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  • Gennaccaro, der Gemäßigte.

    Er wurde schon als Garant für eine Verankerung der Koalition zwischen SVP und Recht(sextrem)en in der Mitte gehandelt, selbst sieht er sich zumindest als »nicht rechts«, wie er vor wenigen Tagen in einem Salto–Interview sagte. Mäßigung wird Angelo Gennaccaro (La Civica) fast überall bescheinigt.

    Ich selbst hatte bereits darauf hingewiesen, dass er im Vorfeld der Gemeinderatswahl 2016 in seiner Rolle als Bürgermeisterkandidat eine homophobe Selbstverpflichtung der einschlägigen Bewegung Generazione Famiglia LMPT unterzeichnet hatte. Ihm gleich taten es sonst nur Kandidatinnen der Rechten (Uniti per Bolzano, Alleanza per Bolzano und Lega Nord). Damit stellte sich Gennaccaro auch gegen jegliche Form der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare, die damals in Italien (als einziges westeuropäisches EU-Land) noch nicht gegeben war.

    Nun wurde mir eine Kopie der von ihm ausgefüllten und unterzeichneten Vorlage zugespielt, die ich hier wiedergebe:

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    Von dieser äußerst bedenklichen Verpflichtung zur Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare hat sich Gennaccaro meines Wissens bis heute nicht distanziert. Ist er damit ein Rechter? Nach meiner Auffassung ja. Doch längst sind selbst viele dezidiert rechte Kräfte in Europa so weit, dass sie die Gleichberechtigung von Homosexuellen explizit mittragen. Und auch die SVP ist insgesamt sehr viel weiter als der nunmehrige Landtagsabgeordnete der Civica.

    Als gemäßigt kann Gennaccaro mit dieser Position höchstens gelten, weil die gesamte politische Landschaft in Italien sehr weit nach rechts verschoben ist. Und weil er im Vergleich zu den übrigen Koalitionspartnerinnen der Volkspartei wie ein Lämmchen wirkt.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 || 01 02



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  • Politischer Kolonialismus?

    Ist es schlicht Naivität? Wollte sie eine bestimmte Reaktion auslösen? Bei der Landtagssitzung vom 18. Jänner hat Grünen-Frontfrau Brigitte Foppa im Vorfeld der Wahl von Arno Kompatscher (SVP) zum Landeshauptmann versucht, auf die Tränendrüse von Marco Galateo (FdI) und Christian Bianchi (Uniti/Lega) zu drücken, indem sie sie als bedauernswerte Opfer von »politischem Kolonialismus« darstellte. Arme, arme Extremisten, die angeblich von der Volkspartei nicht ernst genug genommen werden.

    Dabei kann die Bezeichnung durchaus als eine Art Täter-Opfer-Umkehr betrachtet werden: Sollen wirklich die politischen Nachfolger der Kolonisierer, die sich von den Taten ihrer Vorgänger nie distanziert haben, ja sogar beharrlich an jeder noch aufrechten »Errungenschaft« des Faschismus festhalten und anderen bis heute eine Identität aufoktroyieren wollen, plötzlich die Kolonisierten sein? Das erinnert an eine weitere Umkehr, mit der diese Herrschaften den Minderheitenschutz pervertieren wollen, indem sie kurzerhand die nationale Mehrheit zur eigentlichen Minderheit stilisieren.

    Suggerieren wollte Foppa mit ihrem Sager, dass die baldigen Landesräte von der SVP in die Ecke gestellt worden seien. Es darf daran erinnert werden, dass die Recht(sextrem)en trotz eines schwachen Wahlergebnisses von Anfang an sehr aggressiv den Regierungsanspruch erhoben haben. Für die Volkspartei hätte es auch andere Optionen gegeben. Weiters haben sie im Fall einer Elferregierung beharrlich auf zwei italienische Landesräte bestanden. Da Arno Kompatscher dies ablehnte und sie ein Rechtsgutachten des Landtags nicht goutierten, übten sie so lange Druck aus, bis ein zweites Gutachten mit dem passenden Ergebnis eingeholt wurde. Als der Landeshauptmann dennoch eine kleinere Landesregierung in den Raum stellte, widersetzten sie sich dem. Und als die Mehrheitspartei signalisierte, im Falle einer Elferregierung mit zwei italienischen Landesräten einen Posten lieber an den gemäßigteren Angelo Gennaccaro vergeben zu wollen, griffen sie zur Erpressung: entweder beide oder gar nichts.

    In jedem einzelnen dieser Punkte setzten sich Galateo und Bianchi durch, für die SVP mit über viermal so vielen Abgeordneten ein demütigendes Schauspiel.

    Es wäre naiv zu glauben, dass das, was sich vor unseren Augen abgespielt hat, irgendetwas mit den Kräfteverhältnissen im Land zu tun hat. Vielmehr liegt dem knallharte Macht- und Interessenspolitik — politischer Kolonialismus — aus Rom zugrunde. Unter dem Titel Das römische Diktat thematisiert dies die TAZ in ihrer Wochenendausgabe, doch wer Augen und Ohren hatte, musste sich dieser Tatsache zu jeder Zeit bewusst sein. Viel zu offensichtlich war der Einfluss der Bosatras, Lollobrigidas, Calderolis, Donzellis, Salvinis und wie sie sonst noch alle heißen schon die ganze Zeit. Von Autonomie keine Spur.

    Zu allem Überfluss sieht es jetzt noch danach aus, als könnten Galateo und Bianchi in Summe mehr und wichtigere Zuständigkeiten erhalten als Massimo Bessone und Giuliano Vettorato (beide Lega) im Vorgängerkabinett, obwohl sie zwei von neun (statt wie jetzt zwei von elf) Regierungsmitgliedern waren.

    FdI und Uniti/Lega in diesem Kontext zu bemitleiden und als arme Opfer der SVP darzustellen, geht an der Realität völlig vorbei.

    Cëla enghe: 01 02 || 01 02 03



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  • Faschistengruß: Alles kann, nichts muss.

    Am 18. Jänner sollten die vereinigten Sektionen des italienischen Kassationsgerichts — möglichst ein für alle Mal — klären, wie der Faschistengruß gemäß Scelba–1Gesetz Nr. 645/1952, Art. 5 und gemäß Mancino-Gesetz2Gesetz Nr. 205/1993, Art. 2 zu ahnden sei, da hier die gerichtliche Praxis während der letzten Jahre unterschiedlich, ja sogar äußerst widersprüchlich war. Wer sich jedoch einen klaren Entscheid im Sinn eines Verbots erhofft hatte, wurde enttäuscht. Jubeln durften im Anschluss vor allem faschistische Bewegungen wie CasaPound.

    Den Erwägungen des italienischen Höchstgerichts zufolge ist der Faschistengruß nicht grundsätzlich zu verurteilen. Vielmehr müssten für die Strafbarkeit eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, das konkrete Risiko einer Neugründung der aufgelösten Faschistischen Partei beziehungsweise ein Zusammenhang mit rassistischer, ethnischer, nationaler oder religiöser Diskriminierung oder Gewalt vorliegen. Der entsprechende Nachweis ist natürlich bei jedem Verfahren im Einzelfall zu führen, was eine sehr hohe Hürde für die Ahndung des faschistischen Grußes oder anderer, ähnlich gearteter Äußerungen faschistischer Gesinnung darstellt.

    Erst 2018 hatte das Kassationsgericht selbst den letztinstanzlichen Freispruch von Rechtsextremisten gutgeheißen, die bei einer öffentlichen Veranstaltung den Arm zum Faschistengruß erhoben hatten. Demnach stelle die Geste keine strafbare Handlung dar, wenn sie im Rahmen einer Gedenkfeier ausgeführt wird. Dies könnte dann auch für Acca Larentia oder die jährliche Veranstaltung für Sergio Ramelli in Mailand gelten, wenn keine unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit besteht. Wenige Jahre zuvor hatte ein toskanisches Gericht geurteilt, dass Faschistengrüße auch in Sportstätten erlaubt seien.

    Während sich rechtsextremistische Kräfte in Italien immer weiter ausbreiten, schafft es der Staat also noch nicht einmal, die offensichtlichsten Äußerungen faschistischer Wiederbetätigung zu untersagen. Der jetzt ergangene Grundsatzentscheid öffnet Faschistinnen gar Tür und Tor: Solange nicht die sehr spezifischen Umstände vorliegen, auf die die Tatbestände laut Scelba– und Mancino-Gesetz nun eingegrenzt wurden, kann der Faschistengruß fortan in jeder Alltagssituation ungestraft erfolgen.

    Cëla enghe: 01 02 03 || 01 02 03

    • 1
      Gesetz Nr. 645/1952, Art. 5 ↩︎
    • 2
      Gesetz Nr. 205/1993, Art. 2 ↩︎


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  • Ulli Mair oder wie die Zeiten sich ändern.

    Wenn sich die SVP in Zukunft vorbehält, ihre eigenen Gedenkveranstaltungen zu organisieren, dann ist das ihr gutes Recht. Wie wär’s mit einem jährlichen Aufmarsch anlässlich des 4. Novembers vor dem Siegesdenkmal, gemeinsam mit dem neuen Partner Holzmann?

    Ulli Mair, Landtagsabgeordnete der Freiheitlichen

    Leserbrief in der TAZ vom 3. Dezember 2003

    Was war geschehen? Die Südtiroler Volkspartei hatte Giorgio Holzmann von Alleanza Nazionale zum stellvertretenden Landtagspräsidenten gewählt. Daraufhin hatten sie die Schützen von der Teilnahme an der Sepp-Kerschbaumer-Gedenkfeier ausgeladen — was Ulli Mair zu ihrer hämischen Stellungnahme veranlasste.

    Zwanzig Jahre später schickt sich Mair an, die politischen Nachfolger von Giorgio Holzmann nicht etwa in eine institutionelle Stellvertreterrolle zu wählen, sondern gar mit ihnen zu koalieren und zu regieren. Wobei sogar darauf hinzuweisen ist, dass Holzmann im Schlepptau von Gianfranco Fini wenigstens einen Schritt der vordergründigen Distanzierung vom Faschismus mitgemacht hatte, während sich diejenigen, mit denen die Freiheitliche nun Arm in Arm geht, beharrlich weigern, vom Regime Benito Mussolinis Abstand zu nehmen.

    Ihren eigenen Schlussfolgerungen von damals zufolge wird die baldige Landesrätin in einem knappen Jahr beim Siegesdenkmal zu bestaunen sein. Oder darf es sogar Acca Larentia sein?

    Cëla enghe: 01 02 03 04 || 01 02 03



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  • Italien: Revisionistischer Heereskalender.

    Die Neofaschistinnen und neuen Koalitionspartner der SVP arbeiten eifrig an einer immer weiter fortschreitenden Diskursverschiebung und an der inzwischen völlig unverschämten Gleichsetzung von Faschismus und Antifaschismus. So steht der diesjährige Kalender der italienischen Streitkräfte unter dem Motto »Für Italien immer / …vor und nach dem 8. September 1943«1Original: »Per l’Italia sempre / …prima e dopo l’8 settembre 1943«. Damit wird auf den Zeitpunkt Bezug genommen, an dem das Königreich Italien die Seiten wechselte und nicht mehr mit den Nazis, sondern mit den Alliierten gegen sie kämpfte. Wenige Wochen später wurde die faschistische Sozialrepublik RSI gegründet, die weiterhin an der Seite Nazideutschlands stand. Der Titel des Kalenders suggeriert also eine Gleichwertigkeit zwischen dem Dienst für ein verbrecherisches Regime einerseits und seiner Bekämpfung andererseits, die sich offenbar dadurch ergebe, dass dieser Dienst in beiden Fällen im Interesse Italiens erbracht worden sei. Im Vorwort des Kalenders, das von General Pietro Serino verfasst wurde, wird denn auch betont, dass es sich vor und nach dem 8. September um »dieselben Männer, dieselben Helden«2Original: »Gli stessi uomini, gli stessi eroi.« gehandelt habe. Um diese Gleichmacherei zu rechtfertigen, wurde jeder Monat einem Soldaten gewidmet, der bereits eine Ehrung vom faschistischen Regime erhalten hatte, bevor ihm die Republik eine weitere verlieh. Seht her, alle die sich an der Seite der Alliierten verdient gemacht haben, waren zuerst gute Faschisten gewesen.

    Offizielles Werbevideo (Ausschnitt) – Querbalken von mir

    Dass die ungeheuerliche Idee für diese Ausgabe des Kalenders übereinstimmenden Medienberichten zufolge von Isabella Rauti (FdI) stammen soll, überrascht kaum. Die Tochter des RSI-Kämpfers und späteren Gründers der faschistischen Terrororganisation Ordine Nuovo, Pino Rauti (MSI), hat aus ihrer Gesinnung noch nie ein Hehl gemacht. Im März des letzten Jahres war sie übrigens in Südtirol, um einer Übung der Alpini beizuwohnen.

    Ganz besonders perfide ist, dass die rechtsrechte Regierung nun Kritikerinnen des Kalenders als Kritikerinnen des Heeres abstempelt und ihnen vorwerft, die Streitkräfte für politische Zwecke zu missbrauchen, als ob nicht zuallererst sie selbst dies tun würden.

    Eine kritische Aufarbeitung der faschistischen Geschichte hat es auch beim italienischen Heer nie gegeben. So werden Schlachten in Afrika und Osteuropa nach wie vor verherrlichend gefeiert, und zwar unabhängig davon, wer gerade das Land regiert. Dies macht es den Neofaschistinnen nun umso leichter, ihre Gleichwertigkeitsdoktrin zu etablieren. Der nächste Schritt wird es dann womöglich sein, die Faschisten gar als überlegen oder zumindest — wie im Fall des Gedenkens an die Karsthöhlen vorexerziert — als die wahren Opfer darzustellen.

    Zu den drei Hauptsponsoren des Kalenders gehört neben den Rüstungskonzernen Leonardo und BDT (Beretta) auch Iveco Defence Vehicles mit Sitz in Bozen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 || 01 02 03 04

    • 1
      Original: »Per l’Italia sempre / …prima e dopo l’8 settembre 1943« ↩︎
    • 2
      Original: »Gli stessi uomini, gli stessi eroi.« ↩︎


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  • Polit-Crash in Zeitlupe.
    Quotation

    Heute wird Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) voraussichtlich im Amt bestätigt, diesmal von einer Koalition mit postfaschistischer Beteiligung. Sebastian Fischer schreibt auf Spiegel Online zur »Lage am Morgen«:

    Postfaschisten in Südtirol

    Im Norden Italiens, einem der wohlhabendsten Landstriche, wird man in den nächsten Monaten und Jahren womöglich einem Polit-Crash in Zeitlupe zuschauen können: Wie eine über viele Jahrzehnte herrschende christdemokratische Partei erst die Postfaschisten in die Regierung holt, sie dadurch im Land etabliert, sich in der Folge von Rechtsaußen treiben lässt – und bei Wahlen weiter abrutscht. Wetten?

    – Spiegel Online (Auszug)

    Mit Prognosen halte ich mich zwar grundsätzlich zurück, doch auch nur das Risiko, dass es so kommen wird, hätte man unbedingt vermeiden müssen. Und stattgefunden hat eine derartige Verschiebung ohnehin bereits zwischen 2018 und 2023. Jetzt schon steht Südtirol jedenfalls als nicht nachzuahmendes Beispiel da: Fischer zitiert Kompatscher abschließend mit der Aussage, man wolle hier »keine Plattform für irgendetwas Größeres« (etwa Koalitionen auf EU-Ebene) sein — und bemerkt lapidar: »Vielleicht auch besser so.«

    Von wegen kleines Europa in Europa.

    Cëla enghe: 01 02 03 04



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  • Sezessionismus in der EU.
    Veranstaltungshinweis

    Am Montag, den 5. Februar um 17.30 Uhr findet an der Eurac in Bozen die jährliche Vorlesung über Minderheitenrechte, diesmal zum Thema

    Sezessionistische Forderungen in der Europäischen Union

    Eine europäische Sichtweise im Dialog mit lokalen Dynamiken und historischen Perspektiven 

    statt. Emanuele Massetti, außerordentlicher Professor der Fakultät für Internationale Studien der Universität Trient, wird

    auf Grundlage seines kürzlich erschienenen Buches „L‘Unione europea e le sfide secessioniste“ (il Mulino 2023) über die Perspektiven und Grenzen von Unabhängigkeitsinitiativen sprechen. Welche Rolle hat die Europäische Union bei der Entwicklung von Sezessionsbestrebungen gespielt? Welche Position vertritt die EU gegenüber solchen Forderungen? Wie gehen die verschiedenen europäischen Institutionen mit dem Thema um? Und wie realisierbar sind Unabhängigkeitsprojekte in Europa im Allgemeinen?

    Nach dem Vortrag wird Professor Massetti mit Oskar Peterlini, Professor an der Freien Universität Bozen und wissenschaftlicher Berater des Buches „Kann Südtirol Staat?“ über die Südtiroler Perspektive zu diesem Thema diskutieren. Josef Prackwieser vom Center for Autonomy Experience wird den Abend mit einem historischen Überblick zu Sezessionsbewegungen abrunden.

    – aus der Einladung

    Linksetzung von mir

    Die Veranstaltung wird vom Institut für Minderheitenrecht der Eurac in Zusammenarbeit mit dem Center for Autonomy Experience und der Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft – Politika organisiert. Sprache: Italienisch.



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