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  • Familienbande.
    Italienische Kultur

    Vor wenigen Monaten ist der Ressort- und Amtsdirektor für italienische Kultur Antonio Lampis nach 29 Dienstjahren in der Landesverwaltung in den Ruhestand getreten. Wie nun Valentino Liberto für Salto detailreich nachzeichnete, tritt mit Gabriele Giovannetti Melchiorri ausgerechnet der Stiefsohn von Alessandro Urzì (FdI) in Lampis’ Fußstapfen.

    Damit wird er zum höchsten Beamten im Zuständigkeitsbereich eines Parteikollegen von Urzì, LH-Vize Marco Galateo.

    Dass auch die Gesinnung stimmt, zeigt die Tatsache, dass es Giovannetti Melchiorri 2015 für die rechte Kleinpartei seines Stiefvaters, A. Adige nel Cuore (AAnC), in den Bozner Gemeinderat schaffte — bevor er 2020, als AAnC mit FdI fusionierte, als Spitzenkandidat der rechten Liste Oltre/Weiter wiedergewählt wurde.

    Giovannetti Melchiorri kam übrigens nicht über den ordentlichen Auswahlweg zu seinem neuen Job als Ressortdirektor. Vielmehr griff die Landesregierung auf die Möglichkeit einer Berufung von außen zurück. Nach geltendem Landesrecht setzt diese eine besondere und nachgewiesene berufliche Qualifikation voraus, die beim bereits vorhandenen Personal nicht vorzufinden ist.

    Laut Salto hatte Galateo Giovannetti Melchiorri bereits seit Beginn der Legislaturperiode als seinen Wunschkandidaten für die Ressortleitung im Auge. Bei der ersten externen Ausschreibung meldeten sich zwei Bewerberinnen aus dem öffentlichen Dienst. Galateo widerrief daraufhin das Verfahren. Erst nach einer Wiederholung kam es nun — dank besonderer Qualifikation des Kandidaten — zur erwünschten Auswahl.

    Hinweis: Ob Giovannetti Melchiorri auch im rechtlichen Sinn Stiefsohn von Alessandro Urzì ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

    Cëla enghe: 01 02 03 || 01



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  • Manipolazione della democraticità.
    Quotation

    [La proposta di legge elettorale] ora in esame incide anche sulla dimen­sione elet­to­rale locale, con la tra­sfor­ma­zione dei con­fini ter­ri­to­riali del col­le­gio sena­to­riale Bol­zano-Bassa Ate­sina, con lo scor­poro di sei Comuni (tra­sfe­riti ad altri col­legi) allo scopo dichia­rato di cir­co­scri­vere il numero degli elet­tori del col­le­gio agli appar­te­nenti al gruppo lin­gui­stico ita­liano e di ren­dere più con­creta l’ele­zione di un can­di­dato appar­te­nente a que­sto gruppo: si tratta di un’evi­dente mani­po­la­zione della demo­cra­ti­cità del sistema, che ancora una volta si pro­pone di pre­de­ter­mi­nare l’esito della com­pe­ti­zione, non in ragione del par­tito ma del gruppo lin­gui­stico.

    La Corte costi­tu­zio­nale, in pri­mis, con riguardo alle ele­zioni (allora) regio­nali, ha distinto fra rap­pre­sen­tanza poli­ti­ca­mente assi­cu­rata di can­di­dati dei gruppi lin­gui­stici ita­liano e tede­sco attra­verso il nor­male fun­zio­na­mento del metodo pro­por­zio­nale rife­rito alla con­si­stenza dei due gruppi lin­gui­stici e rap­pre­sen­tanza giu­ri­di­ca­mente garan­tita, attra­verso l’asse­gna­zione a priori, per legge, di un seg­gio con­si­liare a un can­di­dato del gruppo lin­gui­stico ladino. Ora, la riforma pro­po­sta per il col­le­gio sena­to­riale pro­pone una for­mula ibrida, ossia di intro­durre una rap­pre­sen­tanza poli­ti­ca­mente garan­tita ad uno dei due gruppi lin­gui­stici più con­si­stenti. Il mec­ca­ni­smo con­ferma la sua atti­tu­dine mani­po­la­to­ria, che dà del gruppo lin­gui­stico ita­liano una imma­gine impro­pria di mino­ranza che debba essere garan­tita al di là del fun­zio­na­mento ordi­na­rio della com­pe­ti­zione demo­cra­tica.

    da Pericoloso cambiare le regole, contributo apparso oggi sull’edizione sudtirolese del Corriere a firma di Roberto Toniatti, emerito di Diritto costituzionale all’Università di Trento – enfasi mia

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 | 09



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  • Gegenvorschlag zum Gerrymandering.

    Zur Absicht des FdI-Abgeordneten Alessandro Urzì, den bisherigen Senatswahlkreis Bozen-Unterland zu entstellen, um die Chancen italienischer Kandidatinnen — möglichst aus dem rechten Lager — zu maximieren und Kandidatinnen der deutschen Sprachgruppe jeder realistischen Erfolgsmöglichkeit zu berauben, liegt ein interessanter Alternativvorschlag vor.

    Ich beziehe mich dabei natürlich nicht auf die wahnwitzige SVP-Idee, die das Ansinnen von Urzì noch verschlimmern möchte, und dies mit der Ausrede begründet, das Unterland nicht zu teilen.

    Es geht vielmehr um einen Beschlussantrag (Nr. 453/26) von Andreas Leiter Reber, den auch das Team K, die Grünen und Thomas Widmann mitunterzeichnet haben. Darin wird ein Paradigmenwechsel gefordert: Wie bei der Landtagswahl soll es demnach auch bei den Parlamentswahlen fortan nur noch einen einheitlichen Südtiroler Wahlkreis geben, bei dem die unserem Land vorbehaltenen Sitze in Kammer und Senat nach dem Verhältniswahlrecht vergeben werden. Gleichzeitig sollen Vorkehrungen getroffen werden, um eine bestmögliche Vertretung der deutschen, ladinischen und italienischen Sprachgruppe sicherzustellen.

    Damit wird der Vorschlag von Urzì quasi auf den Kopf gestellt. Statt Wahlkreise so zuzuschnipseln, dass gewisse politische Lager bzw. eine Sprachgruppe bessere Chancen erhalten, während ein Teil der Bevölkerung entmündigt wird, soll der einheitliche Wahlkreis dafür sorgen, die sprachliche und politische Realität im Land so gerecht wie möglich abzubilden.

    Um dieses Ziel zu erreichen, soll der Landtag die von ihm entsandten Vertreterinnen in den paritätischen Kommissionen beauftragen, die nötigen Änderungen voranzubringen — einschließlich einer Anpassung der Sperrklauseln, um den Minderheitenschutz zu gewährleisten. Parallel dazu soll auch die Landesregierung den Auftrag erhalten, sich auf allen politischen Ebenen für dasselbe Ziel stark zu machen.

    Der einheitliche Wahlkreis könnte die Idee der Trennung überwinden und zudem eine fairere Vertretung Südtirols in Rom ermöglichen. Das derzeitige System mit Einpersonenwahlkreisen berücksichtigt nur die Erstplatzierten in jedem Wahlkreis und begünstigt somit in der Regel die SVP — die bisher auch als einzige in der Lage war, die regionale Sperrklausel für Minderheitenparteien zu erreichen.

    Ausdrücklich positiv zu bewerten ist aus meiner Sicht die Berücksichtigung der ladinischen Sprachgruppe in dem Vorschlag, die eine Sicherstellung oder zumindest eine Begünstigung der eigenen Vertretung wennschon am dringendsten benötigen würde.

    Einpersonenwahlkreise erzwingen ein künstliches Entweder-Oder, das mit der besonderen Situation unseres Landes nur schwer in Einklang zu bringen ist.

    Cëla enghe: 01 02 03 || 01



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  • Ethnisch. Ethnischer. Am ethnischsten.


    von Brigitte Foppa

    Je besser wir uns trennen, desto besser verstehen wir uns. Der alte Wahlspruch der Südtiroler Volkspartei — er wird Anton Zelger zugeschrieben — hat an seiner Macht leider nichts verloren. Wir sehen es an der »Lösung« zur Thematik des Senatswahlkreises Bozen-Unterland, die jetzt von der SVP Unterland ins Felde geführt wird.

    Alessandro Urzì, Fratello d’Italia und Koalitionspartner der SVP, Rechtsaußen-Stratege im römischen Parlament, hatte den ersten Schritt gemacht und vorgeschlagen, die Gemeinden rechtsseitig der Etsch dem Wahlkreis Meran zuzuordnen. Auf der anderen Seite sollte Aldein zu Brixen kommen. Der Protest im Unterland will seitdem nicht enden. Für den Widerstand gibt es durchaus unterschiedliche Motivationen, auf jeden Fall gelten folgende Feststellungen:

    1. Bisher war der Wahlkreis Bozen-Unterland jener, in dem es einen offenen Wahlausgang und damit einen demokratischen Wettbewerb gab, von dem man anderswo nur träumen konnte. Und
    2. bisher hat man im Unterland immer transethnisch gewählt. Jeder Kandidat musste schauen, wie er auch die Stimmen der anderen Sprachgruppe »zusammenklaubte«. Das haben Oskar Peterlini und Francesco Palermo gleichermaßen gemacht wie zuletzt Gigi Spagnolli.

    Für uns im Unterland war das immer ein Gewinn gewesen. Es war normal.

    Für den ultraethnischen Urzì war das kein Fuhrwerk. Seinen Moment der Macht über die SVP hat er genutzt, um aus diesem besonderen Wahlkreis, in dem es natürlich war, jenen zu wählen, der einem ideell am nächsten stand, einen zu machen, in dem »der Italiener« gewählt werden soll.

    Nach den Protesten legt die SVP Unterland noch eins drauf. Sie führt den ethnischen Diskurs von Urzì weiter und schlägt vor, den Wahlkreis frisch auf Bozen, Leifers und Pfatten (oder Branzoll?) einzugrenzen. Der »italienische« Wahlkreis würde damit sanktioniert.

    Es ist die Logik des Trennens, die immer weiter getrieben wird. Vielleicht haben wir es dann irgendwann so weit, dass alle Italiener:innen in Bozen/Leifers/Pfatten wohnen, und der Rest Südtirols ist dann »italienerbefreit«. In der Repräsentanz würde das mit diesem Vorschlag schon einmal vorgelebt.

    Dazu kann man nur sagen: NEIN! Das Unterland hatte die Logik der Trennung der Sprachgruppen längst überwunden. Hier, wo man seit ewigen Zeiten miteinander lebt, italienische Familiennamen und deutsche Vornamen hat, wo viele immer noch eine Nona haben und vielleicht einen italienischen Schwiegersohn, hier achtet man sehr auf das Eigene — gerade der Kontakt mit dem Anderen hat dazu geführt, die deutsche Sprache und Kultur sehr zu schätzen und sich um ihren Schutz zu bemühen. Und man hat gerade deshalb keine Angst, sich zu berühren, und sich eben von dem vertreten zu lassen, der es schafft, beide Gruppen anzusprechen.

    Je besser wir uns kennen, desto besser verstehen wir uns. Dieses Gegenkonzept gegenüber der Trennung der Sprachgruppen in Südtirol, es liegt immer entfernter statt näher.

    Brigitte Foppa ist Landtagsabgeordnete der Südtiroler Grünen.


    I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i/la autëures ne sustën nia for i fins de BBD. · Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen. · I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • Deutsch als Wohlfühlprogramm.

    Ich hatte das Thema vor wenigen Tagen schon in einem Kommentar angeschnitten: Elio Dellantonio, Primararzt i. R. und hochrangiges PD-Mitglied, hat auf Salto einen Beitrag veröffentlicht, mit dem er sich wieder gegen Zweisprachigkeitspflicht und Proporz wendet. Dabei wirft er die beiden Ebenen auch noch in einen Topf, obwohl es sich um zwei voneinander unabhängige Maßnahmen handelt.

    Im Grunde stehen in Südtirol sämtliche Minderheitenschutzvorkehrungen — Zwei-/Dreisprachigkeitspflicht, Proporz, Sprachgruppenerhebung, Ansässigkeitsklausel, muttersprachliche Schule — bis hin zur Minderheitensprache selbst von italienischer Seite permanent und systematisch unter Druck. Auch das Bekenntnis zu einem von der nationalen Einheitsidentität abweichenden Zugehörigkeitsgefühl wird kaum geduldet.

    Jedenfalls aber ist das, was Dellantonio über die Zweisprachigkeitspflicht schreibt, sehr aufschlussreich:

    Der Zweiprachigkeitsnachweis sollte die Kenntnis der Sprachen bescheinigen, die für das Funktionieren einer tatsächlich zweisprachigen öffentlichen Verwaltung erforderlich sind. Stattdessen ist er für einen wachsenden Teil jener, die eine Arbeit im öffentlichen Dienst anstreben, vor allem zu einer formalen Verpflichtung, einem Hindernis und oft zu einem Albtraum geworden. Das Ergebnis ist paradox: Eine Maßnahme, die geschaffen wurde, um die Zweisprachigkeit zu gewährleisten, droht zu einem der Faktoren zu werden, die vom Erlernen und spontanen Gebrauch der anderen Sprache abhalten. Deutsch wird dadurch von einer Chance zur persönlichen Weiterentwicklung und zur Begegnung mit einer anderen Kultur zu einer formalen bürokratischen Hürde, die es zu überwinden gilt. Zweisprachigkeit sollte genau das Gegenteil sein: eine Kompetenz, die man mit Interesse, Neugier und Natürlichkeit erwirbt, und keine administrative Verpflichtung, vor der man sich fürchten muss. Der Zweisprachigkeitsnachweis hat eine äußerst wichtige symbolische und rechtliche Funktion. Er ist das Instrument, das gewährleistet, dass sich das, was vor hundert Jahren geschah — der Machtmissbrauch, die Demütigung und der Versuch des Faschismus, die Südtiroler Sprache, Kultur und Identität auzulöschen —, nicht wiederholen kann. Dieser Schutz darf jedoch nicht in ein unveränderliches Prinzip verwandelt werden, das einer Realitätsprüfung in der Gegenwart entzogen ist, 80 Jahre nach dem Sturz des Nazifaschismus, der die Gefahr beseitigt hat. Im Gegenteil: Diese Minderheit ist heute eine der am besten geschützten, gefestigsten und wohlhabendsten nationalen Minderheiten Europas und der Welt. Ihre Sprache, Kultur, Autonomie und Vertretung in den Institutionen sind umfassend gewährleistet.

    – Elio Dellantonio (PD)

    Übersetzung von mir (Original anzeigen)

    Il patentino dovrebbe certificare la conoscenza delle lingue necessarie al funzionamento di una pubblica amministrazione realmente bilingue. Invece, per una parte crescente di coloro che aspirano a lavorare nel settore pubblico, è diventato soprattutto un obbligo formale, un ostacolo e spesso un incubo. Il risultato è paradossale: uno strumento nato per garantire la certificazione del bilinguismo rischia di diventare uno dei fattori che disincentivano l’apprendimento e l’uso spontaneo dell’altra lingua, trasformando il tedesco da occasione di crescita e di relazione con un’altra cultura in una barriera burocratica formale da superare. Il bilinguismo dovrebbe essere esattamente il contrario: una competenza da acquisire con interesse, curiosità e naturalezza, non un adempimento amministrativo da temere. Il patentino incarna una funzione simbolica e giuridica importantissima. Esso rappresenta lo strumento che garantisce che ciò che accadde cento anni fa — la prevaricazione, l’umiliazione e il tentativo di cancellazione della lingua, cultura e dell’identità sudtirolese da parte del fascismo — non possa più ripetersi. Tutela, però, che non può essere trasformata in un principio immutabile, sottratto alla verifica della realtà nel presente, a 80 anni dalla caduta del nazifascismo che ha eliminato il rischio. Al contrario, quella minoranza è, oggi, una delle minoranze nazionali più tutelate, solide e prospere d’Europa e del mondo. La sua lingua, cultura, autonomia e presenza nelle istituzioni sono ampiamente garantite.

    – Elio Dellantonio (PD)

    Die Kenntnis der deutschen Sprache — wir brauchen uns gar nicht vorzumachen, dass es auch um die italienische Sprache geht — soll im öffentlichen Dienst also nicht mehr in erster Linie eine Voraussetzung dafür sein, die Rechte der deutschsprachigen Bevölkerung zu gewährleisten, sondern eine Art Wohlfühlprogramm für die Beschäftigten.

    Mit solch abwegigen Forderungen, die wohl kaum frei von Hintergedanken sind, ist Dellantonio in der italienischen Sprachgruppe nicht alleine.

    Weltweit und auch in Italien dienen Zertifikate ganz selbstverständlich dazu, Sprachkenntnisse nachzuweisen. Das ist, wie jedes Kind weiß, keine Südtiroler Erfindung und kein Alleinstellungsmerkmal. Der Zweisprachigkeitsnachweis soll sicherstellen, dass eine öffentliche Verwaltung, die gesetzlich dazu verpflichtet ist, mit der Bevölkerung in ihrer Sprache zu verkehren, diese Pflicht auch gewährleisten kann.

    Niemand würde auf die Idee kommen, zu verlangen, dass Pilotinnen die zur Berufsausübung erforderlichen Sprachkenntnisse »mit Interesse, Neugier und Natürlichkeit« spontan und ohne Verpflichtung erwerben.. Genauso wenig wird man fordern, dass Prüfungen im Medizinstudium durch freiwilliges Lernen ersetzt werden, um ja niemanden abzuschrecken. Wird dann im Operationssaal schon alles gut gehen.

    Wenn es aber darum geht, die Rechte und den Schutz einer Minderheit zu gewährleisten, wird eine überall sonst völlig übliche Praxis plötzlich zu einer überflüssigen Schikane, einer Art legalisierter Folter, hochstilisiert. In dieser absurden Erzählung stehen nicht die verbrieften Rechte der Minderheit auf einen öffentlichen Dienst im Mittelpunkt, der selbstverständlich auch ihre Sprachrechte und ihre Unversehrtheit zu garantieren hat, sondern die zarten Seelen von Ärztinnen und Pflegepersonal, die sich unverbindlich an der Sprache ihrer Patientinnen »persönlich weiterentwickeln« sollen. Als wäre der öffentliche Gesundheitsbetrieb ein Sommercamp oder ein Wellnessbereich für Medizinerinnen — und nicht in erster Linie eine unerlässliche Dienstleistung für die Bevölkerung.

    Aus dem Privatsektor und aus jenem Teil des öffentlichen Dienstes, für den keine Zweisprachigkeitspflicht herrscht, wissen wir ja, wie gut das mit dem spontanen Erlernen der Zweitsprache funktioniert. Nämlich meistens gar nicht. Auch die Politik, wo die Beherrschung der deutschen Sprache weitgehend der Muse von Landesrätinnen und Abgeordneten überlassen ist, kann als Beispiel dienen.

    Keine Sprachminderheit weltweit überlebt und prosperiert dank des freiwilligen Entgegenkommens der Mehrheitsbevölkerung — jedenfalls nicht ohne klare und einforderbare Schutzmaßnahmen.

    Dellantonio und andere, die ähnlich wie er argumentieren, schlagen auch keine alternativen Mechanismen vor, mit denen die Sprachrechte der Bevölkerung und der Fortbestand der deutschen Sprachgruppe konkret gewährleistet werden könnten. Der ehemalige Primar beruft sich vielmehr ausgerechnet auf den (angeblichen) Erfolg der bestehenden Maßnahmen: Weil die deutsche Sprachgruppe gut geschützt und wirtschaftlich erfolgreich sei, müsse der Schutz gar nicht mehr aufrecht erhalten werden, so die absurde Logik. Diese Einstellung als »minderheitenfeindlich« einzustufen, ist also keineswegs übertrieben, sondern notwendig.

    Auch die Behauptung, der Sturz des Faschismus habe »die Gefahr beseitigt«, ist an Naivität — oder Böswilligkeit — schwer zu überbieten. Die Gefahr für Minderheitensprachen besteht nicht erst dann, wenn versucht wird, sie gewaltsam zu unterdrücken. In Südtirol selbst wurde die faschistische Majorisierungspolitik auch in der Nachkriegszeit munter fortgeführt. Und auch heute stehen weltweit Minderheiten unter Druck, wobei Assimilation in den allermeisten Fällen ziemlich unspektakulär abläuft: Die Mehrheitssprache ist zahlenmäßig stärker, hat einen deutlich besser abgesicherten rechtlichen Status und ist im gesamtstaatlichen Kontext allgegenwärtig. Zudem wird sie von der Minderheit meist deutlich besser beherrscht als deren Sprache von der Mehrheitsbevölkerung.

    Das Wiedererstarken minderheitenfeindlicher und autoritärer politischer Ideologien, wie es auch und gerade in Italien zu beobachten ist, trägt ebenfalls nicht dazu bei, die Lage zu verbessern.

    Genau deshalb reicht es nicht, darauf zu vertrauen, dass die Mehrheit die Minderheitensprache im Sinne eines freiwilligen Entgegenkommens oder aufgrund von Neugier erlernt. Sprachrechte müssen gesetzlich gewährleistet sein, sonst sind sie letztlich vom enden wollenden guten Willen der Mehrheit abhängig.

    Auch eine der am besten geschützten nationalen Minderheiten genießt übrigens nur einen kleinen Bruchteil der strukturellen Absicherung, die einer Mehrheitsgesellschaft in jedem Nationalstaat selbstverständlich zur Verfügung steht — und deshalb steht auch Südtirol so oft in der Defensive.

    Über eine Weiterentwicklung der Schutzinstrumente kann man natürlich gerne diskutieren. Wer sie aber abschwächen oder beseitigen will, ohne gleichwertigen Ersatz anzubieten, nimmt letztendlich die Assimilierung billigend in Kauf.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 || 01



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  • Québec: Selbstbestimmung erst nach Trump.

    Laut aktuellen Umfragen stehen die Chancen derzeit sehr gut, dass die sezessionistische Parti québécois (PQ) am 5. Oktober die Wahl zur Assemblée nationale du Québec gewinnen und anschließend den Premierminister stellen wird. Einer der zentralen Punkte ihres Wahlprogramms ist die Durchführung eines dritten Selbstbestimmungsreferendums nach jenen von 1980 und 1995, um herauszufinden, ob die Bewohnerinnen die Umwandlung der heutigen kanadischen Provinz in einen eigenen Staat wünschen.

    Wie bereits beschrieben, unterscheidet sich das Projekt der sozialdemokratischen Parti québécois deutlich von den derzeitigen Unabhängigkeitsbestrebungen in der ebenfalls zu Kanada gehörenden Provinz Alberta.

    Vor wenigen Tagen ließ Paul St-Pierre Plamondon, PQ-Chef und aussichtsreicher Spitzenkandidat, die Öffentlichkeit wissen, dass es während der ersten Jahre einer eventuell von ihm geführten Regierung kein Selbstbestimmungsreferendum geben werde, weil ein solches seiner Ansicht nach nicht während der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump stattfinden solle. Die Grundsatzfrage nach der politischen Zukunft von Québec sei mit der politischen Instabilität und Unberechenbarkeit, die der Republikaner vom nahegelegenen Washington aus in die Welt setzt, nicht vereinbar.

    St-Pierre Plamondon versicherte jedoch, dass die Abstimmung weiterhin auf seiner Agenda stehe und er plane, sie während seiner etwaigen Amtszeit als Premierminister, aber nach dem Ende der Präsidentschaft von Donald Trump am 20. Jänner 2029 anzusetzen.

    Scharfe Kritik an den Aussagen des PQ-Chefs übte die linke, ebenfalls separatistische Québec solidaire, die ihm vorwirft, die Zukunft der frankophonen Provinz ganz von der Politik im Nachbarland abhängig zu machen. Was wenn zwar die Ära Trump, aber nicht der Trumpismus zu Ende geht? Würde St-Pierre Plamondon das Referendum durchziehen, wenn zum Beispiel J.D. Vance als Nachfolger von Trump ins Weiße Haus einzöge?

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06



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  • Feuernacht.
    Rezension eines Theaterabends bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs

    Die Tiroler Volksschauspiele in Telfs haben für die heurige Eigenproduktion im wörtlichen wie im übertragenen Sinne schwere Geschütze aufgefahren. Bei einem Produktionsbudget im siebenstelligen Bereich gibt es jede Menge Sprengstoff und sich die Crème de la crème Tirols (Nord wie Süd) ein Stelldichein.

    “Feuernacht” basiert auf Felix Mitterers legendärem Fernsehseriendrehbuch “Verkaufte Heimat”. Die beiden letzten Episoden des Vierteilers hat Peter Lorenz für eine Bühnenfassung adaptiert, nachdem Teil 1 und 2 bereits vor einigen Jahren von den Tiroler Volksschauspielen in der Südtiroler Siedlung in Telfs inszeniert wurden. Auch für die Uraufführung der “Feuernacht” (Regie: Thomas Gassner) dient die mittlerweile beinahe komplett geschleifte Optanten-Siedlung (die einem neuen Wohnbauprojekt weichen muss) als Kulisse. Das letzte noch verbliebene Gebäude wurde dafür wie ein Spielzeughaus aufgeschnitten und ermöglicht dem Publikum auf der Tribüne (23 seit Monaten ausverkaufte Vorstellungen mit je 850 Zuschauern) tiefe Einblicke in die jüngere Tiroler Geschichte wie auch in die Gedankenwelt der Protagonisten. In der Mitte prangt ein riesiges LED-Display, auf dem einzelne Szenen, die mitunter in der Ferne auf dem weitläufigen Gelände oder außerhalb des Blickfeldes spielen, in expressionistischem Schwarz-weiß live übertragen werden. Nur das Rot des Blutes der Gefolterten und das Rot der Rosen unter der Marienfigur kommen in Farbe. Daneben ein Hügel aus Bauschutt und ein Baukran, der abwechselnd ein Kreuz, Bruchstücke von Metallmasten und einen Tiroler Adler ins Sichtfeld schweben lässt. Es ließen sich unendlich viele Metaphern für das wahrlich imposante Bühnenbild von Raphael Jonathan Hanny finden: die Geschichte als Baustelle, Trümmerhaufen und Puppentheater zugleich.

    Mitterer erzählt die Bombenjahre nicht historisch penibel und akkurat, sondern verdichtet die Geschehnisse der 1960er-Jahre auf das Schicksal dreier fiktiver Familien, das jedoch sehr stark an jenes tatsächlicher Akteure angelehnt ist. So wird aus Sepp Kerschbaumer ein Sepp Rabensteiner (Lukas Lobis) und aus Georg Klotz ein Hermann Tschurtschenthaler (Markus Oberrauch). Die Figur des Carabiniere Ettore Magalone (Lukas Spisser) wiederum spielt wohl – wenn auch weit hergeholt, da er in “Feuernacht” mit der Schwester Tschurtschenthalers verheiratet ist – auf Vittorio Tiralongo an, dessen Ermordung – im Stück wie in der Realität – nie vollständig geklärt wurde. Die Täterschaft wurde den “Puschtra Buibm” zugeschoben, während es Hinweise gibt, dass es sich bei der Tötung auch um einen Inside Job, eine False Flag-Aktion oder eine interne Fehde gehandelt haben könnte. Jedenfalls werden die prägendsten historischen Ereignisse – wie die Sprengung des “Aluminium-Duce” in Waidbruck, die Feuernacht mit dem Tod Giovanni Postals, die Folterung und der Tod Franz Höflers, die Geschehnisse auf den „Brunner Mahdern“ mit der Ermordung von Luis Amplatz und der Verwundung von Georg Klotz durch Christian Kerbler – dramaturgisch adaptiert behandelt. Dazu gesellen sich bis ins Karikaturhafte überzeichnete Darstellungen der Geheimdienstaktivitäten, der neonazistischen Vereinnahmung des BAS sowie der italienischen Exekutivkräfte und des Tiroler Klerus.

    Die Rolle der Frauen ist meist eine kalmierende und auf Nebenschauplätze begrenzte, wie auch Margarete Affenzeller im Standard bemerkt:

    Die Ehefrauen (Brigitte Jaufenthaler, Lisa Laner) werden nicht müde, die Männer von den gefährlichen Sabotageplänen abzuhalten. Viel Text wirft das nicht ab, auch sonst bleiben die Rollen einem alten Geschlechterbild verhaftet. Kurzum, es ist ein Männercast, in dem Frauen keine Akteurinnen sind.

    Wobei das freilich auch daran liegen könnte, dass dieses “alte Geschlechterbild” ziemlich authentisch jenes der 1960er-Jahre in Südtirol widerspiegelt.

    Interessant ist auch die Entscheidung, die italienischen Dialoge – die nicht wenige und sprachlich nicht banal waren – an einem Nordtiroler Spielort unübersetzt zu belassen bzw. nicht zu untertiteln, wenngleich sich aus dem Kontext heraus das Gesagte für Besucher ohne Italienischkenntnisse wohl im Groben durchaus erahnen ließ.

    Ob es feige oder mutig von den Machern war, auf eine Inszenierung, die wie eine moralinsaure Kanzelpredigt daherkommt, zu verzichten, weiß ich nicht. Wohltuend war es allemal. “Wir haben keinen Zeigefinger. Wir haben keine […] moralische Aussage. Mittlerweile jede Wetterfee erzählt dir schon, was du denken, fühlen [musst], was richtig und was falsch ist”, sagt der künstlerische Leiter der Volksschauspiele, Gregor Bloéb, der bei der “Piefke-Saga” und in “Andreas Hofer – Die Freiheit des Adlers” an der Seite seines Bruders Tobias Moretti bereits selbst mehrfach in Mitterer-Werken mit Tirol-Bezug in Erscheinung getreten ist, bei Tirol Heute. Morettis Sohn Lenz und Bloébs Sohn Gustav sind übrigens Teil der Schauspieltruppe. 

    Für das spielfreudige Ensemble war zumindest die gestrige Vorstellung – nicht bloß aufgrund der Länge von fast zweieinhalb Stunden reiner Spielzeit – Schwerstarbeit. Während die Zuschauer unter dem Flugdach der Tribüne die Aufführung gemütlich im Trockenen verfolgen konnten, wurden die Darsteller bei den Szenen außerhalb des Hauses richtiggehend eingeweicht. Gleichzeitig unterstützten die sintflutartigen Regenfälle die Endzeitstimmung des Stücks, denn die Mimik und Gestik der Schauspielerinnen war aufgrund der großen Entfernungen leider kaum dazu angetan, den drückenden, aber stellenweise doch mit Humor garnierten Inhalt entscheidend mitzutragen. Die Inszenierung bedient sich daher anderer Mittel wie der reportagehaften Live-Kamera mit Close-ups, mächtiger, eindringlicher (Bühnen)-Bildsprache und – vor allem – der eigens von keinem Geringeren als Herbert Pixner komponierten Musik, um das Publikum auch emotional ins Stück zu holen. Zusammen mit Manu Delago, Marco Stagni und Alex Trebo performt Pixner, in einem Kämmerlein oberhalb der Schauspielszenen thronend, bei jeder Vorstellung seinen unverwechselbaren Klang live.

    Dass die Synchronisation des Gesprochenen und der Live-Bilder am LED-Display ziemlich versetzt war, trübte das Erlebnis ein wenig und sollte bei einer Produktion dieser (finanziellen) Größenordnung eigentlich nicht passieren.

    Dennoch ist “Feuernacht” in Summe ein grandioses Ereignis, das anscheinend zeitlose, komplexe Spannungsverhältnisse zwischen Loyalität und Verrat, individueller, lokaler und internationaler Interessen, Heimatverbundenheit und Nationalismus, zivilem Ungehorsam und politischer Gewalt aufzeichnet aber nicht bewertet. Gegen eine politische Instrumentalisierung der Attentäter und BAS-Mitglieder sollten wir uns wehren, meinte Christoph Franceschini, Autor der preisgekrönten Dokumentarreihe „Bombenjahre – Geschichte der Südtirol-Attentate“, in seiner Eröffnungsrede zu den heurigen Volksschauspielen. Urteil gibt es in Telfs also keines. Zumindest nicht auf der Bühne. Vielleicht aber in den Köpfen der insgesamt rund 20.000 Besucher, die ein Ticket ergattern konnten.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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