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  • Die ÖBB und die Südtiroler Ortsnamen.


    Gastbeitrag1Name der Autorin/des Autors ist uns bekannt

    Wer mit grenzüberschreitenden Zügen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), beispielsweise dem Railjet, durch Südtirol fährt, wird feststellen, dass auf den Zugdisplays und in den Durchsagen die italienischen Ortsbezeichnungen meist vor den deutschen angeführt werden. Die Antwort des österreichischen Verkehrsministers Peter Hanke vom November 2025 auf eine parlamentarische Anfrage gibt Auskunft über den Hintergrund dieser Praxis:

    Im grenzüberschreitenden Bahnverkehr gilt die internationale Praxis, dass die Zugangs- und Betriebsdaten, einschließlich der Ortsbezeichnungen, so übernommen werden, wie sie vom jeweiligen Infrastrukturbetreiber vorgegeben sind. Auf italienischem Staatsgebiet ist dies die Rete Ferroviaria Italiana (RFI), die die Ortsnamen konsequent in der Form italienisch/deutsch vorgibt. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) haben die von der RFI vorgegebenen Ortsbezeichnungen übernommen, wobei beide Sprachvarianten hinterlegt sind. Eine ausschließliche Verwendung italienischer Ortsbezeichnungen ist nicht vorgesehen, die Bevorzugung einer Sprache kann nicht festgestellt werden.

    Bildausschnitt ÖBB-Portal

    Ob diese Praxis gesetzlich verpflichtend ist oder ob sie lediglich aus Gründen der guten nachbarschaftlichen Beziehungen angewandt wird, geht aus der Anfragebeantwortung nicht hervor. Wer auf dem ÖBB-Portal nach Südtiroler Orten sucht, wird feststellen, dass die internationale Praxis auch dort konsequent umgesetzt wird.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05

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      Name der Autorin/des Autors ist uns bekannt ↩︎

    I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i/la autëures ne sustën nia for i fins de BBD. · Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen. · I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • Konsequent durchgesetzte Straßenverkehrsordnung?

    Im Leitartikel der aktuellen ff-Ausgabe behauptet Verena Pliger allen Ernstes, Italien habe eine »strenge Straßenverkehrsordnung«, die überall »konsequent durchgesetzt« werde — nur auf den Pässen nicht. Vielleicht ist mir ihre Ironie auf sagenhafte Weise entgangen, dann entschuldige ich mich im Voraus für das, was folgt. Doch wenn dies — wie ich denke — nicht der Fall ist, weiß ich echt nicht, auf welchem Planeten sie ihre Beobachtung gemacht hat.

    Auf dem Planeten Erde gibt es in Italien zwar tatsächlich eine strenge Straßenverkehrsordnung mit teils absurden Vorschriften (vgl. 01 02) und oft drakonischen Strafen. Bei der Durchsetzung sieht es jedoch in vielerlei Hinsicht höchst miserabel aus. Während der letzten Jahrzehnte haben insbesondere rechtspopulistische Innen- und Verkehrsminister dafür gesorgt, dass etwa Radarkontrollen nahezu unmöglich geworden sind. Dabei gilt überhöhte Geschwindigkeit als einer der wichtigsten Risikofaktoren für schwere Unfälle mit Toten und Verletzten.

    Nicht nur, dass in Italien jede Geschwindigkeitskontrolle vorher angekündigt werden muss, damit Rasende rechtzeitig abbremsen (und dann wieder unbehelligt beschleunigen) können. Darüber hinaus fehlen klare Regeln für die Zulassung der Messgeräte, womit Einsprüchen Tür und Tor sperrangelweit offenstehen. Und nicht zuletzt dürfen seit einer kürzlich eingeführten Neuerung unter anderem Limits unter fünfzig Stundenkilometer grundsätzlich nicht mehr überwacht werden.

    Mir persönlich ist kein Land der Erde bekannt, in dem den Ordnungshüterinnen bei der Geschwindigkeitsüberwachung mit ähnlich kafkaesken Vorschriften die Hände verbunden wurden — schon gar nicht die angrenzenden.

    Nicht der angeblich »super Asphalt« (Pliger) unserer Straßen dürfte also der Grund für die immer dreisteren Angebote internationaler Rennveranstalter auf Südtirols Passstraßen sein, sondern neben dem atemberaubenden Panorama wohl vor allem die bei einschlägig Interessierten seit Jahren weit über die Grenzen hinaus bekannte Tatsache, dass die Polizei den Möchtegernpiloten weitgehend tatenlos beim Driften zusehen muss. Der italienische Gesetzgeber hat ein System erschaffen, das vor allem zur Durchsetzung des Rechts des Stärkeren dient. Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz interessieren Salvini und Co. nicht im Mindesten.

    Den Begriff »Bananenrepublik« vermeide ich zwar normalerweise, doch was die Durchsetzung grundlegender Verkehrsregeln betrifft, gehört Südtirol leider wirklich zu einer.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 | 08



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  • Zug nach ›Innsbruck Centrale‹.

    Hier ist wieder einmal ein Beispiel dafür, wie der italienische Schienennetzbetreiber RFI in Südtirol die italienische und die deutsche Sprache ungleich behandelt. Manchmal geschieht dies ganz offensichtlich, andere Male — wie bei diesem Beispiel am Bahnhof Brixen — etwas subtiler, aber deshalb nicht weniger aufschlussreich:

    Nicht nur, dass Italienisch systematisch erst- und Deutsch zweitgereiht ist. Daran hat man sich zu sehr gewöhnt, obwohl man es nicht sollte (vgl.). Doch zudem wird der Abfahrtsort des Busses nach Bologna mit »Piaz[zale]« ausschließlich auf Italienisch angegeben.

    Vor allem aber wird für »Innsbruck Hbf« (Innsbruck Hauptbahnhof) die offiziell inexistente italienische Übersetzung »Innsbruck C.le« (Innsbruck Centrale) angezeigt, während umgekehrt »Bologna C.le« nicht etwa als »Bologna Hbf« übersetzt wird, sondern unverändert bleibt. Dabei wäre nur eines von beidem legitim und konsistent: Entweder man übersetzt die Bahnhofsbezeichnungen in beide Richtungen oder man belässt sie — dem internationalen Usus entsprechend — grundsätzlich in ihrer offiziellen Form.

    Dass dies nicht der Fall ist, offenbart eine asymmetrische Logik: Deutsche Bezeichnungen werden italianisiert, italienische hingegen bleiben im Deutschen unangetastet. Anpassung gibt es nur in eine Richtung.

    Ähnliches gilt auch für die Lautsprecherdurchsagen. Während — ebenfalls in Brixen — der nordwärts fahrende Eurocity RJ84 kurz vor 15 Uhr auf Italienisch mit Zielbahnhof »Monaco di Baviera« (Exonym) angekündigt wird, fährt der fast zeitgleich nach Süden startende RJ85 auch laut deutscher Ansage nach »Venezia Santa Lucia« (Endonym).

    Es mag sich dabei nur um Details handeln, doch sie fügen sich in ein größeres Gesamtbild ein. Dass solche »Kleinigkeiten« außerdem stets nur in eine Richtung weisen, spricht gegen bloße Nachlässigkeit oder Zufall. Italienisch wird so als Norm vermittelt, während Deutsch zweitgereiht, angepasst und übersetzt wird.

    Solche scheinbaren Nebensächlichkeiten prägen den öffentlichen Raum und vermitteln unterschwellig, welche Sprache als selbstverständlich gilt und welche eine untergeordnete Rolle einnimmt.

    Den Hinweis und das Video hat mir Wolfgang Niederhofer geschickt.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 09 || 01



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  • Das Militär an Südtiroler Schulen.

    Kürzlich ist auf Salto ein Beitrag über die »Militarisierung Südtirols« erschienen, in dem Valentino Liberto unter anderem die einschlägige Landtagsanfrage der Grünen thematisiert. Darüber hinaus macht er darauf aufmerksam, wie das Militär zunehmend versucht, in den schulischen Bereich vorzudringen.

    Anlässlich seines fünfzigjährigen Bestehens organisierte etwa das Hubschrauberregiment Altair am 22. Mai einen Tag der offenen Tür, zu dem gezielt auch Schulen zum Militärflugplatz eingeladen wurden. Die entsprechende Mitteilung war von Leutnant Massimo Trigolo als »Eventmanager« der Einheit unterzeichnet — jenem Massimo Trigolo, der von LH-Stellvertreter Marco Galateo (FdI) offiziell empfangen wurde und der gleichzeitig als CasaPound-Mitglied für die Lega im Stadtviertelrat von Oberau-Haslach sitzt. Außerdem war er Mitorganisator der neofaschistischen Remigrationsdemonstration vom Februar und hatte sich wegen unserer antifaschistischen Beiträgen an einem Einschüchterungsversuch gegenüber beteiligt.

    Da in Italien — anders als etwa in Deutschland — für Heeresmitglieder keine klare Verpflichtung existiert, sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu bekennen und entsprechend zu agieren, können Rechtsextremistinnen Positionen beim Heer dafür missbrauchen, indirekt ihre ideologischen Ziele zu propagieren. Auch das Heer als Institution glänzt nicht durch konsequente Distanzierung von seiner eigenen faschistischen Vergangenheit. Traditionspflege, Symbolik und Umgang mit dem historischen Faschismus weisen erhebliche Ambivalenzen (vgl.) auf.

    Dies macht den Eintritt des Militärs in die Schulen selbstverständlich noch problematischer, als er es per se schon wäre.

    Wie Liberto in seinem Beitrag aufzeigt, ging es bei der Veranstaltung vom 22. Mai ausdrücklich darum, »die Beziehungen zwischen Streitkräften und Gesellschaft zu stärken und Orientierungs- wie Reklutierungsmaßnahmen zu unterstützen«.1Übersetzung von mir – Original laut Salto: »rafforzare il rapporto tra Forza Armata e comunità locale, nonché a sostenere le attività di orientamento e reclutamento« Die Einladung, die das Militär an die Schulen verschickt hatte, war mit der Bitte verbunden, sie an Lehrkräfte der vierten und fünften Oberschulklassen weiterzuleiten. Laut Salto landete sie sogar im digitalen Klassenbuch des Bozner Carducci-Gymnasiums.

    Bildungsinstitutionen müssen aber geschützte und neutrale Räume bleiben und nicht Schauplatz aktiver Rekrutierungsmaßnahmen für das Militär werden. Dass diese Entwicklung in einem sprachlich-kulturellen Minderheitengebiet wie Südtirol zusätzlich besorgniserregend ist, liegt auf der Hand. Das Militär war hierzulande nie bloß eine neutrale Institution, sondern stets auch ein Instrument »nationaler« Integration und kolonialistischer Machtausübung.

    Wenn schließlich Personen aus offen neofaschistischen und extrem rechten Kreisen in solche Aktivitäten verwickelt sind, sollten sämtliche Alarmglocken schrillen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10

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      Übersetzung von mir – Original laut Salto: »rafforzare il rapporto tra Forza Armata e comunità locale, nonché a sostenere le attività di orientamento e reclutamento« ↩︎


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  • Schlechte Erfahrung mit der neuen Kinderärztin.
    Bericht


    Gastbeitrag1Die Namen der Betroffenen sind uns bekannt

    Am 29. April erreichte uns ein auf den 14. April datierter Brief des »Amtes für Verwaltungsaufgaben« des Gesundheitssprengels Brixen. Darin wurde uns mitgeteilt, dass die Ärztin unseres Kleinkindes ihre Tätigkeit mit 30. April beenden werde.

    Wir waren zufällig bereits darauf vorbereitet, weil wir einige Wochen zuvor eine Impfauffrischung im Mai vereinbaren wollten. Dabei hatte uns die Ärztin eröffnet, dass sie dann schon nicht mehr im Dienst sein werde. Wir würden jedoch noch rechtzeitig offiziell informiert und könnten anschließend eine andere Kinderärztin bzw. einen anderen Kinderarzt wählen.

    Im Brief des Sprengels, der — dank der »Effizienz« von Sprengel und Post — mit einem Tag Vorlauf eingetroffen war, hieß es, die notwendige Neuwahl könne ab dem 4. Mai »über myCivis, direkt beim Schalter des Sprengels Brixen oder über E-Mail erfolgen«. Es war also offenbar vorgesehen, dass die vermutlich mehreren hundert Patient:innen unserer Kinderärztin, mit der wir übrigens sehr zufrieden gewesen waren, mehrere Tage ohne ärztliche Ansprechperson bleiben würden.

    Leider war es weder am 4. Mai noch an den darauffolgenden Tagen möglich, die Wahl online über myCivis vorzunehmen. In der Elektronischen Gesundheitsakte (EGA) hatten wir die Vertretung für unser gut einjähriges Kind zwar korrekt eingerichtet, doch unter dem Punkt »Online-Wahl des Arztes für Allgemeinmedizin oder Kinderarztes freier Wahl« (weibliche Ärztinnen sind anscheinend nicht vorgesehen) erschien neben dem Namen unseres Kindes bei »Vertretungen« lediglich der Hinweis »für diesen Dienst nicht verfügbar«.

    Da uns unklar war, wie die Wahl »über E-Mail« funktionieren sollte, ohne dass eine Liste der verfügbaren Ärzt:innen bereitgestellt worden wäre, begaben wir uns einige Tage später persönlich zum Sprengel. Wenigstens bot uns das die Möglichkeit, nachzufragen, ob die neue Kinderärztin (wie die bisherige) auch Deutsch spreche. Das ist in unserem Fall besonders wichtig, weil nicht beide Elternteile Italienisch beherrschen. Die Antwort lautete beruhigend: »Selbstverständlich«.

    Wie es bei Kleinkindern vorkommt, waren wir schon wenige Tage später unerwartet auf die neue Ärztin angewiesen, weil unser Kind sehr hohes Fieber bekam. Wir versuchten mehrfach, sie während der Ordinationszeiten telefonisch zu erreichen, um einen Termin zu vereinbaren — ohne Erfolg. Einen zwischenzeitlichen Rückruf verpassten wir leider. Als wir die Ärztin am folgenden Tag erneut nicht erreichen konnten und das Fieber nicht sank, beschlossen wir kurzerhand, die Praxis direkt aufzusuchen. Wir trafen kurz nach Öffnung ein.

    Obwohl wir läuteten und die Klingel gut hörbar funktionierte, öffnete uns niemand. Erst als wir beinahe wieder gehen wollten, öffnete sich die Türe doch noch von selbst. Offenbar war sie mit einem Bewegungssensor versehen, der sehr schlecht eingestellt war und nur öffnete, wenn man sich auf eine bestimmte Weise und sehr nah an die Tür stellte.

    Im Warteraum saß vor uns lediglich ein Paar mit einem sehr kleinen Baby. Mehrmals läuteten weitere Personen an der Tür, doch niemand öffnete. Schließlich beschlossen wir, selbst nachzusehen und Wartende hereinzulassen, weil sich offensichtlich niemand zuständig fühlte und mehrere Menschen dieselben Schwierigkeiten mit dem Zugang hatten wie wir.

    Die gesamte Ordinationszeit an diesem Tag umfasste nur zwei Nachmittagsstunden. Trotzdem schien kaum etwas voranzugehen. Erst nach rund einer Dreiviertelstunde öffnete sich zum ersten Mal die Tür zum Behandlungsraum, die ausschließlich mit »Ambulatorio« beschriftet war. Eine Mutter mit ihrem Kind kam heraus, die Tür wurde wieder verschlossen und die Ärztin verschwand erneut.

    Weitere zehn lange Minuten später wurde schließlich das Paar vor uns aufgerufen.

    Wir wollten uns nicht vordrängen, um uns anzumelden, sondern zumindest unsere chronologische Reihenfolge abwarten. Die Hoffnung, dass es diesmal schneller gehen würde, erwies sich jedoch als Illusion. Das Pärchen und das Baby waren sogar nahezu eine Stunde bei der Ärztin. Andere Eltern, teils mit sehr kleinen und vermutlich kranken Babys, warteten bereits weit über ihre eigentlichen Termine hinaus. Unser Kind war glücklicherweise ruhig. Bei unserer früheren Kinderärztin hatten wir nie länger als zehn bis fünfzehn Minuten warten müssen. So große Verzögerungen trotz Terminvereinbarung sind hingegen gerade mit kleinen Kindern eine große Belastung.

    Zwischendurch wollten wir unser Kind wickeln — doch ausgerechnet in der Toilette einer Kinderarztpraxis mussten wir feststellen, dass es keinen Wickeltisch (und auch sonst nirgends ausreichend Platz) gab. Da es noch nicht dringend war, verzichteten wir zunächst darauf.

    Als das Pärchen vor uns endlich herauskam, waren die offiziellen Öffnungszeiten der Praxis schon fast um. Mehrere Personen warteten weiterhin, andere hatten inzwischen aufgegeben und waren gegangen. Wieder blieb die Tür des Behandlungsraums länger geschlossen.

    Als schließlich die nächsten Personen — die nach uns gekommen waren, aber einen bereits überfälligen Termin hatten — aufgerufen wurden, sprachen wir die Ärztin kurz an und fragten, ob sie unser Kind angesichts der aus unserer Sicht ernsten Symptome noch vor Dienstschluss ansehen könne.

    Doch mit Verweis auf ihren Rückstand mit den geplanten Terminen lehnte sie dies einfach ab. Sie warf nicht einmal einen kurzen Blick auf das Kind, um sich zumindest ein oberflächliches Bild vom Zustand zu machen. Zunächst meinte sie, wir könnten eventuell die Notaufnahme des Krankenhauses aufsuchen, da sie auch am Folgetag keine freien Termine mehr habe. Kurz darauf ging sie allerdings doch zu ihrem Kalender und fand überraschend noch einen Termin für den nächsten Tag.

    Auf unsere Frage, ob sie Deutsch spreche, antwortete sie kategorisch mit Nein. Wenn nur jener Elternteil zum Termin kommen könne, der nicht Italienisch spricht, müsse eben der andere Elternteil telefonisch erreichbar sein, um mit der Ärztin zu kommunizieren bzw. um zu dolmetschen.

    Eine sehr freundliche Mutter, die die Situation mitverfolgt hatte, bot uns sogar an, uns vorzulassen, damit unser Kind doch noch am selben Tag untersucht würde. Doch das hätte die Ärztin mit Verweis auf ihren Rückstand sicher abgelehnt. Zudem waren wir inzwischen so erschüttert darüber, dass eine Kinderärztin ein offensichtlich krankes Kleinkind noch nicht einmal kurz ansehen wollte, dass wir beschlossen, direkt in die Notaufnahme zu fahren.

    Dort trafen wir auf das Paar, das vor uns im Warteraum gesessen hatte. Wie sie uns erzählten, hatte die Kinderärztin sie (nach fast einer Stunde im Behandlungsraum) ebenfalls an die Notaufnahme verwiesen.

    Bei uns ging nach der Triage alles sehr schnell: Aufgrund seines Zustandes wurde unser Kind vorgezogen. Die Diagnose lautete beidseitige Mittelohrentzündung. Die diensthabende Kinderärztin zeigte sich verwundert, dass unser Kind nach gut zwei Tagen mit so hohem Fieber noch keiner Ärztin bzw. keinem Arzt vorgeführt worden war. Als wir kurz unsere Erfahrung schilderten, antwortete sie mit einem lapidaren: »Wir kennen das«.

    Uns wurde ausdrücklich empfohlen, das verschriebene Antibiotikum noch am selben Abend über den Nachtdienst der Turnusapotheke zu besorgen, da ein späterer Behandlungsbeginn ein unnötiges Risiko dargestellt hätte.

    Einige Tage später wandten wir uns zur Kontrolle an eine privat bezahlte Kinderärztin. Als wir erklärten, dass wir wegen schlechter Erfahrungen mit der neuen Kinderärztin zu ihr gekommen seien, wusste sie — ohne dass wir den Namen überhaupt genannt hatten — sofort, um wen es sich handelte. Sie sagte uns zudem, dass sie gar keine Facharztausbildung habe, eine Information, die wir nicht überprüfen können. Das ärgere sie doppelt: Einerseits fachlich, andererseits auch, weil Personen, die einen ausländischen Facharzttitel haben, oft längere Zeit nicht praktizieren dürften. »Und jetzt stellen sie Leute ganz ohne Facharztausbildung ein.«

    Unser Entschluss steht inzwischen fest: Entweder wir versuchen erneut, die Kinderärztin bzw. den Kinderarzt zu wechseln, oder wir werden nur noch privat zur Kinderärztin gehen und selbst bezahlen.

    Wir können uns das zum Glück leisten, auch wenn es eine zusätzliche Belastung darstellt. Viele andere Familien können es wahrscheinlich nicht. Wer nicht privat ausweichen kann, muss aber unter Umständen eine Versorgung akzeptieren, die womöglich selbst zum Gesundheitsrisiko wird.

    Willkommen in der Zweiklassenmedizin.

    Hinweis an den Gesundheitsbetrieb: Dieser Bericht ist ausdrücklich nicht eine Genehmigung, die Identität oder die Krankengeschichte der Betroffenen publik zu machen.

    Cëla enghe: 01

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      Die Namen der Betroffenen sind uns bekannt ↩︎

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  • Selbstbestimmung: Québec widerspricht Mark Carney.

    Wenn nichts mehr dazwischenkommt, werden die Einwohnerinnen der kanadischen Provinz Alberta im Herbst darüber abstimmen, ob ihre Regierung ein offizielles Selbstbestimmungsreferendum in die Wege leiten soll. Welche Mehrheit in einem solchen Referendum notwendig wäre, um eine allfällige Loslösung von Kanada zu besiegeln, werde jedoch Ottawa entscheiden, ließ der kanadische Premierminister Mark Carney vor wenigen Tagen ausrichten.

    Diese Aussage wiederum sorgte in Québec für heftige Reaktionen. Unverzüglich wiesen Politikerinnen des gesamten politischen Spektrums die Worte von Carney entschieden zurück.

    Hintergrund ist der sogenannte Clarity Act, den das kanadische Parlament im Jahr 2000 verabschiedete. Das Gesetz legt die Bedingungen fest, unter denen die Bundesregierung im Falle eines erfolgreichen Unabhängigkeitsreferendums in Verhandlungen über eine Sezession eintreten würde. Unter anderem müsse in einem Referendum auf der Grundlage einer »klar formulierten Frage« eine »klare Mehrheit« zustande kommen.

    Die schwammige Formulierung wurde über die Jahre immer wieder kritisiert, weil sie alles andere als clarity schafft: Weder definiert das Gesetz, wie eine »klare Frage« konkret auszusehen hat, noch legt es fest, ab wann eine Mehrheit als »klar« gelte. Damit verbleibt ein erheblicher Interpretationsspielraum bei den föderalen Institutionen in Ottawa.

    Bereits zwei Tage nach Verabschiedung des Clarity Act verabschiedete das Parlament von Québec das Gesetz Nr. 99, mit dem das Recht auf Selbstbestimmung der Provinz bekräftigt und gleichzeitig festgehalten wird, dass 50 Prozent plus eine Stimme eine »klare Mehrheit« darstellen. Kein anderes Parlament und keine andere Regierung habe das Recht, dem demokratischen Willen der Bevölkerung von Québec Grenzen zu setzen.

    Entsprechend scharf wurde die aktuelle Stellungnahme von Mark Carney quittiert: Die Assemblée nationale du Québec verabschiedete postwendend einen Antrag, mit dem die Worte des Premierministers verurteilt wurden. Außerdem — so der Text — stehe es ausschließlich der Bevölkerung von Québec zu, über die eigene politische Zukunft zu befinden, und zwar auf Grundlage einer einfachen Mehrheit von 50 Prozent plus eins.

    Die Vorlage wurde von sämtlichen im Parlament der frankophonen Provinz vertretenen Parteien einstimmig genehmigt — also sowohl von den separatistischen als auch von den föderalistisch-unionistischen Kräften. Selbst Parteien, die die Unabhängigkeit Québecs ablehnen, verteidigen damit das Prinzip, dass demokratische Selbstbestimmung nicht eingeschränkt werden dürfe.

    Cëla enghe: 01



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