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  • Welche Geschichte bauen wir wieder auf?


    von Josef Prackwieser (Gastautor)

    »Eine Kopie ist kein Betrug, ein Faksimile keine Fälschung, ein Abguss kein Verbrechen und eine Rekonstruktion keine Lüge.« Mit dieser Provokation eröffnete der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger 2010 die Münchner Ausstellung Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte. Beispiele, auf die sich Nerdinger beziehen konnte, gab es genug. Der eingestürzte Campanile von San Marco wurde in Venedig com’era, dov’era wiedererrichtet. Auch der Bergfried von Schloss Tirol, heute scheinbar selbstverständlicher Bestandteil der mittelalterlichen Burg, ist in seiner oberen Hälfte ein Ergebnis des frühen 20. Jahrhunderts. Vom mittelalterlichen Turm waren nur drei Geschosse erhalten; wie er ursprünglich aussah, ist weder bildlich noch schriftlich überliefert.

    Nerdingers Ausstellung richtete sich gegen die bequeme Gleichung, wonach das Original gut und die Rekonstruktion falsch sei. Ihre eigentliche Pointe war aber eine andere: Wer rekonstruiert, holt die Vergangenheit nicht einfach zurück, er wählt vielmehr aus ihr einen Zustand aus, um ihn in der Gegenwart wieder sichtbar zu machen. In diesem Sinn ist jede Wiederherstellung auch eine Konstruktion von Geschichte.

    Seit dem Einsturz des Mitteltrakts des Bozner Gerichtsgebäudes am 16. Juli ist diese Frage in Südtirol unerwartet konkret geworden. Der Landtagsabgeordnete Jürgen Wirth Anderlan begrüßte zunächst den Fall eines »faschistischen Tempels«, die Süd-Tiroler Freiheit verlangte Abriss und Neubau. Landesrat Marco Galateo (Fratelli d’Italia) forderte ebenso wie sein Parteikollege Alessandro Urzì dagegen umgehend die vollständige Wiederherstellung des Gebäudes, und zwar so, wie es zuvor gewesen sei.

    Ein Teil der Reaktionen folgte auffällig vertrauten ethnisch-politischen Mustern, die keineswegs verschwunden sind und bloß auf anlassbezogene Reaktivierung lauern: hier das faschistische Bauwerk als Symbol italienischer Fremdherrschaft und Diktatur, dort seine Erhaltung beinahe als Verteidigung italienischer Geschichte und Präsenz.

    Es wäre indes ein Fehler, die bauliche Zukunft des Gerichts in diesem Gegensatz zu entscheiden. Landeskonservatorin Karin Dalla Torre hat eine dritte Möglichkeit skizziert: Die für das Ensemble prägende Säulenreihe und die erhaltenen Flanken sollen, sofern technisch möglich, bewahrt werden. Eine minutiöse Rekonstruktion des eingestürzten Teils hält sie nicht für zeitgemäße Denkmalpflege; an seine Stelle solle hochwertige zeitgenössische Architektur treten. Das Land lässt inzwischen mehrere Varianten in einer Machbarkeitsstudie prüfen.

    Die eigentliche Debatte beginnt mit dem Blick auf vergleichbare Fälle. Deutschland führt sie über die baulichen Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus seit Jahrzehnten. Am Nürnberger Reichsparteitagsgelände werden Zeppelintribüne und Zeppelinfeld gesichert, aber nicht in ihre einstige monumentale Geschlossenheit zurückversetzt. Einen vergangenen Zustand wiederherzustellen, heißt schließlich auch, ihm erneut räumliche Präsenz zu verleihen.

    Hans Döllgasts berühmte Alte Pinakothek in München verweist auf eine andere Möglichkeit: Er schloss die große Kriegszerstörung des Gebäudes, ließ dafür aber andersfarbiges, unverputztes Ziegelmauerwerk verwenden, sodass die sichtbare »Verwundung« erkennbar bleibt, ganz im Sinne der Charta von Venedig von 1964, die Ergänzungen vom historischen Bestand unterscheidbar halten will.

    Für Bozen ist das ein verführerisches Vorbild, aber keine Blaupause. Der Einsturz des Gerichts war keine Kriegszerstörung; aus dem Bauunfall nachträglich ein antifaschistisches Mahnmal zu machen, würde ihm eine Bedeutung zuschreiben, die das Ereignis nicht hatte. Das heißt jedoch nicht, dass der Einsturz unsichtbar werden muss. Dalla Torre etwa versteht auch ihn als Teil der Geschichte des Gebäudes, der in dessen künftiger Gestalt nicht ausgelöscht werden sollte.

    Entscheidend ist letztlich, was wir wiederherstellen, wenn wir das Gerichtsgebäude rekonstruieren, und ob eine sichtbare »Wunde« bleibt. Der Gerichtsplatz war Teil der faschistischen Planung für das »Neue Bozen«. Die konkave Front des Gerichtsgebäudes antwortete bewusst auf die konvexe Casa Littoria gegenüber, geplant als Sitz der faschistischen Partei.

    Gemeinsam mit der Christkönigskirche entstand ein Ensemble, in dem staatliche, rechtliche und ideologische Autorität räumlich inszeniert wurden. Auch die niemals historisierte monumentale lateinische Inschrift des Gerichts mit ihrer imperial-faschistischen Botschaft gehört zu dieser irritierenden politischen Semantik.

    Eine originalgetreue Rekonstruktion wäre deshalb mehr als die »Reparatur« von Mauerwerk, sie würde die formale Geschlossenheit dieser durchaus problematischen Inszenierung wiederherstellen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass jeder, der dafür eintritt, faschistische Architektur verherrlicht. Bauten verändern ihre Bedeutung, was gerade der Bau des Justizpalastes zeigt: 1939 begonnen, wurde er erst 1956 fertiggestellt und diente seither über Jahrzehnte der Rechtsprechung einer demokratischen Republik. Der Bau trägt das totalitäre Erbe seiner Entstehung ebenso in sich wie seine demokratische Nachgeschichte.

    Die Rede vom »Original« ist deshalb durch und durch problematisch. Welches wäre das? Der faschistische Entwurf von 1939 in den Bauplänen? Das 1956 vollendete Gebäude? Oder der vielfach veränderte Zustand vom 15. Juli 2026? Wer rekonstruiert, muss eine dieser Zeitschichten privilegieren. Hierin liegt der politische Gehalt einer scheinbar rein denkmalpflegerischen Entscheidung.

    Bozen besitzt Erfahrung darin, solche Entscheidungen nicht als Entweder-oder zu behandeln. Beim Siegesdenkmal wurde die faschistische Architektur nicht beseitigt, das 2014 eröffnete Dokumentationszentrum machte vielmehr das Monument selbst zum Gegenstand der historischen Kritik. Beim Piffrader-Relief blieb Mussolinis Bildprogramm ebenfalls erhalten; Hannah Arendts Satz »Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen« legte eine zweite, demokratische Bedeutungsschicht darüber.

    Wie wenig damit ein Konflikt ein für alle Mal erledigt ist, zeigte die jüngste Debatte um die Sanierung des Siegesdenkmals. Als das Kulturministerium deren Vorbereitung ankündigte, wurden erneut Abriss, Verzicht auf die Restaurierung oder die Entfernung faschistischer Symbole verlangt.

    Der Historiker Hannes Obermair hielt gerade Letzteres für falsch: Entfernte man Liktorenbündel und Beile, verschwänden jene Zeichen, an denen der totalitäre Charakter des Bauwerks überhaupt ablesbar ist.

    Die Denkmalpflege steht hier vor einem Paradox: Ausgerechnet das politisch Abzulehnende kann als historisches Zeugnis erhaltenswert sein. Konservierung ist nicht automatisch Zustimmung, und das Verschwindenlassen eines Symbols ist noch keine Aufarbeitung.

    Vor diesem Hintergrund überzeugt der Vorschlag eines internationalen Architekturwettbewerbs, wie ihn sowohl Karin Dalla Torre als auch Hannes Obermair, der an der Historisierung des Siegesdenkmals und des Piffrader-Reliefs beteiligt war, für das Gericht ins Spiel gebracht haben. Die entstandene Zäsur sollte nicht einfach verschwinden; zugleich wäre über Funktion und Gestalt des gesamten Ortes neu nachzudenken. Denkmalpflege wird damit auch zu einer demokratischen Frage: Jede bauliche Intervention entscheidet, welche historischen Schichten sichtbar bleiben, welche hinzukommen und wer über ihre Bedeutung mitentscheidet.

    Ein Wettbewerb könnte unterschiedliche architektonische Antworten sichtbar und vergleichbar machen. Denkmalpflege, Architektur, Zeitgeschichte und Justiz sollten darin ebenso vertreten sein wie eine Öffentlichkeit, der die Entwürfe präsentiert und zur Diskussion gestellt werden. Denn ein Wettbewerb allein garantiert noch keine demokratische Lösung. Sein Potenzial liegt darin, unterschiedliche Vorschläge öffentlich verhandelbar zu machen. Einigkeit braucht es dabei über das Verfahren, nicht über die Bedeutung des Ortes.

    So ließe sich die Entscheidung über die Zukunft des Gerichtsplatzes aus dem alten Reflex von Wiederaufbau oder Abriss lösen. Ein demokratischer Umgang mit einem solchen Erbe kann unterschiedliche Deutungen aushalten und sichtbar lassen, solange keine Seite beansprucht, allein über seine Bedeutung verfügen zu können.

    Dass ein Architekturwettbewerb eine solche Neuinterpretation ermöglichen kann, zeigt wenige Hundert Meter entfernt die Eurac. Das Gebäude an der Drususbrücke war für die faschistische Jugendorganisation errichtet worden und nach dem Krieg zunehmend verfallen. Ein internationaler Wettbewerb führte dazu, dass Klaus Kada die historischen Fassaden erhielt, ihnen aber neue Baukörper aus Glas, Beton und Stahl gegenüberstellte. Die neuen Teile imitieren das Alte nicht; sie treten mit ihm in Beziehung. Heute beherbergt der ehemalige Erziehungsbau einer Diktatur ein internationales Forschungszentrum, das sich unter anderem mit Minderheitenrechten und demokratischem Zusammenleben beschäftigt.

    Für den Gerichtsplatz liefert das kein direktes Rezept. Südtirol besitzt zahlreiche Bauten des Ventennio, die in den kommenden Jahren saniert werden müssen. Bislang hat der »Bozner Weg« vor allem bei Monumenten funktioniert, die erhalten, historisch eingeordnet und kommentiert wurden. Bei der ehemaligen GIL kam das Weiterbauen hinzu. Der Gerichtsplatz könnte nun zum ersten großen Test dafür werden, wie mit einem bedeutenden faschistisch-rationalistischen Gebäude umzugehen ist, wenn tatsächlich historische Substanz verloren gegangen ist.

    Nerdingers Satz bleibt deshalb richtig: Eine Rekonstruktion ist keine Lüge. Aber auch ein originalgetreuer Wiederaufbau ist keine neutrale Handlung, sondern schreibt eine bestimmte Vergangenheit in die Zukunft fort. Am Gerichtsplatz geht es folglich nicht darum, ob sich der Faschismus durch Architektur beseitigen oder konservieren lässt — beides überschätzt, was Bauen leisten kann —, sondern darum, ob die demokratische Gegenwart fähig ist, an einem belasteten Gebäude ihre eigene Haltung sichtbar zu machen.


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  • Gewachsener Ortsname als Fremdkörper.

    An der Umfahrung von Vintl ist mir kürzlich wieder dieses Schild aufgefallen, auf das ich aufmerksam machen wollte, weil es meiner Meinung nach eine ganz besondere Spielart von Minorisierung oder suprematistischer Zweisprachigkeit darstellt:

    Nicht in Winnebach, sondern bei Vintl: der Winnebach.

    Auf dem Schild steht nicht einfach Winnebach und auch nicht Winnebach / rio Winnebach, sondern ausschließlich rio “Winnebach”.

    Obwohl es für das Gewässer offenbar keine »italienische« Fälschung gibt, hält es der Landesstraßendienst für nötig, dem Namen ein rio voranzusetzen. Indem dafür aber Winnebach unter Anführungszeichen gesetzt wird, geht man zu dem Namen auf Distanz. Es entsteht der Eindruck, dass in Südtirol nur Bezeichnungen mit kolonialer Übersetzung zulässig sind, während ein unübersetzter Begriff nicht ohne Weiteres für sich selbst stehen darf.

    Der italienische »Gattungsname« steht hier zudem außerhalb der Anführungszeichen und somit gewissermaßen in der »Normalität« der Beschilderung, während der historisch gewachsene »deutsche« Eigenname durch die Anführungszeichen auch noch als fremd gekennzeichnet wird.

    Diese Form von Othering fällt vielleicht nicht sofort auf, wirkt aber auf subtile Weise trotzdem: Auch da, wo die Bezeichnungen einer Minderheit nicht übersetzt oder gar ausgelöscht werden, kann man sie — wie im vorliegenden Fall — der nationalen Mehrheitssprache unterordnen, zum Beispiel durch eine harmlos erscheinende typographische Entscheidung.

    Wenn man schon nicht darauf verzichten will, dem Winnebach ein rio beizufügen, gäbe es dafür genügend andere, neutralere Möglichkeiten:

    • Winnebach / rio Winnebach
    • Winnebach / rio “Winnebach”
    • Winnebach (rio)
    • (rio) Winnebach

    Die gewählte Form ist allerdings bei weitem die schlechteste, da sie den »deutschen« Namen — gewollt oder nicht — gewissermaßen unter Vorbehalt stellt, anstatt ihn gleichberechtigt stehen zu lassen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08



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  • Aus der Schusslinie!

    Welch eine Überraschung: Wenn die Nationalismen — insbesondere der deutsche und der italienische — erstarken, gerät Südtirol wieder ins Visier.

    Aktueller Anlass ist eine für den 23. September angekündigte Veranstaltung der AfD-Bundestagsfraktion, bei der es um das Gruber-Degasperi-Abkommen geht. Als Gastredner ist Otto Mahlknecht von den rechtsradikalen Südtiroler Freiheitlichen angekündigt.

    Die Tatsache, dass die Region Trentino-Südtirol auf dem Ankündigungsmotiv farblich von Italien abgesetzt erscheint, war für den italienischen Außenminister und FI-Chef Antonio Tajani Anlass zu einer besonders heftigen Reaktion.

    Im Corriere della Sera unterstellte er, dass die AfD die Sezession Südtirols von Italien unterstütze und fördere. Er bezeichnete die Partei als »antiitalienisch« und »schlimmsten Feind« Italiens.

    Seine Forza Italia, die in Südtirol mit Christian Bianchi einen stets zündelnden Landesrat stellt, legte nach und kündigte eine Anfrage an die EU-Kommission an.

    Italienische Rechte und Rechtsextreme sprechen reflexhaft davon, dass die (angeblich »nicht existierende«) Grenze und die heilige nationale Einheit nicht in Frage gestellt werden dürften. Dass es bezüglich der Zugehörigkeit Südtirols zu Italien keine Ambivalenzen geben dürfe. Dass das Thema der staatlichen Zugehörigkeit ein für alle Mal entschieden worden sei und nicht zur Diskussion stehe. Und dass — sowieso — die Autonomie, die sie tagein tagaus abschwächen oder zu ihren Gunsten umbauen wollen, vorbildlich sei.

    Letzteres betont im heutigen A. Adige auch Federico Guiglia, der sonst in einem beeindruckenden Rhythmus seine autonomie- und minderheitenfeindlichen Ergüsse im Athesia-Blatt veröffentlichen darf. Erst kürzlich hatte er behauptet und gefordert, dass Österreich in Bezug auf Südtirol nichts mitzureden habe.

    Weder Spielball Berlins, noch Besitz Roms

    Doch die gegensätzlichen, sich gegenseitig verstärkenden Nationalismen bringen uns nicht bloß nicht weiter, sondern führen uns schnurgerade ins Verderben. Es wäre höchst an der Zeit, dass wir uns — ähnlich der Schweiz — durch mehrsprachige Eigenstaatlichkeit möglichst endgültig aus ihrer Schusslinie nehmen.

    Wir sollten uns weder zum Objekt großdeutscher Projektionen deutscher Neonazis machen noch uns von ihren italienischen Pendants das Recht nehmen lassen, frei und demokratisch über eine Änderung des Status Quo nachzudenken.

    Geschichte bewältigt man nicht dadurch, dass man ihr Ende dekretiert, sondern indem man aus ihr lernt und eine bessere Zukunft ermöglicht.

    Cëla enghe: 01 02 03 | 04 | 05



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  • Spanien macht Minderheitensprachen zur Bedingung für EU-Erweiterung.

    Die spanische Regierung erhöht den Druck auf ihre europäischen Partner deutlich: Bevor im Zuge einer künftigen EU-Erweiterung neue Amtssprachen hinzukommen, sollen zunächst Baskisch, Galicisch und Katalanisch diesen Status erhalten.

    Aufgrund eines Abkommens mit der katalanischen Junts zur Investitur von Pedro Sánchez (PSOE), hatte Spanien schon vor rund drei Jahren einen Antrag bei der EU gestellt, die drei sogenannten »kooffiziellen« Sprachen zu Amtssprachen der Union zu machen. Seitdem wurde das Thema zwar mehrmals behandelt, doch trotz mehrheitlicher Zustimmung kam die erforderliche Einstimmigkeit nie zustande.

    Dabei geht es nicht hauptsächlich um finanzielle Bedenken, da sich Spanien dazu bereit erklärt hat, die mit der Aufnahme der neuen Amtssprachen entstehenden Kosten vollständig und dauerhaft zu tragen. Aus der Erfahrung mit der Einführung des Irischen hatte die Kommission eine vorläufige Schätzung veröffentlicht, die sich auf eine überschaubare Summe von rund 44 Millionen pro Jahr und Sprache beläuft.

    Die Vorbehalte einiger Staaten dürften hauptsächlich darauf zurückzuführen sein, dass sie einen Präzendenzfall fürchten, der die Aufnahme weiterer Minderheitensprachen zur Folge hätte. Für eine Union, deren offizielles Motto in Vielfalt geeint lautet, ist das einerseits erstaunlich. Andererseits ist mit Vielfalt bislang vor allem die Vielfalt von meist wenig vielfältigen Nationalstaaten gemeint, als deren Zusammenschluss sich die EU versteht — während der Minderheitenschutz nach wie vor eine untergeordnete Rolle spielt.

    Nachdem die Angelegenheit auf EU-Ebene zuletzt mehrmals vertagt wurde, zeigt die spanische Regierung nun, wie ernst ihr mit der Forderung ist. Wie das Außenministerium in Madrid gegenüber Medienvertreterinnen offiziell bestätigte, will Spanien verhindern, dass im Zuge eines EU-Beitritts neue Sprachen aufgenommen werden, bevor die Anerkennung von Baskisch, Galicisch und Katalanisch erfolgt ist.

    Da die Aufnahme weiterer Amtssprachen nicht gesondert blockiert werden kann, wenn es sich dabei um die Staatssprachen neuer EU-Mitglieder handelt, müsste Spanien notfalls die Aufnahme dieser Staaten vorläufig ganz blockieren.

    Dabei betont Madrid ausdrücklich, die EU-Erweiterung selbst zu unterstützen und kein Interesse an diesbezüglichen Verzögerungen zu haben. Es gehe nicht um die Ablehnung neuer Mitgliedsstaaten, sondern darum, zu verhindern, dass im Zuge der Erweiterung neue Staatssprachen automatisch zum EU-Sprachenregime dazukommen, während Baskisch, Galicisch und Katalanisch auf der Strecke bleiben.

    Das ist ein sehr starker strategischer Schritt, da die Aufnahme neuer Mitgliedsstaaten genauso wie die Anerkennung der in Spanien gesprochenen Minderheitensprachen der Einstimmigkeit bedarf. Madrid hätte also tatsächlich die Macht, den Erweiterungsprozess ins Stocken zu bringen.

    Vor wenigen Tagen bezeichnete der spanische Außenminister José Manuel Albares (PSOE) übrigens seinen italienischen Amtskollegen und SVP–Spezi Antonio Tajani (FI) wörtlich als einen der »maximalen Bremsklötze« bei der Anerkennung von Baskisch, Galicisch und Katalanisch.

    Die drei Sprachen besitzen dabei schon seit Jahren eine eingeschränkte institutionelle Präsenz auf EU-Ebene, da sie aufgrund von Verwaltungsvereinbarungen mit Spanien in einigen EU-Institutionen verwendet werden und auch bereits zertifizierte Übersetzungen von Verträgen und Teilen der Gesetzgebung existieren.

    Für Minderheiten in Europa hat das Engagement der spanischen Regierung eine substantielle, aber auch eine symbolisch wichtige Bedeutung — wiewohl sich daraus noch kein Automatismus für weitere Minderheitensprachen ableiten ließe. Wenn die Initiative Erfolg hätte, würde die EU zum ersten Mal eine institutionelle Gleichstellung von Sprachen anerkennen, deren Status sich nicht davon ableitet, dass sie die Staatssprachen eines Mitgliedslandes sind.

    Es geht also ganz grundsätzlich um die Frage, ob die Europäische Union ihre nicht nur sprachliche Vielfalt weiterhin primär entlang staatlicher Grenzen organisiert — oder ob sie endlich ihren harten Kurs als »Club der Nationalstaaten« lockert.

    Es besteht natürlich die Gefahr, dass Spanien eine neue Regierung bekommt, bevor das Ziel erreicht ist und dass eine neue Regierung nicht dieselbe Konsequenz zeigen könnte.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • PISA: Il dialetto non nuoce?

    Prima la nota dolente: anche in Sudtirolo, nelle scuole di tutti i gruppi linguistici, l’indagine PISA 2025 ha rilevato un calo delle competenze di lettura. Questo risultato del resto si inserisce in una più vasta tendenza internazionale: nell’area OCSE il punteggio relativo alla lettura nel 2025 ha fatto registrare il peggiore risultato di sempre, con un arretramento marcato anche rispetto alle rilevazioni precedenti. Le cause non sono univoche, ma vengono attribuite soprattutto al cambiamento delle abitudini di lettura, all’uso dei dispositivi digitali — con social media e intelligenza artificiale — e agli effetti della pandemia.

    Vorrei però soffermarmi su un altro aspetto, a mio avviso degno di nota.

    Per quanto riguarda la lettura, le scuole tedesche del Sudtirolo hanno raggiunto 481 punti, contro i 473 delle scuole ladine e i 464 di quelle italiane. Il punteggio della scuola tedesca è inoltre superiore a quello medio conseguito dall’Italia, dalla Svizzera, dall’Austria e dalla Germania.

    Competenza in lettura (PISA 2025) Punti
    Sudtirolo: scuola tedesca 481
    Italia 474
    Sudtirolo: scuola ladina 473
    Media OCSE 472
    Svizzera 470
    Austria 467
    Germania 465
    Sudtirolo: scuola italiana 464

    Non per forza tutte le differenze nei punteggi medi sono statisticamente significative. Ma il dato di fondo rimane comunque valido: la scuola in lingua tedesca del Sudtirolo nelle competenze di lettura non mostra un deficit né rispetto a quelle in lingua ladina e italiana né rispetto a quelle dell’area linguistica tedesca.

    Anzi.

    Se si considera che, «ovviamente», le prove nelle scuole tedesche vengono svolte in tedesco «standard» e non certo in dialetto tirolese, il risultato è interessante anche per il dibattito linguistico nostrano.

    Da anni, infatti, e con maggiore insistenza negli ultimi mesi, ricorre l’idea secondo cui l’utilizzo diffuso del dialetto — che secondo alcuni si estenderebbe anche alla scuola —, costituirebbe un ostacolo alla padronanza del tedesco «standard». Talvolta si arriva persino a sostenere che i sudtirolesi, in generale, non conoscerebbero il «vero» tedesco, ma «solo» un «dialettaccio» locale.

    In questo senso l’esito dell’indagine PISA ha una certa rilevanza: se fosse vero che i sudtirolesi sono incapaci di padroneggiare il tedesco standard, i risultati non si spiegherebbero. Infatti, i giovani che vivono in un ambiente fortemente caratterizzato dall’uso del dialetto, raggiungono nella comprensione della lettura un punteggio superiore a quello dell’Austria e della Germania.

    Penso che questo referto dovrebbe far riflettere i detrattori del dialetto, che lo caricano di un significato negativo che, secondo me, non ha ed è difficilmente dimostrabile.

    Cëla enghe: 01 02 03



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  • Parenti d’Italia.

    Erst kürzlich war der Stiefsohn von Alessandro Urzì (FdI) als Nachfolger von Antonio Lampis zum Direktor des Landesressorts für Italienische Kultur und Wirtschaftsentwicklung ernannt worden. Das ist der Zuständigkeitsbereich von LH-Stellvertreter Marco Galateo (ebenfalls FdI).

    Nun wird Nicla Muraro als einzige Vertreterin der Gemeinde Bozen in den Verwaltungsrat der Rainerum-Stiftung entsandt. Es handelt sich dabei um die Tochter von Roberto Muraro, dem Fraktionsvorsitzenden von Fratelli d’Italia im Bozner Gemeinderat.

    Die Ernennung erfolgte vorgestern in der zuständigen Gemeinderatskommission und löste hitzige Debatten aus, auch weil die Mehrheit ausschließlich Muraros Tochter als Vorschlag vorgelegt hatte. Nicht nur die Opposition wandte sich gegen die Nominierung, auch die SVP-Fraktionsvorsitzende Elizabeth Ribeiro Da Silva Tutzer soll Bedenken geäußert und eine Unterbrechung der Sitzung verlangt haben. Letztendlich stimmte sie aber für Muraro.

    Die Einzelfälle beginnen sich zu häufen.

    Ja, vermutlich ist alles »rechtmäßig« zugegangen und womöglich hat Nicla Muraro sogar die nötigen Kompetenzen für den Posten. Doch solche Nominierungen sollten auch derart erfolgen, dass es einen nachvollziehbaren Abstand zwischen politischer Macht und persönlicher Nähe gibt.

    Doch für eine Partei, in der die Schwester von Regierungschefin Giorgia Meloni, Arianna, seit 2023 das Parteisekretariat innehat und zudem für das Mitgliederwesen verantwortlich ist und deren damaliger Partner, Francesco Lollobrigida (FdI), 2022 zum Landwirtschaftsminister ernannt wurde, ist das alles vermutlich ganz normal.

    Jetzt praktiziert sie dieses System — mit dem Segen einer immer unterwürfigeren SVP — eben auch in Südtirol.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • Dialektologietagung in Brixen.
    Veranstaltungshinweis

    Gerade läuft am Campus Brixen der Freien Universität Bozen die 16. Bayerisch-Österreichische Dialektologietagung (16.-18. September) mit dem Titel Dialekt und Mehrsprachigkeit. Der Schwerpunkt der Tagung liegt dieses Mal auf »Beiträgen zum Verhältnis von Dialekt und innerer/äußerer Mehrsprachigkeit, dabei insbesondere auf Fragen zu Dialekt und alter/neuer Mehrsprachigkeit in Bildungseinrichtungen.«

    Das umfassende Programm der Tagung sieht folgendermaßen aus:

    Mittwoch, 16. September

    • ab 8:30 Uhr Anmeldung | Foyer Erdgeschoss
    • 9:15-9:30 Uhr Begrüßung | Aula Magna
    • 9:30-10:30 Uhr Plenarvortrag | Aula Magna Luca Melchior »In dieser Schulzeit begann ich Dialekt und Hochdeutsch plötzlich unterschiedlich zu bewerten« – Dialekt im Deutschunterricht im Spiegel sprachautobiografischer Texte
    • 10:30-11:00 Uhr Kaffeepause | Foyer Erdgeschoss
    • Spracheinstellungen | Raum 1.04 | Moderation: Claudia Maria Riehl:
      • 11:00-11:30 Uhr Anna Tappeiner Dialekt, Standard und …? Innere Mehrsprachigkeit in Südtirol aus Sprecher:innenperspektive
      • 11:30-12:00 Uhr Sarah Decker »Dialekt« und Identität in München
    • Morphologie | Raum 1.14 | Moderation: Stefan Rabanus
      • 11.00-11:30 Uhr Livio Gaeta Nomina vicis im Alpensprachraum: Morphologische Muster, Sprachkontakt und areale Konvergenz
      • 11:30-12:00 Uhr Anthony Rowley Zur Morphologie des Bairischen von Süden nach Norden
    • 12:00-14:00 Uhr Mittagspause
    • Spracheinstellungen | Raum 1.04 | Moderation: Kerstin Dierolf
      • 14:00-14:30 Uhr Theresa Ziegler Die sozio-symbolische Funktion von Fugenelementen im Deutschen in Österreich
      • 14:30-15:00 Uhr Anja Wittibschlager Registerbewusstsein und Konjunktiv-II-Gebrauch – Evidenz aus dem ruralen Österreich
    • Semantik | Raum 1.14 | Moderation: Sonja Quehenberger
      • 14:00-14:30 Uhr Claudia Mattes »Manchmal glaub i, alle ghern gwirgt« – deontisches gehören in den bairischen Dialekten Österreichs
      • 14:30-15:00 Uhr Georg Oberdorfer dann lässt er einem alten Kerl die Frau absterben – regionalsprachliche Verbalisierung von Raumzeitlichkeit
    • 15:00-15:30 Uhr Pause
    • Spracheinstellungen | Raum 1.04 | Moderation: Christian Schwarz
      • 15:30-16:00 Uhr Susanne Oberholzer Innere Mehrsprachigkeit in der Praxis: Die bairischsprachigen Deutschschweizer:innen und ihr sprachliches Repertoire
      • 16:00-16:30 Uhr Monika Dannerer Das ganze Repertoire? Dialekt- und Mehrsprachigkeit am Arbeitsplatz
      • 16:30-17:00 Uhr Márta Müller Positive, negative und universelle Elemente in den narrativen Sprachbiographien von älteren ungarndeutschen Mundartsprecher/-innen in Bezug auf die deutschen Mundarten
    • Lexikographie | Raum 1.14 | Moderation: Philip C. Vergeiner
      • 15:30-16.00 Uhr Monika Fritz-Scheuplein Das Wörterbuch der Schäfersprache in Unterfranken
      • 16:00-16:30 Uhr Brigitte Ganswindt, Andrea Schamberger-Hirt Tiaßarisch – Editionsprojekt zum »Diessner Wörterbuch« von Bruno Schweizer
      • 16:30 17:00 Uhr Katharina Korecky-Kröll, Daniel Elsner, Wolfgang Kappensteiner, Elisabeth Eder, Philipp Stöckle WBÖ goes AI: Möglichkeiten und Herausforderungen der Verwendung von Large Language Models in der Dialektlexikographie am Beispiel des Wörterbuchs der bairischen Mundarten in Österreich

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