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  • Nicht der Rassismus ist das Problem.
    Italien

    Die italienischen Ordnungskräfte haben ein massives Rassismusproblem. Es gibt keine unabhängige Antidiskriminierungsstelle. Und der öffentliche Diskurs ist in Italien immer stärker von Rassismus und Queerfeindlichkeit (vgl. 01) geprägt. Doch all das ist offenbar kein Skandal: Skandalös ist vielmehr, dass es die Kommission gegen Rassismus und Intoleranz des Europarats (ECRI) gewagt hat, in ihrem periodischen Bericht auf diese Tatsachen hinzuweisen.

    Ministerpräsidentin Giorgia Meloni von den neofaschistischen Fratelli d’Italia gibt sich empört, Lega-Chef und Verkehrsminister Matteo Salvini will den Autorinnen des Berichts Migrantinnen und Roma schicken — und bestätigt damit nur einmal mehr, wie verroht die politische Debatte tatsächlich ist. Außenminister Antonio Tajani (FI) schloss gar aus, dass es bei Polizei, Carabinieri und Finanzpolizei überhaupt Rassisstinnen gebe — was man wohl von keiner Polizei der Welt pauschal behaupten kann. Problemleugnung als Strategie.

    Doch selbst der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella (PD) ließ wissen, über den Bericht »erstaunt« zu sein. Medienberichten zufolge rief er den Polizeichef an, um ihm seine Nähe auszusprechen.

    Die italienischen Institutionen dulden also keine Kritik, sondern rücken gegen den »äußeren Feind«, der bestehende Missstände aufzeigt, noch enger zusammen. Leidtragende sind jene Teile der Bevölkerung, deren Grundrechte missachtet werden und deren Benachteiligung auch noch geleugnet wird. Dabei hätten sie Schutz und Nähe nötig, nicht Polizeikräfte, die das Gewaltmonopol zum Nachteil von gesellschaftlichen Minderheiten und — wie zum Beispiel in Südtirol — gegen Dissens missbrauchen.

    Doch ein Fehler- und Problembewusstsein scheint es nicht zu geben. So droht die Lage aus einer Trotzhaltung heraus sogar noch weiter zu eskalieren.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 || 01 02



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  • Zwei Jahre Abbau von Demokratie und Grundfreiheiten.

    Heute ist Giorgia Meloni (FdI) seit genau zwei Jahren als italienische Regierungschefin im Amt. Aus diesem Anlass zog Politologe Günther Pallaver im heutigen Rai-Morgengespräch ein — düsteres — Resümee der letzten 24 Monate.

    »Schleichend aber konsequent« würden Grundfreiheiten — Unabhängigkeit der Justiz, Medienfreiheit, Medienpluralismus — eingeschränkt, »jeden Tag« werde »ein Scheibchen der Demokratie abgeschnitten«.

    Über jüngst bekannt gewordene Korruptionsfälle in den Ministerien hätten öffentlich-rechtliche Medien wenig berichtet. Insbesondere Rai Uno sei inzwischen zu einem Informationsmedium der Regierung geworden, wo von internem Pluralismus nicht mehr die Rede sein könne. Zudem werde gegen unliebsame Persönlichkeiten mit SLAPP-Klagen vorgegangen und mit Einschüchterung versucht, kritische Stimmen von der Öffentlichkeit fernzuhalten.

    Die Gewaltenteilung werde unterwandert, weil diese politische Mehrheit die Auffassung vertrete, wer die Wahlen gewonnen hat, sei zu allem legitimiert. Sozusagen eine Mehrheitsdiktatur. Ganz aktuell zeigt sich das auch im Umgang mit der Judikative, die sich erdreistet hat, die Deportation von Migrantinnen in albanische Lager auf der Grundlage eines EuGH-Urteils zu untersagen.

    In der EU biedere sich Meloni zwar Ursula von der Leyen an, den europäischen Integrationsprozess befürworte sie im Unterschied zu Christ- und Sozialdemokratinnen, Liberalen und Grünen jedoch nicht. Im Gegenteil legten Mitglieder ihres Kabinetts mit ihren öffentlichen Aussagen immer wieder nahe, dass sie für einen Rückbau sind.

    Nicht zuletzt werde der Faschismus — Gewalt und Verletzung der Menschenwürde — bagatellisiert, Opfer und Täter zunehmend auf eine Stufe gestellt.

    Mit all dem hat sich auch die SVP gemein gemacht, die für eine fragliche Wiederherstellung der Autonomie bereit ist, demokratische Grundwerte zur Disposition zu stellen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 || 01 02 03 04 05 06



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  • Gegenwind für Charles in Australien.

    Bei seinem offiziellen Besuch in Australien, dessen Staatsoberhaupt er ist, wurde König Charles III heute mit dem lautstarken Protest einer indigenen Senatorin, Lidia Thorpe, konfrontiert. Die ehemalige Grüne und nunmehrige unabhängige Abgeordnete hatte schon 2022 bei ihrer Angelobung für Aufsehen gesorgt, als sie ihren Eid mit ausgestreckter Faust auf »the colonising Her Majesty Queen Elizabeth II« und ihre Nachfahren schwor.

    Nachdem Charles heute im Parlament eine Rede gehalten hatte, schrie ihn Thorpe an, er sei nicht ihr König. »Gib uns unser Land zurück, gib uns, was du gestohlen hast«. Während in dem Haus die Hymne God Save the King gesungen wurde, hatte sie dem Monarchen zuvor bereits aus Protest den Rücken zugewandt.

    Die australischen Grünen nannten den Besuch des Königs und seiner Gemahlin »eine sichtbare Erinnerung an das fortbestehende koloniale Trauma und an das Erbe des britischen Kolonialismus«.

    Dass auch der amtierende Premierminister von Australien, Anthony Albanese (Labor), kein Freund der Monarchie ist, ist ein offenes Geheimnis. In der ersten Zusammensetzung seines Kabinetts (2022-24) hatte er mit Hon Matt Thistlethwaite sogar erstmals einen Minister für die Republik ernannt.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 || 01



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  • Plaza Catarina Lanz.
    Fodom

    Am 12. Oktober wurde feierlich die Umbenennung des Hauptplatzes von La Plié de Fodom im nach wie vor zu Venetien gehörenden Souramont vollzogen: er ist nun der ladinischen Heldin Catarina Lanz aus Mareo gewidmet. Offiziell trug der Platz, an dem sich auch das Rathaus befindet, bis heute die Bezeichnung piazza 7 novembre 1918, die ihm der faschistische Amtsbürgermeister (podestà) im November 1929 zur Feier der Annexion durch Italien oktroyiert hatte.

    Alter Name des Platzes (an der Fassade eines Hotels): Bis zuletzt war am rechten und linken oberen Eck der Tafel der Schatten zweier Liktorenbündel zu erkennen. Quelle: Google Maps

    Es war insbesondere das ladinische Kulturinstitut von Anpezo, Col und Fodom, Cesa de Jan, das sich seit Jahren mit breiter Unterstützung aus der Bevölkerung für die Umbenennung eingesetzt hatte.

    Mit einem einzigen Akt wurde nun ein faschistisches Unrecht beseitigt, eine einsprachig italienische durch eine ladinische Bezeichnung ersetzt, ein Bekenntnis zur Ladinia abgegeben und eine Frau geehrt.

    Quelle: Cesa de Jan (Video-Bildausschnitt)

    Dass das in Italien offenbar noch immer ein Affront ist, legt die geschlossene Abwesenheit der geladenen Vertreterinnen venetischer Behörden nahe, während mehrere Bürgermeister aus dem gesamten Ladinien vor Ort waren.

    Cëla enghe: 01



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  • Kaschmir fordert Autonomie.


    Bei den Regionalwahlen setzte sich die autonomistische National Conference (NC) durch.

    Der indische Ministerpräsident Narendra Modi wird sich ordentlich gewundert haben: Die muslimische Bevölkerung Kaschmirs votierte bei den Regionalwahlen mit übergroßer Mehrheit für die National Conference von Omar Abdullah. Er und seine NC stehen für eine strikte und weitreichende Autonomie ihrer Region.

    Diese ist seit 2019 unter direkter Kontrolle der indischen Zentralregierung, Modi hob damals die regionale Autonomie auf und unterstellte Kaschmir einem Gouverneur, einem staatlichen Kontrolleur.

    Mit dem Bürgervotum im Rücken fordert der siegreiche Abdullah die Wiederherstellung der regionalen Autonomie. Präziser, die Wiederherstellung der Staatlichkeit. Er verweist auf das überaus deutliche Wahlergebnis.

    Kolonialmacht Indien

    Die Kaschmiri sind gegen ihren Willen indische Staatsbürger. 1947 »fiel« das Himalajatal mit seiner muslimischen Bevölkerung an Indien, wurde von Pakistan abgetrennt. Im ersten pakistanisch-indischen Krieg 1948/1949 setzte sich Indien durch, das Kaschmir und Jammu (hinduistische Bevölkerungsmehrheit als Aufpasser über Kaschmir) eine starke Autonomie »gewährte«. In 1962 »zwackte« die kommunistische Volksrepublik China Askai Chin im äußersten Osten Kaschmirs ab.

    Im Jahr 1965 zettelte Pakistan einen zweiten Krieg gegen Indien an und scheiterte abermals an der indischen Armee. In einem Abkommen bekannten sich 1972 die beiden Staaten zur Waffenstillstandslinie als Grenze. Ein weiterer Konflikt brach 1999 aus, die indische Armee schlug ein weiteres Mal die Pakistani zurück.

    Die Lage in Kaschmir verschärfte sich nach dem Wahlerfolg der nationalistisch-rassistischen Indischen Volkspartei (Bharatiya Janata Party) von Modi. Seine Regierung siedelte Hindus in Kaschmir an, hob 2019 den Autonomiestatus auf und löste den Unionsstaat Kaschmir auf.

    Bewaffnete Separatisten, gesponsert vom korrupten Pakistan, wehrten sich gegen die Kolonialisierung ihrer Region, die indische Armee ging brutal gegen die Zivilbevölkerung vor. NGOs belegten unzählige Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen. Mehr als eine halbe Million indische Soldaten sind in Kaschmir stationiert. Kaschmir gilt deshalb als eine der am stärksten militarisierten Regionen der Welt.

    Friedensmacht Indien?

    Ausgerechnet dieses Indien soll gemeinsam mit den anderen BRICS-Staaten, von Antiimperialisten als Gegenentwurf zum Westen hochgelobt, den Krieg in der Ukraine beilegen. Indien kritisierte nie den russischen Eroberungskrieg, nennt nie Täter und Opfer und beteiligt sich engagiert an der Umgehung westlicher Sanktionen gegen Russland.

    Indien zerstört mit seiner Wirtschaftspolitik das Land und das Leben der Adivasi, der indigenen Völker im Bundesstaat Odisha. Die Adivasi-Koordination dokumentiert die vielfältigen Übergriffe auf die Adivasi, ganz oben steht dabei der ungehinderte Landraub. Die ehemalige britische Kolonie Indien agiert selbst wie eine Kolonialmacht, rücksichts- und schonungslos. In Indien herrscht ein unerklärter Krieg gegen die Minderheiten. Dieses boomende Land soll zum Frieden in der Ukraine beitragen? Ein furchtbar schlechter Witz.

    Abdullah für Autonomie

    So wird es offensichtlich auch in Kaschmir empfunden, deshalb auch der überwältigende Sieg der National Conference. Wahlgewinner Omar Abdullah stammt aus einer Familie, die die regionale Politik seit 1947 bestimmend geprägt hat. Großvater Sheikh Abdullah war Kaschmirs erster Ministerpräsident nach der Unabhängigkeit, sein Vater Farooq war in den achtziger Jahren Regierungschef. Von 2009 bis 2014 war Omar Abdullah bereits Ministerpräsident.

    Es gibt aber auch Kritik an der einflussreichen Familie. Für die eigene Macht gingen die Abdullahs viel zu oft Kompromisse mit der Zentralregierung ein, wandten sich gegen eine Sezession. Nicht nur, die National Conference paktierte gar mit der Indischen Volkspartei, Abdullah wurde dafür mit einem Ministerposten belohnt. Dieses Bündnis mit den Hindu-Nationalisten erwies sich als Fehler. 2002 wählten die Kaschmiris die NC ab.

    Autonomie statt Sezession

    Die NC ging auf Distanz zur Modi-Partei, kritisierte die Abschaffung des Autonomie-Verfassungsartikels 2019, sein Image wuchs auch nach seiner Verhaftung. Bei den Parlamentswahlen im Juni setzte sich trotzdem Abdul Rashid gegen Abdullah durch, ein Befürworter der staatlichen Eigenständigkeit Kaschmirs. Rashid konnte bei den jüngsten Regionalwahlen aber überraschend seinen parlamentarischen Erfolg nicht wiederholen.

    Offenbar setzen die Kaschmiris auf Dialog, auf Autonomie statt auf Sezession. Trotz der zentralstaatlichen Gängelung können die Separatisten nicht mehr punkten, wenige junge Männer schließen sich der Untergrundbewegung an, auch die Zahl der Anschläge ist rückläufig.

    Die Regionalwahlen zugunsten der NC sind eine Absage an Gewalt und ein deutliches Signal zugunsten demokratischer Mitbestimmung. Ob die nationalistische Regierung von Ministerpräsident Modi, ein Freund des russischen Kriegspräsidenten Wladimir Putin, dies auch versteht? Modi scheint nicht bereit zu sein, Kaschmir die gestohlene Autonomie wieder zurückzugeben. Benzin ins Feuer der Separatisten.

    Cëla enghe: Baltistan gegen Pakistan, Kaschmir und die indische Demokratie, Dunkelheit in Kaschmir.


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  • ›Scegliere il medico‹ mit dem Sabes.

    Ich war heute zufällig anwesend, als ein Verwandter von mir einen Brief des Gesundheitsbezirks Brixen (Sabes) geöffnet hat. Darin war ein zweisprachiger Brief, mit dem ihm mitgeteilt wurde, dass sein derzeitiger Hausarzt bald seine Tätigkeit einstellt. Dazu heißt es in holprigem Deutsch unter anderem:

    Es ist notwendig eine neue Arztwahl vorzunehmen.

    Die Arztwahl kann über myCivis mittels SPID (siehe Anlage), über E-Mail: sprengel.brixen@sabes.it (bitte das Formular im Anhang und mit einer Kopie des Personalausweises übermitteln) oder beim Schalter erfolgen.

    – Brief des Sabes (Hervorhebungen im Original)

    Und so sieht dann die Anlage aus, mit der Schritt für Schritt die Wahl einer neuen Basisärztin bei myCivis erläutert wird:

    zum Vergrößern anklicken (von mir eingescannte Vorder- und Rückseite)

    Eine Fassung in deutscher Sprache lag dem Brief nicht bei.

    Wie soll man dem Gesundheitsbetrieb vertrauen, dass er in dem hochsensiblen Bereich, für den er zuständig ist, auf die Berücksichtigung der deutschen Sprache achtet? Vieles wird ja mit der Rechtfertigung bzw. Ausrede »Personalmangel« erklärt, doch zur Vorbereitung einer Vorlage wie dieser ist kein ärztliches Fachpersonal nötig. Hier handelt es sich wie so oft (vgl. 01 02 03 04 05 06) um reine Geringschätzung der deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit und ihrer verbrieften Rechte.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 | 06 || 01



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  • Partei der Korrupten und Kriminellen als idealer Partner?
    Südtiroler “Patrioten” und ihre Begeisterung für die Kickl-Truppe

    Bei der Nationalratswahl am 29. September 2024 ist die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) unter Parteichef Herbert Kickl mit 28,85 Prozent (71,15 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher haben nicht die FPÖ gewählt) erstmals zur stimmenstärksten Kraft bei österreichischen Parlamentswahlen aufgestiegen.

    Bei drei Parteien in Südtirol war die Freude darüber offenbar ziemlich groß. Da wird um die Gunst des österreichischen Wahlgewinners regelrecht gewetteifert. Die Freiheitliche Landesrätin Ulli Mair sieht laut Tageszeitung eine Regierung unter den Blauen als “Wendepunkt für Österreich” und als “Gewinn für Südtirol”. Der Fraktionsvorsitzende der Süd-Tiroler Freiheit (STF), Sven Knoll – für gewöhnlich äußerst wachsam, wenn es um Ausländer und Kriminalität (01 02) geht -, bezeichnet – ebenfalls laut Tageszeitung – das Ergebnis als “sensationell” und sieht in der FPÖ den “idealen Partner”. Jürgen Wirth Anderlan, Landtagsabgeordneter von JWA, wiederum betitelt seinen Spezi Kickl als “echten Volkskanzler”.

    Warum die Freude so groß ist, verstehe ich nicht. Ungeachtet der – gelinde gesagt – ungustlhaften inhaltlichen Ausrichtung und giftigen Rhetorik (Stichwort: Mumie in der Hofburg) der Kickl-Partei endete es stets in einem Desaster, wenn die FPÖ in Österreich mitregiert hat. Die Freiheitlichen waren in der Geschichte der zweiten Republik an vier Regierungen beteiligt. Alle (!) diese Regierungen haben die fünfjährige Legislaturperiode des Parlaments nicht überstanden und sind geplatzt. Der Nationalrat musste aufgelöst und vorgezogene Neuwahlen ausgerufen werden. Parallel zu diesen FPÖ-Regierungsbeteiligungen kam es ständig zu – bisweilen milliardenschweren – Skandalen (BUWOG-Affäre, Causa Eurofighter, Telekom-Affäre, Liederbuch-Affäre, Rattengedicht, Causa Waldhäusl, Ibiza-Skandal, FPÖ-Chatprotokolle, BVT-Affäre usw.), Parteispaltungen (Liberales Forum, Bündnis Zukunft Österreich – BZÖ, Die Freiheitlichen in Kärnten – FPK, Freie Partei Salzburg, Die Allianz für Österreich – DAÖ usw.) und der Entzauberung von nicht selten zu messianischen Wunderwuzzis hochgejazzten Blendern, von Jörg Haider über die “Buberlpartie” (Peter „Hojac“ Westenthaler, Walter „Meischi“ Meischberger, Gernot „Rambo“ Rumpold, Karl-Heinz Grasser, Mathias Reichhold, Stefan Petzner) bis Heinz-Christian “HC” Strache. Die meisten dieser hochrangigen FPÖ-Funktionäre und zig weitere Parteikolleginnen und Vertraute fanden sich in der Folge als Beschuldigte in gerichtlichen Strafverfahren wieder. Dutzende Politiker der Partei der “Ehrlichen und Anständigen” (Eigendefinition) sind wegen Korruption, Amtsmissbrauch, Untreue, Verhetzung, NS-Wiederbetätigung (01 02), Körperverletzung und dergleichen rechtskräftig verurteilt worden.

    Für die Affinität der Südtiroler Kickl-Fans gibt es nur drei Erklärungen: (1) Entweder haben obige Exponenten ein Gedächtnis wie ein Nudelsieb (2) oder sie sind dumpfe Österreichhasser, die eine erschreckende Österreichfeindlichkeit an den Tag legen (3) oder sie sind tatsächlich der Meinung, dass unter Kickl auf einmal alles anders ist als unter Haider, Riess-Passer, Haupt, Gorbach und Strache. Die FPÖ ist auf einmal stabil und verlässlich, seriös und integer, rechtschaffen und ehrlich (es gibt zwar keine offizielle Statistik über korrupte und kriminelle Politiker, jedoch sind in diversen journalistischen Recherchen (01 02 03 04 05 06 07 08) FPÖ-Exponenten überproportional oft vertreten), fest auf dem Boden von Demokratie und Verfassung, kümmert sich um die “kleinen Leute” und Kickl ist kein selbstgefälliger, zwiederer Emporkömmling.

    Ich habe da so meine Zweifel. Opportunismus, Glücksrittertum, Konsensunfähigkeit (sogar parteiintern), Deutschnationalismus und Korruption scheinen vielmehr die DNA der FPÖ auszumachen. Hier eine kurze (bzw. lange) Auflistung der freiheitlichen Meilensteine:

    • 1983: erste FPÖ-Regierungsbeteiligung unter Norbert Steger
    • 1986: Jörg Haider übernimmt am Innsbrucker Parteitag mittels Kampfabstimmung die Macht in der FPÖ, SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky beendet daraufhin die Koalition, da ihm Haider zu radikal ist
    • 1988: Haider lässt im ORF keinen Zweifel, aus welcher Ecke er kommt, und prägt den berüchtigten Satz von der ideologischen Missgeburt: “Das wissen Sie ja so gut wie ich, dass die österreichische Nation eine Missgeburt gewesen ist, eine ideologische Missgeburt. Denn die Volkszugehörigkeit ist eine Sache, und die Staatszugehörigkeit ist die andere Sache.”
    • 1989: Jörg Haider wird mit den Stimmen der ÖVP zum Landeshauptmann von Kärnten gewählt
    • 1991: Haider wird per Misstrauensantrag (SPÖ und ÖVP) als Landeshauptmann abgesetzt, weil er im Landtag angesichts hoher Arbeitslosigkeit folgende Aussage tätigt: “Na, das hat’s im Dritten Reich nicht gegeben, weil im Dritten Reich haben sie ordentliche Beschäftigungspolitik gemacht, was nicht einmal Ihre Regierung in Wien zusammenbringt. Das muss man auch einmal sagen.”
    • 1993: Die FPÖ lanciert das Volksbegehren “Österreich zuerst” (“Ausländervolksbegehren”), was aufgrund des xenophoben Inhalts und des Erstarkens der deutschnationalen bis rechtsextremen Teile der Partei zur Spaltung und zur Gründung des Liberalen Forums um Heide Schmidt führt; die FPÖ verlässt freiwillig die Liberale Internationale um einem Ausschluss zuvorzukommen
    • 1998: Rosenstingl-Affäre (Korruptionsskandal um den Nationalratsabgeordneten und Kassier des FPÖ-Parlamentsclubs Peter Rosenstingl)
    • 1999: bei den Nationalratswahlen wird die FPÖ mit 26,9 Prozent zweitstärkste Partei hinter der SPÖ; da eine Regierungsbeteiligung Haiders ausgeschlossen scheint, zieht er sich aus der Bundespolitik zurück und wird wieder Landeshauptmann in Kärnten
    • 2000: obwohl ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel im Vorfeld der Wahl versichert hatte, im Falle eines dritten Platzes in Opposition zu gehen, formt er als Drittplatzierter zusammen mit der FPÖ (Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer) eine Regierung gegen die stimmenstärkste Partei SPÖ; diese Regierungsbeteiligung löste heftige Proteste aus (“Donnerstagsdemos”) und die anderen EU-Länder reagierten mit “Sanktionen” gegen die österreichische Regierung; Österreich war diplomatisch isoliert; die FPÖ-Minister Elisabeth Sickl, Michael Krüger oder Michael Schmid verließen die Regierung nach wenigen Tagen bzw. Monaten
    • 2001: LH Haider ignoriert über Jahre ein Grundsatzerkenntnis des Verfassungsgerichtshofs (VfGH) zum Kärntner Ortstafelstreit, das die Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln in Gemeinden mit mehr als 10-prozentigem Anteil Slowenischsprechender binnen Jahresfrist vorsieht
    • 2002: beim außerordentlichen FPÖ-Parteitag in Knittelfeld kam es zum offenen Bruch zwischen den moderaten und den deutschnationalen/rechtsradikalen Kräften in der Partei; Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer, Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Klubobmann Peter Westenthaler traten zurück; dies führte zum Bruch der FPÖ-ÖVP-Koalition unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und zu vorgezogenen Neuwahlen, bei denen die FPÖ zwei Drittel ihrer Wähler verlor und 10 Prozent der Stimmen erreichte
    • 2003: nach den Wahlen im November 2002, die die ÖVP überlegen gewann, wurde die Koalition mit der FPÖ und neuen Gesichtern fortgesetzt; Haiders Wunschkandidat Mathias Reichhold wurde aber bereits nach 40 Tagen von Herbert Haupt als Parteiobmann abgelöst; bereits im Oktober gab Haupt wiederum sein Vizekanzleramt an Hubert Gorbach ab
    • 2004: auf einem Sonderparteitag wird Haiders Schwester Ursula Haubner zur neuen Parteiobfrau gekürt
    • 2005: Bundesparteiobfrau Ursula Haubner, Vizekanzler Hubert Gorbach, Parlamentsklubobmann Herbert Scheibner und der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider treten zusammen mit zahlreichen Funktionären aus der FPÖ aus und gründen das BZÖ; die ÖVP führt die Regierung mit dem BZÖ fort; im April wird Heinz-Christian Strache zum neuen FPÖ-Parteiobmann gewählt; die Landesverbände mit Ausnahme Kärntens bleiben der FPÖ treu; nachdem auch Helene Partik-Pablé, Max Hofmann und Detlev Neudeck die Partei aufgrund von Differenzen verlassen haben, hat die FPÖ nur mehr zwei Nationalratsabgeordnete: Barbara Rosenkranz und Reinhard Eugen Bösch
    • 2006: aufgrund der konfusen Situation wurde das Parlament neuerlich frühzeitig aufgelöst und es kam zu vorgezogenen Neuwahlen; die FPÖ unter Strache erreichte 11 Prozent, das BZÖ übersprang unter Westenthaler die 4-Prozent-Hürde mit 4,1 Prozent denkbar knapp; Jahre später kommen durch staatsanwaltliche Ermittlungen Skandale aus der Amtszeit der ÖVP-FPÖ-Regierungen ans Tageslicht, die die Steuerzahlerinnen Milliarden Euros kosten
    • 2008: bei den vorgezogenen Nationalratswahlen erreicht die Strache-FPÖ 17,5 Prozent; Landeshauptmann Haider kommt in der Nacht des 11. Oktober mit 1,8 Promille Alkohol im Blut und 140 km/h in einer 70-km/h-Zone mit seinem Dienstwagen von der Straße ab und stirbt noch an der Unfallstelle
    • 2009: die Kärntner Landesgruppe löst sich vom BZÖ und kooperiert als eigenständige Partei mit dem Namen „Die Freiheitlichen in Kärnten (FPK)“ mit der FPÖ, weil das BZÖ unter Josef Bucher zu liberal sei
    • 2013: die FPK erleidet ein Debakel bei der Kärnten-Wahl; nach Querelen und Streitereien erfolgt die Wiedervereinigung mit der FPÖ
    • 2015: wegen eines Konfliktes zwischen Strache und dem Salzburger Parteiobmann Kurt Schnell kommt es zur Abspaltung der Freien Partei Salzburg
    • 2017: bei den vorgezogenen Nationalratswahlen 2017 erreichte die FPÖ mit 26 Prozent ihr zweitbestes Ergebnis der Geschichte, was den dritten Platz hinter ÖVP und SPÖ bedeutete; Sebastian Kurz (ÖVP) wird Kanzler, HC Strache Vizekanzler in der ÖVP-FPÖ-Koalitionsregierung
    • 2019: ein heimlich 2017 in einer Villa auf Ibiza aufgenommenes Video, das HC Strache und den Wiener Parteiobman Johann Gudenus in Alkoholstimmung dabei zeigt, wie sie im Falle einer FPÖ-Regierungsbeteiligung die Republik an eine vermeintliche russische Oligarchennichte verscherbeln würden, erschüttert Österreich; in der Folge platzt die ÖVP-FPÖ-Regierungskoalition, Vizekanzler Strache erklärt seinen Rücktritt und wird wenig später wegen weiterer Unregelmäßigkeiten (Veruntreuung usw.) aus der Partei ausgeschlossen; Innenminister Kickl wird als erster Minister in der Geschichte Österreichs von Bundespräsident Alexander van der Bellen aus seinem Amt entlassen; durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft tritt ein abgründiges Sittenbild zutage; drei Wiener FPÖ-Abgeordnete treten aus der Partei aus und gründen Die Allianz für Österreich (DAÖ); es kommt abermals zu vorgezogenen Neuwahlen, bei denen die FPÖ um fast 10 Prozentpunkte auf 16 Prozent abstürzt; die ÖVP gewinnt dazu und formt mit den um 10 Prozentpunkte erstarkten Grünen einen Regierung
    • 2021: Herbert Kickl wird bei einem außerordentlichen Parteitag zum Obmann gekürt, Stellvertreter wird Udo Landbauer (Stichwort: Liederbuch-Affäre); im gleichen Jahr tritt Kanzler Kurz im Zuge der ÖVP-Korruptionsaffäre zurück
    • 2024: die FPÖ wird mit fast 29 Prozent stimmenstärkste Partei bei der Nationalratswahl

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