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  • Bollettino ufficiale plurilingue.

    Il governo spagnolo verserà fino a un massimo di 273.000 euro ogni anno all’amministrazione catalana perché questa si incarichi di far tradurre in catalano normative statali, che successivamente verranno pubblicate sul Boletín Oficial del Estado (BOE), l’equivalente della Gazzetta ufficiale in Italia o del Foglio federale svizzero. Questo è quanto prevede un apposito accordo siglato tra i governi spagnolo e catalano nel novembre scorso e appena entrato in vigore.

    Non è comunque la prima volta che leggi statali vengono pubblicate sul BOE in una lingua cosiddetta coofficiale: in base a un precedente accordo, prorogato varie volte, il catalano per esempio era già presente dal 1998 al 2021 sotto forma di apposito supplemento — contenente anche decreti ministeriali e sentenze della Corte costituzionale — e ora vi ritorna dopo una pausa di pochi anni. Analoghi supplementi esistono anche in lingua galiciana e in lingua basca.

    La Gazzetta ufficiale italiana invece non pubblica testi in lingue minoritarie, diversamente dal Bollettino ufficiale del Trentino e del Sudtirolo, che rende note le norme sia in tedesco che, a volte, in ladino, anche se in caso di interpretazioni prevale sempre il testo in lingua italiana.

    Sarebbe comunque interessante sapere se lo stato italiano paga il Sudtirolo per i servizi di traduzione che sovente svolge per le amministrazioni centrali, seppur non, appunto, per la traduzione di leggi e norme da pubblicare in Gazzetta. Personalmente ne dubito.

    Pochi mesi fa era stato plurilinguizzato anche il Congresso spagnolo e il governo centrale si è impegnato a portare il basco, il catalano e il galiciano anche al Parlamento europeo.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 || 01 02 03



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  • Einen Grund gibt es immer.
    Minorisierung

    Südtirol ist jenes Land, wo der Übergang

    von

    • weißt du, in dieser Gemeinde / Gegend / Straße leben halt mehr Italienischsprachige;
    • dieses Unternehmen hat seinen Sitz in Italien;
    • hier gibt es nur ein vorläufiges (technisches) Problem, das hoffentlich bald gelöst sein wird;
    • er/sie gibt sich ja eh schon Mühe, ein paar Wörter auf Deutsch zu verstehen;
    • wir befinden uns ja hier in (der Nähe von) Bozen / Leifers / Meran;
    • die sind noch nicht lange hier, deswegen können sie noch kein Deutsch;
    • Deutschsprachige nehmen diese Dienstleistung aber nur selten in Anspruch;
    • früher war es noch viel schlimmer, musst du wissen — jetzt geht es doch schon besser;
    • in diesem Amt arbeiten mehr Italienerinnen;

    über

    • in diesem Tal / Dorf urlauben halt vor allem Gäste aus Italien;
    • das ist das Unterland / der Brenner / Franzensfeste / Innichen (etc.), hier ist das historisch bedingt;
    • die Inhaberinnen dieses Unternehmens sind Italienerinnen;
    • das ist nur vorläufig einsprachig hier;
    • so viel Italienisch verstehen doch alle;
    • das ist ein staatlicher Betrieb / eine staatliche Behörde, deshalb ist das so;
    • es handelt sich um eine Ladenkette, da kann die Betreiberin wenig machen;
    • das sind doch Ladinerinnen, die tendieren eher zum Italienischen;
    • hier ist zwar Zweisprachigkeit vorgeschrieben, aber dein individuelles Recht wird nicht verletzt;
    • in diesem Bereich ist Zweisprachigkeit nicht vorgeschrieben;
    • hier leben fast nur Deutschsprachige, da kann ein wenig italienische Einsprachigkeit ja auch nicht schaden;

    bis

    • dieser Dienst war früher beim Staat, deswegen ist das so;
    • hier leben vor allem Zugewanderte aus […], die tendieren eher zum Italienischen;
    • diese Firma arbeitet eben viel mit Kundinnen außerhalb Südtirols;
    • auch wenn Zweisprachigkeit vorgeschrieben wäre, kann ich verstehen, dass der Aufwand nicht gerechtfertigt ist;
    • hier urlauben vor allem Gäste aus Deutschland, denen gefällt dieses italienische Flair;
    • die wissen hier vielleicht gar nicht, dass Deutsch vorgeschrieben wäre;
    • hier sind wir nicht weit von der Sprachgrenze (vom Trentino / von Venetien / von der Lombardei) entfernt;
    • lieber nur auf Italienisch als gar nicht;
    • du weißt doch, wie schwierig es ist, zweisprachiges Personal zu finden;

    fließend ist und jede Begründung — auch untereinander widersprüchliche — gut genug ist, um die Vernachlässigung der deutschen Sprache zu legitimieren sowie, oft genug, als unabänderliche Tatsache darzustellen.

    Das ist einerseits Ausdruck und Symptom, andererseits wiederum Rechtfertigung und Entschuldigung für die Minorisierung. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

    (Anlass für diesen Eintrag ist, dass ich letzthin wieder öfter solche »Argumente« gehört habe, nachdem es gefühlt aus welchem Grund auch immer länger nicht der Fall gewesen ist.)

    Cëla enghe: 01 || 01 02



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  • Carta d’identità, odonomastica ancora monolingue.
    Diritti negati

    Da poco anch’io ho in tasca la mia prima carta d’identità elettronica (CIE), che rispetto a quella precedente, cartacea e verde, si è rimpicciolita, è diventata più (banal-)nazionalista e non rispetta più la legge. Sì, perché ero convinto che il «problema» fosse stato risolto, ma invece da oltre tre anni le banche dati non sono ancora state corrette e gli indirizzi contengono l’odonomastica solo in italiano. E quindi anche sulla mia carta d’identità il nome della via in cui risiedo è indicato in versione monolingue italiana, in barba alla legge. Ma si sa, la legge vale integralmente solo quando tutela la maggioranza nazionale e in tal caso i problemi che possano sorgere vengono risolti con solerzia.

    Tra l’altro, rimangono monolingui italiani — non è previsto né il tedesco né altra lingua come l’inglese — anche i servizi digitali associati alla carta, a partire dall’applicazione per smartphone i cui contenuti sarebbero traducibili in mezza giornata. Evidentemente, però, mancano sia la volontà sia il rispetto. L’esempio positivo di Immuni dimostra che, quando si vuole, anche in Italia si riesce a mettere a disposizione servizi plurilingui e in pochissimo tempo.

    L’assenza dell’odonomastica ufficiale in lingua tedesca, tra l’altro, non è «solamente» una questione di diritti e di eguaglianza, e basterebbe già questo, ma può effettivamente essere causa di problemi e fraintendimenti, quando utilizzata parallelamente a documenti redatti solamente in tedesco, perché gli indirizzi non coincidono. Allo stesso tempo, quando si presenta la carta d’identità per registrarsi da qualche parte potrà venire trasferito solo l’indirizzo in italiano, e così si contribuisce alla regressione dell’odonomastica in lingua tedesca.

    Non appena ricevuta la nuova carta d’identità e resomi conto del fatto che il problema continua a persistere, mi sono rivolto per iscritto al Commissariato del governo, purtroppo ancora responsabile in materia. Vedremo quale soluzione (o quale scusa) mi verrà proposta. Sempre che ci si degni di rispondermi.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 | 08 || 01



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  • Freund Fitto.

    Im Interview mit Rai Südtirol bezeichnet es EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann (SVP) heute als für unser Land »sicher positiv«, dass Raffaele Fitto (FdI) — mit dem er »sehr befreundet« sei — zum neuen italienischen EU-Kommissar ernannt werden könnte. Dabei nimmt er sogar ausdrücklich darauf Bezug, dass Fitto in Verhandlungen mit LH Luis Durnwalder (SVP) versucht habe, »die leidige Frage der Toponomastik auf einen guten Weg zu bringen«.

    Das ist eine krasse Verdrehung der Tatsachen: Fitto hat damals (2010) als Regionenminister im Namen einer Rechtsregierung (Berlusconi IV) verhandelt, die wegen ein paar Wegweisern gedroht hatte, das Militär nach Südtirol zu entsenden, um die koloniale Ordnungsmäßigkeit aufrecht zu erhalten. Er tat dies zudem in einer Materie, in der die ausschließliche Zuständigkeit beim Land lag und liegt, der Zentralstaat also eigentlich nichts zu sagen hätte — zudem in einer Manier, die keineswegs von Entgegenkommen und Großzügigkeit gekennzeichnet war. Im Gegenteil: Er hat den Landeshauptmann regelrecht über den Tisch gezogen. Noch nicht einmal die Bezeichnung Vetta d’Italia für den Klockerkarkopf — die wohl symbolisch für den italienischen Imperialismus stehen kann — wäre dem Verhandlungsergebnis zufolge weggefallen.

    Noch 2015 brachten die von Fitto gegründeten und geleiteten Conservatori e Riformisti Änderungsanträge zur geplanten Verfassungsreform ein, mit der alle Sonderautonomien (einschließlich der von Südtirol) hätten abgeschafft werden sollen. Dass die Anträge nicht angenommen wurden und eine Abschaffung auf diesem Weg (aufgrund der internationalen Verankerung) ohnehin nicht möglich gewesen wäre, ist kein Verdienst von Fitto.

    Diese Vorgeschichte qualifiziert das heutige Mitglied einer europafeindlichen, neofaschistischen Partei also in den Augen eines führenden SVPlers dafür, aus Südtiroler Sicht als gute Wahl für den Posten des EU-Kommissars betrachtet zu werden.

    Er sei ja schließlich »regelrecht verliebt« in unser Land. Wahrscheinlich so, wie — überspitzt formuliert — Rodolfo Graziani in Äthiopien und Jean-Marie Le Pen in Algerien verliebt waren.

    Wenn er so weitermacht, droht ihm noch ein Verdienstorden.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 | 05



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  • La negazione del rischio di assimilazione.

    Se ne poteva benissimo fare a meno, ma la discussione — avvelenata — sulla «classe speciale» della Goetheschule nella capitale sudtirolese, tra le altre cose, ha portato alla luce l’assoluta (e colpevole) inconsapevolezza di molti concittadini di lingua italiana di quello che significa la scuola per una minoranza linguistica. Anzi, peggio: addirittura alcune delle persone intervenute nel dibattito, non certo delle sprovvedute, negano espressamente il rischio di assimilazione (cfr. 01 02 03 04).

    Due esempi concreti:

    Oggi non ci sono rischi di assimilazione, la scuola deve dare a tutti le stesse opportunità.

    Nell’Alto Adige /Suedtirol del terzo millennio, in cui non incombe sulla minoranza tedescofona nessun pericolo/minaccia di assimilazione, la domanda è se il sistema scolastico pubblico altoatesino/sudtirolese sia strutturato in modo da formare i futuri cittadini offrendo a tutti le stesse opportunità.

    Vanda Carbone (ex PD) in L’Svp gioca col fuoco, su Salto (30 agosto 2024), enfasi mia

    Quindi chi parla di pericolo di nuova italianizzazione onestamente o non sa cosa dice, oppure è in malafede.

    Luca Fazzi, professore di sociologia presso l’Università di Trento, in La paura dei barbari, sempre su Salto (30 agosto 2024)

    Questo fa comprendere come manchi sostanzialmente un consenso minimo, base imprescindibile per la convivenza, sulla situazione di minorizzazione in cui ci troviamo e sulle tutele necessarie.

    Cëla enghe: 01 02 || 01 02 03 04



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  • Die ›Sonderklasse‹ der Goetheschule.

    In der Bozner Goetheschule will bzw. wollte Direktorin Christina Holzer eine gesonderte Grundschulklasse bilden, um dem Problem zu begegnen, dass viele Kinder in die Schule eingeschrieben werden, die die deutsche Sprache nicht oder auf einem unzureichenden Niveau beherrschen  — und es somit schwierig wird, Unterricht zu gestalten. Dabei ist mir noch unklar, ob die Aufteilung der Schülerinnen aufgrund der Sprachkenntnisse, aufgrund der Muttersprache oder aufgrund der Staatsbürgerschaft erfolgen sollte. Medienberichte widersprechen sich diesbezüglich — ebenso, wie sie sich darin uneinig zu sein scheinen, ob es eine endgültige oder eine provisorische Maßnahme hätte sein sollen, die nur so lange aufrecht geblieben wäre, bis die betroffenen Schülerinnen ein gewisses Sprachniveau erreicht hätten.

    Ohne wichtige Fakten zu kennen und darüber Einigkeit erlangt zu haben, wurde der Plan von Medien, Politikerinnen und anderen Kommenatorinnen entweder bejubelt oder mit drastischen Tönen kritisiert. Unter anderem war schon von Apartheid, Nazismus, Rassismus, Gettobildung, Arroganz und Diskriminierung die Rede. Andere wiederholen einfach reflexhaft ihre Forderung nach einer mehrsprachigen Schule.

    Jedenfalls findet wieder einmal keine sachliche und faktenbasierte Debatte statt, obwohl gerade die in einer solchen Situation dringendst nötig wäre.

    Dass ich persönlich strikt gegen eine Ablehnung von Einschreibungen anderssprachiger Kinder und gegen ihre Überweisung an Schulen mit italienischer Unterrichtssprache bin, habe ich mehrfach geschrieben und begründet — und dabei bleibe ich auch. Schulintern muss es aber Möglichkeiten geben, mit dem Problem von Klassen umzugehen, in denen zu viele Schülerinnen die Unterrichtssprache nicht auf einem Niveau beherrschen, das Unterricht auf eine sinnvolle Weise ermöglicht. Dabei halte ich Inklusion für ein sehr, sehr hohes Gut, das nicht leichtfertig zur Disposition gestellt werden darf.

    Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass unter Umständen die Verteilung von Schülerinnen innerhalb und zwischen den Schulen sowie ihre (vorübergehende) Trennung nötig sein kann, auch wenn es sich dabei um eine möglichst zu vermeidende Maßnahme handelt. Man muss sie aber meines Erachtens immer konkret sorgfältig gegen andere Möglichkeiten (mehr Personal, zusätzliche Unterrichtsstunden…) abwägen und erst dann eine Entscheidung treffen. Wobei zu sagen ist, dass einer Schulführungskraft möglicherweise nicht viele Alternativen zur Verfügung stehen, wenn die Unterstützung von Verwaltung und Politik fehlt.

    Einfach nur zu sagen, dass Inklusion vorgeschrieben und somit die Bildung gesonderter Klassen verboten sei, ist ein wenig hilfreiches Totschlagargument, das meiner Meinung nach eindeutig zu kurz greift. (Genauso wie übrigens der Verweis auf Artikel 19 des Autonomiestatuts per se kein sinnvolles Argument gegen mehrsprachige Schulen ist.)

    Wenn die Folge — wie kolportiert — die ist, dass Eltern ihre Kinder in die Schulen des Umlandes bringen, findet die Segregation auf Umwegen trotzdem statt, dann aber nicht innerhalb der Schule, sondern schon im Vorfeld. Auch das muss meiner Meinung nach mitgedacht werden.

    In der ganzen Debatte wird aber leider auch wenig bis gar nicht berücksichtigt, dass die deutschen in dieser Hinsicht nicht mit den italienischen Schulen in Südtirol — oder gar mit Schulen auf Staatsebene — gleichgesetzt werden können, da wir es hier mit einer Minderheitensprache zu tun haben, die im direkten Kontakt mit dem Italienischen erwiesenermaßen den Kürzeren zieht (01 02). Dies gilt noch mehr im Kontext von Bozen (und einigen anderen Südtiroler Städten), wo auch außerhalb der Schule kein sprachliches Umfeld vorherrscht (01 02), das die Deutschkenntnisse von Anderssprachigen unterstützen und fördern würde.

    Zwar mag es auch in Wien, Mailand oder München Schulen mit einem hohen Anteil von Migrantinnen geben, doch die gemeinsame Sprache — die man dann auch im Sportclub, im Fernsehen oder im Supermarkt wiederfindet — ist ziemlich unstrittig die jeweilige nationale Amts- und Mehrheitssprache. In Südtirol ist dies bezüglich Deutsch nicht der Fall, es droht also viel eher, dass die Lage sprachlich in Richtung einer Sprache (Italienisch) kippt, die nicht die Schulsprache ist. Dafür gibt es auch genügend Beispiele aus anderen Minderheitengebieten.

    Aufgrund dieses Risikos wiegt umso schwerer, dass Inklusion immer auch eine Frage der Verhältnisse ist. Wenn die Situation zahlenmäßig stark unausgewogen ist, ist die Gefahr des Misserfolgs deutlich größer. Sollen zum Beispiel zwanzig italienischsprachige Schülerinnen in eine Klasse mit drei Deutschsprachigen »inkludiert« werden, so wird dies vermutlich nicht zum erwünschten Ergebnis führen.


    Ich ergänze, um möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Mit dem obigen Beitrag will ich nicht suggerieren, dass die Bildung der sogenannten Sonderklasse richtig wäre. Vielmehr kritisiere ich, wie die Debatte geführt wird, während wichtige Fakten unbekannt und Argumente unberücksichtigt bleiben. Diese Erklärung halte ich für nötig, weil in der vorherrschenden Schwarz-Weiß-Diskussion eventuell nicht nachvollzogen wird, dass sich jemand in der Sache nicht ultimativ positioniert.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 | 06 || 01 02 03 04 05 06 07



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  • Tourismus in Maßen statt in Massen.
    Neuerscheinung »Heimat oder Destination Südtirol?«


    Kritische Sicht auf die Tourismusindustrie in Südtirol

    Im Jahr 2023 hat die Südtiroler Tourismuswirtschaft die 8-Millionen-Marke bei den Ankünften geknackt, 2024 werden wir wahrscheinlich auf den 3. Rang im EU-Regionenranking nach Tourismusintensität vorrücken. Was bedeuten 36 Millionen Nächtigungen? Es sind nicht weniger als 62 Prozent der 58 Millionen Nächtigungen, die die ganze Schweiz verzeichnet hat, ein 9-Millionen-Einwohner-Land und eine touristische Topdestination.

    Diese intensive touristische Nutzung unseres Landes wird in der Verkehrsüberlastung deutlich: Weil 80-86 Prozent der Südtirolbesucher mit eigenem Kfz anreisen, aber durchschnittlich immer weniger lang bleiben, haben wir jährlich an die 3,8 Millionen Touristenfahrzeuge im Land einschließlich der ausgeuferten Motorradplage. Einmal vor Ort unternehmen diese Gäste mindestens 56 Millionen Fahrten mit dem eigenen Kfz. Zusätzlich rollen jährlich über 11 Millionen PKW über die Brennerautobahn durch Südtirol, zum beträchtlichen Teil wiederum Touristen. Mehr Tourismus heißt unvermeidlich mehr Verkehr, mehr verbaute Fläche, mehr Lebensmittelimport und Abfall, mehr Energie- und Wasserverbrauch, mehr CO2-Emissionen. Mit den Zielen des Klimaplans Südtirol 2040 ist das alles völlig unvereinbar. Damit geht es in die Gegenrichtung, als ob der Klimawandel für den Tourismus nicht relevant wäre.

    Begründet wird das weitere Wachstum seitens der Hotellerie und Politik mit der angeblichen Bedeutung des Tourismus für Wohlstand und Arbeitsplätze. Wohlstand kann aber in der (mit Mailand) reichsten Provinz des Staates nicht mehr bloß nach Wertschöpfung und Einkommen bemessen werden. Mit rund 11 Prozent Anteil an der Wertschöpfung ist der Tourismus zwar wichtig, aber nicht überragend. Verwiesen wird dann oft auf die sogenannten induzierten Effekte auf vorgelagerte Branchen wie Handel, Handwerk und Landwirtschaft, doch hätten auch andere Branchen wie die Industrie und öffentliche Dienstleistungen ähnliche Effekte. Wenn bestenfalls das Bauhaupt- und Nebengewerbe vom Tourismus profitiert, ist das insgesamt kritisch zu bewerten: noch mehr »qualitative Erweiterung« im landwirtschaftlichen Grün und noch mehr Wellnessanlagen und Luxushotelbauten sind für Landschaft, Umwelt und Klima nicht verträglich.

    Dann die Geschichte mit den Arbeitsplätzen: Heute arbeiten in Südtirol zur Hochsaison über 50.000 Menschen abhängig und selbstständig im Tourismus. Ganzjahresarbeitsplätze gibt es in dieser Branche weit weniger. Im Jahresdurchschnitt liegt die Beschäftigtenzahl bei 37.500 (ASTAT 2023) und der Anteil des Gastgewerbes an der Gesamtbeschäftigung bei 14,2 Prozent. Die Arbeit im Tourismus weist eine vergleichsweise geringere Produktivität und unterdurchschnittliche Entlohnung auf. Solche Arbeitsplätze werden nach und nach von Zuwanderern übernommen. Südtirol mit seinem leergefegten Arbeitsmarkt braucht heute nicht mehr so viele Arbeitsplätze dieser Art. War das Gastgewerbe in den 1960er und 1970er Jahren die Rettung, um Abwanderung aus strukturschwachen Berggebieten zu verhindern, ist das seit Jahrzehnten nicht mehr so dringend. Heute emigrieren qualifizierte junge Leute, weil es eben nur mehr die Wahl zwischen Tourismus, Handwerk und Landwirtschaft gibt. Südtirol hat inzwischen zu viele unterbezahlte, nicht stabile, saisonale und unterversicherte Arbeitsplätze im Gastgewerbe. Zudem stellt sich in Zeiten des demografischen Wandels die Problematik neu dar. In den nächsten 10-15 Jahren wird sich der Personalmangel in verschiedenen qualifizierten Bereichen von der Pflege über das Handwerk bis zum Bildungssystem verschärfen. In dieser Situation gereicht zu viel Tourismus zum Schaden, weil er tausende junge Erwerbstätige absorbiert, die in anderen Bereichen sozial, ökologisch und sogar wirtschaftlich sinnvoller tätig sein könnten.

    Der Heimatpflegeverband setzt sich seit Jahren für einen maßvollen und nachhaltigen Tourismus ein. Die frühere Bedeutung des Tourismus für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung unseres Landes steht außer Zweifel. Doch heute geht es darum, endlich die Grenzen des Wachstums dieser Branche wahrzuhaben. Laut einer repräsentativen Studie (Bausch/Tauber, Lebensraumqualität Südtirol: Studie zur subjektiven Wahrnehmung der Lebensqualität durch die Südtrioler Bevölkerung, Freie Universität Bozen, Bruneck-Bozen 2023) nimmt die Mehrheit der Bevölkerung den Tourismus in drei Bereichen — Verkehr, Lebenshaltungskosten, Immobilienmarkt — negativ oder sehr negativ wahr. Wollen wir diese Sorgen ernst nehmen? Zudem bedroht das Übermaß an Tourismus mit seinem Dichtestress auch die Grundlagen der touristischen Attraktivität selbst: die intakte Natur- und Kulturlandschaft, die Umwelt, den Erholungswert, die kulturelle Authentizität. Die Gäste treten sich auch nicht gerne gegenseitig auf die Füße. Südtirol wirkt heute vielfach wie ein bis zum letzten Winkel befahrbarer Freizeitpark, der mit Mühe und Not den Besucherandrang zu managen versucht. Das mindert mehr und mehr die Lebensqualität der Einheimischen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu öffentlichem Protest wie auf den Balearen, Kanaren, Barcelona, Florenz und Venedig kommt.

    Für nachfolgende Generationen ist dieses Übermaß an touristischer Inwertsetzung mehr Last als Chance. Nicht zufällig bringen zwei Ladinerinnen dieses verbreitete Unbehagen am Übertourismus in der neuen Publikation auf den Punkt: »Warum bauen wir immer mehr aus, wenn die Bevölkerung sinken wird?«, fragt Valentine Kostner aus St. Ulrich, »für wen bauen wir zusätzliche Hotels und Wohnungen? Für diejenigen, die im Gastronomiesektor arbeiten wollen, gibt es Arbeit genug. Für manche ist für Generationen schon vorgesorgt, während für andere das Leben im Tal nicht mehr leistbar sein wird. Wenn es so wenig Nachkommen gibt, wer übernimmt einmal all diese Hotels?«

    »Es geht darum, ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und einer die Gesellschaft und Umwelt nicht überfordernden Dimension der Branche zu schaffen«, sagt Elide Mussner, Tourismusreferentin der Gemeine Abtei/Badia, »es geht um die Verantwortung für das Gemeinwohl und die Lebensqualität, die auch die Tourismusunternehmer mittragen müssen.«

    In diesem Zusammenhang hat kürzlich ein früherer IDM-Manager behauptet, das Land würde nicht uns gehören, sondern wir zum Land. »Dies wirft die Frage auf«, so Heimatpflege-Obfrau Claudia Plaikner in ihrem Vorwort zur neuen Publikation, »ob wir etwa zu Statisten dieses Landes degradiert werden sollen und dem boomenden Tourismus freundlich lächelnd und still zu dienen haben. Freilich ‚gehört‘ uns das Land nicht wirkich. Nichts gehört uns wirklich und für immer: Wir haben es von den Generationen vor uns übernommen und leihen es lediglich von denen, die nach uns kommen. Aber jede Generation hat jeweils eine ganzheitliche Verantwortung zu tragen.«

    Das Buch

    Heimatpflegeverband Südtirol/POLITiS (Hg.), Heimat oder Destination Südtirol? Tourismus in Maßen statt in Massen, Verlag arcaedizioni Lavis, 2024, 208 Seiten, ISBN 978-88-88203-95-9. Euro 20,– | Kurzvorstellung.

    Ein Sammelband mit Beiträgen von Claudia Plaikner, Josef Rohrer, Hans Heiss, Thomas Benedikter, Hanspeter Niederkofler, Leonhard Resch, Stefan Perini, Wally Kössler, Michele Nardelli, Albert Willeit, Gerd Estermann, Elide Mussner, Florian Trojer, Alexander van Gerven, Christine Baumgartner, Hanspeter Staffler, Hanna Battisti, Michil Costa. Mit Fotos von Lois Hechenblaikner, Hanna Battisti, Albert Willeit und anderen und einem Gedicht von Sepp Mall.


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