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  • Auf dem Rücken der Kinder?
    Bildungsdebatte mit schwachen Tricks und scheinheiligen Argumenten

    Während im Moment das lächerliche Gesülze um Katharina Zellers (SVP) Weigerung, sich von Dario Dal Medico (La Civica per Merano) die Trikolore-Schleife umhängen und sich national vereinnahmen zu lassen, die Medien und den öffentlichen Diskurs dominiert, gehen in einem der gesellschaftlich relevantesten Bereiche zumindest bei den Beteiligten bzw. Betroffenen die Wogen hoch.

    Südtirols Lehrerschaft (inkl. der Kindergartenpädagoginnen) liegt im Clinch mit der Landesregierung und droht mit Protestmaßnahmen im kommenden Schuljahr, sollten die Rahmenbedingungen nicht ver- und die Gehälter nicht aufgebessert werden. In mehreren Landesteilen haben sich Lehrergruppen formiert, die großen Zulauf haben, und die angekündigt haben, im Schuljahr 2025/26 “Dienst nach Vorschrift” zu machen. Kein Streik und keine Dienstverweigerung wohlgemerkt, sondern einfach nur das tun, wofür sie – mehr schlecht als recht – bezahlt werden. Lehrausgänge, Theaterbesuche, Sportwochen – generell Exkursionen und Projekte – sollen gestrichen bzw. nicht mehr begleitet werden. Schüler- und Elternschaft sind hin- und hergerissen zwischen Solidarität mit den Lehrpersonen und Sorge um das Bildungsangebot im kommenden Jahr.

    In der vorgestrigen Ausgabe der Dolomiten wird dazu Landesrätin Magdalena Amhof (SVP) folgendermaßen zitiert: “Ich finde es aber nicht richtig, die Lohndebatte auf dem Rücken der Eltern und Schüler auszutragen.” Christa Ladurner (Allianz für Familie) schlägt in die selbe Kerbe. Und auch von Bildungslandesrat Philipp Achammer (SVP) ist in verschiedenen Medienberichten Ähnliches zu vernehmen, wenngleich sie alle anerkennen, dass die Anliegen der Lehrerschaft durchaus berechtigt sind.

    Dass die Lehrerschaft mit ihrer Drohung irgendetwas auf dem Rücken von Eltern und Kindern austragen würde, ist Bullshit. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht zuletzt deshalb, weil ein großer Teil der Lehrpersonen auch selbst Eltern sind und wohl kaum gegen die eigenen Interessen und die ihrer eigenen Kinder agieren. Der Lehrerschaft geht es um die Rettung des Bildungsstandorts Südtirol und folglich das Wohlergehen der Schülerinnen und Schüler. Es ist vielmehr die Politik, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, mit der Zukunft der Kinder – und somit unser aller Zukunft – spielt.

    Hier ist das Warum:

    Bildung ist einer der zukunftsweisendsten, wenn nicht DER zukunftsweisendste Bereich überhaupt. Die Qualität der Bildung bestimmt wie kaum etwas anderes Erfolg und Misserfolg einer ganzen Gesellschaft mitunter über Generationen hinweg. Wir müssen danach trachten, dass die besten, engagiertesten und kreativsten Köpfe mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten – vom Kindergarten bis zur Matura. Das Bildungssystem steht und fällt mit gut ausgebildeten, motivierten Pädagoginnen und einer finanziellen Ausstattung, die die notwendigen Rahmenbedingungen für modernen, funktionierenden Unterricht schafft. Beides ist in Südtirol massiv bedroht, wenn nicht umgehend gegengesteuert wird.

    Südtirols Lehrerinnen sind im Vergleich zu anderen öffentlich Bediensteten, im Vergleich zu anderen Akademikerinnen sowie im Vergleich zu Berufskolleginnen im benachbarten Bundesland Tirol oder im nahen Bayern – von der Schweiz ganz zu schweigen – extrem unterbezahlt. So ist das Einstiegsgehalt einer Lehrperson in Nordtirol (mit vergleichbaren Lebenshaltungskosten) in etwa so hoch, wie das einer Südtiroler Lehrperson mit 35 (!) Dienstjahren. Zum Ende eines Berufslebens verdient eine Lehrperson nördlich des Brenners beinahe das Doppelte wie die Kolleginnen in Südtirol. Und während man in Nord- und Osttirol als Lehrperson wie die meisten unselbstständig Beschäftigten 14 volle Monatsgehälter bekommt, bekommen Südtiroler Lehrerinnen nur 13 und obendrein über den Sommer ein reduziertes Gehalt. (Das Argument “Ja, aber Lehrer haben auch dauernd frei und arbeiten viel weniger als andere” jetzt hier zu entkräften würde den Rahmen sprengen. Nur soviel: Bullshit 01 02)

    Während Landesrätin Amhof beschwichtigt, dass es durchaus Inflationsanpassungen gegeben hätte und die Situation nicht so dramatisch sei – dabei aber laut der Initiativen „Bildung am Abgrund“ und „Qualität Bildung Südtirol“ mit unlauteren Zahlen agiere – stelle sich die Lage in der Realität folgendermaßen dar: Zwischen 1999 und 2025 gab es bei Gundschullehrerinnen 68,6 Prozent Lohnzuwachs, bei Mittel- und Oberschullehrerinnen gar nur 51,6 Prozent. Der Verbraucherpreisindex ist indes im gleichen Zeitraum um 82,8 Prozent gestiegen. Wir haben es also zusätzlich zu dem ohnehin schon niedrigen Lohnniveau mit einem massiven Kaufkraftverlust zu tun.

    Diese Situation führt dazu, dass die Unterrichtsqualität in Südtirol leidet. Zum einen, weil es für die Lehrpersonen demotivierend ist, unterbezahlt bei immer komplexeren Herausforderungen und gleichzeitig prekäreren Arbeitsbedingungen in der Klasse zu stehen und dafür auch noch angefeindet zu werden und zum anderen, weil der Lehrerberuf in Südtirol an sich an Attraktivität verliert. Eigenartig, wo die Lehrkräfte nach Ansicht vieler doch so paradiesische Arbeitszeiten haben. Südtiroler Lehramtsstudienabgängerinnen, die vielfach in Österreich oder Deutschland studiert haben, bleiben aufgrund der Gehaltssituation vermehrt dort. Andere geben auf und orientieren sich um. Und unterqualifizierte Supplentinnen/Quereinsteigerinnen, die mit dem Leitspruch “Iatz unterricht i halt a Zeitl bis i wos Bessers find, wo i meahr verdian” vor der Klasse stehen, heben das Unterrichtsniveau auch nicht wirklich. Von wegen “Für die Kinder nur das Beste”.

    Ein weiteres Unikum ist, dass sich Lehrpersonen ihre Arbeitsmaterialien größtenteils selber finanzieren müssen. Man stelle sich vor, wie ein Unternehmer zur neu eingestellten Bürofachkraft sagt: “Um für uns die Buchhaltung zu machen, bringen Sie bitte Ihren eigenen Laptop mit. Auch Stifte, Papier, Mappen und dergleichen müssen Sie sich natürlich selber besorgen. Und fixen Büroarbeitsplatz bekommen Sie freilich auch keinen. Sie können sich entweder täglich irgendwo einen Platz suchen oder Sie müssen halt nach Hause gehen und von dort aus die Arbeit erledigen. Ich hoffe, Sie haben in Ihrer Wohnung ein Büro. Cool wäre auch, wenn Sie hin und wieder externe Experten zu uns in die Firma bringen und Vorträge für unsere Kunden organisieren. Das Fläschchen Wein oder ein paar Häppchen, über die sich alle bei diesen Anlässen freuen, zahlen Sie aber aus eigener Tasche oder bringen Sie von zu Hause mit.” Absurd? Für Pädagoginnen ist das Realität.

    Womit wir bei einem weiteren Brocken wären, mit dem Lehrpersonen in Südtirol mittlerweile vielfach überfordert sind. Durch die in den vergangenen Jahrzehnten massiv gestiegene Heterogenität und Komplexität in den Klassen, funktionieren Betreuungsschlüssel nicht mehr. Wenn in vielen Klassen immer mehr nicht-muttersprachliche Schülerinnen und Schüler sitzen, von denen einige die Unterrichtssprache nicht einmal verstehen, braucht es mehr personelle und finanzielle Ressourcen, um einen erfolgreichen Unterricht für alle Beteiligten garantieren zu können.

    Das Personal in Südtirols Kindergärten und Schulen hat seit Jahren auf die oben beschriebenen Problematiken hingewiesen, ist aber immer wieder vertröstet worden. Zudem wurden Zusagen von Seiten der Politik schlicht nicht eingehalten. Dass es nicht schon längst gekracht hat, ist dem Idealismus ganz vieler Pädagoginnen zu verdanken, bei denen das Wohl der Kinder und Jugendlichen an erster Stelle steht – auch wenn sie selbst dabei – salopp gesagt – in Tilt gehen. Mittlerweile sind wir offenbar an einem Punkt, wo nur mehr verzweifelte Aufschreie und Radikalaktionen (Stichwort Goetheschule) die nötige Aufmerksamkeit finden. Nüchternes und sachliches Hinweisen auf das Problem, wie es jetzt über Jahre betrieben wurde, hat nicht funktioniert.

    Noch einmal: Die Lehrerschaft trägt keine Lohndebatte auf dem Rücken der Kinder aus. Sie wählt das kleinere Übel, wie auch Alexandra Kienzl in ihrem Salto-Kommentar andeutet, um eine Änderung zu erreichen. Dieses kleinere Übel ist, mit dem Verzicht auf Aktivitäten außerhalb der Schule, die noch dazu mit großer Verantwortung verbunden sind, die nicht honoriert wird, so viel Druck aufzubauen, dass die Dringlichkeit endlich verstanden wird. Das größere Übel wäre nämlich, voller Idealismus und Naivität so weiterzumachen wie bisher, um in ein paar Jahren vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Dann sind es aber nicht mehr bloß ein paar Exkursionen, die ausfallen.

    Ich möchte hier keine Neiddebatte vom Zaun brechen. Es ist nämlich eher eine Frage von Prioritäten. “Unsere Kinder sind das Wertvollste, was wir haben” ist ein Satz, den man immer wieder hört und dem ein großer Teil der Eltern wohl zustimmen würde. Wie kommt es dann, dass wir jenen Menschen, denen wir unsere Kinder anvertrauen, viel weniger Geld zahlen als jenen, denen wir unser Geld anvertrauen? Und wieso sollen dann eher Spitzenbeamte Lohnerhöhungen im Ausmaß von Jahresgehältern von Lehrkräften erhalten, bevor die Vergütung Letzterer an die Inflation angepasst wird – von einer substanziellen Erhöhung der Bezüge ganz zu schweigen.

    Die Politik muss verstehen, dass wir langfristig Geld sparen, wenn wir in gute Bildung investieren. Ganz nach dem Motto: “If you think, education is expensive, try ignorance.” (Derek Bok)

    Anmerkung: Ich bin zwar an einer (Privat-)Schule beschäftigt, jedoch nicht als Lehrer, sondern als Bediensteter mit “normalen” Arbeits- und Urlaubszeiten, da nur ein kleiner Teil meiner Arbeit jene mit Schülerinnen und Schülern betrifft.

    Cëla enghe: 01 02



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  • Die Nazi-Buchvorstellung.
    Sellner in Bozen

    Auf Einladung des rechtsextremen Landtagsabgeordneten Jürgen Wirth Anderlan (JWA) soll am morgigen Freitag Martin Sellner nach Bozen kommen. Dort will der Wiener Neonazi — der gerade in der Nähe von Varese unbehelligt einen Gipfel abhalten und seine rassistischen Deportationsthesen verbreiten konnte — sein einschlägiges Buch vorstellen.

    Während die im Umfeld von JWA entstandene Wehrsportgruppe Junge Aktion beim internationalen Vernetzungstreffen in der Lombardei vertreten war, musste Wirth Anderlan angeblich aus gesundheitlichen Gründen zuhause bleiben.

    Sellner, dessen ethnischen Säuberungsphantasien auch in der STF verfangen haben, ist in mehreren europäischen Ländern und den USA mit Einreiseverboten belegt — nicht aber im rechtsrechts regierten Italien.

    In Südtirol muss ihm also wennschon die Zivilbevölkerung klar machen, dass er unerwünscht ist.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • Der Landeshauptmann will Südtirol erklären. Schon wieder.

    Folgendermaßen hat sich Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) gegenüber der heutigen Tagesschau von Rai Südtirol zum »Trikoloreskandal« von Meran geäußert:

    Ich bin überzeugt, dass sich jetzt die Wogen rasch glätten werden, dieser Vorfall wird auch rasch vergessen werden. Es wird immer wieder Aufreger um das Thema geben, weil es auch nicht hinreichend bekannt ist, dass eben in Südtirol sprachliche Minderheiten leben, dass wir unsere eigene Kultur und Tradition haben — auch dementsprechend eine eigene Identität. Das lohnt sich, glaub ich, immer wieder darauf hinzuweisen, das zu erklären und auch zu versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass Vielfalt ein Mehrwert ist, dass diese Idee einer einzigen Kultur, einer einzigen Sprache, einer einzigen Nation innerhalb eines Staates eigentlich in der Vergangenheit immer ins Unglück geführt hat.

    – Arno Kompatscher

    Transkription von mir

    Wovon redet er da eigentlich?

    Die Wogen werden sich glätten, gewiss, der Argwohn und die Einschüchterung bleiben aber.

    Wir können doch nicht dazu verdammt sein, einen ewigen Kampf gegen Windmühlen zu führen, wenn unsere Besonderheit erstens kaum jemand in Italien verstehen will und zweitens »diese Idee einer einzigen Kultur, einer einzigen Sprache, einer einzigen Nation« fest mit dem Nationalstaatsprinzip verknüpft ist.

    Das werden wir sicher nicht ändern. Gleichzeitig müssen wir uns aber immer wieder nationalistische Aggressionen wie die aktuelle gefallen lassen.

    In Italien wollen doch in der Regel noch nicht einmal die renommiertesten Kommentatorinnen und Journalisten wirklich irgendetwas über Südtirol, seine Identität oder Minderheiten im allgemeinen wissen, bevor sie ihre nationalistischen Attacken — mit Verlaub: — hinschmieren. Wie soll man da zur Durchschnittsbevölkerung vordringen?

    Darüber hinaus — und hauptsächlich! — hat die allergrößte Mehrheit der Italienerinnen in Südtirol, einschließlich der Medien, die sich in dieser Causa zu Wort gemeldet haben, nicht minder verständnislos reagiert als Italienerinnen von außerhalb.

    Es ändert also offenbar so gut wie gar nichts, mit der Realität in Südtirol vertraut zu sein.

    Nicht zuletzt ging der Übergriff doch von Herrn Dario Dal Medico aus, der Südtirol bestens kennt. Und mit die harscheste Kritik an Katharina Zeller kam ausgerechnet von Kompatschers Koalitionspartnerinnen im Land. Muss er ihnen auch erst erklären, dass es hier Minderheiten mit einer eigen Identität gibt?

    Wenn dann auch noch angeblich progressive Südtirolerinnen aktiv dazu beitragen, das Wissen über Südtirol in Italien durch gezielte Desinformation zu unterminieren und Hass anzufachen, ist wohl jegliche Hoffnung fehl am Platz, durch Überzeugungsarbeit irgendetwas verändern zu können.

    Die einzige Lösung ist die Überwindung des Nationalstaats per se.

    Cëla enghe: 01 02 || 01 02 03 04 05 06



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  • Italienische Grüne für Amtsenthebung von Katharina Zeller.

    Weil sich die neugewählte Bürgermeisterin einer Minderheitenpartei dem nationalistischen und machohaften Übergriff ihres rechten Vorgängers widersetzt hat, der ihr eine grünweißrote Schleife überstülpen wollte, sieht der Chef der rechtsextremen Fratelli d’Italia italienischen Grünen, Angelo Bonelli, den anachronistischen Tatbestand der Schmähung nationaler Symbole erfüllt.

    Den Innenminister der rechtsrechten Regierung von Giorgia Meloni (FdI), Matteo Piantedosi, forderte er daher gestern auf, die Täterin, Katharina Zeller (SVP), ihres Amtes zu entheben.

    Auch das ist Italien — das Land, das den Faschismus erfunden hat: Ein Nationalstaat, der seinen Nationalismus bis heute geradezu religiös überhöht.

    In wohl fast jedem Land der Erde würden sich Grüne uneingeschränkt mit dem Opfer einer derartigen Handgreiflichkeit solidarisieren. Die italienischen Grünen konnten hingegen noch nicht einmal ihre Klappe halten, sondern mussten die Rechten unbedingt rechts überholen.


    Hinweis: Die Südtiroler Grünen sind von den italienischen Grünen unabhängig und haben sich auf Katharina Zellers Seite gestellt.


    Nachtrag vom 22. Mai 2025: Bonelli hat sich inzwischen bei Frau Zeller entschuldigt, allerdings nur, weil sie klargestellt hat, dass sie nicht die Trikolore, sondern der übergriffige Akt von Dario Dal Medico gestört hat. Es bleibt also implizit dabei, dass er bei einer Ablehnung der Trikoloreschleife die Amtsenthebung gefordert hätte.

    Cëla enghe: 01 02 || 01 02



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  • Fahnen sollen brennen (wenn sie Symbole der Unterdrückung sind).


    von Nicola Canestrini

    Es gibt etwas tief Widersprüchliches in der Art und Weise, wie wir mit Symbolen umgehen. Die Fahne, zum Beispiel. Sie sollte eine Idee der Einheit, der Zugehörigkeit, des Teilens darstellen. Und stattdessen hat sie in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart zu oft dem Konflikt gedient. Um Unterschiede zu markieren. Um Grenzen zu ziehen. Um Kriege zu erklären. Um Hass gegenüber dem »Anderen« zu rechtfertigen.

    Aber die Überbetonung des Begriffs »Nation« ist der Vorraum des Nationalismus – jenes »komplexe Geflecht aus ideologischen und politischen Verhaltensweisen, das, indem es den Begriff der Nation mit dem der Heimat gleichsetzt und das natürliche moralische Gefühl des Patriotismus sowie das politische Prinzip der Nationalität deformiert und übersteigert, die Nation als höchsten ethisch-politischen und ethisch-kulturellen Wert betrachtet und das Prestige der Nation zum obersten und alles bestimmenden Prinzip macht, an dem sich das politische Handeln zu orientieren hat« (Großes Wörterbuch der italienischen Sprache, Turin 1981). Es traten ja die Verfechter des Nationalismus, die sich in der Associazione Nazionalista Italiana organisierten – gegründet nach einem Kongress in Florenz im Jahr 1910 – dem Faschismus bei.

    Nationalismen, die sich von Symbolen wie der Fahne nähren, waren – und sind noch immer – Ursache von Kriegen. Sie waren und sind bis heute der ideologische (und physische) Hintergrund von Invasionen, Unterdrückungen, »Säuberungen«, Besetzungen. Im Namen einer Fahne wurde marschiert, wurde eingedrungen, wurde getötet. Und auch in diesen Tagen wird marschiert, wird eingedrungen, wird getötet – sogar in unserer unmittelbaren Nähe.

    Und dennoch schwenken wir weiterhin diese Farben, als wären sie unantastbar, als dürften sie niemals infrage gestellt werden.

    Und wehe dem, der sie kritisiert: Wer das tut, riskiert einen Prozess – medial, aber auch strafrechtlich.

    Das geschieht in Italien, wo es im Strafgesetzbuch noch immer eine Vorschrift gibt, die jene bestraft, die die Nationalflagge »verächtlich machen«. Ein Tatbestand, der nach vergangenen Zeiten riecht – nach Regimen, die Angst vor dem Dissens hatten und Stärke durch den Kult ihrer Symbole demonstrieren mussten.

    Gerade für Menschen, die in Grenzregionen wie Südtirol leben, hat der Gebrauch der Fahne – und ganz allgemein der nationalistischen Symbole Italiens – im Laufe des 20. Jahrhunderts eine besonders schmerzhafte Bedeutung angenommen.

    Hier war die Trikolore ein Zeichen der Eroberung, der Aufzwingung, der Auslöschung der Identität.

    Wie kann man nicht an den – offenbar noch immer aktuellen – Anspruch auf das Bozner Siegesdenkmal erinnern? »Hinc patriae fines, siste signa. Hinc ceteros excolvimvs lingva legibvs artibvs.«

    Die erzwungene Zurschaustellung der Fahne – zusammen mit der Aufzwingung der italienischen Sprache, der Tilgung der deutschen Ortsnamen, der kulturellen und politischen Repression – war ein integraler Bestandteil einer Strategie gewaltsamer Assimilation, die mit dem faschistischen Marsch auf Bozen 1922 begann (mit der Absetzung von Bürgermeister Julius Perathoner) und leider, in weniger offenkundigen, aber ebenso unterdrückenden Formen, auch in der Republik nach 1946 fortgeführt wurde.

    Man dachte zum Beispiel auch in der Nachkriegszeit nicht daran, die »sprachliche Säuberung« von Ettore Tolomei rückgängig zu machen, sondern entschied sich, das ideologische Projekt, das sie begleitete – nämlich die Leugnung der Existenz der lokalen Kultur zugunsten einer künstlichen, kolonialisierenden »italianità« – nicht zu widerrufen.

    Es ist betrüblich – und liefert den gegensätzlichen Extremisten neue Nahrung –, dass selbst Jahrzehnte nach Kriegsende, und noch heute, der italienische Staat im Namen der nationalen Einheit an den »erfundenen« Ortsnamen festhält.

    Der Streit um zweisprachige oder dreisprachige Beschilderung ist nur das letzte Kapitel einer langen und für viele noch immer schmerzhaften Geschichte.

    In diesem Kontext gibt es Menschen, die meinen, die Kritik an aufgezwungenen Symbolen sei ein Akt kultureller Selbstverteidigung – während die Verteidigung der eigenen Kultur und Identität durch deutschsprachige Südtiroler oft als »anti-italienisch« (oder gar terroristisch) gebrandmarkt wurde – als sei es ein Angriff auf den Staat, um Respekt für die eigene Geschichte zu bitten.

    Hier wird das Paradox offensichtlich:

    Ein Symbol, das Einheit verkörpern sollte, wird zum Banner der Spaltung.

    Ein Emblem, das die Freiheit darstellen sollte, wird als Instrument der Unterdrückung wahrgenommen.

    Doch in Südtirol bedeutet das Zurückweisen der aufgezwungenen Italianità nicht, das Zusammenleben abzulehnen – sondern sich einer Erzählung zu widersetzen, die über Jahrzehnte die Fahne als Waffe, nicht als Brücke benutzt hat.

    Es ist kein Zufall, dass viele der Wunden jener Zeit noch immer nicht geheilt sind.

    Und es ist ebenso kein Zufall, dass gerade jene, die diese Symbole in Frage stellen, auch heute noch wegen Verächtlichmachung strafrechtlich verfolgt werden.

    Als ob es ein Verbrechen – und kein Recht – sei, einer auferlegten nationalen Identität zu widersprechen.

    Man erinnere sich an das mühsam eingestellte Verfahren des Bozner Gerichts im Jahr 2006 gegen ein Kunstwerk im Museion, das als »verächtlich« gegenüber der italienischen Nation betrachtet wurde: eine Reproduktion der Nationalhymne Mameli im Spülgeräusch eines WCs.

    Auch die Plakate der Süd-Tiroler Freiheit, die die italienische Fahne weggefegt zeigten, um der österreichischen Platz zu machen – hier sah das römische Gericht 2018 und 2021 den Straftatbestand des »vilipendio« (Verächtlichmachung) als erfüllt an.

    Doch was bleibt – bei all dem – von der Meinungsfreiheit?

    Artikel 21 der italienischen Verfassung nennt das Recht, Gedanken frei zu äußern, ein Grundrecht.

    Dasselbe sagt Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention.

    Der Straßburger Gerichtshof hat bereits im berühmten Urteil Handyside v. Vereinigtes Königreich vom 7. Dezember 1976 klargestellt, dass die Meinungsfreiheit auch Ideen schützt, die »verletzen, schockieren oder beunruhigen«.

    Sie ist keine Konzession der Macht, sondern eine Voraussetzung der Demokratie.

    Gerade deshalb muss sie auch jenen gewährt werden, die Symbole herausfordern – auch denen, die stören.

    Das Paradox ist offensichtlich: Im Namen des Schutzes eines Symbols wird genau jene Freiheit eingeschränkt, die dieses Symbol eigentlich verkörpern sollte.

    Man trifft die politische Kritik, kriminalisiert die Dissidenz, knebelt den Protest.

    Als ob die Demokratie so fragil wäre, dass sie ein verbranntes Stück Stoff oder eine grafische Provokation nicht aushalten könnte.

    Doch gerade das Symbol der Macht kann nur dann zum Instrument der Demokratie werden, wenn es geteilt ist – ohne die Berufung auf eine vermeintlich »jahrtausendealte Einheit des italischen Stammes« oder auf eine angebliche Heiligkeit dieser Symbole.

    So wie bei der Trikolore-Schärpe: ein institutionelles Symbol laut Kommunalgesetz, das von Bürgermeistern bei offiziellen Anlässen quer über der Schulter zu tragen ist.

    Doch auch hier droht der regulative Eifer, das Symbol zum Fetisch zu machen.

    Wenn die Form mehr zählt als der Inhalt, geht der ursprüngliche Sinn der demokratischen Institution verloren.

    Eine demokratische Gesellschaft sollte auch die härteste Kritik ertragen können – auch wenn sie provokativ formuliert sind.

    Meinungsfreiheit dient nicht dem Schutz des Konsenses, sondern des Dissenses.

    Und jedes Mal, wenn eine Ausdrucksform bestraft wird, nur weil sie das nationale Gefühl verletzt, geht man einen Schritt in Richtung jener autoritären Logik, die einst zu Rassengesetzen und Faschismen führte – und heute den identitären Populismus nährt.

    Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat im Fall Texas v. Johnson (1989) entschieden, dass das Verbrennen der amerikanischen Flagge – obwohl für viele zutiefst verletzend – durch den ersten Verfassungszusatz geschützt ist, da es sich um eine symbolische Ausdrucksform handelt.

    Das Gericht erklärte: »Wenn es ein grundlegendes Prinzip hinter dem First Amendment gibt, dann ist es, dass der Staat nicht die Äußerung einer Idee verbieten darf, nur weil die Gesellschaft sie für anstößig oder unangenehm hält.« Im Gegenteil: Die Entscheidung betont, dass die Stärke der Demokratie gerade in der Fähigkeit liegt, auch die kontroversesten Formen des Dissenses zu tolerieren: »Der zu Recht geschätzte Platz, den die Flagge in unserer Gemeinschaft einnimmt, wird durch unser heutiges Urteil gestärkt, nicht geschwächt. Unsere Entscheidung bekräftigt die Prinzipien von Freiheit und Inklusivität, die die Flagge am besten widerspiegelt, und die Überzeugung, dass unsere Toleranz gegenüber Kritiken wie der von Johnson Zeichen und Quelle unserer Stärke ist.«

    Der Supreme Court verteidigte das Recht, selbst die heiligsten Symbole infrage zu stellen, und bekräftigte, dass sich die wahre Stärke einer konstitutionellen Demokratie gerade in der Freiheit zum Widerspruch zeigt. Wenn es heute eine Fahne gibt, die es wert ist, geschwenkt zu werden, dann ist es die Regenbogenfahne.

    Nicht weil sie einen Staat repräsentiert, sondern weil sie ein Ideal verkörpert.

    Nicht weil sie Treue zu einer abgeschlossenen Identität fordert, sondern weil sie dazu einlädt, eine offene, inklusive, freie Gemeinschaft aufzubauen.

    Das Ideal einer geteilten, nicht geteilten Menschheit.

    Wo Grenzen nicht trennen, sondern durchquert werden.

    Wo Unterschiede keine Bedrohung sind, sondern Reichtum.

    Gegen Hass und Ausgrenzung. Für Frieden, Würde und Gleichheit.

    Wenn die Trikolore nur noch dazu dient, sich selbst zu schützen, hat sie jede Bedeutung verloren.

    Wenn sie dem Gewicht einer Kritik, eines Widerspruchs, einer Provokation nicht standhält, ist es nur Stoff, genäht um die Macht.

    Aber wenn wir bereit sind zu akzeptieren, dass selbst Symbole infrage gestellt werden dürfen – denn genau darin beweisen sich Demokratien –, dann lebt dieses Symbol wieder auf.

    Nicht als Zwang, sondern als Wahl.

    Nicht als Waffe, sondern als Brücke.

    Freiheit verteidigt man nicht, indem man den Widerspruch zum Schweigen bringt.

    Man verteidigt sie, indem man ihm zuhört.

    Auch wenn es brennt.


    Dieser Beitrag ist in italienischer Sprache auch bei Salto erschienen.

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  • Combattere contro la destra estrema con CasaPound.
    Quotation

    C’è il rischio che la sua si riveli la faccia presentabile del ritorno di un passato segnato dagli eredi del nazionalismo fascista?

    No. Io rappresento qualcosa di nuovo: lontano dalla destra estrema, contro cui combatto.

    Claudio Corrarati, neo sindaco di Bolzano, intervistato per l’edizione odierna di Repubblica da Giampaolo Visetti

    Faccia presentabile forse no, faccia di bronzo certamente sì.

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  • La fascia e il rossobrunismo disagiato.

    Il signor Massimo (Max) Carbone, lo stesso che si lamenta perché un settimanale di lingua tedesca non pubblica abbastanza articoli in lingua italiana, candidato del PD alle elezioni comunali di Merano (19 preferenze), ha pensato che l’attacco nazionalista e sessista di Dario Dal Medico alla neo sindaca Katharina Zeller (SVP), sostenuta dal PD al ballottaggio, rendesse urgente un suo intervento esplicativo.

    Per questo oggi ha telefonato alla trasmissione Prima pagina di Rai Radio 3 e ha raccontato quanto segue:

    Per conoscere meglio alcuni aspetti dell’Alto Adige, a proposito della fascia tricolore rifiutata dalla nuova sindaca della città di Merano, volevo precisare questo: viviamo in una terra molto ricca, con un bilancio provinciale di quasi 8 miliardi e mezzo di euro, i quali sono gestiti per il 6% dagli assessori italiani, il 9% dall’assessore ladino e per quasi l’85% dagli assessori sudtirolesi (sic). Allora, il potere — lo chiamiamo così, diciamo — è saldamente in mano alla comunità sudtirolese, e gli italiani sono residuali, anche se il nuovo sindaco di Bolzano è Corrarati (?). Allora diciamo questo: i motivi però sono molto complessi di questa situazione — e chiudo con questo: la contrapposizione etnica, anche con i toni duri — inevitabile con questo caso che stiamo riportando — è sempre purtroppo molto presente e negli anni è aumentata. E aggiungo anche un’altra cosa: in Alto Adige, i concorsi pubblici sono quasi esclusivamente riservati ai cittadini di lingua tedesca. Allora, nel meccanismo brillante dell’Alto Adige c’è qualcosa che non funziona, e credo che la politica debba dare in fretta alcune risposte.

    – Prima pagina (trascrizione mia)

    Non so né che cosa c’entri tutto questo con la fascia tricolore né da dove il signor Carbone tragga i suoi dati. So invece che ha raccontato in modo completamente falso e distorto il ruolo dei concittadini di lingua italiana in Sudtirolo e il funzionamento della proporzionale etnica, in modo da aizzare ulteriormente — se ce ne fosse bisogno — l’odio antisudtirolese in Italia. Questo è puro sciacallaggio politico. Se qualcuno pensava che i partiti del centrosinistra italiano, in questo senso, fossero diversi da quelli della destra, purtroppo ha fatto male i conti. Con sfumature diverse, il nazionalismo sfrenato è una caratteristica del tutto trasversale.

    E per fortuna che ci hanno colonizzato quelli che portavano la cultura, la scienza e le arti, ché altrimenti a quest’ora non so come saremmo messi.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 || 01 02 03 04 05



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