Kammerausschluss für deutschsprachigen Arzt.
Mangelnde Italienischkenntnisse

Die Hetzjagd nimmt kein Ende, sondern trägt aus sicht der Jägerinnen schon erste Früchte: Der österreichische Arzt Thomas Müller, der aufgrund seiner mangelhaften Italienischkenntnisse von Nursing Up (Gewerkschaft der Krankenpflegerinnen) denunziert worden sein soll, ist inzwischen aus der Südtiroler Berufskammer geflogen. Auch die von der Landesregierung eilig verabschiedete Durchführungsverordnung zur Gleichstellung der Deutschen mit der italienischen Sprache in der Berufsausübung konnte dies nicht verhindern. Während die Kenntnis der italienischen Sprache nun also penibelst überprüft wird, ist dies bei der deutschen Sprache nicht der Fall. Im Gegenteil: Aufgrund des Mangels an Ärztinnen, wurde die Zweisprachigkeitspflicht gelockert, sodass das Personal drei Jahre Zeit hätte, die jeweils andere Sprache zu lernen — was nun aber ausschließlich einsprachig italienischen Ärztinnen zugute kommt.

Aufgrund seiner Streichung aus der Kammer wird Müller nun mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch seinen Job im Südtiroler Gesundheitsbetrieb Sabes verlieren. Die Italianisierung geht weiter.

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Colau verzichtet permanent auf eine Stimme.
Außerordentliche politische Fairness

Die alte und neue Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau (BenComú), hat nun eine Entscheidung bekanntgegeben, die von großem Respekt für die politischen Gegnerinnen zeugt.

Zum Zwecke ihrer Wiederwahl hatte sie sich zwar vom vehementen Selbstbestimmungs- und Unabhängigkeitsgegner Manuel Valls, dem als Bürgermeisterkandidat katastrophal gescheiterten ehemaligen sozialistischen Premier Frankreichs, unterstützen lassen und somit den eigentlichen knappen Wahlsieger, Ernest Maragall (ERC) ausgebootet.
Kurz darauf ließ sie entgegen Valls’ ausdrücklicher Warnung jedoch wieder die gelbe Schleife als Symbol der Solidarität mit den politischen Gefangenen an die Fassade des Rathauses hängen.
Doch wie sie nun mitteilte, soll es bei der Symbolpolitik nicht bleiben: Ihre Bewegung Barcelona en Comú wird fortan bei jeder Abstimmung im Plenum des Gemeinderats — trotz äußerst knapper Mehrheitsverhältnisse — auf eine ihrer Stimmen verzichten, um die Abwesenheit von Joaquin Forn (JxC) auszugleichen.

Der ehemalige katalanische Innenminister konnte bei den Gemeindewahlen im Mai aus dem Gefängnis heraus einen Sitz erringen; doch obwohl er an der ersten Sitzung des Stadtparlaments teilnehmen durfte, wird er bei allen weiteren fehlen müssen. BenComú werde, so Colau, nicht akzeptieren, Abstimmungen im Plenum nur deshalb zu gewinnen, weil ein politischer Gegner im Gefängnis sitzt.

Die Duldung durch den Law-and-Order-Mann Manuel Valls, der in Frankreich auch durch rassistische Äußerungen aufgefallen war, ist bei BenComú höchst umstritten. Gut möglich also, dass die jetzige Entscheidung ein Zugeständnis an die Valls-Gegnerinnen innerhalb der Bewegung darstellt. in jedem Fall aber: Chapeau!

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Vietato sputare e parlare dialetto.
Il lupo perde il pelo ma non il vizio

Alessandro Urzì (AAnC), esponente della destra radical-sovranista di Fratelli d’Italia, sembrerebbe aver deciso che, passato un secolo, sia ora di riprovarci. Colui che quando si tratta di toponomastica, quella inventata dall’amico Tolomei, segue la famosa massima secondo cui aggiungere sarebbe sempre meglio che togliere, ora vorrebbe togliere. Togliere una lingua, cominciando dal dialetto tirolese, che — per rispetto verso gli italiani, dice — dovrebbe sparire da qualsiasi contesto pubblico. Vietato sputare e parlare in dialetto.

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Fachärztinnen, Attacke der ANAAO.
Zerstörung eines Modells

Wie die TAZ und Rai Südtirol berichten, geht die Ärztinnengewerkschaft ANAAO jetzt gerichtlich gegen die Ausbildung von Fachärztinnen nach österreichischem Modell an Südtiroler Krankenhäusern vor. Sie fordert sogar die Entlassung zweier in Ausbildung befindlicher Jungärztinnen.

Diese Damen und Herren scheinen längst nicht mehr an einer Lösung der Probleme des Südtiroler Gesundheitssystems im Sinne der Bürgerinnen, sondern nur an einer Aushöhlung autonomer Wege und an der Zerstörung des Gesundheitswesens interessiert zu sein. Wenn sie es denn jemals waren.

Es wäre höchst an der Zeit, dass breitestmögliche Teile der Zivilgesellschaft und der Politik Stellung nehmen gegen diese unerhörten Angriffe auf uns alle. Haben etwa auch PD, Grüne und Team Köllensperger irgendwas dazu zu sagen?

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Sprachlicher Echoraum.
Quotation 557

Reden wir vielleicht über die Sprache, denn die Schweiz ist ja ein Land mit vier Sprachen. Sie sind aus dem deutschsprachigen Bereich der Schweiz: Inwiefern hat diese spezifische Situation Ihre Beziehung zur Sprache und Ihren Umgang damit geprägt?

Ich glaube, dass es das ordentlich geprägt hat, also gerade das kann ich jetzt mit so viel Abstand sagen, weil ich ja schon seit sehr vielen Jahren nicht mehr in der Schweiz lebe oder, besser gesagt, länger im Ausland lebe, wie ich jemals — mittlerweile — in der Schweiz gelebt habe. Zumindest drei von den Sprachen sind immer präsent, würde ich sagen, also akustisch wahrnehmbar. Es entsteht so eine Art sprachlicher Echoraum, der einen sehr prägt. Dazu kommt natürlich, dass man eben Schweizerdeutsch spricht, das ist eben nicht ein Dialekt, den gewisse Menschen sprechen und andere nicht, sondern den spricht die ganze Bevölkerung. Und deswegen ist es kein soziologischer Dialekt in dem Sinne, sondern das ist die eigene Sprache und die sogenannte Fremdsprache — also, ob es das wirklich eine ist, das gälte es zu diskutieren — die erste ist eben Hochdeutsch, wenn man im deutschsprachigen Gebiet aufwächst. Und dieser Sprung, also, dass man sehr jung einfach realisiert, man schreibt in einer anderen Sprache, aber man spricht in der, in der man spricht, das glaub’ ich öffnet irgendwie sehr schnell das Hirn und das Herz für einen polyglotten Zugang, von dem man ja auch umgeben ist. Und ich muss sagen, das habe ich immer intuitiv als enorme Bereicherung empfunden und erst später eben dann aus der Distanz realisiert, dass es das auch wirklich ist.

Wie war das in der Schule? Wurde da dann Hochdeutsch, also die erste Fremdsprache, tatsächlich gesprochen oder war dann […] doch das Schwizerdütsch die Umgangssprache?

Ja, also ich glaube zu meiner Schulzeit, da war es wichtig, dass man eben Hochdeutsch gesprochen hat. Die sogenannte, so ein bisschen, »Renaissance« des Schweizerdeutschen, die ist eigentlich erst später herangebrochen. Das heißt, es galt es irgendwie das Hochdeutsch zu üben, aber — und es war auch wichtig und es hat auch mit dieser ganzen sprachlichen, aber auch inhaltlichen Abgrenzung zu tun — es war auch immer sehr wichtig, dass man nicht besonders gut Hochdeutsch spricht. Also wichtig war, dass man einen möglichst starken Schweizer Dialekt im Hochdeutsch auch verankert, um zu zeigen, woher man kommt… weil Hochdeutsch ja doch den Beigeschmack hatte von »die wissen es besser«, da schwang so eine gewisse Arroganz mit. Das wurde zwar überhaupt nicht kommuniziert, aber subkutan wussten wir das alle, dass es einfach gut ist, wenn man das nicht wirklich schön spricht. Also wir wurden nicht zum Schönsprechen angehalten.

Hat das auch eine gewisse Bewusstheit für nicht nur sprachliche Unterschiede, sondern auch Unterschiede im Umgang mit verschiedenen sozialen Schichten zum Beispiel erzeugt? Sie haben gesagt, es ist ein polyglottes Gefühl entstanden auf diese Weise. Gleichzeitig ist aber natürlich auch der Unterschied zwischen den Gruppen von Menschen, die sich vielleicht durch eine Sprache auch voneinander unterscheiden, dann besonders deutlich. Und dazu kommt natürlich auch noch, dass es schlicht Menschen im gleichen Land gibt, die einfach alle Dinge anders benennen, was man ja als junger Mensch dann eigentlich schon wahrnehmen muss.

Ja, das nimmt man auf jeden Fall wahr und man nimmt aber auch wahr, dass sich gewisse Dinge eben auch vermischen. Es ist ja auch so, dass man… mit schweizerdeutschem Background sozusagen… da gibt es ja viele Lehnwörter aus dem Französischen wie aus dem Italienischen. Das realisiert man auch mehr und mehr, dass ein Velo eben… dass man das im Französisch sprechenden Gebiet auch sagt, und dass ein Portemonnaie auch nicht nur Schweizerdeutsch ist, sondern dass das durchaus auch seine anderen Wurzeln hat. Also man wird schon sehr aufmerksam auf Sprachen, auf wo die herkommen, wie man sie ausspricht, wie man sie fusionieren kann auch und wie man sich, ganz simpel gesagt, wie man sich auch verständigen kann.

Transkription:

Bettina Hering (geb. 1960 in Zürich), Schauspieldirektorin der Salzburger Festspiele (seit 2017), im Gespräch (Ö1) vom 12. Juli 2019. Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologischen Anthropologie.

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