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  • STF fordert wenig glaubwürdig Abgrenzung von FdI.
    Nach Eklat um Ehrenbürgerschaft

    Vorgestern Abend ist der Gemeinderat von Trient daran gescheitert, dem faschistischen Diktator Benito Mussolini die Ehrenbürgerschaft der Stadt zu entziehen. Dies hat auch die STF auf den Plan gerufen, die den Vorfall in einer Pressemitteilung als »demokratiepolitische Bankrotterklärung« bezeichnet.

    Man stelle sich vor, welch Aufschrei der Entrüstung durch ganz Europa gehen würde, wenn der Gemeinderat einer Stadt in Deutschland oder Österreich mehrheitlich für die Beibehaltung der Ehrenbürgerschaft von Adolf Hitler stimmen würde. In Italien hingegen ist so etwas völlig normal.

    – Sven Knoll (laut Pressemitteilung der STF)

    Ganz richtig. Mir ist auch kein Fall aus Deutschland oder Österreich bekannt, wo ein derartiges Ansinnen mehrheitlich abgelehnt worden wäre. Wer allerdings in in mehreren Fällen nicht zur Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Adolf Hitler beitragen wollte und sich mehrfach — mit ähnlichen Argumenten wie jenen der italienischen Rechten in Trient — enthalten hat, war in Österreich wenig überraschend die FPÖ, mit der die weit nach rechts abgedriftete STF eine immer engere Zusammenarbeit pflegt.

    So enthielten sich die österreichischen Freiheitlichen zum Beispiel im Mai 2011 im Gemeinderat von Amstetten in Niederösterreich, als Hitler dort die Ehrenbürgerschaft aberkannt wurde.

    Wenn Knoll also zur sofortigen Beendigung der Koalition zwischen SVP und FdI in Südtirol aufruft und fordert, dass sich die Landesregierung eindeutig von jeglichen faschistischen Kräften abgrenzen müsse, kann ich mich dem zwar anschließen, doch leider hat die STF selbst keinerlei Glaubwürdigkeit, wenn es um derartige Abgrenzung geht.

    Cëla enghe: 01 | 02 03 04 05 06 07 08 09 10



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  • Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Mussolini laut Alpini ›ideologisch‹.
    Trient

    Mitte Jänner hatte das Internetportal il Dolomiti aufgedeckt, dass der faschistische Diktator Benito Mussolini bis heute Ehrenbürger der Trentiner Landeshauptstadt (sowie Hauptstadt der Region Trentino-Südtirol) ist. Seitdem fordern Antifaschistinnen, dies schnellstmöglich zu ändern. Wie an anderen Orten auch, winden sich die rechten und neofaschistischen Parteien mit den absurdesten Argumenten dagegen — und natürlich werden auch die beiden Klassiker aus der Trickkiste bemüht: Man dürfe die Geschichte nicht auslöschen und es gebe Wichtigeres zu tun.

    Doch neben FdI und Lega kritisieren auch die Alpini die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft, die Mittelinks-Bürgermeister Franco Ianeselli so bald wie möglich über die Bühne bringen möchte.

    Rechtsanwalt Paolo Frizzi, Vorsitzender der ANA im Trentino, bezeichnet das Ansinnen gegenüber il Dolomiti als »ideologisch«, was ja auch zutrifft — allerdings im besten Sinne: es ist antifaschistisch und prodemokratisch. Es sei nun 80 Jahre lang zugewartet worden, so Frizzi, obwohl die Angelegenheit in den 50er, 60er oder 80er Jahren brisanter gewesen wäre. Eine Aussage, die umso absurder ist, als Mussolinis Ehrenbürgerschaft ja erst kürzlich bekannt geworden war. Andernfalls hätte man sich selbstverständlich auch schon früher damit befassen können. Dass ein Missstand lange bestanden hat, ist im Übrigen kein Argument für seine Fortführung, sondern eines für seine Behebung.

    Jedenfalls handle es sich um »kein einfaches Thema«, so der ANA-Chef weiter, insbesondere weil es auch unter einem historischen Gesichtspunkt bewertet werden müsse. Wie umstritten und negativ eine Persönlichkeit auch sein möge, sei es seiner Meinung nach erforderlich, die Aberkennung zu »kontextualisieren«, weil mit ihr der Weg zu einer Proskriptionsliste eröffnet werde. Er sage das nicht, um die Beibehaltung der Ehrung für Mussolini zu rechtfertigen — doch genau das ist der Subtext seiner Äußerungen.

    Warum bitte muss die Aberkennung einer Ehrung für einen faschistischen Diktator noch heute »unter einem historischen Gesichtspunkt bewertet« werden? »Kein einfaches Thema«? Was sollte offensichtlicher sein als die Tatsache, dass einer der größten Demokratiefeinde und Verbrecher des 20. Jahrhunderts nicht von einer demokratischen Institution geehrt werden sollte? Eine Ehrenbürgerschaft ist keine historische Dokumentation, sondern eine aktive, fortdauernde Auszeichnung. Wer sie nicht aberkennen will, trifft im Hier und Heute eine bewusste Entscheidung.

    Und von welcher Proskriptionsliste spricht der Herr? Ehrungen werden einzelfallbezogen vergeben und aberkannt. Einen Automatismus gibt es nicht. Sollte es aber weitere problematische — historisch ohnehin bereits geächtete — Persönlichkeiten wie Mussolini im Verzeichnis der Ehrenbürgerinnen geben, wäre es nur folgerichtig, auch ihnen die Ehrung zu entziehen. Doch das scheint gar nicht der Fall zu sein.

    Heute Abend soll im Gemeinderat »unserer« Regionalhauptstadt über Mussolini abgestimmt werden. Ianeselli hat den Rechten bereits entgegnet, wenn es Wichtigeres zu tun gebe, könne man die Aberkennung ja in zwei Minuten erledigen. Gerade weil es sich um einen symbolischen Akt handelt, wäre die Umsetzung so einfach — umso bezeichnender, wenn selbst dazu der Wille fehlt. Und vermutlich wird das Ansinnen tatsächlich scheitern: Die Geschäftsordnung des Gemeinderats sieht für solche Fälle ein Quorum von vier Fünfteln vor, das die Faschistenfreundinnen mit einer Enthaltung verhindern können.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 | 05 06 07 08 09 | 10 || 01 02



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  • Christian Bianchi gegen den Dialekt.

    Vor einigen Wochen hatte sich Landesrat Christian Bianchi (FI) sowohl im Landtag als auch in einem Interview mit dem A. Adige (13. Februar) abfällig zum Dialektgebrauch in Südtirol geäußert und die Forderung erhoben, die Südtirolerinnen sollten in öffentlichen Settings und im Umgang mit Italienischsprachigen Standarddeutsch sprechen. Im Landtag »drohte« Bianchi sogar damit, andernfalls demnächst eine Rede in tiefstem Venetisch halten zu wollen. Das allerdings ist nicht nur eine anerkannte Sprache und kein Dialekt des Italienischen, sondern — im Unterschied zum Südtiroler Dialekt — auch kein autochthoner Code.

    Aus Bianchis Angriff hat sich — unter anderem mit Beiträgen von Herausgeber Arnold Tribus (21. Februar) und Prof. Stephanie Risse (27. Februar) in der Tageszeitung — erneut eine Debatte über den Dialektgebrauch entwickelt. Risse bezeichnete den Wunsch, im Landtag Südtirolerisch zu sprechen, als berechtigt, schlug jedoch vor, einen Südtiroler Standard zu etablieren.

    Ich möchte hier aber zunächst einen Schritt zurück machen: Vor gut hundert Jahren kamen Italienerinnen ins Land und schrieben den Südtirolerinnen vor, wie sie zu sprechen hatten: ausschließlich Italienisch. Wiewohl nicht mehr so brutal wie damals, wird diese Forderung von einigen noch immer erhoben. »Siamo in Italia, qui si parla italiano!« Zumindest im Umgang mit Italienischsprachigen ordnen sich dieser Maxime viele vorauseilend unter.

    Eigentlich wäre zu erwarten, dass Italienerinnen im Lande — insbesondere wenn sie institutionelle Rollen innehaben — angesichts dieses historischen Gewaltakts heute vorsichtig agieren und nicht weiterhin versuchen, den autochthonen Minderheiten Sprachvorschriften zu machen. Stattdessen wollen einige — sie können es offenbar nicht lassen — sogar darüber befinden, wie deutschsprachige Südtirolerinnen Deutsch zu sprechen haben. Das ist nichts anderes als eine weitere Form von Sprachimperialismus und Negierung von Identität.

    Landesrat Bianchi implizierte in seinen Äußerungen zudem, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen Sprache und Dialekt — beziehungsweise zwischen Deutsch und Südtirolerisch — gebe. Als wäre der Dialekt keine Sprache und als wäre Südtirolerisch kein Deutsch.

    Dabei suggerierte er auch, dass man wennschon gleich mehrere Südtiroler Dialekte lernen müsste. Auch das ist irreführend. Die verschiedenen Tiroler Dialekte sind untereinander gut verständlich, weshalb es ausreichen würde, sich mit einer Variante vertraut zu machen. Sprechen deutschsprachige Südtirolerinnen aus unterschiedlichen Landesteilen miteinander, müssen sie ja auch nicht ins Standarddeutsche wechseln, um sich verstehen zu können — schlimmstenfalls reicht es, die Dialektintensität etwas zu reduzieren. Sprachkurse, in denen der Südtiroler Dialekt vermittelt wird, unterrichten in der Regel auch nur eine Form und nicht eine Vielzahl von Varianten.

    Die vorherrschende Standardsprachenideologie, wie sie auch Tribus und Risse zumindest teilweise vertreten, kommt Bianchi jedenfalls zupass.

    Dabei wurde der Minderheitenschutz nicht zugunsten einer Standardsprache eingeführt, sondern zum Schutz der sprachlichen und kulturellen Eigenart der autochthonen deutschsprachigen Minderheit. Und diese Minderheit hat in Südtirol stets Tiroler Dialekte gesprochen — vor der Annexion durch Italien, zum Zeitpunkt, als der Minderheitenschutz eingeführt wurde und bis heute.

    Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie ihre eigene Sprache zu sprechen haben, kommt einer kulturpolitischen Vergewaltigung gleich. Aufgrund der dauerhaften Minorisierung — die Bianchi leugnet — sind viele deutschsprachige Südtirolerinnen beim Gebrauch ihrer eigenen Muttersprache ohnehin verunsichert und bemühen sich über Gebühr, ein dann oft künstlich klingendes Standarddeutsch zu sprechen. Wenn sie darüber hinaus von der Mehrheit zu einem für sie unnatürlichen Sprachgebrauch gedrängt (oder gar gezwungen) werden, wird der Erhalt der Minderheitensprache zusätzlich erschwert.

    Respektvoll wäre es, stattdessen endlich die Sprache des anderen — gemeint ist der Dialekt — zumindest passiv zu erlernen. Natürlich kann und soll es einen Aushandlungsprozess darüber geben, wie Deutsch im öffentlichen Kontext gesprochen wird. Doch das ist in erster Linie eine Binnenaufgabe der deutschen Sprachgruppe, wenngleich sie im Austausch mit den anderen Sprachgruppen stattfinden kann. Das muss jedoch zumindest auf Augenhöhe geschehen — und nicht unter Bedingungen kolonialer Unterordnung, was beim Selbstverständnis vieler Italienerinnen und beim vorhandenen Machtgefälle zwischen den Sprachen schwierig ist.

    Erschwerend kommt hinzu, dass viele Italienerinnen den Südtiroler Dialekt verachten, zumindest implizit sprachliche Unterordnung erwarten und sich selbst kaum je bemühen, ein Wort in der Sprache des anderen zu sprechen.

    So wie es auch die beiden italienischen Landesräte Christian Bianchi und Marco Galateo (FdI) vormachen: Sie zwingen ihre Sprache allen anderen auf — und wollen sich nun auch noch in die Sprachpraxis der anderen einmischen. Eine Grundlage für Begegnung auf Augenhöhe ist das nicht.

    Bianchi selbst hatte sogar in einem Leserbrief an die Tageszeitung nicht Deutsch, sondern Italienisch verwendet. Er passt sich selbst also keineswegs sprachlich an sein Gegenüber an — erwartet aber gleichzeitig, dass andere sogar ihre eigene Sprache an ihn anpassen.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 | 08 09 || 01 02 03 04 05 06



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  • Minorisierte Sprachen und Fußball.
    Veranstaltungshinweis

    Morgen und übermorgen findet in Barcelona das zweite internationale Symposium über minorisierte Sprachen und Fußball statt, das von der katalanischen Sprach-NRO Plataforma per la llengua mit Unterstützung der Generalitat de Catalunya organisiert wird. Die erste Ausgabe hatte im März 2025 in Cymru (aka Wales) stattgefunden.

    Das Motto der Veranstaltung: Die Sprache führt uns zum Sieg (Übersetzung von mir)

    Geplant sind über den Zeitraum von zwei Tagen Konferenzen und runde Tische mit internationalen Teilnehmenden zu folgenden Themen:

    • Die katalanische Sprache in der ersten Fußballliga
    • Sprachpolitik und Kommunikationspraxis von Fußballclubs
    • Sprachverhalten der Fangemeinschaften
    • Aktivierung von Sprachgebrauch und Sprachaktivismus: Projekte und Initiativen in der Fußballwelt
    • Graswurzelfußball als Werkzeug der sprachlichen Normalisierung
    • Die Rolle der Medien und die Sportkommunikation für minorisierte Sprachen

    Programm

    FC Südtirol

    Im Themenblock zum Sprachverhalten der Fangemeinschaften ist auch ein Vortrag von Craig Willis über »Ladinisch, Deutsch und Italienisch unter den Fans des FC Südtirol« (vgl.) vorgesehen. Willis ist Forscher am European Center for Minority Issues (ECMI) in Flensburg.

    Vielleicht kann aus der »Vorzeigeautonomie« auch berichtet werden, dass hierzulande im Fußball Italienisch die einzige Amtssprache und Deutsch höchstens geduldet ist. Dafür sind aber Faschogrüße in Sportstätten erlaubt. Das wird die anderen Minderheiten sicherlich beeindrucken — fragt sich nur, wie positiv.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 | 07 08 09 10 || 01 02



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  • Die falsche Debatte über ›schwere‹ Sprachen.


    von Stefan Luther

    Der Artikel in der heutigen Tageszeitung (Seite 8) über die angeblich »einseitige Integration« von Migrantinnen und Migranten in Südtirol verfehlt aus meiner Sicht den Kern des Problems. Die These, Italienisch werde deshalb bevorzugt, weil Deutsch zu schwierig sei, ist schlicht nicht plausibel. Migration folgt in erster Linie pragmatischen Regeln — und eine der wichtigsten lautet: Menschen lernen jene Sprache, die in der jeweiligen Gesellschaft dominant ist und ihnen im Alltag, auf dem Arbeitsmarkt und im Kontakt mit Behörden am meisten nützt.

    Genau das passiert auch in Südtirol. Italienisch ist die Staatssprache, sie dominiert in vielen Bereichen der Verwaltung, in nationalen Institutionen und (immer öfter) im öffentlichen Leben. Wer neu ins Land kommt, orientiert sich daher rational an jener Sprache, die ihm die größten Chancen eröffnet. Das hat nichts mit der vermeintlichen »Schwierigkeit« des Deutschen zu tun.

    Man kann diese Logik überall beobachten. In der Deutschschweiz etwa lernen viele Migrantinnen und Migranten im Alltag Schweizerdeutsch. Wer dort unterwegs ist, stellt dies sofort fest. Niemand käme ernsthaft auf die Idee, daraus abzuleiten, Schweizerdeutsch sei eine »leichtere« Sprache als Standarddeutsch. Migranten im Bundesland Tirol lernen ebenfalls Deutsch, trotz der Dominanz des Tiroler Dialektes im Alltag. Oder sind die Migrantinnen und Migranten in der Schweiz und im Bundesland Tirol etwa sprachbegabter als unsere? Es ist schlicht die Sprache der Umgebung — also diejenige, die man braucht, um im Alltag zurechtzukommen. Und was lernen Zugewanderte in Istrien? Italienisch oder doch Kroatisch?

    Die Schlussfolgerung ist klar: Migranten wählen ihre Integrationssprache nicht nach grammatischer Eleganz oder vermeintlicher Einfachheit. Sie wählen jene Sprache, die gesellschaftlich und institutionell die größte Reichweite hat. Und das ist in Südtirol eben das Italienische.

    Umso erstaunlicher ist es, wenn gerade Vertreter einer Minderheit diese Realität mit dem Argument erklären, ihre eigene Sprache sei »zu schwierig«. Damit reproduziert man unfreiwillig (?) ein altes Stereotyp — und schwächt das Anliegen, Migrant:innen zur Integration in die deutschsprachige Gesellschaft zu bewegen.

    Wenn man möchte, dass mehr Zugewanderte Deutsch lernen, muss man nicht über die Schwierigkeit der Sprache diskutieren. Entscheidend sind vielmehr Anreize, Sichtbarkeit und reale Verwendungsmöglichkeiten im Alltag.

    Integration folgt der Logik des Alltags. Wer diese Logik ignoriert, erklärt ein strukturelles Phänomen sachlich nicht zutreffend zu einem sprachlichen Problem.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05


    I cuntribuc esterns ne spidlea nia for la minonga o la posizion de BBD, nsci coche i/la autëures ne sustën nia for i fins de BBD. · Autor:innen- und Gastbeiträge widerspiegeln nicht notwendigerweise die Meinung oder die Position von BBD, so wie die jeweiligen Verfasser:innen nicht notwendigerweise die Ziele von BBD unterstützen. · I contributi esterni non necessariamente riflettono le opinioni o la posizione di BBD, come a loro volta le autrici/gli autori non necessariamente condividono gli obiettivi di BBD. — ©


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  • Mit Grün-Weiß-Rot alles im Lot.

    In der Märzausgabe der Weinstraße, »erste unabhängige Zeitschrift fürs Überetsch, Unterland und Etschtal«, ist unter dem Titel Lieber tot als Grün-Weiß-Rot ein Beitrag erschienen, den man als Bilderbuchbeispiel für banalen Nationalismus bezeichnen könnte. Dafür ist kennzeichnend, dass der Nationalismus etablierter Staaten als nahezu gottgegeben hingenommen und normalisiert — wenn nicht gar ganz übersehen — und jedenfalls kaum hinterfragt wird.

    Als Minderheit in einem fremden Nationalstaat hätte man jedoch eigentlich das nötige Instrumentarium zur Verfügung, um dies zu durchschauen, was der anonymen Autorin des Beitrags aber ganz offensichtlich nicht gelingen mag.

    Ich greife hier mehrere Zitate aus dem Text heraus, um sie kurz zu kommentieren:

    Es gibt Dinge, die sind in Südtirol absolut verlässlich: der Gästeandrang am Pragser Wildsee, die einspurigen Fahrbahnen auf der A22 und die patriotische Hektik, sobald irgendwo ein sportliches Großereignis auf dem Programm steht. Da werden Athleten und Athletinnen binnen Sekunden vom Individuum zur wandelnden Litfaßsäule für nationalistische Befindlichkeiten.

    – Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)

    Das »kleine« Detail, das hier übersehen wird, ist, dass Athletinnen bei solchen Großereignissen per se keine Individuen sind — es sei denn sie verlieren —, sondern ohnehin »wandelnde Litfaßsäulen für nationalistische Befindlichkeiten«. Dafür ist gar keine »patriotische Hektik« in Südtirol nötig, dafür sorgen der durch und durch politische Staatsnationalismus und die Logik der meisten großen Sportveranstaltungen bereits von sich aus. Minderheiten haben höchstens die Möglichkeit, sich gegen diese Vereinnahmung zur Wehr (und damit einen schwachen Kontrapunkt) zu setzen.

    Auch im Vorfeld der Olympischen Winterspiele wurde eines der Lieblingsthemen bemüht: die Sportautonomie. Ein Steckenpferd der 360°-Sezessionsfans, das noch immer nicht zu Tode geritten ist. Endlich Schluss damit, dass „unsere“ Athleten und Athletinnen von einem fremden Staat vereinnahmt werden!

    – Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)

    Die Sportautonomie, wie sie andere Minderheiten teilweise längst haben, wäre tatsächlich eine gute Möglichkeit, dem banalen, kolonialisierenden und die Assimilierung fördernden Staatsnationalismus zu entkommen. Diese Wirkung zu leugnen oder gar nicht erst wahrzunehmen bringt niemanden weiter, wiewohl sich die Mär vom angeblich unpolitischen Sport beharrlich hält.

    Dass sie dort vielleicht bessere Trainingsmöglichkeiten und größere Förderung erhalten, ist genauso ein Nebenschauplatz wie die Meinung der Athleten und Athletinnen selbst.

    – Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)

    Bessere Trainingsmöglichkeiten und größere Förderung erhalten Südtiroler Athletinnen — wenn überhaupt — in dem Maße, in dem sie sich nationalistisch unterordnen und eine politische Aufgabe erfüllen. Dies zu verkennen, wäre blauäugig. Dass hier ausgerechnet »die Meinung der Athleten und Athletinnen selbst« angesprochen wird, ist diesbezüglich wohl ein schlechter Witz: im jetzt und heute zählt die Meinung der Athletinnen null. Sie werden vom Staat, politischen Akteuren und Medien ungefragt für ihre Ziele vereinnahmt und abgestraft, wenn auch nur der leiseste Zweifel an ihrer bedingungslosen Loyalität entsteht — für oder gegen die sie sich nie frei entscheiden konnten. Mitunter reicht es, dass sie ihre Muttersprache sprechen, um gesellschaftlich sanktioniert zu werden.

    Autonome Teams würden nicht nur schon per se Südtirol mit all seinen Besonderheiten und der sprachlichen Vielfalt repräsentieren (vgl.), sondern könnten Athletinnen im Idealfall sogar noch die freie Wahl zwischen einer Teilnahme unter grünweißroter oder Landesflagge erlauben. Das sieht der jüngst im Landtag behandelte Vorschlag sogar ausdrücklich vor.

    Damit läuft auch dieser Vorwurf total ins Leere:

    Die Empfindungen der italienischsprachigen Athletenschar Südtirols bezüglich der Flagge lassen sie vollkommen außer Acht und damit sind sie nicht anders, als diejenigen, die sie kritisieren.

    – Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)

    Auch sie hätten dann Wahlfreiheit. Lustig finde ich aber, dass die Empfindungen der italienischsprachigen Athletinnen thematisiert werden, während die der deutsch- und ladinischsprachigen vom Tisch gefegt werden.

    Auf den Untertitel Der neue De Coubertin: Nicht dabei sein ist alles folgt dann unter anderem diese Perle:

    Man stelle sich die Möglichkeiten der Südtiroler Eigenständigkeit vor: Ein eigenes WM- oder Olympiateam, bestehend aus zwei Skifahrern, einer Biathletin beziehungsweise – weil es ja nicht nur Wintersport gibt – einer Leichtathletin und dem Cousin der Landtagsabgeordneten, der irgendwas wie Fliegenfischen macht. Wenn man am Ende keine Medaille holt oder gar nicht teilnehmen kann, verkündet man einfach stolz, dass man wenigstens in Vertretung Südtirols erfolglos war.

    – Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)

    Wenn man schon »dabei sein ist alles« zitiert, ist es absurd und widersinnig, auf zu kleine Teams oder auf entgehende Medaillen zu verweisen — das ohnehin ausgelutschte und an der Realität vorbeiführende Motto will nämlich gerade darauf hinweisen, dass Erfolge nicht alles seien. Der Meinung der Autorin folgend müssen wir also auch noch froh sein, von einem größeren Staat erobert worden zu sein. Das ist nicht nur hanebüchen und unsportlich, sondern auch noch eine Herabwürdigung von Athletinnen (Individuen!?) aus kleineren Staaten. Vielleicht sollte man ihnen empfehlen, die Staatsbürgerinnenschaft von Staaten mit »besseren Trainingsmöglichkeiten und größerer Förderung« anzunehmen, um dem traurigen Schicksal ihrer Heimatstaaten zu entrinnen? Oder sollte man kleineren Ländern wie Irland empfehlen, sich wieder kolonisieren zu lassen, wegen der sportlichen Synergieeffekte?

    Während die Athleten und Athletinnen versuchen, in einem globalisierten Hochleistungssystem zu bestehen und – wieso nicht – ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, werden sie daheim in symbolische Dirndl und Lederhosen gezwängt. Ihre Erfolge sind dann kollektiver Besitz Südtirols und ihre Niederlagen Schuld des „Besatzerstaates“.

    – Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)

    Sport und Politik sind im Hier und Jetzt nicht bloß nicht getrennt, sondern eine schwer entflechtbare Symbiose eingegangen. Zurück also zur Definition von banalem Nationalismus: Hier wird verkannt oder vielleicht sogar bewusst versteckt, dass Athletinnen heute in reale und keineswegs nur symbolische Nationalflaggen geradezu eingepackt werden. Mir persönlich wäre eine Abschaffung von Flaggen und Hymnen am liebsten, doch als Minderheit muss man leider öfter in Kategorien denken und argumentieren, die von außen aufgezwängt werden.

    Exkludierend und Vielfalt unterdrückend sind übrigens die heutigen Großveranstaltungen, wenn sie — wie bei Olympia — das Schwenken von Regionalflaggen verbieten oder Minderheitensprachen ausblenden und marginalisieren.

    Viele erfolgreiche Sportler und Sportlerinnen Südtirols, die einen Individualsport betreiben, profitieren davon bei der Sportgruppe der Carabinieri oder der Finanzpolizei zu sein. Die Einzahlung in den Rentenfond ist damit garantiert und sie haben alle Freiheiten ihrem Trainingsprogramm nachzugehen.

    Die Südtiroler Sportautonomist:innen haben natürlich auch an das gedacht: Aufnahme in den Landesdienst. Ja klar, das ist ja so einfach. Stellenplan, Wettbewerb – pfeif drauf. Zweisprachigkeitsnachweis – überbewertet. Dauernde Abwesenheit vom Dienst aufgrund der Trainings- und Wettkampftätigkeit – da drücken wir ein Auge zu. Mit dem olympischen Prinzip, dabei sein ist alles, würden sich aber weder Justitia noch der Rechnungshof beschwichtigen lassen.

    – Die Weinstraße, März 2026 (anonymer Beitrag)

    Dieser Abschluss ist ein klassisches Angstargument, das aber keinerlei Fundament hat. Warum sollten Stellenplan, Wettbewerb, Zweisprachigkeitsnachweis und Abwesenheit vom Dienst beim Land ein unüberwindbares Problem darstellen, das Justitia und Rechnungshof beschäftigen würde, während es bei Carabinieri und Finanzpolizei ohne mit der Wimper zu zucken möglich ist? Das wird nicht erklärt und ist auch nicht erklärbar.

    Ein Neofaschist wie Alessandro Urzì (FdI) hätte das alles nicht schöner schreiben können, aber vermutlich fühlt sich die Autorin des Textes auch noch besonders progressiv und alternativ.

    Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 | 09 || 01



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  • Regionaldirektion der Einnahmenagentur: Präsentation als Armutszeugnis für die Autonomie.

    Gestern wurde im Palais Widmann die neue Regionaldirektion der Einnahmenagentur für Trentino-Südtirol vorgestellt, der fortan die zwei Landesdirektionen unterstellt sein werden. In einer Pressemitteilung des Landes wird das explizit als Stärkung der Präsenz dieser staatlichen Behörde in Südtirol gefeiert.

    Dabei hätte die Einnahmenagentur in Südtirol schon vor über zehn Jahren in die autonome Zuständigkeit übergehen sollen. Mit dem 30. Juni 2014 gab es dafür sogar bereits einen genauen Termin. Doch obwohl alles in trockenen Tüchern zu sein schien, verstrich dieses Datum, ohne dass es jemals zu einer tatsächlichen Umsetzung des Vorhabens gekommen wäre.

    Dazu schrieb die SWZ im März 2016:

    Fakt ist, dass laut Absatz 515 des Stabilitätsgesetzes 2014 […] die Delegierung der Zuständigkeit innerhalb (sic) 30. Juni 2014 hätte erfolgen sollen. Doch Papier ist geduldig, zumal das Papier, auf dem italienische Gesetze geschrieben werden. Mit dem Stabilitätsgesetz 2016 wurde die Frist auf 31. Dezember 2016 verlängert.

    – SWZ 09/16

    Auch das Jahresende 2016 ist aber unverrichteter Dinge verstrichen — und jetzt freut sich die Landesregierung sogar darüber, dass der Zentralstaat hier noch mächtiger wird.

    Maddalena Travaglini, die in der Pressemitteilung als »Regierungskommissärin des Landes Südtirol« bezeichnet wird — als stünde sie im Dienst der autonomen Verwaltung, anstatt das genaue Gegenteil zu sein, nämlich eine Vertreterin der zentralstaatlichen Oberaufsicht —, wird vielsagenderweise so zitiert:

    Von einer Stärkung der staatlichen Verwaltungen im Gebiet (sic1eine holprige Übersetzung von italienisch »territorio«) und von der Umsetzung von Funktionen, die eng mit dem Autonomiestatut verbunden sind, sprach in ihrem Beitrag auch Regierungskommissärin Maddalena Travaglini.

    – LPA-Pressemitteilung

    Doch nicht nur die Freude über den Ausbau zentralstaatlicher Präsenz im Lande ist erstaunlich, sondern auch noch einige weitere Details.

    Foto: LPA/Fabio Brucculeri – von mir zugeschnitten

    So hatte Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) in Beantwortung einer Landtagsanfrage erst kürzlich angegeben, dass sich die mangelnde Zweisprachigkeit bei der Einnahmenagentur im Wesentlichen auf neue oder überarbeitete Unterlagen beschränke, da es dort »infolge des erforderlichen Übersetzungsaufwands« zu Verzögerungen kommen könne. Gestern saß er aber  — wie im obigen Bild ersichtlich — unweit eines Aufstellers mit der einsprachig italienischen Bezeichnung der Agentur, obwohl diese schon seit Jahren auch ein offizielles deutsches Logo (vgl.) besitzt.

    Diese Symbolik ist — ähnlich wie beim kürzlichen Auftritt von LR Daniel Alfreider (SVP) mit RFI in Schabs — ein Unding, denn damit wird von höchster Ebene signalisiert: Es ist in Ordnung, wenn ihr unsere (auf dem Papier eigentlich gleichgestellte) Sprache systematisch marginalisiert. Und wenn das der Landeshauptmann akzeptiert, warum sollten es denn nicht auch die Bürgerinnen dulden müssen?

    Nicht zuletzt wurde sowohl im Titel der Veranstaltung (s. obiges Bild) als auch in der gesamten Pressemitteilung — selbst im deutschen Wortlaut — für Südtirol in der Regionsbezeichnung der im Faschismus oktroyierte Landesname verwendet, und das auch noch in der Reihung Italienisch-Deutsch: Trentino-A. Adige/Südtirol. Ist das schon ein Vorbote der ach so tollen, aber noch gar nicht in Kraft getretenen Autonomiereform, die den Namen der Region bekanntlich auch in der deutschen Fassung des Autonomiestatuts »tolomeisch« italianisieren wird?

    Cëla enghe: 01

    • 1
      eine holprige Übersetzung von italienisch »territorio« ↩︎


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