Der Südtiroler EU-Abgeordnete Herbert Dorfmann (SVP) begehrt, zu dem Beitrag »Spanien macht Minderheitensprachen zur Bedingung für EU-Erweiterung« Stellung zu beziehen. Ein Interview.
Wolfgang Mayr: Die spanische Regierung fordert die EU auf, Baskisch, Galicisch und Katalanisch als Amtssprachen anzuerkennen. Was ist dagegen einzuwenden?
Herbert Dorfmann: Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Im Gegenteil, ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, Regionalsprachen wie Baskisch, Galicisch oder Katalanisch, aber auch andere Regional- und Minderheitensprachen in der Europäischen Union zu fördern.
WM: Die Sánchez-Regierung koppelt ihre Forderung an die Ankündigung, die Aufnahme neuer EU-Mitglieder zu blockieren, bevor die oben zitierte Sprachenfrage nicht gelöst wird. Sie sagen, das geht gar nicht. Warum denn nicht?
HD: Diese Forderung der spanischen Regierung zeigt, zu welchen absurden Auswirkungen das Einstimmigkeitsprinzip auf EU-Ebene führen kann. Wenn Beitrittskandidaten, wie beispielsweise Montenegro, alle Voraussetzungen erfüllt haben, um Mitglied der Europäischen Union zu werden, dann haben wir im Europäischen Parlament und die Staaten im Rat mit der Abstimmung doch zu entscheiden, ob dem so ist und die Aufnahme passieren kann.
Und es kann nicht sein, dass die Aufnahme eines neuen Staates blockiert wird, weil ein Mitgliedstaat etwas durchsetzen will. Damit schafft man ein Erpressungspotenzial, das leider die EU als Ganzes sehr oft lähmt.
WM: Die spanische Regierung wird von katalanischen, baskischen und galicischen Parteien unterstützt. Im Gegenzug sollte die Regierung dafür sorgen, dass die drei Regionalsprachen — die in Spanien als »kooffizielle« Sprachen gelten — EU-Amtssprachen werden. Vor drei Jahren deponierte die Sánchez-Regierung diese Forderung in Brüssel. Passiert ist bisher nichts. Wer blockt?
HD: Es ist klar, dass diese Frage vor allem ein innenpolitisches Thema in Spanien ist. Die Sánchez-Regierung braucht die Zustimmung der Regionalparteien für die Regierungsmehrheit, und für diese Regionalparteien ist der Gebrauch der Sprache ein wichtiges Thema. Das ist auch durchaus legitim.
In Brüssel gibt es derzeit keinen Fortschritt im Rat. Ich denke, dass man sich durchaus einmal Gedanken darüber machen sollte, wie man mit der Sprachenvielfalt insgesamt umgeht. Dies auch, weil mit der Erweiterung der Union ja einige weitere Sprachen dazukommen werden.
Vielleicht wäre es möglich, sich zu überlegen, wo der Gebrauch von wenig gesprochenen Sprachen einen wirklichen Mehrwert ergibt, weil es einen Kontakt zur breiten Öffentlichkeit gibt — zum Beispiel bei gestreamten Sitzungen oder bei der Publikation von Rechtsakten — und wo auf eine Übersetzung in alle Amtssprachen auch verzichtet werden kann.
Da denke ich vor allem an jene Arbeitsunterlagen, die hauptsächlich im Parlament oder im Rat bleiben oder höchstens von Experten gelesen werden, wie beispielsweise die Tausenden von Abänderungsanträgen zu jedem Dossier.
Damit könnte man das Ganze verschlanken, und die Aufnahme neuer Sprachen wäre auch kein größeres Problem.
WM: Die EU versteht sich als eine Union, die »in Vielfalt geeint« ist. Mit Vielfalt sind aber wohl nur die offiziellen Sprachen der Nationalstaaten gemeint, oder?
HD: Das »In Vielfalt geeint« bezieht sich sicher auch auf die vielen Sprachen in der Europäischen Union. Aber ich glaube, dieser Begriff geht weiter. Mit Vielfalt meinen wir auch die verschiedenen Kulturen, die verschiedenen Völker und natürlich deren Sprachen in Europa.
WM: Der Südtiroler Wissenschaftler Paul Videsott legte interessierten Europaparlamentariern ein Memorandum über den Zustand der Minderheitensprachen vor. Fakt ist, es findet ein minoritäres Sprachensterben statt. Das scheint für die EU aber kein Thema zu sein. Warum denn nicht?
HD: Da hat Professor Paul Videsott sehr recht, und ich selbst habe immer wieder auch im Parlament auf diese Situation hingewiesen.
Das Sprachensterben betrifft sicher auch die Regionalsprachen, vor allem aber die kleinen, wenig gesprochenen Minderheitensprachen. Wenn man für eine Sprache nichts tut, geht sie unweigerlich verloren. Und dafür gibt es viele Beispiele in Europa.
Leider werden viele Sprachen heute nur mehr von älteren Menschen gesprochen, und damit ist deren Aussterben de facto besiegelt.
Natürlich kann hier nicht alles die Europäische Union machen. Das ist auch eine Verantwortung der Mitgliedstaaten und der Regionen. Das Ladinische bei uns ist hier ein gutes Beispiel dafür. Es lebt in Südtirol und im Trentino, wo es unterstützt wird, und stirbt im Veneto, wo für die Sprache wenig bis gar nichts getan wird.
Aber die Europäische Union könnte einen Beitrag leisten, denn Sprachen sind ein Kulturgut, genauso wie Kirchen, Baudenkmäler, Literatur, Kunst und anderes.
Und wenn wir an unsere kulturelle Vielfalt glauben und sie unterstützen wollen, müssen wir uns auch alle miteinander — Europäische Union, Staaten und Regionen — dafür einsetzen, dass das Kulturgut Sprache nicht verloren geht.
WM: Eine Kostenfrage scheint es nicht zu sein. Spanien hat sich bereit erklärt, die mit der Aufnahme der neuen Amtssprachen entstehenden Kosten vollständig und dauerhaft zu tragen. Aus der Erfahrung mit der Einführung des Irischen hatte die Kommission eine vorläufige Schätzung veröffentlicht, die sich auf eine überschaubare Summe von rund 44 Millionen Euro pro Jahr und Sprache beläuft. Also warum das Bocken?
HD: Das Ganze ist ja nicht unbedingt eine Frage im Europäischen Parlament, und wir bocken im Europäischen Parlament auch nicht. Die Frage hängt derzeit im Rat, also bei den Mitgliedstaaten.
Ich glaube nicht unbedingt, dass es um das Geld geht. Vielmehr gibt es natürlich Staaten in Europa, Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die sich seit Jahren oder seit Jahrzehnten konsequent wehren, ihre eigenen Regionalsprachen zu unterstützen, und deshalb befürchten, dass ein solcher Schritt zu Forderungen im eigenen Land führen könnte.
Ich denke da zum Beispiel an das Korsische in Frankreich.
Ich denke aber, dass es dem Rat schon auch darum geht, zu definieren, wo dann eine Grenze liegt oder nach welchen Kriterien Regionalsprachen zu Amtssprachen der Union werden können.
Heute gibt es bereits 24 Amtssprachen. Mit der Erweiterung nähert man sich 30 Sprachen. Und es stellt sich natürlich schon auch die legitime Frage, wie komplex der Umgang mit den Sprachen dann wird.
Man muss ja bedenken: Bei einer neuen Amtssprache geht es nicht nur darum, dass Kosten entstehen, sondern das Ganze wird natürlich auch sehr viel komplexer.
WM: Der spanische Außenminister José Manuel Albares kritisierte seinen italienischen Amtskollegen Antonio Tajani von Forza Italia — und Freund der SVP — wörtlich als einen der »maximalen Bremsklötze« bei der Anerkennung von Baskisch, Galicisch und Katalanisch. Wie begründet Tajani seinen Widerstand?
HD: Ich habe nie mit Antonio Tajani darüber gesprochen, und da müssen Sie eher ihn selbst fragen, was er von diesem Vorschlag hält.
WM: Faktisch haben die drei Sprachen seit Jahren schon eine eingeschränkte institutionelle Präsenz auf EU-Ebene, da sie aufgrund von Verwaltungsvereinbarungen mit Spanien in einigen EU-Institutionen verwendet werden und auch bereits Übersetzungen von Verträgen und Teilen der Gesetzgebung vorliegen. Warum das Nichtstun?
HD: Wenn eine Sprache eine Amtssprache der Europäischen Union ist, dann sind damit klare Verpflichtungen auf EU-Ebene verbunden. Das heißt, alles, was im Parlament und im Rat produziert wird, jeder Abänderungsantrag, jede Vereinbarung, muss in alle Amtssprachen übersetzt werden.
Jede Veröffentlichung muss in allen Amtssprachen der Europäischen Union erfolgen. Jede Sitzung wird in die Amtssprachen der Europäischen Union verdolmetscht.
Also noch einmal: Vielleicht kann man sich überlegen, was hier wirklich sinnvoll und für die Sprache hilfreich ist und was nur Kosten produziert, ohne damit der Sprache zu helfen. Dieser Debatte müsste man sich stellen, und das wäre zugunsten der Sprachenvielfalt in Europa.
WM: Spanien sperrt sich nicht prinzipiell gegen Neuaufnahmen, sondern es geht darum zu verhindern, dass im Zuge der Erweiterung neue Staatssprachen automatisch zum EU-Sprachenregime dazukommen, während Baskisch, Galicisch und Katalanisch auf der Strecke bleiben. Klingt doch logisch?
HD: Wenn neue Staaten in die Europäische Union aufgenommen werden, dann haben die Amtssprachen dieser Staaten natürlich das Recht, Amtssprachen der Europäischen Union zu werden. Das ist bisher immer so gewesen, und es wäre doch auch absurd, wenn dem nicht so wäre.
WM: Für Minderheiten in Europa hat das Engagement der spanischen Regierung eine wichtige Bedeutung. Wenn die Initiative Erfolg hätte, würde die EU zum ersten Mal eine institutionelle Gleichstellung von Sprachen anerkennen, deren Status sich nicht davon ableitet, dass sie die Staatssprachen eines Mitgliedslandes sind. Das wäre doch angesichts des Sprachensterbens ein starkes Signal?
HD: Natürlich, deswegen ist die Debatte auch wichtig und richtig, wobei man schon auch sagen muss: Das Sprachensterben betrifft derzeit nicht die großen Regionalsprachen, wie etwa Katalanisch, sondern betrifft leider vor allem die kleinen Sprachen.
Dort braucht es ein Engagement der Union oder eine Finanzierung der Union für diese Sprachen.
WM: Bei diesem Streit geht es doch auch darum, die EU als »Club der Nationalstaaten« tatsächlich zu einer Union in Vielfalt umzubauen. Ist das nicht auch ein Ziel der SVP, Stichwort Europa der Regionen?
HD: Wir als Südtiroler Volkspartei haben die Sprachenvielfalt natürlich immer unterstützt und waren auch maßgebliche Unterstützer beim Minority SafePack, wo ja genau diese Förderung der Minderheitensprachen, der kleinen Sprachen, gefordert wurde.
Es wäre dringend notwendig, dass die Europäische Union ein Förderprogramm auflegt, das diesen kleinen Sprachen weiterhilft und verhindert, dass sie langsam, aber sicher sterben.
Damit geht kulturelle Vielfalt in Europa verloren.



