Die Autonomiereform ist unter Dach und Fach, doch viele Zweifel bleiben. Besorgniserregend ist, dass der Autonomieausbau mit einem Abbau des Minderheitenschutzes einhergeht — und das ausgerechnet in einer Phase, in der die deutsche und die ladinische Sprachgruppe ohnehin bereits schrumpfen.
Deutliche Kritik kommt diesbezüglich auch aus der Ladinia, wie unter anderem ein Interview von Alexia Grossi für Trail mit dem Journalisten und Ladinischlehrer David Lardschneider zeigt. Er bemängelt darin unter anderem, dass Ladinerinnen in der Landes- und in der Regionalregierung weiterhin nur repräsentiert sein dürfen, aber nicht müssen. Damit hänge die ladinische Vertretung vom Wohlwollen der beiden größeren Sprachgruppen und insbesondere der jeweiligen Mehrheitsparteien ab. Das ist in der Tat absurd.
Wie berechtigt diese Sorge ist, zeigte sich bereits nach der Landtagswahl 2023: Während der Koalitionsverhandlungen hatten italienische Rechte offen die Forderung erhoben, auf die Berücksichtigung der Ladinerinnen in der Landesregierung zu verzichten, um die italienische Sprachgruppe zu begünstigen. Es ist also keineswegs sicher, dass die Berufung einer ladinischen Landesrätin ein Selbstläufer bleibt.
Lardschneider wies außerdem darauf hin, dass die Vertretung der Ladinerinnen in den Kommissionen auf Landesebene, am Verwaltungsgericht und in vielen weiteren Bereichen ebenfalls unzureichend sei. Hier habe die Reform keine Verbesserungen gebracht. Er forderte ferner, der ladinischen Sprachgruppe — unter Berücksichtigung ihres Anteils an BIP und Bevölkerung — einen angemessenen Teil der öffentlichen Mittel zukommen zu lassen. Es gehe dabei nicht um das Geld an sich, sondern um den Erhalt einer Sprache und Kultur.
Tatsächlich erscheint diese Forderung beinahe bescheiden. Denn echter Minderheitenschutz rechtfertigt und erfordert in vielen Bereichen gerade nicht nur eine rein proportionale, sondern eine bewusst überproportionale Berücksichtigung kleiner Sprachgemeinschaften. Eine Minderheit, die streng proportional behandelt wird, befindet sich strukturell oft im Nachteil, weil sie gesellschaftliche, wirtschaftliche und strukturelle Skaleneffekte nicht nutzen kann.
Nicht zuletzt verwies Lardschneider darauf, dass Ladinisch endlich auch als vollwertige Arbeitssprache des Landtags anerkannt werden müsste, sowohl in den Debatten als auch in den schriftlichen Unterlagen. Auf eine diesbezügliche Diskriminierung hatten wir im Zusammenhang mit der Debatte um den Dialektgebrauch im Landesparlament auch bereits aufmerksam gemacht.
Doch bei der Reform stand eben nicht der Minderheiten-, sondern paradoxerweise der Mehrheitsschutz im Vordergrund. Zugunsten und auf Drängen der italienischen Sprachgruppe wurden — zu Lasten der Minderheiten — etwa die Ansässigkeitsklausel halbiert sowie Kannbestimmungen für eine überproportionale Vertretung in den Gemeindeausschüssen und in der Landesregierung eingeführt. Dabei ist die italienische Sprachgruppe — anders als die Ladinerinnen — auch in der Lage, solche Kannbestimmungen in Ansprüche zu verwandeln.
Immerhin könnte die neue Möglichkeit, Vertreterinnen der kleineren Sprachgruppe auch dann in den Gemeindeausschuss zu berufen, wenn sie nur ein einziges Gemeinderatsmitglied stellt, punktuell auch den Ladinerinnen zugutekommen. Doch das ist eher eine Nebenwirkung der Reform als Teil ihrer Zielsetzung.
Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08





