verpflichtungen für die Landeshauptstadt. Dort ist man schon froh, wenn man manchmal zufällig auf Beamte trifft, die auch der deutschen Sprache mächtig sind. Und in den Stadtviertelräten ist Deutsch noch nicht einmal gleichberechtigt, sondern de facto inexistent.

    Das alles, ohne dass Bozen jemals von den italienischen Rechten regiert worden wäre. Ja sogar die Partei der deutschen und der ladinischen Minderheit (insbesondere der Vizebürgermeister) scheint die Landeshauptstadt sprachlich längst aufgegeben zu haben.

    Südtirol ist also dank nationalistischen Linken :L: und Volkspartei schon heute »weiter«, als PP und Vox die Hauptstadt der Balearen irgendwann mal haben möchten. Demnach steht hierzulande auch einer Koalition der SVP mit den Schwestern von Vox — aka Brüdern Italiens — nicht viel Substantielles im Weg.

    Cëla enghe: 01



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  • Ovest ist ein ›unveränderlicher Eigenname‹.

    Am 14. Juli hatte ich mich über die einsprachige E-Mail-Adresse qualita.segnalazioni[at]autobrennero.it an die öffentliche Betreibergesellschaft der A22 gewandt, um auf den seit Wochen immergleichen Hinweis Raststätte Plose Ovest gesperrt hinzuweisen — mit der Bitte, dies im Deutschen in Plose West zu korrigieren.

    Überkopfanzeige Brennerautobahn

    Schon heute, schlappe zwei Wochen später, um 10.08 Uhr habe ich von direzione.tecnica.generale[at]autobrennero.it eine einsprachig italienische Antwort auf meinen Hinweis erhalten, um 11:10 Uhr dann noch eine zweite Mail mit einer deutschen Übersetzung.

    Der Direttore tecnico generale Ing. Carlo Costa, ranghohes Mitglied des angeblich sehr auf Mehrsprachigkeit bedachten PD, teilt mir darin mit, dass die Brennerautobahn AG

    kontinuierlich der zweisprachigen Beschilderung entlang der Brennerautobahn im Landesgebiet Bozen bzgl. der Informationen an die Nutzer, besondere Aufmerksamkeit [schenkt]. Zweisprachig sind auch die Namen der Bauwerke, Tunnel und Viadukte entlang der Brennerautobahn.

    Was dagegen die Raststätte Plose ovest betrifft sowie sonstige Raststätten entlang der Brennerautobahn, handelt es sich um einheitliche Bezeichnungen beim Bau – eingetragen im Grundbuch des Ministeriums für Infrastruktur und Verkehr, der konzessionserteilenden Behörde der Brennerautobahngesellschaft – d.h. unveränderbare Eigennamen, die von der unterzeichnenden Gesellschaft nicht ausgetauscht werden können.

    – Brennerautobahn AG

    Die Erklärung ist per se schon minderheitenfeindlicher Schwachsinn mit einem unfeinen kolonialistischen Beigeschmack. Warum sollte man auf einer Überkopfanzeige im Sinne der Bürgerinnenfreundlichkeit nicht eine andere Bezeichnung verwenden dürfen, als im Grundbuch (!) eingetragen ist? Dies umso mehr, als es hier um die Bezeichnung einer Himmelsrichtung (zur Unterscheidung von der Raststätte Plose Ost) geht.

    Segreteria
    Direzione Tecnica Generale
    direzione.tecnica.generale[at]autobrennero.it

    Autostrada del Brennero SpA | Brennerautobahn AG
    Via Berlino, 10 | 38121 Trento | P.I. e C.F. 00210880225
    T. +39 0461 212611 | F. +39 0461 234976
    a22[at]pec.autobrennero.it | www.autobrennero.it

    Prima di stampare pensa all’ambiente

    Die E-Mail-Signatur ist ziemlich sicher auch ein grundbücherlich eingetragener Eigenname

    Nur weil der Staat hier beim Bau — noch vor Inkrafttreten des Zweiten Autonomiestatuts — seine Macht ausgenutzt und in Fortführung faschistischer Assimilierungspolitik einnamig italienische Bezeichnungen eintragen hat lassen, soll es der Autobahngesellschaft untersagt sein, eine deutsche Bezeichnung zu benutzen?

    Doch um festzustellen, wie sehr die Antwort von Costa an den Haaren herbeigezogen ist, reicht zum Beispiel ein Blick auf Google Maps:

    Quelle: Google Maps (StreetView)

    Hier ist eindeutig zu sehen, dass der angeblich »unveränderbare Eigenname« auf dem offziellen Schild, das direkt an der Raststätte steht, sehr wohl übersetzt wurde. Ebenso wie die Raststätte sogar auf der Webseite (unveränderliche Adresse www.autobrennero.it) der Brennerautobahn Plose West heißt:

    Webseite Brennerautobahn (Ausschnitt)

    Doch ausgerechnet auf einem Überkopfdisplay soll es jetzt plötzlich verboten sein, den »unveränderbaren Eigennamen« anzupassen?

    Der ranghohe Vertreter der Plurilinguismo-Partei versucht hier offenbar, mich (und alle Nutzerinnen der öffentlichen Infrastruktur, für die er arbeitet) zu verhöhnen. Das ist umso eindeutiger, wenn man bedenkt, wie wenig sich der PD um »Eigennamen« schert, wenn es darum geht, bis auf die letzte Alm den Willen von Ettore Tolomei umzusetzen.

    Haben die Südtiroler Gemeinden und das Land, die an der Betreibergesellschaft beteiligt sind, irgendetwas zum diskiminierenden Quatsch zu sagen, der auch in ihrem Namen verbreitet wird?

    Cëla enghe: 01 02 03 04 | 05 06 || 01 02 ||



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