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  • Zug nach ›Innsbruck Centrale‹.

    Hier ist wieder einmal ein Beispiel dafür, wie der italienische Schienennetzbetreiber RFI in Südtirol die italienische und die deutsche Sprache ungleich behandelt. Manchmal geschieht dies ganz offensichtlich, andere Male — wie bei diesem Beispiel am Bahnhof Brixen — etwas subtiler, aber deshalb nicht weniger aufschlussreich:

    Nicht nur, dass Italienisch systematisch erst- und Deutsch zweitgereiht ist. Daran hat man sich zu sehr gewöhnt, obwohl man es nicht sollte (vgl.). Doch zudem wird der Abfahrtsort des Busses nach Bologna mit »Piaz[zale]« ausschließlich auf Italienisch angegeben.

    Vor allem aber wird für »Innsbruck Hbf« (Innsbruck Hauptbahnhof) die offiziell inexistente italienische Übersetzung »Innsbruck C.le« (Innsbruck Centrale) angezeigt, während umgekehrt »Bologna C.le« nicht etwa als »Bologna Hbf« übersetzt wird, sondern unverändert bleibt. Dabei wäre nur eines von beidem legitim und konsistent: Entweder man übersetzt die Bahnhofsbezeichnungen in beide Richtungen oder man belässt sie — dem internationalen Usus entsprechend — grundsätzlich in ihrer offiziellen Form.

    Dass dies nicht der Fall ist, offenbart eine asymmetrische Logik: Deutsche Bezeichnungen werden italianisiert, italienische hingegen bleiben im Deutschen unangetastet. Anpassung gibt es nur in eine Richtung.

    Ähnliches gilt auch für die Lautsprecherdurchsagen. Während — ebenfalls in Brixen — der nordwärts fahrende Eurocity RJ84 kurz vor 15 Uhr auf Italienisch mit Zielbahnhof »Monaco di Baviera« (Exonym) angekündigt wird, fährt der fast zeitgleich nach Süden startende RJ85 auch laut deutscher Ansage nach »Venezia Santa Lucia« (Endonym).

    Es mag sich dabei nur um Details handeln, doch sie fügen sich in ein größeres Gesamtbild ein. Dass solche »Kleinigkeiten« außerdem stets nur in eine Richtung weisen, spricht gegen bloße Nachlässigkeit oder Zufall. Italienisch wird so als Norm vermittelt, während Deutsch zweitgereiht, angepasst und übersetzt wird.

    Solche scheinbaren Nebensächlichkeiten prägen den öffentlichen Raum und vermitteln unterschwellig, welche Sprache als selbstverständlich gilt und welche eine untergeordnete Rolle einnimmt.

    Den Hinweis und das Video hat mir Wolfgang Niederhofer geschickt.

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  • Das Militär an Südtiroler Schulen.

    Kürzlich ist auf Salto ein Beitrag über die »Militarisierung Südtirols« erschienen, in dem Valentino Liberto unter anderem die einschlägige Landtagsanfrage der Grünen thematisiert. Darüber hinaus macht er darauf aufmerksam, wie das Militär zunehmend versucht, in den schulischen Bereich vorzudringen.

    Anlässlich seines fünfzigjährigen Bestehens organisierte etwa das Hubschrauberregiment Altair am 22. Mai einen Tag der offenen Tür, zu dem gezielt auch Schulen zum Militärflugplatz eingeladen wurden. Die entsprechende Mitteilung war von Leutnant Massimo Trigolo als »Eventmanager« der Einheit unterzeichnet — jenem Massimo Trigolo, der von LH-Stellvertreter Marco Galateo (FdI) offiziell empfangen wurde und der gleichzeitig als CasaPound-Mitglied für die Lega im Stadtviertelrat von Oberau-Haslach sitzt. Außerdem war er Mitorganisator der neofaschistischen Remigrationsdemonstration vom Februar und hatte sich wegen unserer antifaschistischen Beiträgen an einem Einschüchterungsversuch gegenüber beteiligt.

    Da in Italien — anders als etwa in Deutschland — für Heeresmitglieder keine klare Verpflichtung existiert, sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu bekennen und entsprechend zu agieren, können Rechtsextremistinnen Positionen beim Heer dafür missbrauchen, indirekt ihre ideologischen Ziele zu propagieren. Auch das Heer als Institution glänzt nicht durch konsequente Distanzierung von seiner eigenen faschistischen Vergangenheit. Traditionspflege, Symbolik und Umgang mit dem historischen Faschismus weisen erhebliche Ambivalenzen (vgl.) auf.

    Dies macht den Eintritt des Militärs in die Schulen selbstverständlich noch problematischer, als er es per se schon wäre.

    Wie Liberto in seinem Beitrag aufzeigt, ging es bei der Veranstaltung vom 22. Mai ausdrücklich darum, »die Beziehungen zwischen Streitkräften und Gesellschaft zu stärken und Orientierungs- wie Reklutierungsmaßnahmen zu unterstützen«.1Übersetzung von mir – Original laut Salto: »rafforzare il rapporto tra Forza Armata e comunità locale, nonché a sostenere le attività di orientamento e reclutamento« Die Einladung, die das Militär an die Schulen verschickt hatte, war mit der Bitte verbunden, sie an Lehrkräfte der vierten und fünften Oberschulklassen weiterzuleiten. Laut Salto landete sie sogar im digitalen Klassenbuch des Bozner Carducci-Gymnasiums.

    Bildungsinstitutionen müssen aber geschützte und neutrale Räume bleiben und nicht Schauplatz aktiver Rekrutierungsmaßnahmen für das Militär werden. Dass diese Entwicklung in einem sprachlich-kulturellen Minderheitengebiet wie Südtirol zusätzlich besorgniserregend ist, liegt auf der Hand. Das Militär war hierzulande nie bloß eine neutrale Institution, sondern stets auch ein Instrument »nationaler« Integration und kolonialistischer Machtausübung.

    Wenn schließlich Personen aus offen neofaschistischen und extrem rechten Kreisen in solche Aktivitäten verwickelt sind, sollten sämtliche Alarmglocken schrillen.

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      Übersetzung von mir – Original laut Salto: »rafforzare il rapporto tra Forza Armata e comunità locale, nonché a sostenere le attività di orientamento e reclutamento« ↩︎


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  • Schlechte Erfahrung mit der neuen Kinderärztin.
    Bericht


    Gastbeitrag1Die Namen der Betroffenen sind uns bekannt

    Am 29. April erreichte uns ein auf den 14. April datierter Brief des »Amtes für Verwaltungsaufgaben« des Gesundheitssprengels Brixen. Darin wurde uns mitgeteilt, dass die Ärztin unseres Kleinkindes ihre Tätigkeit mit 30. April beenden werde.

    Wir waren zufällig bereits darauf vorbereitet, weil wir einige Wochen zuvor eine Impfauffrischung im Mai vereinbaren wollten. Dabei hatte uns die Ärztin eröffnet, dass sie dann schon nicht mehr im Dienst sein werde. Wir würden jedoch noch rechtzeitig offiziell informiert und könnten anschließend eine andere Kinderärztin bzw. einen anderen Kinderarzt wählen.

    Im Brief des Sprengels, der — dank der »Effizienz« von Sprengel und Post — mit einem Tag Vorlauf eingetroffen war, hieß es, die notwendige Neuwahl könne ab dem 4. Mai »über myCivis, direkt beim Schalter des Sprengels Brixen oder über E-Mail erfolgen«. Es war also offenbar vorgesehen, dass die vermutlich mehreren hundert Patient:innen unserer Kinderärztin, mit der wir übrigens sehr zufrieden gewesen waren, mehrere Tage ohne ärztliche Ansprechperson bleiben würden.

    Leider war es weder am 4. Mai noch an den darauffolgenden Tagen möglich, die Wahl online über myCivis vorzunehmen. In der Elektronischen Gesundheitsakte (EGA) hatten wir die Vertretung für unser gut einjähriges Kind zwar korrekt eingerichtet, doch unter dem Punkt »Online-Wahl des Arztes für Allgemeinmedizin oder Kinderarztes freier Wahl« (weibliche Ärztinnen sind anscheinend nicht vorgesehen) erschien neben dem Namen unseres Kindes bei »Vertretungen« lediglich der Hinweis »für diesen Dienst nicht verfügbar«.

    Da uns unklar war, wie die Wahl »über E-Mail« funktionieren sollte, ohne dass eine Liste der verfügbaren Ärzt:innen bereitgestellt worden wäre, begaben wir uns einige Tage später persönlich zum Sprengel. Wenigstens bot uns das die Möglichkeit, nachzufragen, ob die neue Kinderärztin (wie die bisherige) auch Deutsch spreche. Das ist in unserem Fall besonders wichtig, weil nicht beide Elternteile Italienisch beherrschen. Die Antwort lautete beruhigend: »Selbstverständlich«.

    Wie es bei Kleinkindern vorkommt, waren wir schon wenige Tage später unerwartet auf die neue Ärztin angewiesen, weil unser Kind sehr hohes Fieber bekam. Wir versuchten mehrfach, sie während der Ordinationszeiten telefonisch zu erreichen, um einen Termin zu vereinbaren — ohne Erfolg. Einen zwischenzeitlichen Rückruf verpassten wir leider. Als wir die Ärztin am folgenden Tag erneut nicht erreichen konnten und das Fieber nicht sank, beschlossen wir kurzerhand, die Praxis direkt aufzusuchen. Wir trafen kurz nach Öffnung ein.

    Obwohl wir läuteten und die Klingel gut hörbar funktionierte, öffnete uns niemand. Erst als wir beinahe wieder gehen wollten, öffnete sich die Türe doch noch von selbst. Offenbar war sie mit einem Bewegungssensor versehen, der sehr schlecht eingestellt war und nur öffnete, wenn man sich auf eine bestimmte Weise und sehr nah an die Tür stellte.

    Im Warteraum saß vor uns lediglich ein Paar mit einem sehr kleinen Baby. Mehrmals läuteten weitere Personen an der Tür, doch niemand öffnete. Schließlich beschlossen wir, selbst nachzusehen und Wartende hereinzulassen, weil sich offensichtlich niemand zuständig fühlte und mehrere Menschen dieselben Schwierigkeiten mit dem Zugang hatten wie wir.

    Die gesamte Ordinationszeit an diesem Tag umfasste nur zwei Nachmittagsstunden. Trotzdem schien kaum etwas voranzugehen. Erst nach rund einer Dreiviertelstunde öffnete sich zum ersten Mal die Tür zum Behandlungsraum, die ausschließlich mit »Ambulatorio« beschriftet war. Eine Mutter mit ihrem Kind kam heraus, die Tür wurde wieder verschlossen und die Ärztin verschwand erneut.

    Weitere zehn lange Minuten später wurde schließlich das Paar vor uns aufgerufen.

    Wir wollten uns nicht vordrängen, um uns anzumelden, sondern zumindest unsere chronologische Reihenfolge abwarten. Die Hoffnung, dass es diesmal schneller gehen würde, erwies sich jedoch als Illusion. Das Pärchen und das Baby waren sogar nahezu eine Stunde bei der Ärztin. Andere Eltern, teils mit sehr kleinen und vermutlich kranken Babys, warteten bereits weit über ihre eigentlichen Termine hinaus. Unser Kind war glücklicherweise ruhig. Bei unserer früheren Kinderärztin hatten wir nie länger als zehn bis fünfzehn Minuten warten müssen. So große Verzögerungen trotz Terminvereinbarung sind hingegen gerade mit kleinen Kindern eine große Belastung.

    Zwischendurch wollten wir unser Kind wickeln — doch ausgerechnet in der Toilette einer Kinderarztpraxis mussten wir feststellen, dass es keinen Wickeltisch (und auch sonst nirgends ausreichend Platz) gab. Da es noch nicht dringend war, verzichteten wir zunächst darauf.

    Als das Pärchen vor uns endlich herauskam, waren die offiziellen Öffnungszeiten der Praxis schon fast um. Mehrere Personen warteten weiterhin, andere hatten inzwischen aufgegeben und waren gegangen. Wieder blieb die Tür des Behandlungsraums länger geschlossen.

    Als schließlich die nächsten Personen — die nach uns gekommen waren, aber einen bereits überfälligen Termin hatten — aufgerufen wurden, sprachen wir die Ärztin kurz an und fragten, ob sie unser Kind angesichts der aus unserer Sicht ernsten Symptome noch vor Dienstschluss ansehen könne.

    Doch mit Verweis auf ihren Rückstand mit den geplanten Terminen lehnte sie dies einfach ab. Sie warf nicht einmal einen kurzen Blick auf das Kind, um sich zumindest ein oberflächliches Bild vom Zustand zu machen. Zunächst meinte sie, wir könnten eventuell die Notaufnahme des Krankenhauses aufsuchen, da sie auch am Folgetag keine freien Termine mehr habe. Kurz darauf ging sie allerdings doch zu ihrem Kalender und fand überraschend noch einen Termin für den nächsten Tag.

    Auf unsere Frage, ob sie Deutsch spreche, antwortete sie kategorisch mit Nein. Wenn nur jener Elternteil zum Termin kommen könne, der nicht Italienisch spricht, müsse eben der andere Elternteil telefonisch erreichbar sein, um mit der Ärztin zu kommunizieren bzw. um zu dolmetschen.

    Eine sehr freundliche Mutter, die die Situation mitverfolgt hatte, bot uns sogar an, uns vorzulassen, damit unser Kind doch noch am selben Tag untersucht würde. Doch das hätte die Ärztin mit Verweis auf ihren Rückstand sicher abgelehnt. Zudem waren wir inzwischen so erschüttert darüber, dass eine Kinderärztin ein offensichtlich krankes Kleinkind noch nicht einmal kurz ansehen wollte, dass wir beschlossen, direkt in die Notaufnahme zu fahren.

    Dort trafen wir auf das Paar, das vor uns im Warteraum gesessen hatte. Wie sie uns erzählten, hatte die Kinderärztin sie (nach fast einer Stunde im Behandlungsraum) ebenfalls an die Notaufnahme verwiesen.

    Bei uns ging nach der Triage alles sehr schnell: Aufgrund seines Zustandes wurde unser Kind vorgezogen. Die Diagnose lautete beidseitige Mittelohrentzündung. Die diensthabende Kinderärztin zeigte sich verwundert, dass unser Kind nach gut zwei Tagen mit so hohem Fieber noch keiner Ärztin bzw. keinem Arzt vorgeführt worden war. Als wir kurz unsere Erfahrung schilderten, antwortete sie mit einem lapidaren: »Wir kennen das«.

    Uns wurde ausdrücklich empfohlen, das verschriebene Antibiotikum noch am selben Abend über den Nachtdienst der Turnusapotheke zu besorgen, da ein späterer Behandlungsbeginn ein unnötiges Risiko dargestellt hätte.

    Einige Tage später wandten wir uns zur Kontrolle an eine privat bezahlte Kinderärztin. Als wir erklärten, dass wir wegen schlechter Erfahrungen mit der neuen Kinderärztin zu ihr gekommen seien, wusste sie — ohne dass wir den Namen überhaupt genannt hatten — sofort, um wen es sich handelte. Sie sagte uns zudem, dass sie gar keine Facharztausbildung habe, eine Information, die wir nicht überprüfen können. Das ärgere sie doppelt: Einerseits fachlich, andererseits auch, weil Personen, die einen ausländischen Facharzttitel haben, oft längere Zeit nicht praktizieren dürften. »Und jetzt stellen sie Leute ganz ohne Facharztausbildung ein.«

    Unser Entschluss steht inzwischen fest: Entweder wir versuchen erneut, die Kinderärztin bzw. den Kinderarzt zu wechseln, oder wir werden nur noch privat zur Kinderärztin gehen und selbst bezahlen.

    Wir können uns das zum Glück leisten, auch wenn es eine zusätzliche Belastung darstellt. Viele andere Familien können es wahrscheinlich nicht. Wer nicht privat ausweichen kann, muss aber unter Umständen eine Versorgung akzeptieren, die womöglich selbst zum Gesundheitsrisiko wird.

    Willkommen in der Zweiklassenmedizin.

    Hinweis an den Gesundheitsbetrieb: Dieser Bericht ist ausdrücklich nicht eine Genehmigung, die Identität oder die Krankengeschichte der Betroffenen publik zu machen.

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      Die Namen der Betroffenen sind uns bekannt ↩︎

    I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i/la autëures ne sustën nia for i fins de BBD. · Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen. · I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • Selbstbestimmung: Québec widerspricht Mark Carney.

    Wenn nichts mehr dazwischenkommt, werden die Einwohnerinnen der kanadischen Provinz Alberta im Herbst darüber abstimmen, ob ihre Regierung ein offizielles Selbstbestimmungsreferendum in die Wege leiten soll. Welche Mehrheit in einem solchen Referendum notwendig wäre, um eine allfällige Loslösung von Kanada zu besiegeln, werde jedoch Ottawa entscheiden, ließ der kanadische Premierminister Mark Carney vor wenigen Tagen ausrichten.

    Diese Aussage wiederum sorgte in Québec für heftige Reaktionen. Unverzüglich wiesen Politikerinnen des gesamten politischen Spektrums die Worte von Carney entschieden zurück.

    Hintergrund ist der sogenannte Clarity Act, den das kanadische Parlament im Jahr 2000 verabschiedete. Das Gesetz legt die Bedingungen fest, unter denen die Bundesregierung im Falle eines erfolgreichen Unabhängigkeitsreferendums in Verhandlungen über eine Sezession eintreten würde. Unter anderem müsse in einem Referendum auf der Grundlage einer »klar formulierten Frage« eine »klare Mehrheit« zustande kommen.

    Die schwammige Formulierung wurde über die Jahre immer wieder kritisiert, weil sie alles andere als clarity schafft: Weder definiert das Gesetz, wie eine »klare Frage« konkret auszusehen hat, noch legt es fest, ab wann eine Mehrheit als »klar« gelte. Damit verbleibt ein erheblicher Interpretationsspielraum bei den föderalen Institutionen in Ottawa.

    Bereits zwei Tage nach Verabschiedung des Clarity Act verabschiedete das Parlament von Québec das Gesetz Nr. 99, mit dem das Recht auf Selbstbestimmung der Provinz bekräftigt und gleichzeitig festgehalten wird, dass 50 Prozent plus eine Stimme eine »klare Mehrheit« darstellen. Kein anderes Parlament und keine andere Regierung habe das Recht, dem demokratischen Willen der Bevölkerung von Québec Grenzen zu setzen.

    Entsprechend scharf wurde die aktuelle Stellungnahme von Mark Carney quittiert: Die Assemblée nationale du Québec verabschiedete postwendend einen Antrag, mit dem die Worte des Premierministers verurteilt wurden. Außerdem — so der Text — stehe es ausschließlich der Bevölkerung von Québec zu, über die eigene politische Zukunft zu befinden, und zwar auf Grundlage einer einfachen Mehrheit von 50 Prozent plus eins.

    Die Vorlage wurde von sämtlichen im Parlament der frankophonen Provinz vertretenen Parteien einstimmig genehmigt — also sowohl von den separatistischen als auch von den föderalistisch-unionistischen Kräften. Selbst Parteien, die die Unabhängigkeit Québecs ablehnen, verteidigen damit das Prinzip, dass demokratische Selbstbestimmung nicht eingeschränkt werden dürfe.

    Cëla enghe: 01



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  • Die Lücken der Autonomiereform aus ladinischer Perspektive.

    Die Autonomiereform ist unter Dach und Fach, doch viele Zweifel bleiben. Besorgniserregend ist, dass der Autonomieausbau mit einem Abbau des Minderheitenschutzes einhergeht — und das ausgerechnet in einer Phase, in der die deutsche und die ladinische Sprachgruppe ohnehin bereits schrumpfen.

    Deutliche Kritik kommt diesbezüglich auch aus der Ladinia, wie unter anderem ein Interview von Alexia Grossi für Trail mit dem Journalisten und Ladinischlehrer David Lardschneider zeigt. Er bemängelt darin unter anderem, dass Ladinerinnen in der Landes- und in der Regionalregierung weiterhin nur repräsentiert sein dürfen, aber nicht müssen. Damit hänge die ladinische Vertretung vom Wohlwollen der beiden größeren Sprachgruppen und insbesondere der jeweiligen Mehrheitsparteien ab. Das ist in der Tat absurd.

    Wie berechtigt diese Sorge ist, zeigte sich bereits nach der Landtagswahl 2023: Während der Koalitionsverhandlungen hatten italienische Rechte offen die Forderung erhoben, auf die Berücksichtigung der Ladinerinnen in der Landesregierung zu verzichten, um die italienische Sprachgruppe zu begünstigen. Es ist also keineswegs sicher, dass die Berufung einer ladinischen Landesrätin ein Selbstläufer bleibt.

    Lardschneider wies außerdem darauf hin, dass die Vertretung der Ladinerinnen in den Kommissionen auf Landesebene, am Verwaltungsgericht und in vielen weiteren Bereichen ebenfalls unzureichend sei. Hier habe die Reform keine Verbesserungen gebracht. Er forderte ferner, der ladinischen Sprachgruppe — unter Berücksichtigung ihres Anteils an BIP und Bevölkerung — einen angemessenen Teil der öffentlichen Mittel zukommen zu lassen. Es gehe dabei nicht um das Geld an sich, sondern um den Erhalt einer Sprache und Kultur.

    Tatsächlich erscheint diese Forderung beinahe bescheiden. Denn echter Minderheitenschutz rechtfertigt und erfordert in vielen Bereichen gerade nicht nur eine rein proportionale, sondern eine bewusst überproportionale Berücksichtigung kleiner Sprachgemeinschaften. Eine Minderheit, die streng proportional behandelt wird, befindet sich strukturell oft im Nachteil, weil sie gesellschaftliche, wirtschaftliche und strukturelle Skaleneffekte nicht nutzen kann.

    Nicht zuletzt verwies Lardschneider darauf, dass Ladinisch endlich auch als vollwertige Arbeitssprache des Landtags anerkannt werden müsste, sowohl in den Debatten als auch in den schriftlichen Unterlagen. Auf eine diesbezügliche Diskriminierung hatten wir im Zusammenhang mit der Debatte um den Dialektgebrauch im Landesparlament auch bereits aufmerksam gemacht.

    Doch bei der Reform stand eben nicht der Minderheiten-, sondern paradoxerweise der Mehrheitsschutz im Vordergrund. Zugunsten und auf Drängen der italienischen Sprachgruppe wurden — zu Lasten der Minderheiten — etwa die Ansässigkeitsklausel halbiert sowie Kannbestimmungen für eine überproportionale Vertretung in den Gemeindeausschüssen und in der Landesregierung eingeführt. Dabei ist die italienische Sprachgruppe — anders als die Ladinerinnen — auch in der Lage, solche Kannbestimmungen in Ansprüche zu verwandeln.

    Immerhin könnte die neue Möglichkeit, Vertreterinnen der kleineren Sprachgruppe auch dann in den Gemeindeausschuss zu berufen, wenn sie nur ein einziges Gemeinderatsmitglied stellt, punktuell auch den Ladinerinnen zugutekommen. Doch das ist eher eine Nebenwirkung der Reform als Teil ihrer Zielsetzung.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08



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  • Nach der Reform ist vor der Reform.
    Podcast


    Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) setzt nach der Autonomiesanierung weiterhin auf kontinuierliche Reformen

    Die Urteile über die Autonomiereform fallen unterschiedlich aus. Doch auch Gegner und Kritiker finden: Immerhin. Für den Verfassungsrechtler und Eurac-Forschenden Francesco Palermo ist die Reform ein Beweis für eine lebendige dynamische Autonomie. Artig bedankte sich Landeshauptmann Kompatscher bei Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Sie habe Wort gehalten, lobte Kompatscher. Aber, diese Reform ist kein Schlusspunkt, denn nach der Reform ist vor der nächsten Reform.

    Ein Podcast von Wolfgang Mayr:

    Cëla enghe:


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  • Minorisierung: Die sprachliche Kehrtwende der Brimi.

    In meiner Mediathek ist mir kürzlich auf einem Foto vom März 2004 diese Verpackung von Brimi aufgefallen:

    So sah also damals das Verpackungsdesign aus. Und so präsentiert sich dasselbe Produkt heute:

    Der Unterschied ist beeindruckend: Das einst neben der Produktbezeichnung dominante Südtirol ist massiv geschrumpft und visuell in den Hintergrund gerückt. An seine Stelle tritt nun ein groß hervorgehobenes Alto Adige. Gleichzeitig sind die seit 2004 hinzugefügten Angaben »Latte«, »Qualità« und »confezione riciclabile« ausschließlich auf Italienisch gehalten. Selbst bei nebensächlichen Elementen wie dem kleingedruckten »Serviervorschlag« wurde die Sprachreihung zugunsten des Italienischen verändert.

    Wir sprechen nicht nur von einer ästhetischen Modernisierung oder einer gewöhnlichen Überarbeitung des Verpackungsdesigns. Sowohl die deutsche (und gleichzeitig ladinische) Landesbezeichnung als auch die deutsche Sprache wurden offenbar bewusst marginalisiert, während das Italienische präpotent in den Vordergrund gerückt ist.

    Das ist eine Entwicklung, die sich hier punktuell an einem konkreten Beispiel aufzeigen lässt, aber zumindest gefühlt für viele Bereiche repräsentativ ist. In wenigen Jahren hat auch in der Produktetikettierung nicht etwa ein Fortschritt stattgefunden, sondern eine deutliche Zurückdrängung der Minderheitensprachen Deutsch und Ladinisch zugunsten der Staatssprache.

    Im Unterschied zu anderen Minderheitengebieten existieren in Südtirol für die Privatwirtschaft (und speziell für die Produktkennzeichnung) auch kaum verbindliche Vorschriften zum Schutz der minorisierten Sprachen. Ihre Berücksichtigung und ihre Sichtbarkeit hängen daher weitgehend vom guten Willen der Unternehmen ab — und der scheint leider abzunehmen.

    Die beschlossene Fusion von Brimi und Mila wird es vermutlich auch nicht besser machen.

    Dass selbst eine Genossenschaft von Bäuerinnen — die wohl (fast) alle deutscher oder ladinischer 1die Brimi hat Mitglieder in Gherdëina Muttersprache sind, von diesem Land leben und zudem öffentlich gefördert werden — nur noch so wenig Sensibilität aufbringt, ist traurig.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 | 09

    • 1
      die Brimi hat Mitglieder in Gherdëina ↩︎


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