Categories
BBD

Impfung: Schlusslicht Südtirol?

Da ich allein zwischen gestern und heute mehrmals gelesen habe, dass Südtirol auf Staatsebene Schlusslicht beim Impfen gegen Covid-19 sei, veröffentliche ich auch hier den gestern bereits bei Twitter publizierten Faktencheck:

Südtirol befindet sich (genauer gesagt: befand sich gestern) demnach nicht am Ende der »Impfwertung«, sondern irgendwo im Mittelfeld. Das macht es zwar nicht wirklich erträglich — ehrlich gesagt geht es auch mir (z.B. im Vergleich zum Trentino) viel zu langsam. Wir sind aber halt auch nicht die Letzten.

Wie kommt das Missverständnis zustande? Die italienische Regierung setzt die erfolgten Verabreichungen in ihren offiziellen Tabellen nicht in Relation zur Bevölkerung, sondern ausschließlich zur Anzahl der gelieferten Impfdosen. Da Südtirol im Vergleich zu anderen Regionen — im Verhältnis zur Einwohnerzahl — (deutlich) mehr »Stoff« bekommen hat, landet es in dieser staatlichen Aufstellung auf dem letzten Platz.

Siehe auch:

Faktencheck Gesundheit Umfrage+Statistik | Covid-Stats | | | Italy Südtirol/o Trentino | Sabes | Deutsch

Categories
BBD

Militarisiertes Land.
Streit- und Polizeikräfte in Südtirol

Das Istat hat im Dezember neue Statistiken zum Thema Streit- und Polizeikräfte (mit Daten von 2015 und 2017) veröffentlicht. Interessant sind dabei aus meiner Sicht vor allem die Werte zur Verteilung des Personals auf Regionen und autonome Länder.

Insbesondere bezüglich der Militarisierung zählt Südtirol staatsweit zu den Gebieten mit der größten Präsenz (Dichte).

Laut den aktuelleren Daten waren 2017 in Südtirol 2.787 Mitglieder von Sicherheitsorganen und noch einmal fast ebenso viele Militärs (2.718) stationiert. Pro 100.000 Einwohnerinnen entspricht das einem Wert von 528 (Polizei/Carabinieri/Finanz) respektive 515 (Heer).

Damit ist die Militärdichte hierzulande fast doppelt so hoch wie der staatsweite Durchschnitt von 274. Nur Friaul-Julisch Venetien (mit astronomischen 817), das Latium (734) und Apulien (575) kommen auf noch höhere Werte. Der Unterschied zwischen Südtirol und dem benachbarten Trentino ist enorm: über viereinhalb mal so dicht ist Südtirol militarisiert (515 zu 112 Heeresangehörige je 100.000 Einwohnerinnen) wie sein südliches Nachbarland, wo 2017 nur 603 Soldatinnen stationiert waren.

Andere autonome Gebiete — wie die Åland — sind vollständig entmilitarisiert, bei uns ist eher das Gegenteil der Fall. Während des kalten Krieges war die Besatzung zwar deutlich höher, aber vielleicht eher noch rechtfertigbar.

Bei den Sicherheitskräften* liegt Südtirol (528) ebenfalls über dem staatsweiten Schnitt von 497, allerdings ist hier der Abstand geringer. Italien zählt europaweit zu den Staaten mit der höchsten Polizeidichte. Das Trentino (405) verzeichnet auch diesbezüglich eine geringere Präsenz als Südtirol.

Siehe auch:

*) Ortspolizeien nicht eingerechnet

Colonialismi Militär Polizei Umfrage+Statistik | | | | Åland Italy Südtirol/o Trentino | Carabinieri Istat Staatspolizei | Deutsch

Categories
BBD

Haftbefehl gegen Puig gescheitert.

Der ehemalige katalanische Kulturminister Lluís Puig wird nicht an Spanien ausgeliefert. Dies bestätigte nun ein Brüsseler Gericht (Anklagekammer), nachdem die belgische Staatsanwaltschaft gegen die erstintanzliche Entscheidung in Berufung gegangen war.

Puig sollte in Spanien wegen des Unabhängigkeitsreferendums vom 1. Oktober 2017 der Prozess gemacht werden.

Im vergangenen Sommer hatte bereits die Brüsseler Ratskammer eine Auslieferung abgelehnt, weil sie das spanische Höchstgericht (Tribunal Supremo) nicht für die Instanz hielt, die zur Ausstellung eines europäischen Haftbefehls berechtigt gewesen wäre. Die Anklagekammer setzte nun aber noch zwei weitere, gewichtige Begründungen drauf: Erstens die Stellungnahmen der UN-Arbeitsgruppe für willkürliche Inhaftierungen und zweitens eine als hoch eingestufte Wahrscheinlichkeit, dass der Angeklagte in Spanien nicht in den Genuss der Unschuldsvermutung kommen könnte.

Von letzterem konnte die Verteidigung das Gericht aufgrund von öffentlichen Äußerungen spanischer Politiker- und Richterinnen, die eine Vorverurteilung nahelegen, überzeugen.

Das Urteil ist nicht nur für Puig selbst, sondern insbesondere auch für den damaligen Präsidenten Carles Puigdemont und seinen Gesundheitsminister Antoni Comín eine gute Nachricht. Beide wurden 2019 ins EU-Parlament gewählt und genießen seitdem die mit dem Amt verbundene Immunität — doch inzwischen wurde auf Petition der Justiz ein Aufhebungsverfahren eingeleitet.

Sollten Puigdemont und Comín ihre Immunität verlieren, müssten wiederum belgische Gerichte entscheiden, ob sie an Spanien übergeben werden. Eine Möglichkeit, die nun noch schwieriger erscheint, als ohnehin schon.

Siehe auch:

Politik Recht Repression Selbstbestimmung | Good News Referendum 1-O 2017 | Carles Puigdemont | | Belgien Catalunya Spanien | UNO | Deutsch

Categories
BBD

Mamma Tirol: Harte Kritik aus Nord-Ost.

Der Nord-/Osttiroler Bund der Schützenkompanien (BTSK) distanziert sich mit einer ungewöhnlich harten Stellungnahme vom diskriminierenden Mamma-Tirol-Schwachsinn des Südtiroler Landeskommandanten.

In einer heute publizierten Medieninformation wird darauf hingewiesen, dass die Inhalte des Videos auch auf die Schützen Ost- und Nordtirols reflektieren. In den Grundsätzen des BTSK seien fünf Werte bzw. Kernaussagen enthalten, denen sich die Schützen dort verpflichtet fühlten:

  • Treue zu Gott und dem Erbe der Vorfahren
  • Schutz von Heimat und Vaterland
  • Größtmögliche Einheit des ganzen Landes
  • Freiheit und Würde des Menschen
  • Pflege des Tiroler Schützenbrauchs

Man positioniere sich als positive, überparteiliche und unpolitische Kraft, als Traditionsverband mit klaren Werten und starker Moral.

Dann kommt die schallende Watschn von Landeskommandant Thomas Saurer:

Der Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes hat in seiner Eigenständigkeit diesen Weg der Kommunikation gewählt. Als Landeskommandant im Bund der Tiroler Schützenkompanien ist es jedoch nicht meine Art der Verständigung. Ich setze auf Dialog, Einbindung und Bewusstseinsbildung, nicht auf Provokation. Und ich versuche als Landeskommandant eine Vorbildrolle gegenüber unseren Schützenkameraden, Marktenderinnen und Jungschützen einzunehmen. Projekte, die als Ziel zum Nachdenken anregen, sollen für die Stärkung unserer gemeinsamen Landesidentität nützlich sein, verletzen, spalten und ausgrenzen dürfen sie jedoch nicht. Auch die Schützen und Marketenderinnen Ost- und Nordtirols verteidigen ihre Grundsätze, Kernwerte und Leitmotive, immer dann, wenn es erforderlich ist und nicht der Inszenierung wegen. Besonders in der aktuellen Situation, die viel Ungewissheit mit sich bringt, gilt es Weitblick, Zuversicht und Besonnenheit zu bewahren und das Verbindende zu stärken.

Hervorhebungen von mir.

Recht viel klarer hätte er es nicht zum Ausdruck bringen können — jedenfalls nicht unter Wahrung der Contenance.

Siehe auch:

Kohäsion+Inklusion Politik | Good News | | | Nord-/Osttirol Südtirol/o | Schützen | Deutsch

Categories
BBD

Absolut die Besten.
Auf Kriegsfuß mit Logik, Mathematik und Verhältnismäßigkeit

Die USA sind das am schwersten vom Coronavirus betroffenen (sic!) Land weltweit.

Stol und viele weitere wie ORF, ZDF …

Rund 90.000 Menschen wurden italienweit bereits geimpft. Europaweit liegt Italien damit an zweiter Stelle nach Deutschland.

RAI Südtirol Tagesschau am 4. 1. 2021

Bei der Zahl der ermittelten Fälle pro 1.000.000 Einwohner (Stand 5. 1. 2021) liegen die USA mit 64.317 Fällen auf Platz vier hinter Montenegro (79.015), Luxemburg und Tschechien (ausgenommen Zwergstaaten mit weniger als 500.000 Einwohnern).

Bezüglich der Todesfälle pro 1.000.000 Einwohner stehen die USA mit 1.091 auf Platz 12. Angeführt wird diese Liste von Belgien mit 1.700 Todesfällen pro 1.000.000 Einwohner.

Bei der Case-Fatality-Rate wiederum liegen die Vereinigten Staaten im Ranking mit 1,7 % sogar jenseits der 80.

Abgesehen davon, dass Italien auch in absoluten Zahlen europaweit nicht an zweiter Stelle hinter Deutschland liegt (im Vereinigten Königreich, das zwar aus der EU, nicht aber aus Europa ausgetreten ist, wurden bereits vor Weihnachten über 500.000 Dosen verimpft), hat ein Vergleich absoluter Werte ungefähr so viel Aussagekraft wie ein Liedtext von Scooter.


Tatsächlich liegt Italien beim Anteil der gegen das Coronavirus geimpften Menschen weit hinter anderen europäischen Ländern. Schlechter läuft es wohl nur in Österreich, wo man nicht einmal weiß, wie viele Menschen bislang geimpft wurden. Der Umstand, dass viele europäische Länder im Moment verhältnismäßig weniger Impfdosen zur Verfügung haben als beispielsweise Israel oder die USA hat wohl auch damit zu tun, dass sich die EU dem COVAX-System (Covid-19 Vaccines Global Access) verpflichtet hat und sich nicht an Bieterwettbewerben zu Lasten ärmerer Länder beteiligen möchte. Das ist löblich.

Jedoch zu behaupten, die USA wären das von der Pandemie am schwersten betroffene Land und Italien läge was Impfungen in Europa anbelangt an zweiter Stelle, ist ungefähr so sinnvoll wie festzustellen, dass China eine viel größere Skination als Österreich ist, da dort rund 13 Millionen Menschen Ski fahren und in der Alpenrepublik nur rund 3 Millionen.

Siehe auch:

Bildung Faktencheck Gesundheit Medien Umfrage+Statistik | Coronavirus Covid-Stats Medienkritik Zitać | | ORF Rai Social Media Stol ZDF | Belgien China Deutschland Europa Italy Lëtzebuerg Österreich United Kingdom | EU WHO | Deutsch

Categories
BBD

Dickes Weh.
MC J.W.A disst Greta derb und gewinnt Rap-Battle gegen Altmeister HC

Nichts weniger als die größte Revolution des Musikbusiness seit dem Erscheinen der bahnbrechenden Hansi-Hinterseer-Alben “Meine Lieder, deine Träume” und “Vater, dein Wille geschehe” im Jahre 2002 ist der legendären Südtiroler Spaßtruppe SSB feat. MC J.W.A gelungen. Mit ihrem Gangstaidentitätsmumblerootsreggaedancehallaggroüberetschrap definieren sie die Szene neu. Kritiker adeln diesen so genannten Eklektizismus-Hip-Hop als neues, absolut ernstzunehmendes Genre, während der österreichische Literaturnobelpreisträger Peter Handke anerkennend von einem krassen Nebeneinander von Werk und Scheiße spricht.

Geschickt nimmt J.W.A in “Mamma Tirol” (man beachte die subtile und respektvolle Referenz an den italienischen Kulturraum und an eine der ersten Ikonen der Schwulenbewegung aus Schweden) Anleihen bei allem, was nicht bei drei auf einem Baum ist, und mixt die Fragmente in einer grandiosen Widersprüchlichkeit der Kategorie “Hirnspagat” derart geschickt zusammen, dass selbst David Hasselhoff nach einer ersten Hörprobe nicht mehr daran glaubt, dass er es war, der mit “Looking for Freedom” die Berliner Mauer zu Fall gebracht hat, sondern dies, wie auch die deutsche Wiedervereinigung, nur die Vorboten des Freiheitssongs von SSB waren. 

So bedient sich J.W.A mit einer unschlagbaren “Traust-di-nie”-Attitüde ausgerechnet bei jenen, die seiner lyrischen Botschaft diametral entgegenstehen und derengleichen er als Verräter und Entwurzelte geißelt. Während die Berliner Multikulti-Truppe Seeed in ihrem Dancehall-Kracher “Dickes B” recht hölzern vor sich hinreimen und -rappen,

Die Berliner Luft im Vergleich zu anderen Städten
Bietet leckersten Geschmack, allerbeste Qualitäten […]
Früher ging’s in Berlin um Panzer und Raketen
Heute lebe ich im Osten zwischen Blümchentapeten […]
Coolnessmäßig platzt die Stadt aus allen Nähten
Aber wo sind jetzt die Typen, die auch ernsthaft antreten […]

Dickes B, Home an der Spree
Im Sommer tust du gut und im Winter tut’s weh
Mama Berlin Backsteine und Benzin
Wir lieben deinen Duft, wenn wir um die Häuser zieh’n

wird in der Interpretation von J.W.A ein melodiöser sieben-dreiviertel-hebender jambischer Anapäst-Trochäus daraus:

Die Tiroler Luft, im Vergleich zu anderen Ländern
Leckeren Geschmack, sogar im November […]
Früher hatten in Tirol die Menschen noch Vision
Heute leben wir im Süden in der falschen Nation […]
Coolnessmäßig platzt das Land aus allen Nähten
Aber wo sind die Typen, die unsere Werte noch vertreten? […]

Die DNA des SSB
Manchmal tut’s gut und manchmal tut’s weh
Mamma Tirol mag Sepp und Jasmin
Der Glaube an die Freiheit ist unser Benzin

Sampling ist in der Roots-Reggae- und Dancehall-Szene ein gängiges Phänomen. So wurde beispielsweise der von Seeed kreierte Riddim “Doctor’s Darling”, der für sie selbst als Grundlage für ihren Song “Waterpumpee” (feat. Anthony B.) diente, von der jamaikanischen Dancehall-Queen Tanya Stephens für ihren Welthit “It’s a pity” recycelt und die Berliner Band dadurch in den Reggae-Olymp erhoben. J.W.As Textsampling ist nur die konsequente Fortführung dieser Praxis und die damit einhergehende Adelung durch den Südtiroler Eklektizismus-Papst für Seeed ein weiterer Meilenstein in ihrem Streben, als ernstzunehmende Musikkapelle anerkannt und wahrgenommen zu werden.

Das Thema Widerspruch ist ein wiederkehrendes Motiv in J.W.As Lyrik. Während man nach oberflächlicher Betrachtung unter den zitierten “Tiroler Werten” durchaus auch eine christliche Überzeugung ausmachen könnte, gräbt J.W.A tiefer, befreit die traditionellen Werte vom Ballast des tieferen Sinns und offenbart ihren Kern: Xenophobie, Homophobie und Misogynie. Der Ausländer ist Schuld, der Schwule ist pervers und die Frau ein Sexobjekt. Mit diesem Kunstgriff schafft er die textliche Brücke zu anderen großen Hip-Hoppern wie Tupac oder dem frühen Eminem und lehnt sich in der frauenverachtenden Videoästhetik an Nelly oder Snoop Dogg an. Szenekenner werfen J.W.A jedoch nicht ganz zu Unrecht vor, dass – was die Xenophobie anbelangt – auch bereits der legendäre Gangstarapper HC Strache mit dem Kreuz in der Hand etwas vom christlichen Abendland schwafelte und gleichzeitig unverhohlen mit seinen menschenfeindlichen Parolen die christliche Botschaft konterkarierte. Unbestritten ist J.W.As Flow jenem von HC haushoch überlegen, was das Abkupfern nicht ungeschehen, aber für Musikfeinspitze um einiges verzeihlicher und erträglicher macht.

Eine weitere Battle entscheidet J.W.A ebenfalls klar für sich. Indem er Greta Thunberg für ihr Engagement disst, hat es der im Battling nicht unerfahrenen Schwedin (Stichwort Twitter-Beef mit Trump) die Sprache verschlagen, weil auch sie fälschlicherweise – wie so viele andere – den Respekt vor der Natur für einen “Tiroler Wert” hielt.

So neu J.W.As eklektizistischer Ansatz, so oldschool sind die Quellen seiner Referenzen. Da liegt vielleicht das einzige Manko im wagnerschen Gesamtkunstwerk “Mamma Tirol”. Um den Kontakt zu jenem Rap-Publikum nicht zu verlieren, für die Run DMC, Public Enemy, Sugarhill Gang und Grandmaster Flash alkoholische Mischgetränke sind, und um für die jugendliche Zielgruppe nicht peinlich zu wirken, präsentiert J.W.A etwas unbeholfen Unterarmtattoos, die zwar einem millionenschweren Fußballerstligaspieler das Wasser reichen können, einem Post Malone oder 6ix9ine aber bloß ein müdes Lächeln abringen.

An Street-Credibility fehlt es den Südtiroler Gangstan aber dann insgesamt doch nicht. Dafür sorgt die gezielte Provokationsmaschinerie des SSB, die die nach Aufmerksamkeit heischenden Farid Bang und Kollegah (bürgerlich Felix Martin Andreas Matthias Blume) mit ihren definierten Auschwitzinsassenkörpern ziemlich alt aussehen lässt. Die Echo-Nominierung für J.W.A (der Preis wird extra für diesen Anlass reaktiviert) dürfte also eine fixe Bank sein. Die empörten Reaktionen der Twitteria ebenso. Campino meldet sich zu Wort. Es folgt die Ausladung von der Verleihung, so wie sie einst auch dem Südtiroler Satireprojekt Frei.Wild widerfahren ist. Und damit schließt sich der Kreis.

Aber auf öde Preisverleihungen und schnöde Trophäen ist J.W.A ohnehin nicht angewiesen. Für ihn soll der Hype um “Mamma Tirol” noch lange nicht der Zenit seines Erfolges sein. Seine unglaubliche Lebensgeschichte wird demnächst unter dem Titel “Straight outta Kaltern” verfilmt werden. Für den Soundtrack haben sich die Niggaz Wit Attitudes zu einer spektakulären Reunion entschieden. Lediglich Eazy-E hat sich geweigert als Hommage an J.W.A von den Toten aufzuerstehen. Was für ein Weh, ein dickes!

Cultura Feminæ Geschichte Kunst LGBTQIA Migraziun Satire Symbolik Tag+Nacht | Geschichtsaufarbeitung | | Social Media | Südtirol/o | Schützen | Deutsch

Categories
BBD

Dialog für Katalonien.
Amnestie und Selbstbestimmung

Der Brüsseler Ableger der katalanischen Kulturorganisation Òmnium Cultural hat ein Manifest für die Freilassung der politischen Häftlinge und für die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts veröffentlicht, das von 50 Persönlichkeiten unterzeichnet wurde.

In seiner Klarheit und in der Prominenz der Unterzeichnerinnen — unter anderen Elfriede Jelinek, Yoko Ono, Dilma Rousseff, Ai Weiwei, Joshua Wong und Jean Ziegler — übertrifft es wohl alle bisherigen Aufrufe.

Der Text:

Eine Mehrheit der Menschen in Katalonien hat wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass sie ihr Recht, über die politische Zukunft zu entscheiden, auf demokratische Art und Weise ausüben will. Die Präzedenzfälle in Québec und Schottland zeigen, dass die beste Form zur Lösung derartiger Konflikte die Anwendung des grundlegendsten Verfahrens ist, das die Demokratie kennt: abstimmen.

Der Einsatz der Justiz zur Lösung einer politischen Krise hat jedoch nur zu wachsender Repression, nicht aber zu einer Lösung geführt. Am 14. Oktober 2019 hat das spanische Höchstgericht zwei zivilgesellschaftliche Aktivisten und sieben politische VertreterInnen zu Gefängnisstrafen zwischen neun und dreizehn Jahren — insgesamt einhundert Jahre — verurteilt, verschärft diesen Konflikt nur noch weiter. Die UN-Arbeitsgruppe für willkürliche Inhaftierungen hat in Verteidigung der Rechte auf Versammlungsfreiheit und auf freie Meinungsäußerung die sofortige Freilassung der Gefangenen sowie das Fallenlassen der Anschuldigungen gefordert. Die wichtigsten Menschenrechtsorganisationen weltweit haben diese Gerichtsentscheidungen, ebenso wie die vielen Menschenrechtsverletzungen, scharf kritisiert.

Der Moment des Dialoges und eines verantwortungsbewussten Vorgehens beider Seiten ist nun gekommen. Die Unterzeichnenden fordern die spanischen und katalanischen Behörden dazu auf, sich zu einem bedingungslosen Dialog zusammenzusetzen, um eine politische Lösung zu finden, die es den katalanischen BürgerInnen ermöglicht, über ihre politische Zukunft zu entscheiden. Für einen erfolgreichen Dialog muss die politische Repression beendet und allen Angeklagten eine Amnestie gewährt werden.

Übersetzung und Verlinkungen:

Die Unterzeichnerinnen:

  1. Gerry Adams, irischer Politiker, Förderer des Friedensabkommens in Nordirland
  2. José Eduardo Agualusa, angolanischer Schriftsteller, Vertreter der neuen afrikanischen Literatur
  3. Joan Baez, amerikanische Sängerin, Songwriterin und Bürgerrechtlerin
  4. Mirta Baravalle, argentinische Aktivistin, Begründerin der Madres de la Plaza de Mayo
  5. Lana Bastasic, bosnische Schriftstellerin, ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Europäischen Union 2020
  6. Sergio Blanco, französisch-uruguayischer Dramatiker und Theaterleiter
  7. Jose Bové, französischer Antiglobalisierungsaktivist, Gewerkschaftler und Abgeordneter des Europäischen Parlaments (2014-2019)
  8. Craig Calhoun, nordamerikanischer Soziologe und Leiter der London School of Economics (2012-2016)
  9. Clayborne Carson, amerikanischer Historiker, Leiter des Institutes Martin Luther King, Jr. an Universität von Stanford
  10. Ivan Cepeda, kolumbianischer Menschenrechts- und Friedensverteidiger
  11. Mairead Corrigan, nordirische Friedensaktivistin, Friedensnobelpreis
  12. Can Dundar, türkischer Journalist, ehemaliger politischer Gefangener, lebt im Exil in Deutschland
  13. Shirin Ebadi, iranische Rechtsanwältin, Friedensnobelpreis
  14. Carolin Emcke, deutsche Kriegsberichterstatterin, Friedenspreis des deutschen Buchhandels
  15. Ben Emmerson, britischer Rechtsanwalt, UN-Sonderberichterstatter (2011-2017)
  16. Silvia Federici, italienisch-amerikanische Schriftstellerin und Philosophin
  17. Michel Forst, französischer Rechtsanwalt, UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte (2014-2020)
  18. Ramin Jahanbegloo, iranischer Philosoph und Leiter des Mahatma Gandhi Friedenszentrums
  19. Elfriede Jelinek, österreichische Schriftstellerin, Nobelpreis für Literatur 2004
  20. Jaan Kaplinski, estnischer Lyriker und Philosoph, Mitglied der Weltakademie der Kulturen
  21. Ronald Kasrils, südafrikanischer Minister (2004-2008) und Anti-Apartheid-Kämpfer
  22. Osman Kavala, türkischer Unternehmer, Sozialaktivist und politischer Gefangener
  23. Milan Kucan, slowenischer Präsident (1991-2002)
  24. Neil Labute, amerikanischer Regisseur, Dramatiker und Drehbuchautor, ausgezeichnet beim Sundance-Festival
  25. António Lobo Antunes, portugiesischer Schriftsteller
  26. Paul Mason, britischer Journalist und Schriftsteller
  27. Ambler Moss, ehemaliger Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika
  28. Holger K. Nielsen, Außenminister von Dänemark (2011-2012)
  29. Yoko Ono Lenon, japanische Künstlerin, Sängerin und Friedensaktivistin
  30. Rémy Pagani, Schweizer Politiker, Bürgermeister von Genf (2009, 2012 und 2017)
  31. Adolfo Pérez Esquivel, argentinischer Pazifist, Friedensnobelpreis
  32. Paul B. Preciado, spanischer Philosoph und Schriftsteller
  33. Dilma Rousseff, Präsidentin von Brasilien (2011-2016)
  34. Dimitrij Rupel, Außenminister von Slowenien (1990-1991 und 2000-2004)
  35. Saskia Sassen, holländische Soziologin, Lehrkraft an der Universität von Columbia
  36. Bill Shipsey, irischer Rechtsanwalt, Begründer von Art for Amnesty International
  37. Burhan Sönmez, türkischer Schriftsteller und Menschenrechtsjurist, ausgezeichnet mit dem Preis Disturbing the Peace
  38. Boaventura de Sousa Santos, portugiesischer Wirtschaftswissenschaftler und Lehrkraft an der Universität von Coimbra
  39. Rafael Spregelburd, argentinischer Dramatiker, Theaterleiter und Schauspieler
  40. Guy Standing, britischer Wirtschaftswissenschaftler, Mitbegründer des Basic Income Earth Network (Globales Netzwerk für ein Bedingungsloses Grundeinkommen)
  41. Simon Stephens, englischer Dramatiker, ausgezeichnet mit dem Tony-Preis
  42. Charles Taylor, emeritierter Professor der Philosophie der McGill University in Montreal
  43. Colm Tóibín, irischer Schriftsteller und Lehrkraft an der Universität von Columbia
  44. Ivo Vajgl, Außenminister von Slowenien 2004 und ehemaliger Abgeordneter des Europaparlaments
  45. Ai Weiwei, Chinesischer Künstler und Aktivist, lebt im Exil in Deutschland
  46. Irvine Welsh, schottischer Schriftsteller, Autor des Romans Trainspotting
  47. Jody Williams, amerikanische Menschenrechtsaktivistin, Friedensnobelpreis
  48. Joshua Wong, politischer Aktivist und führender Kopf der Demokratiebewegung in Hongkong
  49. Lorena Zárate, argentinische Aktivistin, Vorsitzende der Habitat International Coalition
  50. Jean Ziegler, Schweizer Soziologe, emeritierter Professor der Universität Genf und Abgeordneter für die Sozialdemokratische Partei (1981-1999)

Siehe auch:

Engagement Grundrechte Politik Repression Selbstbestimmung | Good News Zitać | Ai Weiwei Carme Forcadell Jordi Cuixart Jordi Sànchez Oriol Junqueras Raül Romeva | | Catalunya Québec Scotland-Alba Spanien | UNO | Deutsch

Categories
BBD

Das Elsass ist zurück.
Regionale Zwangsehe aufgelöst

Im Rahmen der zum 1. Jänner 2016 in Kraft getretenen Gebietsreform, mit der die Anzahl der französischen Regionen von 22 auf 13 reduziert wurde, war das Elsass mit Lothringen und Champagne-Ardennen in der Region Grand Est (Großer Osten) aufgegangen. Sämtliche sprachlich-kulturellen Eigenheiten schienen damit endgültig zentralistischer Gestaltungswut zum Opfer gefallen zu sein.

Schon bald brachten jedoch sowohl die Bevölkerung als auch elsässische Gewählte in der Regionalversammlung ihre Unzufriedenheit mit der Fusion zum Ausdruck. Mehrmals kam es zu Kundgebungen, die elsässische Regionalpartei Unser Land verzeichnete — wenngleich auf niedrigem Niveau — deutliche Zuwächse und auch die Regionalpresse wetterte gegen den Zusammenschluss, dessen Unbeliebtheit immer wieder mit Umfragen untermauert wurde. Der Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarats kritisierte in einer Stellungnahme schon im März 2016, dass die Gebietsreform ohne ernsthafte Konsultation der Gemeinden und der Menschen vor Ort stattgefunden hatte.

Der starke Druck führte dazu, dass bereits im August 2019 die Schaffung der Europäischen Gebietskörperschaft Elsass (Collectivité européenne d’Alsace) beschlossen wurde, die zum 1. Jänner 2021 effektiv wurde. Bei der Collectivité européenne handelt es sich um eine speziell auf das Elsass zugeschnittene Lösung, die auch auf dem französischen Festland erstmals eine reale asymmetrische Autonomie etabliert, wie sie bislang nur für Korsika — und selbstverständlich für die Überseegebiete — existierte.

Obschon die Europäische Gebietskörperschaft zunächst formell noch Teil der Region Grand Est ist, wurden ihr sämtliche Zuständigkeiten der Departements sowie spezielle Kompetenzen unter anderem in den Bereichen Zweisprachigkeit (besonders im Schulbereich), Kultur, grenzüberschreitende Zusammenarbeit (einschließlich Mobilität und Gesundheit), Tourismus und Verkehr (mit Nationalstraßen und Autobahnen) übertragen. Auf symbolischer Ebene erhält das Elsass ein eigenes Logo für die KfZ-Nummernschilder mit zweisprachiger Aufschrift Alsace-Elsass.

Natürlich kommen diese starken Zuständigkeiten für die deutsche Sprache und das Elsässische reichlich spät. Doch wenn sie wirksam eingesetzt werden, können sie vielleicht noch zu einer Renaissance der regionalen Identität beitragen.

Unterm Strich hat die Zwangsehe mit Lothringen und Champagne-Ardennen nur fünf Jahre gehalten. Südtirol ist seit 70 Jahren in einer ungewünschten Regionalgemeinschaft mit dem Trentino, die es trotz relativer Autonomie nie aufzulösen imstande war.

Siehe auch: |

Comparatio Cultura Föderal+Regional Gesundheit Medien Minderheitenschutz Mobilität Plurilinguismo Politik Scola Symbolik Tourismus Vorzeigeautonomie Zentralismus Zuständigkeiten | Autonomievergleich Good News | | | Elsass Südtirol/o Trentino | Europarat Region Südtirol-Trentino | Deutsch