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  • Die Repräsentationskrise hat auch eine Sprache.


    Wessen Sprache im Landtag zählt, war im Frühjahr eine der aufgeladensten Debatten der Südtiroler Politik. Seit der Entscheidung, den Dialekt aus dem Parlament zu verbannen, ist es ruhiger geworden. Die zentrale Frage ist allerdings offen geblieben: Geht es beim Dialekt um Verständigung, oder um etwas, das sich mit Meinungen allein nicht klären lässt?

    Ich habe an dieser Stelle argumentiert, dass die Dialektdebatte einen unterschwelligen Konflikt offenlegt: um Lebenswelten, Status und die Frage, wessen Stimme in der Demokratie als legitim gilt. Festgemacht war das an den öffentlichen Diskursen politischer und Meinungseliten. Meine These war: Die Repräsentationskrise hat auch eine sprachliche Dimension. Jetzt liegen Daten vor, fast so, als wären sie auf Maß bestellt worden.

    In der renommierten Zeitschrift Political Studies zeigen Martin Gross (LMU München) und Constantin Wurthmann (Uni Mainz) anhand breiter Umfragedaten aus Deutschland, dass sich Dialektsprecher:innen schlechter vertreten fühlen als Nicht-Dialektsprecher:innen – und dass sie deutlich stärker von Menschen vertreten werden wollen, die reden wie sie.

    Das allein wäre noch erwartbar. Bemerkenswert ist, was übrig bleibt, wenn man alles andere herausrechnet. Man könnte ja vermuten, hinter dem Effekt stecke etwas Handfesteres: Bildung, Alter, Einkommen, Stadt oder Land, Zufriedenheit mit der Demokratie, am Ende die politische Gesinnung. Die Studie kontrolliert all das, und zur Sicherheit auch noch die Wahlabsicht, von der Linken bis zur AfD. Der Zusammenhang hält. Es sind nicht die Ungebildeten, nicht die Abgehängten, nicht die Rechten. Es bleibt, nach Abzug von allem, die Sprache, soweit Umfragedaten das zeigen können.

    Damit verschiebt sich die Beweislast, zumindest jener Kritiker:innen des Dialekts, die sich auf Inklusion berufen. In der Südtiroler Debatte steht die Hochsprache als neutrale Lingua Franca im Raum, als Garantin einer offenen Gesellschaft, während der Dialekt als Instrument der Ausgrenzung erscheint. Das klingt nach Fairness. Aber wenn Dialektsprecher:innen sich in einem hochsprachlich dominierten System schlechter vertreten fühlen – unabhängig von Bildung, Einkommen und politischer Haltung –, dann ist die Hochsprache alles andere als inklusiv. Auch sie hat ein »Wir«, nur eines, das als Normalität auftritt und deshalb unsichtbar bleibt. Michael Billig nennt das »banalen Nationalismus«. Die Studie macht ihn sichtbar, bis in die politische Repräsentation hinein. Wohlgemerkt in Deutschland, wo die Hochsprache weitaus etablierter ist als in Südtirol.

    Denn Repräsentation ist ein kommunikativer Akt: Nicht nur, was ein:e Politiker:in sagt, zählt, sondern auch wie. Wer den Dialekt seiner Wähler:innen spricht, sendet ein Signal – für Ortsbindung und geteilten Hintergrund. Nicht weil damit inhaltlich etwas anderes gesagt wird, sondern weil die Sprache selbst eine Form der Anerkennung ist. Wer sich dauerhaft sprachlich nicht wiedererkannt fühlt, verliert das Vertrauen in die Institution.

    Was geschieht, wenn sich das Gefühl, sprachlich nicht repräsentiert zu sein, in Gemeinschaften verfestigt?

    Daniel Ziblatt und seine Kollegen zeigen, dass sprachliche Distanz zum hochdeutschen Zentrum mit höherer Zustimmung zur radikalen Rechten einhergeht. Nicht der Dialekt treibt die Menschen nach rechts, sondern das, was er über Generationen markiert: peripheren Status, das Gefühl, am Rand zu stehen, und Misstrauen gegenüber den Eliten des Zentrums. Ein Gefühl, das tiefer sitzt als jede aktuelle Debatte. Kaitlin Alper und Caroline Lancaster ergänzen den Befund aus zehn westeuropäischen Ländern: Wo regionale Identität stark verankert ist, sind Menschen weniger anfällig für die radikale Rechte, allerdings nur dort, wo diese auf Staatsnationalismus setzt. Wo die radikale Rechte selbst regionalistisch auftritt, greift dieser Schutz nicht.

    In Südtirol trifft beides zugleich zu. Die differenzierte Identität hält den italienischen Staatsnationalismus auf Distanz. Aber auch innerhalb der deutschsprachigen Gemeinschaft verläuft ein Zentrum-Peripherie-Gefälle. Die Zentren stehen den Talgemeinschaften gegenüber, die wirtschaftlich schwächer, interethnisch distanzierter und mundartlich je eigen geprägt sind. Auch Autonomie kann ein eigenes Gefälle erzeugen: Studien aus dezentralisierten Systemen zeigen, dass die Peripherie die Vorteile der Selbstverwaltung oft weniger spürt als das Zentrum.

    Und die radikale Rechte bedient sich genau jener Symbole, die der Mainstream aus dem institutionellen Raum drängt. Wer den Dialekt aus dem Parlament verbannt, überlässt nicht nur ein Symbol, sondern ein Repräsentationsangebot: die Geste, für Menschen zu sprechen, die sich sprachlich nicht wiedererkannt fühlen. Regionale Identität ist kein demokratisches Risiko an sich. Entscheidend ist, wer sie besetzt, und ob »die Mitte« den Fehler begeht, sie kampflos abzutreten.

    Niemand behauptet, man müsse fortan im Dialekt regieren. Man darf die Hochsprache im Landtag verteidigen, aus guten Gründen. Was man nach diesen Daten schwerer behaupten kann, ist, das geschehe neutral und allein zum Schutz der Schwächeren. Die Frage war nie, ob der Dialekt in den Landtag »gehört«. Die Frage ist, was es kostet, ihn draußen zu halten. Der Maurer aus Villanders hat sie gestellt. Jetzt steht die Antwort in den Daten.

    Matthias Scantamburlo ist Politikwissenschafter und forscht an der Universität Deusto (Bilbao)


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  • Ein Schlag gegen die Autonomie?
    Podcast Teil 2


    Die Verhaftung von Landesbeamten durch die Antimafia-Staatsanwaltschaft besorgt Hans Heiss

    Zeigt der Staat mit dieser Aktion dem Land seine Grenzen auf? Die Antimafia-Staatsanwaltschaft von Trient wirft den inzwischen Enthafteten mafiaähnliche Praktiken vor. Für den Herausgeber der Neuen Südtiroler Tageszeitung, Arnold Tribus, ein schockierender Vorgang. Damit schade sich die Justiz selbst, sagt er. Und Heiss vermutet hinter den Ermittlungen gar einen Schlag gegen die Autonomie. Inzwischen sind die fünf Südtiroler Verdächtigten aus der U-Haft entlassen worden.

    Ein Podcast von Wolfgang Mayr:

    Serie I II

    Cëla enghe:


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  • Die Brennerautobahn kennt keine Landesstraßen.

    Die Brennerautobahn, die der zweisprachigen Beschilderung angeblich »besondere Aufmerksamkeit« schenkt, dann aber merkwürdigerweise immer und immer (sowie immer und immer) wieder daran scheitert, kennt keine Landesstraßen.

    Wie die folgenden Bilder zeigen, werden sie auf den Schildern an den Abfahrten lediglich mit »SP« (für strada provinciale) aber nicht mit »LS« (für Landesstraße) angegeben:

    Ohnehin sind auf den Schildern dieser nach Verkehrsaufkommen bedeutendsten Verkehrsachse des Landes die Hinweise in italienischer Sprache und die italienischen Ortsnamen konsequent erstgereiht. Ladinisch fehlt hingegen auch dort gänzlich, wo auf Ortschaften in der Ladinia (Gherdëina, Jëuf de Sela, Jëuf de Frea…) verwiesen wird.

    Hinzu kommt ein weiterer bemerkenswerter Aspekt: Die Mitglieder der Borghi più belli d’Atreju genießen offenbar eine Vorzugsbehandlung. Beim flüchtigen Vorbeifahren hatte ich immer gedacht, dass den betreffenden Ortschaften — wie Kastelruth und Klausen — bloß das Logo dieses Privatvereins beigefügt wird, wenn sie sowieso angeführt werden. Schon das wäre fragwürdig. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber: Die Orte werden angeführt, weil sie Teil dieser Vermarktungsinitiative sind.

    Dass ein privater Verein, der schon im Namen eine banal-nationalistische Perspektive transportiert, auf den offiziellen Hinweistafeln einer internationalen Transitautobahn derart prominent berücksichtigt wird, während gleichzeitig die Minderheitensprachen marginalisiert werden, ist durchaus bezeichnend.

    Mitverantwortung dafür tragen nicht zuletzt auch die öffentlichen Anteilseigner der Brennerautobahn — insbesondere das Land Südtirol sowie die Gemeinden Bozen und Meran. Gerade sie sollten besonders darauf achten, dass die gleichberechtigte Sichtbarkeit der Landessprachen gewährleistet ist.

    Cëla enghe: 01 || 01 02



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  • Die ÖBB und die Südtiroler Ortsnamen.


    Gastbeitrag1Name der Autorin/des Autors ist uns bekannt

    Wer mit grenzüberschreitenden Zügen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), beispielsweise dem Railjet, durch Südtirol fährt, wird feststellen, dass auf den Zugdisplays und in den Durchsagen die italienischen Ortsbezeichnungen meist vor den deutschen angeführt werden. Die Antwort des österreichischen Verkehrsministers Peter Hanke vom November 2025 auf eine parlamentarische Anfrage gibt Auskunft über den Hintergrund dieser Praxis:

    Im grenzüberschreitenden Bahnverkehr gilt die internationale Praxis, dass die Zugangs- und Betriebsdaten, einschließlich der Ortsbezeichnungen, so übernommen werden, wie sie vom jeweiligen Infrastrukturbetreiber vorgegeben sind. Auf italienischem Staatsgebiet ist dies die Rete Ferroviaria Italiana (RFI), die die Ortsnamen konsequent in der Form italienisch/deutsch vorgibt. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) haben die von der RFI vorgegebenen Ortsbezeichnungen übernommen, wobei beide Sprachvarianten hinterlegt sind. Eine ausschließliche Verwendung italienischer Ortsbezeichnungen ist nicht vorgesehen, die Bevorzugung einer Sprache kann nicht festgestellt werden.

    Bildausschnitt ÖBB-Portal

    Ob diese Praxis gesetzlich verpflichtend ist oder ob sie lediglich aus Gründen der guten nachbarschaftlichen Beziehungen angewandt wird, geht aus der Anfragebeantwortung nicht hervor. Wer auf dem ÖBB-Portal nach Südtiroler Orten sucht, wird feststellen, dass die internationale Praxis auch dort konsequent umgesetzt wird.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05

    • 1
      Name der Autorin/des Autors ist uns bekannt ↩︎

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  • Konsequent durchgesetzte Straßenverkehrsordnung?

    Im Leitartikel der aktuellen ff-Ausgabe behauptet Verena Pliger allen Ernstes, Italien habe eine »strenge Straßenverkehrsordnung«, die überall »konsequent durchgesetzt« werde — nur auf den Pässen nicht. Vielleicht ist mir ihre Ironie auf sagenhafte Weise entgangen, dann entschuldige ich mich im Voraus für das, was folgt. Doch wenn dies — wie ich denke — nicht der Fall ist, weiß ich echt nicht, auf welchem Planeten sie ihre Beobachtung gemacht hat.

    Auf dem Planeten Erde gibt es in Italien zwar tatsächlich eine strenge Straßenverkehrsordnung mit teils absurden Vorschriften (vgl. 01 02) und oft drakonischen Strafen. Bei der Durchsetzung sieht es jedoch in vielerlei Hinsicht höchst miserabel aus. Während der letzten Jahrzehnte haben insbesondere rechtspopulistische Innen- und Verkehrsminister dafür gesorgt, dass etwa Radarkontrollen nahezu unmöglich geworden sind. Dabei gilt überhöhte Geschwindigkeit als einer der wichtigsten Risikofaktoren für schwere Unfälle mit Toten und Verletzten.

    Nicht nur, dass in Italien jede Geschwindigkeitskontrolle vorher angekündigt werden muss, damit Rasende rechtzeitig abbremsen (und dann wieder unbehelligt beschleunigen) können. Darüber hinaus fehlen klare Regeln für die Zulassung der Messgeräte, womit Einsprüchen Tür und Tor sperrangelweit offenstehen. Und nicht zuletzt dürfen seit einer kürzlich eingeführten Neuerung unter anderem Limits unter fünfzig Stundenkilometer grundsätzlich nicht mehr überwacht werden.

    Mir persönlich ist kein Land der Erde bekannt, in dem den Ordnungshüterinnen bei der Geschwindigkeitsüberwachung mit ähnlich kafkaesken Vorschriften die Hände verbunden wurden — schon gar nicht die angrenzenden.

    Nicht der angeblich »super Asphalt« (Pliger) unserer Straßen dürfte also der Grund für die immer dreisteren Angebote internationaler Rennveranstalter auf Südtirols Passstraßen sein, sondern neben dem atemberaubenden Panorama wohl vor allem die bei einschlägig Interessierten seit Jahren weit über die Grenzen hinaus bekannte Tatsache, dass die Polizei den Möchtegernpiloten weitgehend tatenlos beim Driften zusehen muss. Der italienische Gesetzgeber hat ein System erschaffen, das vor allem zur Durchsetzung des Rechts des Stärkeren dient. Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz interessieren Salvini und Co. nicht im Mindesten.

    Den Begriff »Bananenrepublik« vermeide ich zwar normalerweise, doch was die Durchsetzung grundlegender Verkehrsregeln betrifft, gehört Südtirol leider wirklich zu einer.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 | 08



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  • Zug nach ›Innsbruck Centrale‹.

    Hier ist wieder einmal ein Beispiel dafür, wie der italienische Schienennetzbetreiber RFI in Südtirol die italienische und die deutsche Sprache ungleich behandelt. Manchmal geschieht dies ganz offensichtlich, andere Male — wie bei diesem Beispiel am Bahnhof Brixen — etwas subtiler, aber deshalb nicht weniger aufschlussreich:

    Nicht nur, dass Italienisch systematisch erst- und Deutsch zweitgereiht ist. Daran hat man sich zu sehr gewöhnt, obwohl man es nicht sollte (vgl.). Doch zudem wird der Abfahrtsort des Busses nach Bologna mit »Piaz[zale]« ausschließlich auf Italienisch angegeben.

    Vor allem aber wird für »Innsbruck Hbf« (Innsbruck Hauptbahnhof) die offiziell inexistente italienische Übersetzung »Innsbruck C.le« (Innsbruck Centrale) angezeigt, während umgekehrt »Bologna C.le« nicht etwa als »Bologna Hbf« übersetzt wird, sondern unverändert bleibt. Dabei wäre nur eines von beidem legitim und konsistent: Entweder man übersetzt die Bahnhofsbezeichnungen in beide Richtungen oder man belässt sie — dem internationalen Usus entsprechend — grundsätzlich in ihrer offiziellen Form.

    Dass dies nicht der Fall ist, offenbart eine asymmetrische Logik: Deutsche Bezeichnungen werden italianisiert, italienische hingegen bleiben im Deutschen unangetastet. Anpassung gibt es nur in eine Richtung.

    Ähnliches gilt auch für die Lautsprecherdurchsagen. Während — ebenfalls in Brixen — der nordwärts fahrende Eurocity RJ84 kurz vor 15 Uhr auf Italienisch mit Zielbahnhof »Monaco di Baviera« (Exonym) angekündigt wird, fährt der fast zeitgleich nach Süden startende RJ85 auch laut deutscher Ansage nach »Venezia Santa Lucia« (Endonym).

    Es mag sich dabei nur um Details handeln, doch sie fügen sich in ein größeres Gesamtbild ein. Dass solche »Kleinigkeiten« außerdem stets nur in eine Richtung weisen, spricht gegen bloße Nachlässigkeit oder Zufall. Italienisch wird so als Norm vermittelt, während Deutsch zweitgereiht, angepasst und übersetzt wird.

    Solche scheinbaren Nebensächlichkeiten prägen den öffentlichen Raum und vermitteln unterschwellig, welche Sprache als selbstverständlich gilt und welche eine untergeordnete Rolle einnimmt.

    Den Hinweis und das Video hat mir Wolfgang Niederhofer geschickt.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 09 || 01



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