→→ Autorinnen →→ Gastbeiträge →→

  • Kammer bestraft antifaschistischen Widerstand.
    Italien

    Am 30. Jänner hatten mehrere Abgeordnete der Opposition die Vorstellung eines sogenannten Remigrationsvolksbegehrens durch Vertreter neofaschistischer und neonazistischer Organisationen in Räumlichkeiten des italienischen Parlaments verhindert. Dazu waren sie in den für die unerhörte Veranstaltung vorgesehenen Saal eingedrungen und hatten ihn besetzt.

    Der Sprecher von CasaPound, Luca Marsella, ein führendes Mitglied des Veneto Fronte Skinheads, Ivan Sogari, der vormalige Forza-Nuova-Mann Jacopo Massetti sowie Salvatore Ferrara von der Rete dei Patrioti — die sich zur rechtsextremistischen Remigrazione e Riconquista zusammengeschlossen haben — mussten auf ihren symbolträchtigen Auftritt verzichten.

    Organisiert hatte diese Schändung des Parlaments der Lega-Abgeordnete Domenico Furgiuele, der inzwischen zur ebenfalls neofaschistischen Bewegung Futuro Nazionale von Ex-Generalmajor Roberto Vannacci übergelaufen ist.

    Dass eine solche Veranstaltung überhaupt genehmigt worden war, wirft einen Schatten auf das italienische Parlament. Es ging schließlich nicht nur um eine Präsentation, sondern um den bewussten Versuch, im wahrsten Sinn politische Räume zu besetzen, um menschenfeindliche Inhalte zu normalisieren.

    Dafür, dass sie diesen Missbrauch parlamentarischer Räume durch Demokratiefeinde vereitelt haben, die einen rassistischen Gesetzentwurf präsentieren wollten, wurden nun 22 Abgeordnete von PD, 5SB und der linksgrünen Allianz AVS für fünf Tage und zehn weitere für vier Tage suspendiert. Die Entscheidung wurde vom Präsidium des von Lorenzo Fontana (Lega) geführten römischen Abgeordnetenhauses gefällt.

    Während also extremistische Akteure Zugang zum Hort der Demokratie erhalten, werden ausgerechnet jene sanktioniert, die sich dem entgegenstellen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06



    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
  • Fußball: Italien raus, Politik rein.

    Lasst den Sport in Ruhe, vermischt ihn nicht mit der Politik! So oder ähnlich tönt es häufig, wenn es zum Beispiel um die Einrichtung eigenständiger Südtiroler Sportteams geht — oder wenn Kritik an übermäßigem Nationalismus geübt wird.

    Nun ist die italienische Fußballnationalelf der Männer im Spiel gegen Bosnien-Herzegowina zum dritten Mal in Folge an der Qualifikation für die Weltmeisterschaft gescheitert. Dass die blutrünstige Hymne abgesungen (und ein Vers daraus sogar auf die Mannschaftstrikots gedruckt) wurde, hat diesmal auch nicht mehr geholfen.

    Im ach so unpolitischen Sport ist interessant, wie das politische Italien reagiert: Vierzig Senatorinnen aus allen politischen Lagern richteten eine parlamentarische Anfrage an die Regierung und verlangten den Rücktritt von Verbandschef Gabriele Gravina. Matteo Salvini, Minister und Lega-Chef, forderte dies schon wenige Minuten nach Spielende am Dienstag. Der ehemalige PD-Regierungschef Matteo Renzi (Italia Viva) übte scharfe Kritik an der Nationalmannschaft und bezeichnete es als groben Fehler, zu übersehen, dass Fußball nicht nur Spaß, sondern Teil der Identität und Kultur des Landes sei.

    Solche Aussagen machen deutlich, wie unhaltbar die Erzählung vom unpolitischen Sport ist. Nationalteams sind keine neutralen Gebilde, sondern Ausdruck des Staates — mit Hymnen, Flaggen und symbolischer Aufladung.

    Den Rücktritt von Gravina und eine »Neugründung des italienischen Fußballs« forderten auch FdI-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus Galeazzo Bignami und — etwas verklausulierter — Senatspräsident Ignazio Benito La Russa (FdI), der das zweithöchste Amt im Staat innehat.

    Und Sportminister Andrea Abodi, der angab, sich diesbezüglich mit Regierungschefin Giorgia Meloni (FdI) abgestimmt zu haben, bringt sogar ein Einschreiten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) ins Spiel, um den Verbandschef durch einen Kommissär zu ersetzen, falls er nicht von sich aus zurücktritt.

    Fürwahr: Sport und Politik sind (nicht nur) in diesem Staat zwei strikt voneinander »getrennte« Sphären. Bleibt der sportliche Erfolg aus, wird der Fußball zur Staatsangelegenheit.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08



    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
  • Macht teilen, Vielfalt sichern?
    Veranstaltungshinweis

    Am 22. April organisiert das Center for Autonomy Experience der Eurac eine Tagung zum Thema

    Macht teilen, Vielfalt sichern?
    50 Jahre ethnischer Proporz
    im Spiegel pluraler Gesellschaften

    Vor fünfzig Jahren wurde mit einer Durchführungsbestimmung ein Regelwerk geschaffen, das weit mehr war als eine verwaltungstechnische Lösung. Der ethnische Proporz wurde zu einem zentralen Instrument, um das Zusammenleben der drei Sprachgruppen in Südtirol auf eine neue, institutionell abgesicherte Grundlage zu stellen. Mit der Durchführungsbestimmung zum Proporz sollte Vertrauen geschaffen, Teilhabe garantiert und ein ausgewogenes Kräfteverhältnis in der öffentlichen Verwaltung sichergestellt werden.

    Gemeinsam mit der Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung sowie der Verpflichtung zur Zwei- bzw. Dreisprachigkeit im öffentlichen Dienst bildet der Proporz ein System, das über Jahrzehnte hinweg wesentlich zum Minderheitenschutz und zur Stabilität des friedlichen Zusammenlebens in Südtirol beigetragen hat.

    Das 50-jährige Jubiläum in diesem Jahr bietet Anlass, Bilanz zu ziehen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verändert: Demografie, Mobilität und Mehrsprachigkeit haben neue Formen angenommen, und auch die Herausforderungen für eine funktionierende Verwaltung sind andere geworden. Die Tagung lädt daher dazu ein, die historischen und rechtlichen Grundlagen des Proporzsystems ebenso zu reflektieren wie seine praktische Anwendung, seine Spannungsfelder und seine aktuellen Herausforderungen. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Rolle der Proporz heute spielt und wie er sich weiterentwickeln kann, um auch in Zukunft Ausgleich, Gerechtigkeit und Zusammenhalt in einer vielfältigen Gesellschaft zu gewährleisten.

    – aus dem Programm

    Die Teilnahme ist kostenlos. Aus organisatorischen Gründen wird um eine Anmeldung unter info[at]autonomyexperience.org bis spätestens 10. April gebeten. Die Sprachen der Veranstaltung sind Deutsch, Italienisch und Englisch (ohne Simultanübersetzung).

    Programm:
    • 9.00 Uhr: Begrüßung und Einführung (Roland Psenner, Präsident von Eurac Research; Marc Röggla, Leiter des Center for Autonomy Experience)
    • 9.15-10.45 Uhr: Panel 1 – Ethnischer Proporz: Ideengeschichte und Umsetzung
      • Divide et impera oder Einheit durch Vielfalt? Europäische Konkordanzdemokratien im Vergleich (Joseph Marko, Univ. Prof. i. R. am Institut für Öffentliches Recht und Politikwissenschaften der Universität Graz)
      • Der ethnische Proporz in Südtirol: Ausgangslage, Spannungen und Kritiken, Entwicklung und internationale Vergleiche (Oskar Peterlini, Freie Universität Bozen)
      • Wie wird der sprachliche Proporz berechnet? Die Sprachgruppenzählung aus methodischer Sicht (Timon Gärtner, Direktor des Landesinstituts für Statistik ASTAT)
    • 10.45-11.00 Uhr: Diskussion
    • 11.00-11.30 Uhr: Kaffeepause
    • 11.30-13.00 Uhr: Panel 2 – Kontinuitäten und Konflikte
      • Jenseits der »ethnischen Käfige«? Widerstand gegen den ethnischen Proporz im Rückblick (Guido Denicolò, Jurist, Staatsadvokat i. R.)
      • Il «disagio» per la proporzionale? (Andrea Carlà, Eurac Research)
      • Der ethnische Proporz aus ladinischer Sicht: Licht- und Schattenseiten (Sophie Mangutsch, Freie Universität Bozen; Paul Videsott, Freie Universität Bozen / Südtiroler Volksgruppen-Institut)
    • 13.00-13.15 Uhr: Diskussion
    • 13.15-14.30 Uhr: Mittagspause
    • 14.30-16.30 Uhr: Panel 3 – Minderheitenschutz, gesellschaftliche Diversität und Proporz
      • Beyond Quota Systems: The Case of the Basque Autonomous Community (Maddi Dorronsoro Olamusu, Visiting Researcher, Eurac Research)
      • Mind the gap: Die Vertretung der Sprachgruppen und Geschlechter in Südtirols Gemeinderäten (Katharina Crepaz und Jakob Volgger, Eurac Research)
      • Migration und gesellschaftlicher Wandel: Wahrnehmungen des ethnischen Proporzsystems in Südtirol (Verena Wisthaler, Eurac Research)
      • Wahrung der Zwei- und Dreisprachigkeit: Herausforderungen im Umgang mit Verletzungen des Rechts auf Gebrauch der Muttersprache in Südtirol (Karin Ranzi, Direktorin des Amts für Landessprachen und Bürgerrechte)
    • 16.30-16.45 Uhr: Diskussion
    • 16.45-17.45 Uhr: Runder Tisch: Quo vadis, Proporz? (Andrea Carlà und Marc Röggla, Eurac Research; Sofia Stufflesser, Presidënta dla Union di Ladins de Gherdëina; Tony Tschenett, ASGB-Vorsitzender; Moderation: Anna Wolf, Eurac Research)
    • 17.45 Uhr: Aperitif

    Veranstaltungsort ist die Conference Hall von Eurac Research.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
  • Fehlendes Deutsch: LH übernimmt absurde Ausrede von Trenitalia.

    In einer Landtagsanfrage (Nr. 1368/26 vom 21. Jänner) zählt die STF vier Fälle von Missachtung der Zweisprachigkeitspflicht bei der Bahn auf. Unter anderem seien die Anzeigen an der Außenseite von Trenitalias sogenannten Jazz-Garnituren, die zwischen Meran und Brenner verkehren, einsprachig italienisch.

    Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) scheint das ziemlich egal zu sein, denn er gibt in seiner Antwort einfach kommentarlos folgende Erklärung von Trenitalia wieder:

    [D]ie Beschriftung der außen angebrachten Displays erfolgt aus technischen Gründen (begrenzte Zeichenanzahl) einsprachig. Eine Abschaltung dieser Displays wäre zwar möglich, würde jedoch den Kundenservice erheblich beeinträchtigen.

    – Arno Kompatscher

    Gesetze dürfen also »aus technischen Gründen« missachtet werden. Das gilt aber wohl nur, wenn sie den Minderheitenschutz betreffen — aus anderen Bereichen kenne ich so etwas nicht. Technische Einschränkungen können kein legitimer Grund sein, geltendes Recht zu ignorieren: Wenn ein System die Anforderungen nicht erfüllt, ist es anzupassen.

    Minderheitenschutzrechte werden aber offenbar grundsätzlich als weichende Rechte betrachtet, die nur dann Geltung haben, wenn alle Beteiligten gerade Lust haben und die technischen Voraussetzungen zufällig bereits gegeben sind. Mit der von Kompatscher unkritisch übernommenen Begründung ließen sich die Sprachrechte in sehr vielen Bereichen aushebeln — was ja leider ohnehin bereits der Fall ist.

    Als Erstes drängt sich folgende Frage auf: Warum können die »Displays mit begrenzter Zeichenanzahl« nicht einsprachig Deutsch bespielt werden? Oder aber: Warum sind sie nicht an einigen Zügen auf Deutsch und an anderen auf Italienisch eingestellt? Vielleicht ja doch einfach, weil keinerlei Sensibilität vorhanden ist und nicht einmal der Landeshauptmann etwas dagegen zu haben scheint. Anstatt die Einhaltung der Autonomiebestimmungen einzufordern, übernimmt er einfach die Argumentation des Bahnunternehmens.

    Wenn wir aber noch einen Schritt zurück machen, wird eines deutlich: Displays mit begrenzter Zeichenanzahl — was soll das eigentlich sein? Das müssen wohl weltweit die einzigen Displays sein, die nicht imstande sind, Informationen abwechselnd in verschiedenen Sprachen (oder meinetwegen als Laufschrift) anzuzeigen. Sind sie vielleicht aus Stein gefertigt und werden mit einem Meißel »programmiert«?

    Dem Landeshauptmann kann man so einen Schwachsinn offenbar erzählen — und er macht ihn sich auch noch zueigen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07



    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
  • SLAPP-Meister Italien.

    Ende Jänner hatte die Koalition gegen SLAPPs in Europa (CASE1für Coalition Against SLAPPs in Europe) ihren neuen Bericht über Strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung (SLAPP2für strategic lawsuit against public participation) veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass Italien — wie schon im Jahr zuvor — auch 2024 wieder das Land war, in dem die meisten Verfahren dieser Art angestrengt wurden, die hauptsächlich Medienhäuser, Journalistinnen und Aktivistinnen einschüchtern sollen. Auf Italien mit 21 solcher Klagen folgten diesmal Deutschland (20), Serbien (13), Ungarn (12), die Türkei (10) und die Ukraine (10). Berücksichtigt wurden insgesamt 29 europäische Länder.

    Die beiden italienischen Rekordjahre 2023 und 2024 fielen in die Regierungszeit von Giorgia Meloni (FdI).

    Wie strukturell das Problem in Italien aber ist, zeigt die zusammenfassende Statistik für den Zeitraum 2010-2024, in der Italien auf 82 SLAPPs kommt. Nur in Polen (140), Frankreich (91) und Malta (91) waren es mehr, wobei diese Länder in den letzten Jahren einen deutlichen Rückgang erlebt haben. Deutschland (38), Österreich (23) und die Schweiz (15) stehen erheblich besser da.

    Während 17 Staaten — einschließlich Polen, Frankreich, Deutschland und Österreich — mit der Umsetzung von Maßnahmen zur Eindämmung von SLAPP-Klagen begonnen haben, ist dies etwa in Italien ebenso wie in Serbien oder Ungarn überhaupt nicht der Fall. Das einzige Land, das schon einige Vorkehrungen umgesetzt hat, ist Malta, wenngleich der Umsetzungsprozess noch in keinem Land vollständig abgeschlossen wurde.

    Die italienische Regierungsmehrheit und insbesondere die neofaschistischen Fratelli d’Italia stechen in dem Bericht besonders negativ hervor. Als unverhältnismäßig hohe Schadensersatzforderungen werden genau zwei konkrete Beispiele genannt, und die betreffen die Ministerinnen Adolfo Urso (Unternehmen und Made in Italy) und Daniela Santanchè (Tourismus). Urso hatte im Juni 2024 die Zeitungen Il Foglio und Il Riformista verklagt und Schadensersatz zwischen 250.000 und 500.000 Euro gefordert. Santanchè, die übrigens gestern als Ministerin zurückgetreten ist, verlangte vom Espresso gar fünf Millionen, weil das Magazin ihre unternehmerische Vergangenheit durchleuchtet hatte.

    Der Fisch stinkt vom Kopf her.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07

    • 1
      für Coalition Against SLAPPs in Europe
    • 2
      für strategic lawsuit against public participation


    Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.

You are now leaving BBD

BBD provides links to web sites of other organizations in order to provide visitors with certain information. A link does not constitute an endorsement of content, viewpoint, policies, products or services of that web site. Once you link to another web site not maintained by BBD, you are subject to the terms and conditions of that web site, including but not limited to its privacy policy.

You will be redirected to

Click the link above to continue or CANCEL