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  • Sensationell: Regionalteam gewinnt Fußballweltmeisterschaft!
    Bunte Flaggenparade beim Sieg der Mannschaft aus Spanien

    Die Selección de fútbol de España hat gestern im Finale der 23. FIFA-Fußballweltmeisterschaft der Männer in den USA, Mexiko und Kanada im MetLife-Stadion in New Jesery (USA) die Albiceleste aus Argentinien mit 1:0 nach Verlängerung besiegt. Das Spiel war größtenteils Fußball zum Abgewöhnen – was aber nicht an der souveränen Furia Roja lag, sondern am über weite Strecken dekonstruktiv und unfair agierenden Gegner, der in der regulären Spielzeit kein einziges Mal einen Schuss in Richtung spanisches Tor abgab. Ein unrühmlicher Rekord. Ebenso unrühmlich war auch die Reaktion eines Teils der argentinischen Spieler nach der Niederlage. Tätlichkeiten (die dem Vernehmen nach auch nach dem Schlusspfiff noch zu einer roten Karte führten) und ein demonstratives Rückenkehren bei der Pokalübergabe an die spanischen Spieler waren Manifest dieser unappetitlichen Unsportlichkeit und ein gehöriger Schatten auf dem wohl letzten WM-Auftritt des GOAT, Lionel Messi.

    Wobei die Pokalübergabe durchaus sehenswerte Bilder bot (abgesehen vom POTUS der in narzisstischer Manier wieder einmal ein Jubelfoto crashen musste und nicht einmal von Gianni Infantino davon abgehalten werden konnte). Wie schon bei anderen Gelegenheiten (EM-Titel, U-19-Weltmeisterschaft usw.) zeigten die spanischen Spieler Flagge – und soweit ich das überblicken konnte in keinem Fall die spanische. Zahlreiche Weltmeister hüllten sich vor einem Milliardenpublikum in Flaggen der autonomen Gemeinschaften bzw. Regionen Spaniens oder ihrer Heimatstädte.

    Bildausschnitt von den Siegesfeierlichkeiten der Fußballweltmeisterschaft – Bildschirmfoto von mir

    Während der Jubelszenen, an denen auch König Felipe VI. beteiligt war, trugen Yeremi Pino und Pedri eine kanarische Flagge, Dani Olmo jene der Stadt Terrassa in Katalonien, Gavi hatte die andalusische Flagge um die Schultern und Borja Iglesias war in eine galicische Flagge gewickelt. Álex Baena nutzte die Flagge seiner Heimatstadt Roquetas de Mar als Schürze, Siegestorschütze Ferrán Torres war mit der Flagge der valencianischen Gemeinschaft unterwegs und Pau Cubarsi mit jener der katalanischen. Pedro Porro zeigte Farbe für die Extremadura (Angaben ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit).

    Das Verhalten der Spieler aus Spanien zeigt und bewirkt gleich mehrere Dinge: Es verleiht der föderalistischen Struktur des Königreichs sowie den Gebietskörperschaften und deren Kultur Sichtbarkeit – vor hunderten Millionen von Menschen. Es negiert die nationalistische Idee, dass es nur die eine – nämlich die nationale – Identität gäbe und man nur ein “guter Bürger” sei, wenn man sich ausschließlich zu dieser einen Identität bekenne. Gar manche Südtiroler Sportlerinnen können davon – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Lied (Stichwort: Mameli-Hymne) singen. Die Praxis spanischer Fußballteams hingegen unterstreicht das Prinzip multipler Identitäten. Weil sich die spanischen Spieler der nationalistischen Logik entziehen, weckt dies auch das Interesse der Medien und die Aktion wird dementsprechend rezipiert 01 02, was wiederum Aufklärung über regionale und lokale Begebenheiten bringt und weitere Exposition bedeutet.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 09



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  • Das Feigenblatt, das keines ist.


    Der Senatswahlkreis Bozen-Unterland und die Paketmaßnahme 111

    Etwas zu rechtfertigen, das nicht zu rechtfertigen ist, fällt immer schwer. Das zeigte sich auch vergangene Woche erneut sehr deutlich.

    Aus heiterem Himmel schlug die Nachricht ein, dass die Parlamentsmehrheit in Italien den Senatswahlkreis Bozen-Unterland neugestalten will. Von offizieller Südtiroler Seite gab es keinen Aufschrei, keinen Protest, kein Aufbegehren. Stattdessen wurde trocken und nüchtern mitgeteilt, dass die Neugestaltung nun erfolgen werde und man nichts dagegen unternehmen könne.

    Für besagte Neugestaltung soll das Unterland wahltechnisch »zerstückelt« und dessen Gemeinden zwischen den Wahlkreisen Bozen-Süd und Meran aufgeteilt werden. Man will sicherstellen, dass auch in Südtirol ein italienischer Senator bzw. eine italienische Senatorin gewählt wird. Zunächst wird dies Alessandro Urzì sein, ein ausgesprochener »Südtirolfreund« (Achtung Ironie!).

    Von politischer Seite versucht man, der Empörung dadurch zu entkommen, dass man auf die Paketmaßnahme 111 verweist. Alessandro Urzì und die römische Parlamentsmehrheit sollen sich darauf berufen haben, und man müsse den Verweis auch gelten lassen und der römischen Forderung zustimmen. Die Paketmaßnahme 111 besage nämlich, dass die Senatssitze in Südtirol verhältnismäßig zur Stärke der Volksgruppen zu vergeben sind. Daher sei einer der drei Südtiroler Senatssitze der italienischen Sprachgruppe vorbehalten.

    Das ist schlichtweg falsch (und es ist auch geschichtsvergessen).

    Das Paket wurde nämlich bereits umgesetzt und kann daher auch nicht mehr aufgeschnürt werden. Anders ausgedrückt: Es ist die derzeitige Regelung, die dem Paket entspricht, was Österreich mit der Streibeilegungserklärung von 1992 auch offiziell bestätigt hat. Wer die derzeitige Regelung abändert, erfüllt somit nicht das Paket, sondern verletzt vielmehr dessen Vorgaben.

    Vor allem aber wurde die Paketmaßnahme 111 eingeführt, um genau das zu verhindern, was nun geschehen soll.

    Zur Erinnerung: Die italienische Verfassung sieht vor, dass der Senat auf regionaler Ebene gewählt wird, das heißt, dass jeder Region eine bestimmte Anzahl an Senatssitzen zusteht. Für die Region Trentino-Südtirol waren dies ab 1948 die Wahlkreise Trient, Rovereto, Pergine, Mezzolombardo, Bozen und Brixen. Während das Trentino somit über vier der sechs regionalen Senatssitze verfügte, standen Südtirol und der deutschsprachigen Minderheit lediglich zwei zu (Bozen und Brixen). Dies war die Ausgangslage zu Beginn der Paketverhandlungen.

    Die Paketmaßnahme 111 hat Italien dazu verpflichtet, die damals bestehenden sechs regionalen Senatswahlkreise so abzuändern, dass  »die Teilnahme der Vertreter der italienischen und deutschen Sprachgruppen der Provinz Bozen im Parlament im Verhältnis zur zahlenmäßigen Stärke der Gruppen« ermöglicht wird.

    In Umsetzung dieser Vorgabe wurde der Wahlkreis Mezzolombardo aufgelöst, der Wahlkreis Meran eingeführt und der Wahlkreis Bozen so umgestaltet, dass beide Sprachgruppen Aussicht auf den entsprechenden Senatssitz haben.

    Der Sinn und Zweck der Paketmaßnahme 111 besteht darin, zu verhindern, dass die Mehrheit der regionalen Senatssitze automatisch der italienischen Sprachgruppe zufällt. Zudem geht es darum, die historisch gewachsenen Südtiroler Bezirke besser abzubilden.

    Bis zum Paket waren nämlich vier der sechs regionalen Senatswahlkreise klar der italienischen Sprachgruppe vorbehalten (Trient, Rovereto, Pergine und Mezzolombardo). Aufgrund der Paketmaßnahme 111 sind es hingegen nur mehr drei (Trient, Rovereto und Pergine) während im vierten – dem Senatswahlkreis Bozen-Unterland – beide Sprachgruppen Chancen auf den Wahlerfolg haben.

    Mit der nun anstehenden Änderung wird die Paketmaßnahme 111 im Wesentlichen aufgehoben.

    Sollte sie tatsächlich Erfolg haben, fallen vier von sechs regionalen Senatswahlkreisen italienischsprachigen Vertreterinnen und Vertretern zu, während die Vertretung der deutschen Sprachgruppe auf zwei Sitze zurückgestuft wird.

    Wir sind also wieder dort, wo wir 1969 waren. Alessandro Urzì hat 57 Jahre Paket- und Autonomiegeschichte im Handstreich abgewickelt. Und Südtirol sieht zu.


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  • ›Schottisch‹ in Westminster.

    Kürzlich hatte ich darüber berichtet, dass Schottland mit dem Scottish Languages Act 2025 Gälisch und Scots in den Rang von Amtssprachen erhoben hat. Im schottischen Parlament selbst können beide Sprachformen schon seit Jahren verwendet werden.

    In Südtirol ist die Lage bekanntlich eine ganz andere: Im Landtag ist Ladinisch bis heute nicht vorgesehen. Zudem wurde erst kürzlich beschlossen, dass dort auch keine Dialekte gesprochen werden dürfen.

    Schottische Abgeordnete sprechen hingegen nicht nur im Parlament in Edinburgh (Holyrood), sondern regelmäßig auch in Westminster eine ausgeprägt schottische Sprachvarietät. Dies beschränkt sich keineswegs auf den Akzent. Häufig werden auch typisch schottische Wörter (wie aye, wee, bairn, ken, outwith oder nae) und Wendungen verwendet, die südlich des Hadrianswalls ungebräuchlich bis unverständlich sind.

    Dabei handelt es sich zwar meist nicht um »reines« Scots, doch zwischen Englisch und Scots besteht ein sprachliches Kontinuum, die Übergänge sind fließend. Sprachliche Authentizität wird jedenfalls nicht als Problem betrachtet, sondern als selbstverständlicher Bestandteil politischer Kommunikation und demokratischer Repräsentation.

    Hier etwa eine Rede der ehemaligen SNP-Abgeordneten Mhairi Black im britischen Unterhaus:

    Und hier ein ziemlich erstaunliches Beispiel:

    Ich habe mich nicht näher mit der Materie in dem Sinne befasst, dass ich sagen könnte, welches die Abgeordneten mit dem stärksten schottischen »Einschlag« sind.

    Wer mit schottischen Sprachformen nicht vertraut ist, wird vermutlich Mühe haben, jedes Wort auf Anhieb zu verstehen. Das geht so weit, dass der Protokollierungsdienst des Hauses manchmal Schwierigkeiten mit der Verschriftlichung hat und bei den Abgeordneten nachträglich nachfragen muss, was sie gesagt haben. Dennoch käme wohl kaum jemand auf die Idee, daraus ein parlamentarisches Problem zu machen oder gar ein Dialektverbot abzuleiten.

    Im Gegenteil: Von Abgeordneten wird erwartet, dass sie so sprechen (dürfen), wie sie selbst und die Menschen in ihrer Herkunftsregion sprechen. Die sprachliche Vielfalt wird als Teil der demokratischen Realität verstanden und nicht als Makel, der aus dem Parlament beseitigt werden müsste. Eher wird — so wie es bereits möglich ist, in bestimmten Situationen Walisisch zu sprechen — über die Zulassung weiterer Sprachen auch im Londoner Parlament diskutiert als über eine Einschränkung der akzeptierten Varietäten.

    Ob es analog zu Südtirol auch in Schottland Menschen — etwa Zugewanderte aus London oder Oxford — gibt, die den Leuten auf sprachimperialistische Weise erklären wollen, wie sie zu reden hätten, weiß ich nicht. Wenn ja, lassen sie sich davon mit Sicherheit nicht beeindrucken.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 | 09



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  • BEeindruckend, NEbeneinander, LUXuriös.
    Belgien, Niederlande und Luxemburg in a Nutshell

    In der Folge eine völlig willkürliche Reihe an Beobachtungen, die meine Eindrücke einer Reise nach Benelux aus -politischer-Sicht zusammenfassen:

    • Das ist jetzt zwar keine bahnbrechende und auch keine neue Erkenntnis, aber die Radinfrastruktur in den Niederlanden ist insane. Die schiere Menge an Fahrrädern, die einem begegnet, ist überwältigend.

    Fährenterminal mit Fahrradparkplätzen und hunderten radfahrenden Fährenbenutzerinnen in der Nähe des Amsterdamer Bahnhofs

    Die Niederlande haben vor allem in den Städten – aber nicht nur dort, denn auch in der “Pampa” findet man zweispurige, von der Autofahrbahn durch Grünstreifen abgegrenzte, Radwege – ein Verkehrskonzept umgesetzt, das Fahrrädern ähnlich viel Platz – und stellenweise sogar mehr öffentlichen Raum – einräumt wie dem motorisierten Verkehr.


    Autos haben Nachrang und sind nur “Gast” auf dieser Straße in Maastricht.

    Viele Strecken in den Städten sind laut Google Maps mit dem Fahrrad schneller zu bewältigen als mit dem Auto. Für Autos gilt in Amsterdam fast flächendeckend eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 30 km/h. Entsprechend gut wird das Radwegenetz angenommen, obwohl die Niederlande jetzt nicht wirklich für stabiles Wetter und massig Sonnenstunden bekannt sind. Alt und Jung, Anzugmenschen und Studentinnen, Renn- und Lastenfahrradler sind nachhaltig und gesundheitsförderlich auf ihrem “Fiets” (niederländisch für Fahrrad) unterwegs.

    Bei all der Fahrradeuphorie kommt die Fußgängerinnenmobilität zumindest in manchen Teilen sprichwörtlich etwas unter die Räder. Das Überqueren der Straße kann zum Spießrutenlauf (inkl. fluchender niederländischer Radlerinnen) werden und manchmal ist das Ausweichen auf die Fahrbahn aufgrund zugeparkter Gehwege – Vorsicht Wortspiel – unausweichlich.

    Vollgeparkter Gehsteig auf einer Brücke in Amsterdam.

    • Entgegen landläufiger Meinung war und ist der Besitz, Konsum und Verkauf von Cannabis (und freilich auch harter Drogen) in den Niederlanden nicht legal. Es herrscht lediglich das sogenannte “Gedoogbeleid”-Prinzip, also eine Duldungspolitik. Privater Besitz und Konsum im Ausmaß von 5 Gramm wird nicht polizeilich verfolgt. Zudem können lizensierte Coffeeshops diese Mengen verkaufen, was auch “Drogentourismus” zur Folge hat(te). Paradoxerweise können sich besagte Coffeeshops jedoch nicht legal mit Cannabis versorgen und es hat sich ein “Backdoor-Problem” entwickelt, wonach die verkauften Drogen vom Schwarzmarkt stammen, der von organisierter Kriminalität bestimmt wird.

    “How to Amsterdam”-Hinweis

    Die niederländische Regierung hat in den vergangenen Jahren Schritte gesetzt, um beider Probleme (Schwarzmarkt und Drogentourismus) Herr zu werden. Seit dem 1. Jänner 2013 gibt es das “Ingezetenencriterium” (Wohnsitzkriterium), demgemäß Coffeeshops nur noch an Personen mit Wohnsitz in den Niederlanden verkaufen dürfen. Ob dieses Kriterium jedoch aktiv durchgesetzt wird, ist von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. In Amsterdam beispielsweise können Touristen nach wie vor Cannabis in Coffeeshops erwerben. Liej inant / Weiterlesen / Continua →



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  • Teurer Kuhhandel.
    Quotation

    In der gestrigen TAZ ist ein Interview mit Oskar Peterlini zur geplanten Ausgliederung mehrheitlich deutschsprachiger Gemeinden aus dem Senatswahlkreis Bozen-Unterland erschienen. Titel: »Ein billiger Kuhhandel« – der uns allerdings teuer zu stehen kommt.

    Der entscheidende Punkt wird heute noch unterschlagen. Im Paket steht nicht, dass hier ein italienischer Wahlkreis garantiert wird, sondern es steht, dass ein ausgewogenes Verhältnis der Sprachgruppen gefördert werden soll. Und das bedeutet noch keine Garantie.

    – Oskar Peterlini

    Während man in der Vergangenheit, wenn man Fortschritte in der Autonomie erzielen konnte, nicht jedes Mal auch einen Rückschritt einkaufen musste, sind diese Koalitionspartner völlig anderer Art. Jedes Mal, wenn man einen Schritt nach vorn macht, dann gibt es zwei Schritte nach hinten. In der SVP verteufelt man die Vergangenheit und hat der Linkskoalition den Rücken gekehrt, jetzt aber muss man merken, dass es knallharte Gegenforderungen gibt, die mehr kosten als das, was man von Rom bekommt.

    – Oskar Peterlini

    Peterlini wurde im Wahlkreis Bozen-Unterland dreimal für ein Wahlbündnis aus SVP und italienischen Mittelinksparteien in den römischen Senat gewählt, wo er von 2001 bis 2013 ein Mandat innehatte.

    Cëla enghe: 01 02 | 03 | 04 05 06 || 01



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  • Urzì bekommt ein neues Volk.

    So sieht also diese berühmte »innere Selbstbestimmung« aus: Kaum ist der Kuhhandel »Autonomieausbau gegen Minderheitenschutz« — oder genauer: teilweise Behebung des Autonomieabbaus gegen Minderheitenschutz — über die Bühne gegangen, der lustigerweise auch eine (wiewohl schwache) Einvernehmensklausel beinhaltet, fährt Rom per Wahlrechtsreform schon wieder in kolonialer Manier über Südtirol hinweg.

    Faktisch wählt sich Alessandro Urzì, Parlamentarier der neofaschistischen und minderheitenfeindlichen Fratelli d’Italia, ein neues Volk, weil das alte sein Vertrauen verscherzt hatte — indem er sich mit chirurgischer Präzision deutschsprachige Mehrheiten vom Hals schafft. So formt er sich eine ethnisch wie politisch möglichst homogene Wählerinnenmasse, der er zutraut, aus nationalistischer Sicht richtig zu wählen.

    Im italienischen Abgeordnetenhaus hat dieser unfassbare Frevel gestern bereits eine Mehrheit gefunden.

    Dabei geht der bisherige Zuschnitt des Senatswahlkreises erstens auf die Umsetzung des Südtirolpakets zurück und ergibt zweitens — im Unterschied zum Vorschlag von Urzì — geographisch Sinn.

    Formal verstößt dieses Vorgehen nicht gegen die Einvernehmensklausel, weil dafür keine Änderung des Autonomiestatuts erforderlich ist. Ihrem Geist nach widerspricht sie dem Einvernehmen jedoch diametral. Wenn die rechte Mehrheit in Rom — auch noch unmittelbar nach der Autonomiereform — beginnt, die politische Repräsentation einseitig zu ihren Gunsten umzubauen, hat das mit Autonomie und Minderheitenschutz, aber auch mit demokratischen Grundregeln nichs mehr zu tun.

    Konsens als Prinzip wird mit maximaler Arroganz über Bord geworfen, die Mär von der inneren Selbstbestimmung bestätigt sich als leere Floskel — und die SVP betätigt sich zum wiederholten Mal als willfährige Steigbügelhalterin.

    Cëla enghe: 01 02 03 | 04 || 01 02



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  • Rechts-nationalistisches Gerrymandering.
    Mehrheitsschutz

    Der in Vicenza gewählte Südtiroler FdI-Abgeordnete Alessandro Urzì will die gefühlt hunderttausendste, maßgeschneiderte Wahlrechtsreform in Italien dazu nutzen, den Senatswahlkreis Bozen-Unterland nach ethnischen und politischen Kriterien neu einzugrenzen. Gemeinden mit deutscher Bevölkerungsmehrheit sollen ausgegliedert werden, um den Anteil der italienischen Sprachgruppe im Wahlkreis drastisch zu erhöhen und die Wahl einer italienischsprachigen Kandidatin sicherzustellen.

    Dies würde aber auch bedeuten, dass die deutschsprachige Minderheit von Bozen und den nahen Gemeinden des Unterlandes kaum eine Chance hätte, jemals wieder eine deutschsprachige Senatorin zu bekommen.

    Jedenfalls, wenn alle brav sprachgruppenkonform wählen.

    Dies war während der letzten Jahre etwa in Leifers, Salurn und Pfatten zumindest bei Gemeinderatswahlen nicht der Fall, weshalb diese großmehrheitlich von Italienerinnen bewohnten Orte heute von deutschsprachigen SVP-Bürgermeistern regiert werden.

    Laut der letzten Sprachgruppenerhebung ist die italienische Sprachgruppe auf Landesebene — und auch im Senatswahlkreis — ohnehin im Wachsen, die deutsche im Schrumpfen begriffen. Der Vorschlag von Urzì würde diese Entwicklung noch einmal forcieren.

    Mit diesem krassen Fall von minderheitenfeindlichem Gerrymandering geht es aber ganz klar nicht nur um sprachliche Repräsentation. Ein Wahlkreis mit dem nun vorgeschlagenen Zuschnitt würde unter den aktuellen (und historischen) politischen Kräfteverhältnissen auch die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen, dass das Mandat an eine rechte, nationalistische Partei fällt. Ausgerechnet an Parteien also, deren Verhältnis zur deutschen sowie zur ladinischen Minderheit und deren Schutzansprüchen in der Regel alles andere als wohlwollend ist. Nicht zuletzt das politische Engagement von Alessandro Urzì während der laufenden Legislaturperiode ist ein Beweis dafür.

    Heikel ist der Vorschlag aber auch deshalb, weil die heutigen Grenzen der Senatswahlkreise nicht irgendein beliebiges Detail des italienischen Wahlrechts sind. Sie gehen auf Paketmaßnahme 111 zurück und gehören damit zum institutionellen Gefüge unserer international verankerten Autonomie.

    Schon der aktuelle Zuschnitt des Senatswahlkreises Bozen-Unterland ist bewusst so gewählt, dass die Wahl einer Italienerin begünstigt wird. Urzì will daraus auf Teufel komm raus nahezu eine Gewissheit machen. Doch wie weit will man diese Logik noch treiben? Wenn ein Wahlkreis so gestaltet werden soll, dass möglichst sicher eine Angehörige einer bestimmten Sprachgruppe gewählt wird, warum überhaupt noch offene Wahlen abhalten? Der Logik einer immer weiter perfektionierten ethnischen Wahlkreisgeometrie folgend könnte man das Mandat irgendwann gleich einer Sprachgruppe vorbehalten — und Kandidaten anderer Sprachgruppen die Kandidatur verbieten (vgl.).

    Ja, Minderheitenschutz kann besondere Mechanismen zur Sicherung politischer Repräsentation rechtfertigen. Doch Urzì vertritt hier keine staatliche Minderheit, die gegenüber einer strukturell dominanten Mehrheit geschützt werden müsste. Umso weniger ist dies bei Wahlen zum italienischen Parlament der Fall, wo die Deutschsprachigen eine verschwindend kleine Minderheit darstellen und Ladinerinnen in der Regel chancenlos bleiben. Währenddessen stehen der staatlichen Mehrheitsbevölkerung sämtliche institutionellen, sprachlichen und politischen Ressourcen zur Verfügung.

    Nicht zuletzt hätte die neue Grenzziehung Wahlkreise zur Folge, die geographisch kaum Sinn ergeben. Der Versuch, gesellschaftlich und räumlich zusammenhängende Gebiete nur nach Sprachgruppen — bzw. deren jeweiligen Mehrheiten! — auseinanderzudividieren, um daraus politisches Kapital zu schlagen, offenbart, dass Wahlkreise quasi als ethnische Reservate und vermeintlich homogene Wählerreservoirs betrachtet werden, über die nach politischem Kalkül verfügt werden kann.

    Darin liegt auch ein aufschlussreicher Widerspruch: Wenn es um den Schutz von Minderheiten geht, soll möglichst wenig nach Sprachgruppen differenziert werden. Ensprechende Schutzmechanismen wie Proporz und Ansässigkeitsklausel werden schnell als überholt oder diskriminierend dargestellt. Wenn es aber darum geht, der italienischen Mehrheitsbevölkerung politische Vorteile zu sichern, wird plötzlich mit größter Genauigkeit nach Sprachgruppenanteilen gerechnet.

    Dass Demokratie für die radikalen Rechten hauptsächlich ein Mittel zum Zweck des Machterhalts ist, scheint sich damit ebenfalls zu bestätigen. Das zeigt die gesamtstaatliche Wahlrechtsreform an sich und das unterstreicht der Urzì-Vorschlag noch einmal auf erschreckende Weise.

    Dabei wurden schon bei der kürzlich verabschiedeten Autonomiereform Einbußen beim Minderheitenschutz zugunsten der Titularnation als Preis für die Wiederherstellung autonomer Zuständigkeiten akzeptiert.

    Das ist eine völlig unübliche und geradezu fatale Logik: Ein Ausbau der Autonomie sollte nicht dadurch erkauft werden müssen, dass geschützte Minderheiten Schutzmechanismen aufgeben oder ihre Abschwächung hinnehmen. Minderheitenrechte sind keine Verhandlungsmasse, die bei jedem Kompetenzgewinn — der hier überdies vor allem eine Wiederherstellung war — neu zur Disposition gestellt wird.

    Doch jetzt werden die Forderungen nach Zugeständnissen auch noch über den Kuhhandel Autonomiereform hinaus ausgedehnt. Weitere Vorschläge, die in dieselbe Kerbe schlagen, liegen ebenfalls bereits auf dem Tisch (vgl.)

    Dass die SVP angesichts eines Vorschlags, der die Wahlkreisgrenzen ausdrücklich nach dem gewünschten Ergebnis verändern will, bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert, ist deshalb kaum nachvollziehbar. Ihr scheint das Schmerzempfinden gänzlich abhanden gekommen zu sein.

    Man kann in einer Demokratie natürlich über Wahlkreise diskutieren. Doch Wahlkreisgrenzen mit dem ausschließlichen Ziel zu verschieben, den Anteil der nationalen Mehrheitsbevölkerung zu erhöhen und die Wahl einer Kandidatin dieser Gruppe und einer gewissen politischen Richtung wahrscheinlicher zu machen, ist keine neutrale technische Anpassung. Sondern ein abermaliger Angriff auf den Minderheitenschutz.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 | 08 || 01 02 03 04



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